E-Book, Deutsch, 115 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
Mcbride Der Mann, der sie beschützte
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7457-5327-1
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 115 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
ISBN: 978-3-7457-5327-1
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Judys Revier-Kollege Sully Steele hat sich vorgenommen, die Unschuld seines vermeintlich korrupten Vaters zu beweisen. Und so umwerfend und überzeugend Sully auch ist, Judith glaubt fest an das Gegenteil seiner Theorie. Wie kann sie für Recht und Ordnung eintreten, ohne dabei ihrem Partner zu schaden? Ihre Situation wird noch verfahrener, als sie mit dem unwiderstehlichen Sully im Bett landet ...
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1. KAPITEL
Vor einem Monat
„Ihr Vater ist schuldig.“ Judith Hunt stand in perfekter Haltung in der Tür zu Sullivan Steeles Büro.
Hinter ihr lag der Mannschaftsraum, in dem das übliche Durcheinander eines New Yorker Polizeireviers herrschte. Judith trug ein graues Seidenkostüm, dessen Jackett die meisten Leute in dieser Hitze ausgezogen hätten. Der Blick aus dem Fenster zeigte die zerklüftete Skyline Manhattans im grellen Sonnenlicht.
„Sie wissen es“, fuhr Judith fort und musterte ihr Gegenüber misstrauisch. „Und ich weiß es, Steele.“
Steele, dachte Sully. Judith benutzte stets seinen Nachnamen, wahrscheinlich weil sie merkte, dass es ihm auf die Nerven ging. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen sie ihn mit dem Vornamen ansprach, sagte sie „Sullivan“, niemals „Sully“.
Sully stand hinter seinem Schreibtisch, schaute auf die verstreut darauf herumliegenden Akten und entdeckte den Kaffeebecher, den die Kollegen ihm letzte Weihnachten geschenkt hatten. „Für Captain Steele, den großen Beschützer“ stand darauf, in Anspielung auf seinen Spitznamen „der große Beschützer“. Bei der Überreichung war der Becher voller rot-grüner Kondome gewesen.
Im Gegensatz zu Judith besaßen seine Leute Humor. Erschrocken registrierte er, dass sie die Sachen auf seinem Schreibtisch begutachtete, und fragte sich, welche Schlüsse sie daraus über ihn zog. Aber zumindest zeigte der Aktenberg, wie beschäftigt er war, und der Becher, dass seine Männer ihn mochten.
Sully bedauerte lediglich, dass sie das Buddelschiff sah, denn das war zu persönlich. Er hatte diese Schiffe als Kind gebaut und einige aus der Sammlung, die sich zum Teil im Haus seiner Eltern und zum Teil in seinem Apartment befand, mit ins Büro genommen. Die englische Galeone in der Scotchflasche hatte fünf gesetzte Segel. Sie stammte aus dem späten sechzehnten Jahrhundert und besaß einen schlanken Rumpf und niedrige Decksaufbauten, die sich auf einem schieferfarbenen Achterdeck erhoben.
Judith hob eine Braue. „Ein Piratenschiff?“
Sully zuckte gespielt gelassen die Schultern. Denn gelassen war er in Judiths Nähe eigentlich nie. Warum das so war, wusste er nicht. Attraktive Frauen war sonst nichts Besonderes für ihn. Schon oft hatte sein Job ihn in das Haus von Schauspielerinnen und Models geführt.
„Ist das nicht passend?“, entgegnete er ruhig. „Schließlich ist mein Vater ein Gauner, oder?“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ein Piratenschiff der passende Schmuck für den Schreibtisch des Captains eines Polizeireviers ist.“
„Ich finde den Jolly Roger äußerst passend, Miss Hunt.“
„Jolly Roger?“
„Jolie Rouge“, wiederholte Sully auf Französisch – es klang erotischer, wie er fand – und deutete auf das Schiff. „Die rote Flagge signalisierte, dass kein Pardon gegeben und jede Schlacht bis zum Tod gekämpft werden würde.“
„Ich nehme das als Warnung.“ Eine Sekunde verging. „Und danke für die Geschichtslektion.“
„Gern geschehen“, erwiderte er liebenswürdig. „Welcher Ort wäre besser geeignet als das Chefbüro eines Polizeireviers, um Widersacher so einzuschüchtern, dass sie kapitulieren? Das erspart Auseinandersetzungen.“
Judith wusste sehr wohl, dass er auf die Beinahe-Gefühlsausbrüche bei jedem ihrer Treffen anspielte, die in letzter Zeit weit häufiger stattgefunden hatten, als es Sully lieb gewesen wäre.
„Ist es das, was Sie versuchen?“, konterte sie mit einem herausfordernden Lächeln. „Mich einzuschüchtern?“
Wenn Sully es nicht besser gewusst hätte, hätte er glauben können, dass die Gereiztheit bei ihren Begegnungen darauf zurückzuführen war, dass Judith sich zu ihm hingezogen fühlte. Sie wäre nicht die erste Frau.
„Wäre das überhaupt möglich?“
„Nein. Falls Sie es also versuchen, Steele, wird es nicht funktionieren.“
Da war es schon wieder. Steele. Sully arbeitete mit Judith seit ihrer Versetzung vor einigen Jahren von der Rechtsabteilung der New Yorker Polizei zur DIE, der Dienststelle Interne Ermittlungen, zusammen, und jetzt fragte er sich zum x-ten Mal, was eine so schöne Frau so argwöhnisch gemacht hatte, dass sie ihre Zeit damit zubrachte, Kollegen Strafhandlungen nachzuweisen.
Aber das änderte nichts daran, dass sie tatsächlich schön war. Judith war knapp einen Meter achtzig groß. Das schulterlange Haar war so dunkel, dass es fast schwarz wirkte. Ihre Augen waren blau oder violett, das kam auf das Licht an, und darüber wölbten sich sanft geschwungene Brauen. Ihre Lippen, stets rot geschminkt, waren so bemerkenswert, dass es ihr den Spitznamen Lips eingebracht hatte. Natürlich sprach kein Polizist sie so an, aber Sully war nicht der Erste, der sich immer wieder fragte, wie es sein mochte, diese Lippen zu küssen.
Offensichtlich kämpfte sie gegen ihren Ärger an. „Haben Sie nichts mehr zu sagen?“
„Wozu?“, entgegnete Sully trocken und schob die Hände in die Taschen.
Er hatte die Hemdsärmel heruntergerollt, das Jackett wieder angezogen und den Schlips zugebunden, als er gehört hatte, dass Judith auf dem Weg zu seinem Büro war. Der Vormittag war nicht schlecht gewesen, doch am Nachmittag war es höllisch heiß geworden. Gerade hatte er ein Memo erhalten, in dem es hieß, dass die Stadt wegen der Hitze Spannungsabfälle befürchte und daher anordne, in den öffentlichen Gebäuden die Klimaanlagen herunterzufahren. Bis jetzt hatten sie in diesem Sommer Glück gehabt, doch sein Instinkt sagte Sully, dass dies der letzte angenehme Tag sein könnte. Momentan hatte er in seinem Jackett das Gefühl, gebacken zu werden. Nicht einmal Judiths kühler Blick verschaffte ihm Linderung.
„Was meinen Sie mit ‚wozu‘?“, fragte sie.
„Damit meine ich, dass Sie Ihr Urteil über Pop längst gefällt haben. Was gibt es da also noch zu diskutieren?“
Ihre rot geschminkten Lippen teilten sich leicht, gerade genug, dass ihre perfekten Zähne hervorblitzten. Mit ihren schmalen, sorgfältig manikürten Händen strich sie ihren grauen Seidenrock glatt. Eine Bewegung, die den Blick unwillkürlich auf ihre langen schlanken Beine lenkte. Was Judith vermutlich nicht beabsichtigt hatte. Wahrscheinlicher war, dass sie sich daran hatte hindern wollen, die Hände in die Hüften zu stemmen.
„Allein die Tatsachen zu diskutieren“, antwortete Judith, ohne sich der Wirkung auf Sully bewusst zu sein, „dürfte uns eine Weile beschäftigen.“
Sully hob den Blick von ihren Beinen. „Angesichts all der korrupten Polizisten, die Ihrer Meinung nach in der Stadt leben, dachte ich eigentlich, Sie seien auch ohne einen Besuch bei mir schon beschäftigt genug.“
„Ihr mangelndes Interesse an meinen Ermittlungen im Fall Ihres Vaters macht Sie verdächtig, Steele. Und falls Sie Ihren Vater schützen, muss die Dienststelle interne Ermittlungen annehmen …“
„Ich bin interessiert“, unterbrach er sie.
Er kam gerade von einer Familienzusammenkunft, was er Judith jedoch nicht erzählen würde. Seine Brüder Rex und Truman waren beide auch Polizisten und ebenso entschlossen wie er, das Rätsel um das Verschwinden ihres Vaters zu lösen.
„Und niemand aus meinem Polizeirevier ist bestechlich, Judith“, fügte er hinzu und benutzte ganz bewusst ihren Vornamen. Er freute sich zu sehen, dass es ihr ebenso unangenehm war wie ihm, wenn sie ihn Steele nannte. Sehr gut.
Sie nickte knapp. „Und falls es jemand doch sein sollte, werden wir es herausfinden.“
„Drohen Sie mir?“
Ihre Blicke trafen sich. „Sollte ich?“
„Tun Sie es?“
„Ich mache nur meine Arbeit.“
„Und darin sind Sie gut“, gestand er zähneknirschend ein.
„Wenn Sie glauben, Schmeicheleien könnten mich besänftigen, haben Sie mich gründlich unterschätzt.“
Das hatte er keineswegs. Er kannte Judiths Lebenslauf auswendig – so wie sie zweifellos seinen kannte. „Wir sollten in dieser Sache zusammenarbeiten.“
„Genau deshalb bin ich hier. Joe will …“
„Ihr Boss ist der Expartner meines Vaters. Joe Gregory und er waren zusammen auf der Polizeiakademie und später Partner in Hell’s Kitchen.“
Danach hatten sie Mafiabosse und Gangs in Chinatown verfolgt. Jahre später hatte Joe dann Augustus Steele in die Verwaltung des Polizeipräsidiums geholt.
„Joe weiß, dass er unschuldig ist“, sagte Sully.
Fall Judith etwas über die frühere Verbindung der beiden Männer gewusst hatte, behielt sie es für sich. „Das mag sein“, meinte sie skeptisch. „Aber Joe war derjenige, der mich hergeschickt hat, um Sie zu befragen. Er will, dass Ihr Vater gefunden wird …“
„Ich will Pop auch finden. Denn sobald er gefunden ist, wird er eine Erklärung liefern, die ihn von jedem Verdacht entlastet.“
„Und ich will ihn finden“, erklärte Judith kategorisch und schien mehr zu wissen, als sie preisgab, „um ihn anzuklagen.“
„In diesem Fall sind Sie mehr an einer Festnahme interessiert als an der Wahrheit“, warf Sully ihr vor. Er machte eine Pause und atmete tief durch. „Was für Informationen haben Sie, die Sie mir vorenthalten?“
„Keine.“
„Sie lügen.“
...



