McCreight | Outliers - Gefährliche Bestimmung. Die Bedrohung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 336 Seiten

Reihe: Die Outliers-Reihe

McCreight Outliers - Gefährliche Bestimmung. Die Bedrohung

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-22165-2
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 2, 336 Seiten

Reihe: Die Outliers-Reihe

ISBN: 978-3-641-22165-2
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wylie hat alles versucht, um ihrer Freundin Cassie zu helfen – vergeblich. Nur sie und Highschoolschwarm Jasper konnten aus Camp Colestah, wo die drei festgehalten wurden, fliehen. Und die schüchterne Sechzehnjährige hat etwas über sich erfahren, das ihre gesamte Welt zum Einsturz und sie ins Visier gefährlicher Mächte bringt. Sie kann die Gefühle ihrer Mitmenschen lesen. Und sie ist nicht die Einzige. Wylie steht vor einer Zerreißprobe. Ist ihre Freundschaft zu Jasper stark genug, um die Gefahren, die ihnen bevorstehen, zu überstehen? Und hat Wylie die Kraft, um den anderen Mädchen zu helfen, die so sind wie sie?

Kimberly McCreight hat ihr Jurastudium an der University of Pennsylvania mit Auszeichnung abgeschlossen. Nachdem sie einige Jahre als Anwältin in einer der größten Kanzleien New Yorks gearbeitet hat, widmet sie sich nun ganz ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben. „Die letzte Wahrheit“ ist ihr erster Roman. Mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern lebt sie in Brooklyn, New York.
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1

Ich stehe in unserem Hausflur und starre auf die Nachricht von Jasper. Auf dieses eine Wort: Lauf.

Eine Minute lang. Eine Stunde lang. Ewig.

Mein Herz hämmert mir gegen die Rippen, während ich den Blick gesenkt halte. Die sechs Agenten sagen etwas. Ihre Namen – Agent Klute und Agent Johansen und Agent Sonstwie und Nochwas. Lauf. Lauf nicht. Lauf. Lauf nicht. Sie sagen noch mehr: Department of Homeland Security. Eine Inlandsbedrohung ausschließen. Der Rest ist nur ein Summen.

Lauf. Lauf nicht. Lauf. Lauf nicht.

Lauf.

Ich wirble zur Treppe herum, das Handy umklammert wie eine Handgranate. Erst weglaufen. Dann Fragen stellen. Das hat Quentin mir beigebracht.

»Wylie?«, ruft Dad hinter mir her. Verblüfft. Verwirrt. Besorgt. »Wylie, was tust du …?«

Stimmen und Gedränge hinter mir, während ich auf die Treppe zustürme. Nicht umdrehen. Nicht langsamer werden. Weiter und dann die Treppe hinauf. Weiter hinauf. Das muss ich tun.

Aber warum nach oben? Sollte ich nicht zur Hintertür hinausrennen statt weiter ins Haus hinein? Das Bad im oberen Stockwerk und der flachere Teil des Hausdachs. Das muss es sein. Ein Fluchtweg. Als ich das Treppengeländer packe, rutsche ich aus.

»Miss Lang!«, ruft einer von ihnen. So nah, dass ich fast seinen Atem spüren kann.

»Halt! Lassen Sie sie in Ruhe!« Dad klingt so wütend, dass ich seine Stimme kaum erkenne. Viele andere Stimmen schreien zurück. Keuchend und stampfend quäle ich mich die Treppe hinauf. »Sie können nicht einfach in unser Haus hereinplatzen!«

»Beruhigen Sie sich, Dr. Lang!«

»Hey! Stopp!« Wieder die Stimme hinter mir. Jetzt noch näher. Als ich oben an der Treppe ankomme, mache ich einen Satz in den oberen Flur.

Das Badezimmer. Dorthin muss ich. Konzentrier dich! Konzentrier dich! Schneller! Schneller! Bevor er mich schnappt. Die Tür ist nicht weit weg. Und ich werde nur eine Sekunde brauchen, um das Fenster zu öffnen und hinauszuklettern. Nach einer schnellen Rutschpartie auf den Boden werde ich es tun, und nicht zum ersten Mal: rennen, als ob der Teufel hinter mir her wäre.

Ich stürme den Flur entlang; immer noch direkt hinter mir höre ich laute Schritte. »Wylie!«, ruft der Mann, aber hölzern, als wollte er nicht zugeben, dass ich überhaupt einen Namen habe.

»Das ist unser Haus!«, schreit Dad wieder. Er klingt, als wäre er näher an der Treppe.

»Dr. Lang, Sie müssen hierbleiben!«

Mein Blick ist fest auf die Badezimmertür am Ende des Flurs gerichtet. Sie kommt mir so weit weg vor. Der Flur ist endlos. Aber ich muss zu dieser Tür. Fenster auf. Rausklettern. Einen Schritt nach dem anderen. So schnell ich kann.

»Miss Lang!«

Wieder die Stimme, viel näher. Zu nah. Und nervös. Er ist nah genug, um mich zu packen, hat aber zu viel Angst, mich zu verletzen. »Kommen Sie schon! Stehen bleiben! Was tun Sie denn?«

An der ersten Tür rechts vorbei. Noch zwei vor mir.

Doch dann verfängt sich mein Fuß im Teppich. Ich schaffe es gerade noch, die Hände hochzureißen, sodass ich mit dem Handballen an die Wand knalle und dann mit der Schulter und nicht mit dem Gesicht. Trotzdem macht mich der stechende Schmerz benommen, als ich auf dem Boden lande. Ich glaube, mir wird schlecht, während ich mich zusammenrolle und den Arm an den Bauch drücke. Ich wage nicht hinzusehen. Zu große Angst, dass vielleicht der Knochen herausschaut.

»O Gott, geht es Ihnen gut?« Der Agent ist vor mir stehen geblieben. Jetzt sehe ich, dass es der Kleine mit den übertrieben muskulösen Armen ist, die steif abstehen. Und er ist eindeutig so nervös, wie er klang. Aber auch verärgert. Er blickt den Flur entlang, als prüfe er ihn auf Zeugen. »Verdammt. Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen nicht wegrennen.«

Ein paar Minuten später sitze ich auf der durchgesessenen Couch in unserem kleinen Wohnzimmer, und Dad hält einen Eisbeutel an mein pochendes Handgelenk. Von den Schmerzen vibriert mein Gehirn. Die Männer haben sich schweigend so hingestellt, dass sie die Tür, die Treppe und den Flur zur Hintertür versperren. Jeden möglichen Fluchtweg. In dem kompakten Rahmen unseres alten viktorianischen Hauses sehen sie sogar noch größer aus als draußen. Jetzt gibt es eindeutig keinen Ausweg mehr.

»Ich glaube nicht, dass es gebrochen ist«, verkündet Agent Klute und späht auf meinen Arm, aber nicht annähernd genau genug, um es beurteilen zu können.

Mein Dad steht vor mir und dreht sich angriffslustig zu Agent Klute um. Im Vergleich sieht er so winzig aus wie ein kleiner Junge.

»Verschwinden Sie endlich aus meinem Haus!«, schnauzt er und zeigt zur Tür. »Sofort! Das meine ich ernst! Sie alle: raus!«

Als würde er versuchen, Klute mit Gewalt rauszuwerfen, wenn er muss. Die Wut hat meinen Dad blind für ihren Größenunterschied gemacht. Beim Versuch, mich zu beschützen, würde er sterben, das erkenne ich jetzt ganz deutlich. Ich wünschte, ich hätte das schon vorher gewusst. Ob es etwas an dem geändert hätte, was in dem Lager passiert ist, weiß ich nicht. Aber vielleicht auch alles.

»Wir können leider nicht gehen, Dr. Lang.« Klute senkt den Kopf. »Erst wenn Wylie unsere Fragen beantwortet hat.«

Er versucht, nicht bedrohlich zu wirken, sondern entschuldigend. Es klappt nicht. Vor allem, weil es ihm eigentlich nicht leidtut. Das weiß ich. Ich kann seine Gefühle gut genug lesen, dass keine Zweifel bleiben. In Wirklichkeit fühlt Agent Klute sehr, sehr wenig. Es ist erschreckend. Dad tritt näher an ihn heran, seine Wut wächst.

»Sie können nicht einfach in mein Haus eindringen und meine Tochter jagen. Sie ist hier das Opfer«, sagt er. »Selbst wenn sie eine Kriminelle wäre, bräuchten Sie eine richterliche Anordnung, um in ein Haus zu kommen. Das ist nicht legal. Gott helfe Ihnen, wenn ihr Handgelenk gebrochen ist.«

»Um das klarzustellen, Dr. Lang, Ihre Tochter ist vor Bundesagenten davongelaufen. Haben Sie irgendeine Ahnung, wie gefährlich das ist?«

Fast hätte Dad gelacht. Dann legt er die Fingerspitzen wie im Gebet an die Lippen. Ich habe ihn noch nie so wütend gesehen. Die Wut hat sogar seine Gesichtsform verändert, und ich spüre, was für eine Mühe er sich gibt, ruhig zu bleiben. Zu tun, was getan werden muss.

»Raus. Raus. Raus«, sagt Dad – langsam, ruhig und fest. Wie ein Trommelrhythmus. »Sofort. Sonst helfe mir Gott …«

»Wie ich schon sagte, das können wir nicht.« Agent Klute ist immer noch so gruslig ruhig. »Wylie ist eine wichtige Zeugin bei einem Mehrfachmord, der mit Inlandsterrorismus zu tun haben könnte. Sie muss jetzt mit uns kommen und ein paar Fragen beantworten. Das ist alles.«

»Ha!«, höhnt Dad. »Ich rufe rechtlichen Beistand an.«

Welchen rechtlichen Beistand?, denke ich, während Dad nach seinem Handy greift und wählt. Und doch wirkt er so sicher, als er das Telefon ans Ohr hält. Die Zeit dehnt sich, während wir dastehen und darauf warten, dass jemand seinen Anruf annimmt, dass Dad etwas sagt. Ich spüre, wie Agent Klute mich anstarrt, und versuche, den Blick nicht zu erwidern, aber ich kann nicht anders.

Natürlich ist sein kalter Blick auf mich gerichtet, sein Mund steht ein wenig offen, sodass ich die riesigen weißen Zähne sehen kann. Ich stelle mir vor, wie sie mich beißen. Aber ich spüre nichts von der Feindseligkeit, die ich erwartet hätte – keinen Ärger, kein Misstrauen oder Unmut. Da ist nur eines: Mitleid. Und das ist noch viel beängstigender.

Ich verschränke die Arme, während sich mein Magen zusammenkrampft. Vielleicht sollte ich ihre Fragen einfach beantworten. Vielleicht geht das alles dann schneller wieder weg. Dummerweise habe ich das grässliche Gefühl, dass das hier – egal was ich sage – der Anfang von etwas ist und nicht das Ende.

Atme!, ermahne ich mich. Atme. Denn der Raum wird schmaler, der Boden fängt an zu schwanken. Und jetzt ist sicher nicht der richtige Moment, um ohnmächtig zu werden. Ich bin seit sechsunddreißig Stunden ein Outlier, aber ich weiß, ich kann immer noch total durchdrehen.

»Hallo, Rachel, hier ist Ben«, sagt mein Dad schließlich ins Telefon. »Kannst du mich bitte so schnell zurückrufen, wie es geht? Es ist ein Notfall.«

Rachel. Klar. Natürlich ruft Dad sie an. Rachel war die beste Freundin meiner Mutter. Oder ehemalige beste Freundin. Nachdem sie und Mom jahrelang keinen Kontakt hatten, erschien Rachel bei der Beerdigung wie aus dem Nichts. Seitdem ist sie wie ein Ausschlag, den wir nicht loswerden. Sie will helfen. Oder behauptet es zumindest. Mein Dad sagt, das ist vermutlich ihre Art, mit ihrer Trauer fertigzuwerden. Wenn ihr mich fragt, ist das, was – oder wen – sie wirklich will, mein Dad.

Jedenfalls ist das Ganze schräg. Sie ist schräg, und ich vertraue ihr nicht.

Aber ob ich sie nun mag oder nicht: Rachel ist Strafverteidigerin. Sie muss wissen, was man in so einer Situation tut. Und Rachel ist vielleicht als Mensch echt beschissen – Mom wollte nie erzählen, warum sie sich verkracht haben – , aber selbst sie sagte immer, Rachel sei der Mensch, den sie anrufen würde, wenn sie mal echt Probleme hätte, denn »Rachel könnte sogar für einen öffentlichkeitsgeilen Massenmörder einen Freispruch erwirken«. Und Mom meinte das nicht als Kompliment.

»Dr. Lang, wenn Wylie nichts zu verbergen hat, sollte es kein Problem sein, wenn sie mit uns redet«, sagt Agent Klute, als Dad auflegt.

»Vielleicht wäre es nicht so ein Problem, wenn Sie mich nicht angegriffen hätten«, sage ich, denn es...


McCreight, Kimberly
Kimberly McCreight hat ihr Jurastudium an der University of Pennsylvania mit Auszeichnung abgeschlossen. Nachdem sie einige Jahre als Anwältin in einer der größten Kanzleien New Yorks gearbeitet hat, widmet sie sich nun ganz ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben. „Die letzte Wahrheit“ ist ihr erster Roman. Mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern lebt sie in Brooklyn, New York.



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