McDonald L.A. Lovestory
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-14995-6
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-641-14995-6
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Hallies und Grace' Vater stirbt, verlieren die Schwestern buchstäblich alles. Das Erbe geht in Ermangelung eines letzten Willens an die Stiefmutter, und die Töchter müssen ihr Heim in San Francisco verlassen, um zu einem entfernten Onkel nach L.A. zu ziehen. Während die temperamentvolle, leidenschaftliche Hallie sich trotz ihrer prekären Situation sofort in das glitzernde Leben von Beverly Hillls und eine romantische Liebe mit einem Musiker stürzt, versucht die stille, vernünftige Grace ihr Leben auf die Reihe zu bekommen – und nicht zu viel an den Jungen zu denken, den sie in San Francisco zurücklassen musste …
Abby McDonald, geboren 1986, hat in Oxford ihr Examen in Politik, Philosophie und Volkswirtschaft abgelegt. Nach dem Studium arbeitete sie als Musikjournalistin und hat Künstler wie LeAnn Rimes und Marilyn Manson interviewt. Seit 2009 ist sie freie Autorin und hat mit »Plötzlich Liebe« ein erfolgreiches Jugendbuch-Debüt abgeliefert.
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I
Ihr Vater war tot, und Grace konnte an nichts anderes denken als an Torte.
Okay, es ging zwar nicht um eine x-beliebige Langweilertorte – die verlockend weiße Schachtel, die ein Trauergast heute Morgen mitgebracht hatte, trug das Logo der besten Konditorei von ganz San Francisco –, trotzdem überkam Grace, noch während sie überlegte, was sich wohl Leckeres darin verbergen mochte (eine mit Blaubeerfüllung oder eine mit schaumigem Zitronenbaiser), ein plötzlicher Anfall von schlechtem Gewissen. Dass sie bei der Beerdigung ihres Vaters nichts anderes im Kopf hatte als eine Torte, war ja wohl der eindeutige Beweis dafür, dass sie eine superschreckliche Person war.
»Viel zu früh ist John von uns gegangen«, verkündete der Pfarrer gerade. Graces ältere Schwester Hallie stieß einen verzweifelten Seufzer aus. Ausnahmsweise war ihr Hang zur Hysterie mal nicht fehl am Platz. Nein, diesmal war es Grace, die sich absolut daneben benahm. Sie rutschte noch ein Stückchen tiefer auf der harten Holzbank, als ob man ihr die süßen Visionen ansehen könnte, die sie gerade vor Augen hatte.
Dabei mochte sie Torte nicht mal! Seit sie im Alter von neun Jahren durch einen übermotivierten Zahnarzt eindringlich davor gewarnt worden war, dass man von Zucker umgehend Zahnausfall bekäme, hatte sie sich das Essen von Süßkram fast vollständig verboten. Ganze zwei Wochen lang nach dem Zahnarztbesuch hatte sie den Mund kaum noch aufgemacht und versucht, Kartoffelbrei mit geschlossenen Lippen zu schlürfen – bis ihr Vater ihr behutsam erklärt hatte, dass ihre Zähne bestimmt nicht gleich auf den Boden prasseln würden.
Damals, als er noch bei ihnen war, um ihnen Sachen zu erklären. Als er überhaupt noch lebte.
»… in Erinnerung wird uns auch seine Lebensfreude …«
In diesem Moment unterbrach ein durchdringender Schrei den Pfarrer in seiner Andacht. Es war der kleine Dash, der in der ersten Bankreihe zu brüllen begann. Sein Gesicht war knallrot und er bebte vor Zorn. Ihr Bruder. Oder Halbbruder, wie Hallie immer betonte. Was für Grace allerdings viel sinnloser klang. Als ob ihr Vater sie nur halb verlassen oder nur halb eine andere Frau geheiratet hätte.
»Pssst!« Portia, Graces Stiefmutter, schaukelte ihn beruhigend auf ihrem Schoß, sodass ihr schwarzer Schleier rhythmisch wippte. Aber Dash weinte nur noch stärker und seine schrille Stimme hallte in der Kirche lautstark wider.
Hinter ihr tuschelte jemand leise: »Das arme Kind. Wird seinen Vater nie kennenlernen.«
Grace merkte, wie Hallie erstarrte. »Glück für ihn«, flüsterte Hallie. »Da vermisst er ihn auch nicht! Wir sind es ja wohl, die sie bedauern sollten.«
Grace sagte nichts dazu. Dash krakeelte weiter, bis Portia das strampelnde Balg schließlich der Nanny übergab. Die junge Schwedin floh mit ihm durch den Mittelgang nach draußen, begleitet von Dashs immer leiser werdendem Geschrei. Dann schloss sich das Kirchenportal hinter ihnen und es war wieder still.
Wenn es für Grace doch auch nur so einfach gewesen wäre mit dem Fluchtweg und dem Weinen. Sie hatte immer noch keine Tränen vergießen können, dazu war bis jetzt gar keine Zeit gewesen. Nachdem ihre Mutter die Todesnachricht erhalten hatte, war sie in ihrem Bett verschwunden und wollte nichts mehr essen oder trinken. Irgendwann hatte Grace den Hausarzt geholt, damit er ihr etwas zur Beruhigung verschrieb. Hallie hatte tagelang derart heftig geweint, dass Grace ihr schließlich ebenfalls eine zerkleinerte Tablette ins Essen mischen musste, damit sie endlich ein bisschen Ruhe fand. Anschließend saß sie ganz allein mit den Adressbüchern ihrer Mutter im Wohnzimmer, in der »guten Stube« – die sie seit dem Auszug ihres Vaters so gut wie nicht mehr nutzten –, und erledigte die erforderlichen Anrufe. Sie benachrichtigte entfernte Verwandte und alte Freunde aus Studienzeiten, um die sich Portia ganz sicher nicht kümmern würde, falls sie sie überhaupt kannte.
Der Pfarrer räusperte sich. »Wir wollen jetzt an ein paar besonders schöne Momente mit unserem lieben John denken.«
Das war das Stichwort für Grace. Sie erhob sich aus der Bank und umklammerte das Gedicht, das sie für diesen Zweck ausgesucht hatte. Aber kaum war sie zwei Schritte durch den Gang gelaufen, als Portia aus ihrer Bank schlüpfte und die Stufen zum Lesepult hinauf huschte. Sorgsam hob sie ihren Schleier und legte ihn gekonnt über ihren eleganten Haarknoten. »John und ich waren Seelenverwandte«, begann Portia und ließ ihren betroffenen Blick durch das Kirchenschiff schweifen.
Grace hörte Hallie zischend einatmen. »Das ist ja wohl nicht ihr Ernst!«
Doch es war ihr Ernst. In jeglicher Hinsicht.
Als sich Grace wieder auf ihren Platz setzte, griff sich Portia mit ihrer in einem schwarzen Netzhandschuh steckenden Hand an die Brust. »Von unserer ersten Begegnung an wusste ich, dass wir füreinander bestimmt sind«, fuhr sie fort. »Er war mein Schicksal.«
Ein Schicksal, das allerdings schon verheiratet war und Kinder hatte. Aber solch banale Details waren für Portia nebensächlich, damals wie heute. Grace warf einen besorgten Blick zu ihrer Mutter, die jedoch völlig unbeeindruckt dasaß, als ob das Gesagte bei ihr gar nicht ankam.
»Er war der tollste Mann, den ich je kennengelernt habe. Liebenswürdig. Ehrbar. Loyal.«
Hallie sprang auf, aber Grace zog sie wieder runter.
»Willst du hier etwa rumsitzen und dir das anhören?«, fauchte Hallie. Ihr Gesicht, das seit Tagen erschöpft und aschfahl ausgesehen hatte, war jetzt glutrot vor Empörung. In ihren Augen loderte der Zorn, den Grace nur allzu gut kannte und der jede Menge Ärger versprach. Und zwar ziemlich öffentlichen Ärger.
»Bitte«, flüsterte Grace und sah sich nervös um. »Lass es einfach gut sein, ja?«
»Was bitte schön soll ich gut sein lassen?«, schimpfte Hallie gedämpft. »Dass sie ihn uns weggenommen hat oder dass sie hier die ganze Zeit so tut, als ob es uns nie gegeben hätte?«
»Alles. Hallie, bitte«, flehte Grace. Sie mussten ja nicht nur die Beerdigung durchstehen, sondern auch noch die anschließende Leichenfeier mit zahllosen Beileidsbekundungen von Leuten, die sie noch nie gesehen hatten. »Sie hat auch das Recht zu trauern. Schließlich waren sie eine Familie.«
Aber das war die falsche Bemerkung.
»Wir waren eine Familie!« Hallie riss sich los und schob sich aus ihrer Bank, wobei sie Grace heftig auf die Füße trat.
»Hallie!«, flüsterte Grace verzweifelt, aber es war zu spät.
»… sagte, dass er noch nie so glücklich war …« Portia brach abrupt ab und sah Hallie an, die mitten im Gang stand. Ihre Blicke trafen sich, und Grace rechnete jeden Moment mit einer Explosion. Doch die blieb aus. Hallie erschauerte, schluchzte verzweifelt auf und stürmte dann aus der Kirche.
Grace atmete erleichtert auf. Sie wartete noch kurz, bis Portia weitersprach, und raunte dann ihrer Mutter zu: »Ich seh mal nach ihr.«
Von ihrer Mutter kam jedoch keine Antwort. Sie starrte nur dumpf vor sich hin, mit derselben ausdruckslosen Miene wie schon die ganze Woche. Grace stand auf und eilte zum Hinterausgang. Sie hielt den Kopf gesenkt, um die Blicke zu meiden, die vermutlich alle auf sie gerichtet waren.
Grace fand ihre Schwester auf dem Friedhof, wo sie ziellos umherstreifte. Ihre dunklen Haare wehten im Wind. Hallie hatte ihren Mantel vergessen und ihr langer schwarzer Rock bauschte sich, dass sie aussah wie eine Gestalt aus einem Gruselroman. Grace seufzte und stapfte über die schlammige Wiese auf sie zu. Es war Hallie durchaus zuzutrauen, dass sie sich aus dramaturgischen Gründen mit Absicht eine Lungenentzündung holte. Aber Grace würde ihr ganz bestimmt nicht auch noch den Rest der Woche Hustensaft einflößen, geschweige denn die zwei Treppen zu ihr nach oben bringen.
»Sieh dich doch nur mal hier um.« Hallie gestikulierte wild mit ausgebreiteten Armen. »Was haben wir hier verloren? Was hat er hier verloren?«
Grace wusste nicht genau, ob sie Friedhöfe im Allgemeinen oder konkret diesen hier meinte. Die bröckelnden Gruftanlagen und glänzenden Granitgrabsteine in Reih und Glied waren mit überdimensionalen Ornamenten aus Rosen und welkenden Lilien verziert. Ihr Vater hatte immer Witze darüber gemacht, dass seine sterblichen Überreste einmal über den Spielerbänken im Stadion der San Francisco Giants verstreut werden sollten. Doch als Grace dies Portia gegenüber erwähnte, erntete sie nur einen entsetzten Blick. Denn selbstverständlich würde John ein ganz normales Begräbnis erhalten. Und da ihre eigene Familiengrabstätte so weit entfernt in Connecticut lag, musste es natürlich die beste und prestigeträchtigste Kirche von ganz San Francisco sein.
Vielleicht war es ja auch besser so. Er hatte Grace schon seit Jahren zu keinem Baseball-Spiel mehr mitgenommen, und das hier war wenigstens ein Ort, an dem sie ihn besuchen konnte.
»Los komm Hallie, gehen wir wieder rein.«
»Nein! Lass mich in Ruhe.« Hallie drehte sich weg. Sie zitterte jetzt so sehr, dass Grace ihre Jacke auszog und sie Hallie um die schmalen Schultern legte. Sie war ihr ein ganzes Stück zu groß und hüllte sie fast vollständig ein. Wer die beiden nicht kannte, hielt meistens Grace für die Ältere. Schon vor zwei Jahren hatte sie Hallie von der Größe her eingeholt und schoss seitdem immer noch weiter in die Höhe. In diesem Jahr war Grace auch...




