E-Book, Deutsch, 445 Seiten
Reihe: Eichborn
McDonnell Bunny McGarry glänzt durch Abwesenheit
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6456-8
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Dublin-Krimi
E-Book, Deutsch, 445 Seiten
Reihe: Eichborn
ISBN: 978-3-7517-6456-8
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dublin ächzt unter einer historischen Hitzewelle, und auch sonst ist die Stimmung auf dem Siedepunkt, denn ein brutales Killerkommando hat es auf die Profiteure der irischen Wirtschaftskrise abgesehen. Derweil hat Paul Mulchrone ganz andere Sorgen: Kaum hat er seine eigene Detektei gegründet, steht er schon ohne seine Partner da. Brigit spricht aus guten Gründen kein Wort mehr mit ihm - und Bunny McGarry ist wie vom Erdboden verschluckt. Wohin ist er verschwunden, und was hat seine bewegte Vergangenheit damit zu tun? Um das herauszufinden, bleibt Paul nur noch eine einzige Verbündete: Maggie, eine ehemalige Polizeihündin. Die oft klüger zu sein scheint als Paul, Brigit und Bunny zusammen.
C. K. McDonnell ist Stand-up-Comedian und Autor von Romanen und Fernsehdrehbüchern. Neben seiner beliebten THE-STRANGER-TIMES-Reihe begeistert er auch mit seiner Dublin-Krimiserie um den abgehalfterten Ex-Cop Bunny McGarry eine große Fangemeinde in Großbritannien und Deutschland. C. K. McDonnell lebt in Manchester, besucht seine Heimat Dublin aber so oft wie möglich.
Weitere Infos & Material
KAPITEL EINS
DER MONTAG ZUVOR – 4. JULI 2016
Paul knallte die Bürotür zu, zumindest versuchte er es. Da sie aber kaum noch in den Angeln hing, blieb sie im abgewetzten Teppich stecken. Mühsam musste er sie an der Klinke anheben und wieder in ihre Verankerung drücken. Als sie endlich einrastete, trat er noch einmal dagegen. Dies sorgte zwar für Schmerzen in seinem großen Zeh – für die befriedigende Wirkung eines ordentlichen Türknallens aber leider nicht.
Er war in mieser Stimmung. Ein katastrophaler Morgen lag hinter ihm – und das nach einer furchtbaren Woche, die dem schlimmsten Monat seines Lebens die Krone aufgesetzt hatte. Vor acht Monaten hatten mehrere Personen versucht, ihn umzubringen, und so langsam beschlich ihn der Gedanke, dass er es ihnen einfach hätte erlauben sollen.
Gerade kehrte er von einem Termin bei der PSA zurück, der Private Security Authority, den man nur als erniedrigend bezeichnen konnte. Mr Bradshaw, das letzte menschliche Wesen, das noch ohne jede Ironie eine Fliege trug, war ihm mit demonstrativer Herablassung begegnet. »Nur, dass ich das richtig verstehe, Mr Mulchrone, Sie haben also die Absicht, eine Detektei mit Ihren beiden Partnern zu eröffnen, haben aber mit einer Partnerin seit über einem Monat nicht mehr gesprochen und können den Aufenthaltsort des anderen Partners nicht angeben?« Paul hatte sich für die »Ehrlich währt am längsten«-Strategie entschieden, in der Annahme, dass man ihm seine Offenheit hoch anrechnen würde. Falsch gedacht. Er konnte sich allerdings auch nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal bei irgendetwas richtiggelegen hatte.
Gestern Abend hatte er zum gefühlt tausendsten Mal versucht, Brigit anzurufen, aber ihr Telefon gab lediglich ein komisches Knackgeräusch von sich. Er war sich zu fünfundneunzig Prozent sicher, dass sie seine Nummer blockiert hatte. In den zweiundvierzig Tagen seit dem Vorfall hatte sie nicht mehr mit ihm gesprochen. Allerdings hatte sie ihn einige Male angeschrien, um zu verdeutlichen, dass es sich bei ihm um den niedrigsten Abschaum auf Gottes schöner Erde handelte. Dass Paul ihr dabei voll und ganz zustimmte, war nun ihre letzte Gemeinsamkeit. Dies und die Tatsache, dass sich ihre Namen auf dem Antragsformular befanden, das sie in ihren glücklicheren Tagen – den Tagen vor dem Vorfall – bei der PSA eingereicht hatten.
Bei Bunny lag der Fall noch einmal ganz anders. Paul hatte ihm im Laufe der letzten drei Tage fünfzehn Textnachrichten geschickt, ohne auch nur die geringste Reaktion zu erhalten. Dabei hatte er sich bei ihrer letzten Begegnung die größte Mühe gegeben, Bunny die Wichtigkeit dieses Termins einzuschärfen. In ihrem Trio war Detective Sergeant Bunny McGarry – inzwischen außer Dienst – der Einzige, der über die vorgeschriebenen fünf Jahre Berufserfahrung verfügte, die man vorweisen musste, wenn man sich für eine Lizenz als Privatdetektiv bewarb. Gut, er war vielleicht nicht das, was sich die meisten Leute unter einem vorbildlichen Garda Officer vorstellten. Und, ja, seine Vorgesetzten hatten gewiss ein Freudenfest veranstaltet, nachdem sie es endlich geschafft hatten, ihn in den vorzeitigen Ruhestand zu versetzen. Aber niemand konnte leugnen, dass Bunny McGarry ein Polizeibeamter gewesen war und, auf seine ganz eigene streitbare Weise, ein sehr effektiver.
Paul war sich vage bewusst, dass Bunny schwer mit dem Verlust seines Jobs zu kämpfen hatte, allerdings war er viel zu sehr damit beschäftigt, sich in seinem eigenen Elend zu suhlen, um sich auch noch mit dem von jemand anderem zu befassen. Ihre Beziehung war ohnehin nicht besonders gefühlsbetont. Sie hatten fünfzehn Jahre lang so gut wie gar nicht miteinander gesprochen. Geändert hatte sich das erst, als ihm Bunny vor acht Monaten bei der »Irgendwelche Leute versuchen Paul umzubringen«-Situation zu Hilfe gekommen war.
Alle Überreste von Dankbarkeit hatten sich bei Paul jedoch vollständig in Luft aufgelöst, als sich Bunny heute Morgen nicht hatte blicken lassen und er wie der letzte Idiot in seinem Beerdigungsanzug im Wartezimmer der Detektiv-Innung gesessen hatte.
Vor etwas mehr als zwei Monaten hatte Paul diesen Anzug ausgemottet, um ihn bei der Beerdigung von Brigits Granny in Leitrim zu tragen. Brigit hatte ihn dort als ihren festen Freund vorgestellt. Das hatte ihm gefallen. Er war noch nie ein fester Freund gewesen. In der Woche darauf verlor Paul endgültig das Wohnrecht im Haus seiner Großtante Fidelma und zog bei Brigit ein. Das Leben war schön gewesen. Heute Morgen, im Empfangsbereich der PSA, hatte er in der Innentasche seiner Anzugjacke ein Würstchen im Schlafrock gefunden. Er musste es vom Beerdigungsbüfett mitgenommen und für die Rückfahrt nach Dublin eingesteckt und dann gleich wieder vergessen haben. In einem Anfall von Sentimentalität, die alle Haltbarkeitsbedenken ignorierte, hatte er es gegessen und dann allein dort gesessen – mit gebrochenem Herzen und Krämpfen im Bauch.
All das waren Gründe dafür, dass er in besonders mieser Stimmung in das Büro von MCM Investigations zurückkehrte. Ihre Firma lag über dem Oriental Palace, einem chinesischen Restaurant, und was ihre Büroräume in Sachen Platz vermissen ließen, glichen sie durch ihre umfangreiche Schäbigkeit aus. Für ihn waren es »ihre« Büroräume, obwohl Bunny sie kaum jemals mit seiner Anwesenheit beehrte und Brigit sogar noch nie dort gewesen war. Immer wieder hatte Paul sich ausgemalt, was für ein Spaß es wäre, Brigit bei ihrem Einzug dort über die Schwelle zu tragen. Jedes Mal, wenn er nun die Tür öffnete, traf ihn dieser Gedanke wie ein Schlag ins Gesicht.
Seit Brigit ihn rausgeworfen hatte, übernachtete er hier. Irgendwo etwas zu mieten konnte er sich nicht leisten. Er war pleite. Dabei war diese Detektei Brigits geniale Idee gewesen, um all ihre Probleme zu lösen: nämlich, dass Paul keinen Job und Bunny keinen Antrieb hatte – und sie selbst keinerlei Sehnsucht, auch nur eine weitere Bettpfanne zu wechseln; die Krankenpflege hatte jeden Reiz für sie verloren. Davon abgesehen, wollte er gar keine eigene Wohnung finden. Auch wenn er es nicht verdient hatte, hoffte er noch immer – gegen jede logische Wahrscheinlichkeit –, dass Brigit ihn wieder bei sich aufnehmen würde.
Was jedoch nicht hieß, dass er allein war. Seit zwei Wochen hatte er Gesellschaft – Maggie. Als er nun ins Zimmer trat, saß sie auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch und betrachtete ihn mit ihren unergründlichen braunen Augen. Die gesamte Einrichtung bestand aus drei mitten im Raum zusammengeschobenen Schreibtischen und drei dazu passenden Stühlen. Maggie hatte diesen Stuhl nur gewählt, weil sie genau wusste, dass es seiner war. Unentwegt versuchte sie, unter Beweis zu stellen, dass sie die Oberhand in ihrer Beziehung hatte. Wenn sie ausgingen, schleifte sie ihn kreuz und quer durch die Stadt und wollte grundsätzlich nie dorthin, wo er hinwollte. Andauernd warf sie ihm durchdringende Blicke zu. Und am allerwenigsten schätzte sie es, allein gelassen zu werden. Heute Morgen hatte sie beschlossen, dies sehr deutlich zu machen – auf die direkteste Art und Weise, die ihr zur Verfügung stand. Sie hatte mitten auf seinen Schreibtisch gekackt.
»Ach, verdammte Scheiße!«, sagte Paul.
Vor zwei Wochen war er mitten in der Nacht aufgewacht, nur um Bunny McGarry vor sich zu sehen. Er hatte sich direkt vor ihm aufgebaut und an Pauls Handy herumgefummelt. »Was zur Hölle machst du da?«
»Ich stelle deinen Wecker«, sagte Bunny. »Du musst früh aufstehen und mit dem Hund Gassi gehen.«
»Was – argh!«
Paul wandte den Kopf und schaute direkt in Maggies Gesicht, nur Zentimeter von seinem entfernt. Sie bedachte ihn mit der Hundeversion eines klassischen Türsteherblicks. »Was zur Hölle ist das?«
»Heiliges Hinterteil von Mutter Teresa, du bist doch jetzt Detektiv, Paulie. Vier Beine, wedelnder Schwanz – arbeite mit den sachdienlichen Hinweisen. Es ist ein Hund, ein Schäferhund, um genau zu sein.«
»Was tut er hier?«
»Er ist eine Sie. Ich habe sie für dich besorgt.«
»Aber … wie soll ich mich denn um einen Hund kümmern? Ich weiß nicht, ob es dir schon aufgefallen ist, aber ich schaffe es kaum, mich um mich selbst zu kümmern.«
»Ganz genau. Du hockst hier den ganzen Tag allein rum wie ein Eunuch bei einer Orgie. Das ist nicht gesund. Ein bisschen Gesellschaft wird dir guttun. Außerdem war sie jahrelang Polizeihündin. Damit wird sie ganz sicher ein Gewinn sein für die Detektei und den ganzen Kram.«
Paul hätte sofort misstrauisch sein sollen, als Bunny versuchte, sich zu rechtfertigen. Zusammen mit dem schielenden Auge, dem unvermeidlichen Schurwollmantel und der tiefen Überzeugung, dass sich alle Probleme im Leben dadurch lösen ließen, dass man der richtigen Arschgeige ein paar saftige Ohrfeigen verpasste, gehörte zu Bunny McGarrys charakteristischen Eigenschaften, dass er sich niemals rechtfertigte.
Paul streckte die Hand aus, um Maggie zu streicheln, was mit einem warnenden Knurren quittiert wurde.
»Ja, anfassen lässt sie sich nicht so gern.«
Darauf stieß Bunny einen nach Whiskey stinkenden Rülpser aus und ließ die beiden allein im Büro zurück. Paul starrte Maggie an. Maggie starrte Paul an. Seitdem war ihre Beziehung ein einziger endloser Machtkampf um die Frage, wer über mehr Willenskraft verfügte. Ein Kampf, der nun beendet war. Sie hatte den nuklearen Erstschlag...




