E-Book, Deutsch, 336 Seiten
McDunn Pelikansommer
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7336-5199-2
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7336-5199-2
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gillian McDunn hat in Kalifornien, Missouri und in North Carolina, USA, gelebt und liebt sowohl den pazifischen als auch den atlantischen Ozean. Sie ist mit einem jüngeren Bruder aufgewachsen, der genau wie Küken eine Form von Autismus aufweist. Gillian lebt heute bei Raleigh in North Carolina.
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1
Cat dachte immerzu an ihren Bruder. Entweder schwirrten die Gedanken an ihn irgendwo in ihrem Hinterkopf herum oder sie war völlig von ihnen eingenommen.
Es konnte passieren, dass mitten im Bruchrechnen eine leise Stimme in ihrem Kopf fragte: »Hast du daran gedacht, das Schild aus Kükens T-Shirt rauszuschneiden?«
Oder sie war dabei, die Pflanzen der Tundra auswendig zu lernen, und fragte sich plötzlich, ob Küken wohl gerade von seinem Lehrer Henry genannt wurde, was er schrecklich fand.
Vielleicht tat sie sich auch Kartoffelbrei auf und hoffte gleichzeitig, dass Küken nicht als einziger Erstklässler im San-Francisco-Aquarium vergessen wurde.
An guten Tagen spazierte Küken einfach gern durch die Gegend. An schlechten Tagen rannte er weg. Trotzdem liebte Cat ihn bis ans Ende der Golden Gate Bridge, bis zum Grund des Meeres und so heftig wie ein Hai zubeißen kann.
Am letzten Tag in der fünften Klasse war Cat auf der Hut. Der letzte Schultag war meist ein einziges lautes Durcheinander, und das wurde Küken schnell zu viel. Dann regte er sich auf und kam nur schwer von selbst wieder zur Ruhe. Stattdessen regte er sich immer weiter auf, bis er fast ganz überdrehte und alles ungebremst aus ihm hervorbrach. Mom nannte es einen Zusammenbruch, aber für Cat glich es eher einer Explosion. Das genaue Gegenteil von einem Zusammenbruch.
Als es zum Schulschluss klingelte, warf Cat sich den Rucksack über die Schulter und rannte im Laufschritt zur Treppe am Eingang. Der Himmel war grau und bedeckt, aber in ihrem Innern fühlte es sich nach Sonnenschein an. Sie wippte auf den Fußballen auf und ab. Jeder Hüpfer hieß , und . Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ihr Herz sich auf der Stelle auf den Weg gemacht und die Ferien schon ohne Cat begonnen.
Morgen würden sie Richtung Osten fliegen, bis nach Atlanta. Dort gab Mom einen dreiwöchigen Collegekurs, und Cat und Küken würden mitkommen und bei den Krishnamurthys bleiben, die letzten Sommer nach Georgia gezogen waren. Selbst nach einem Jahr fehlte es Cat immer noch, einfach zum Spielen, Hausaufgabenmachen oder Dosas-Essen bei Rishi vorbeizugehen. Er war immer noch ihr bester Freund, obwohl er Tausende von Kilometern weit weg war.
Außerdem hatte Mom versprochen, dass sie Urlaub machen würden, wenn sie nicht mehr unterrichtete. Den ersten, seit sie nur noch zu dritt waren.
Unablässig strömten Kinder auf den Gehweg, und Cat wich ein paar drängelnden Jungs und übermütigen Kindergartenkindern aus.
»Hallo, Cat«, hörte sie eine Stimme hinter sich sagen.
Cat drehte sich um und erwartete, Küken zu sehen, doch stattdessen stand Poppy Zhang vor ihr, das netteste Mädchen in der fünften Klasse. Wenn sie lächelte, konnte man ihre Grübchen sehen, und gerade jetzt lächelte sie.
»Beim Geometrietest hast du bestimmt abgesahnt«, sagte Poppy.
Mathe war Cats Lieblingsfach, besonders Geometrie. Ihr gefielen die klaren Regeln. Sie vermittelten ihr ein Gefühl von Ordnung.
»Danke«, sagte Cat. »Du sicher auch.«
Poppy lachte. »Da bin ich mir nicht so sicher, aber danke.« Sie deutete mit dem Kopf auf eine Gruppe Mädchen auf dem Gehweg. »Wir wollen noch ins -Café. Magst du mitkommen?«
Natürlich wollte Cat mitkommen. Sie konnte das Schokoladen-Minz-Eis schon fast auf der Zunge spüren. Doch dann fiel ihr Küken wieder ein.
»Ich weiß, dass du nach der Schule immer auf deinen Bruder aufpasst«, sagte Poppy. »Bring ihn einfach mit.«
Das würde nie gutgehen. Küken würde auf dem Stuhl herumzappeln. Er würde das Eis auf den Tisch tropfen lassen. Und auf Poppy Zhang.
Langsam schüttelte Cat den Kopf. »Ich kann nicht.«
Poppy sah enttäuscht aus, trotzdem lächelte sie Cat zu. »Bis dann.« Damit lief sie davon, um die anderen einzuholen.
Meistens machte es Cat nichts aus, auf Küken aufzupassen. Er konnte schließlich nichts dafür, dass er sie nachmittags brauchte. Und Mom konnte nichts dafür, dass sie so viel arbeitete. Genauso wenig, wie die Krishnamurthys etwas dafür konnten, dass sie nach Georgia gezogen waren, weil Rishis Mutter einen neuen Job bekommen hatte. Niemand konnte etwas dafür, aber das Gefühl von Sonnenschein war wie weggepustet.
»Raupe!«
Sie hatte sich erst halb umgedreht, als sie schon stürmisch von hinten umarmt wurde.
»Hallo, Küken!« Sie klopfte ihm sanft auf den Rücken, bis er sie losließ. Dann hielt sie ihn auf Armeslänge von sich. Ihm war immer gleich anzusehen, wie es ihm ging. Als Cat die Lachfältchen um seine braunen Augen sah, grinste sie unwillkürlich zurück.
Ohne etwas zu sagen, hielt er ihr die geschlossene Faust hin. »Für dich, Raupe.«
Cat streckte die Hand aus, um seinen neuesten Schatz entgegenzunehmen. Der Löwenzahn war verwelkt, aber sie drehte ihn so vorsichtig, als wäre er aus Gold.
»Der ist aber schön.« Sie stopfte die Blume in die Tasche und betrachtete ihren Bruder aufmerksam. »Guten Tag gehabt?«
Küken zuckte die Schultern.
Cat sah ihn fragend an. Der letzte Schultag war meist chaotisch, und Küken mochte es nicht, wenn die Dinge anders liefen als gewöhnlich. »Sicher? War alles okay?«
Sein Blick verdüsterte sich leicht. »Als wir die Tische leergeräumt haben, war es laut, aber dann habe ich ganz tief geatmet, bis ich wieder ruhig war.« Er holte Luft, bis sein Bauch kugelrund wurde, dann blies er sie wieder aus.
»Gut gemacht.« Sie musterte ihn. Am Kinn klebte etwas Zuckerguss, und der Pullover war mit grauer Farbe bekleckert, aber er sah rundum zufrieden aus. Seine Klamotten ließen sich deutlich einfacher wieder in Ordnung bringen als seine Laune. Mit Riesenschritten lief er die Treppe hinunter, dass Zeichnungen und Arbeitsblätter nur so aus seinem Rucksack wirbelten.
Cat seufzte. Den Schultag hatte er überstanden, aber es gab immer noch Dinge, für die er sie brauchte. »Warte«, rief sie hinter ihm her und sammelte die Blätter ein. »Der Reißverschluss ist nicht zu.«
Küken drehte auf dem Absatz um, und immer mehr Blätter segelten über die Stufen.
»Alle meine Sachen von diesem Jahr«, rief er.
»Das sollen deine Schulsachen sein?«, fragte Cat. »Sieht eher aus, als wäre eine Papierfabrik explodiert.« Sie stopfte die Blätter zurück in den Rucksack.
»Und Haie? Haben gar keine Schwimmblase?« Kükens Stimme überschlug sich fast vor Aufregung, und jeder Satz klang wie eine Frage. Haie waren Kükens Lieblingstiere – einigermaßen erstaunlich für einen Jungen, der selbst so sanft wie ein Marshmallow war.
Küken redete immer weiter. »… Aber Haie? Haben Öl in der Leber? Damit können sie schwimmen?«
Während Cat Küken weiter zuhörte, fiel ihr ein ganz bestimmter Hai ein. Einer, den sie jeden Abend vor dem Schlafengehen brauchten. Sie wühlte in seinem Rucksack, bis ihre Finger die Kanten einer Plastikflosse ertasteten. Puh.
Cat zog den Reißverschluss zu. »Startklar.«
Küken hörte mit seinem Hai-Geplapper auf und drehte sich zu ihr um. »Können wir feiern, weil ich einen guten Tag hatte und das mit dem Atmen hingekriegt habe?«
»Wie denn?« Cat dachte an Poppy Zhang. »Ein Eis im -Café?«
Doch Küken schüttelte den Kopf, noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte. »Bloß nicht. Da starren mich so viele Augen an.«
Die Regale im Café quollen über vor abgewetzten Actionfiguren und anderen alten Spielsachen. Küken fühlte sich unwohl inmitten der vielen Gesichter. »Die sind doch nur aus Plastik, Küken.«
Doch Küken reckte das Kinn vor. »Ich will chinesische Brötchen.«
Er konnte gar nicht genug bekommen von den sesamüberzogenen chinesischen Brötchen mit einer Füllung aus süßen roten Bohnen.
»Wo arbeitet Mom heute?«, fragte Küken.
Mom schrieb Bücher, unterrichtete Illustration am College und übernahm ab und zu Schichten in einer russischen Bäckerei. Ihr zufolge ergaben drei Jobs plus zwei Kinder ein ausgefülltes Leben. Obwohl sie Dads Krankenhausrechnungen nie erwähnte, wusste Cat, dass auch sie zu der Gleichung dazugehörten.
»Sie ist zu Hause und schreibt an ihrem Buch«, sagte Cat.
»Können wir jetzt los, bitte?« Küken hatte die Augen so weit aufgerissen, dass seine Wimpern fast die Augenbrauen berührten. »Ich stör dich auch nicht beim Packen, versprochen.«
»Einverstanden«, sagte Cat.
Sie gingen in Richtung Clement Street. Als sie die Straße überquerten, nahm Cat Küken an der Hand. Da war immer die Angst, ihn zu verlieren. Ein paarmal war es dieses Jahr schon vorgekommen, öfter als Cat zugeben mochte. Einmal war er von der Schaukel auf dem Spielplatz zum Schildkrötenteich gelaufen. Im Aquarium hatte er die...




