Mckenna | Die Nacht hat viele Augen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 01, 528 Seiten

Reihe: McCloud Brothers

Mckenna Die Nacht hat viele Augen


1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8025-8442-8
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 01, 528 Seiten

Reihe: McCloud Brothers

ISBN: 978-3-8025-8442-8
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Sicherheitsexperte Seth Mackey weiß alles über die Frauen, mit denen sich sein Boss, der Millionär Victor Lazar, schmückt. Doch die junge Raine Cameron ist eindeutig etwas Besonderes. Nacht für Nacht beobachtet Seth sie auf einem Dutzend Videobildschirmen. Ihre verletzliche Schönheit weckt eine glühende Leidenschaft in ihm. Seth ermittelt im Geheimen gegen Victor, denn er ist überzeugt, dass dieser seinen Halbbruder ermordet hat. Und er fürchtet, Raine könnte sein nächstes Opfer sein. Doch Raine hat ihre eigenen Gründe, warum sie an Victor Rache nehmen will. Um ihren Plan in die Tat umzusetzen, braucht sie Seths Hilfe.



Neben ihrer Karriere als Sängerin begann Shannon McKenna Liebesromane zu schreiben. Mit "Die Nacht hat viele Augen" gelang ihr der große Durchbruch in den USA. Die Autorin lebt und arbeitet in Süditalien.

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2

Noch immer hatte Raine die Bilder ihres Traums im Kopf, während sie sich ihren Weg durch den morgendlichen Verkehr bahnte. Die Traumbilder schienen sehr viel lebhafter und realer zu sein als das triste, einsame Leben, das sie hier in Seattle lebte. Sie war gut darin, Träume zu analysieren – sie hatte weiß Gott genug Übung darin –, aber so viel sie auch darüber nachgrübelte, für diesen einen fiel ihr keine plausible Begründung ein.

Sie war winzig und schwamm in einem gläsernen Aquarium. Das Licht funkelte auf den falschen bunten Steinen, die den Boden bedeckten. Langsam schwamm sie durch kleine Korallen, über ein Miniaturschloss aus Plastik und ein versunkenes Piratenschiff. Sie war nackt und sich dessen schrecklich bewusst. Sie versuchte, sich ihr langes Haar um den Körper zu schlingen, aber immer wieder trieb es als helle, wabernde Wolke zurück in ihr Gesicht. Eine schwarze Piratenflagge bewegte sich träge im Wasser. Der Schädel und die gekreuzten Knochen darauf waren das letzte Bild, das sie mitnahm, als der Wecker sie um 5:30 Uhr aus dem Schlaf riss.

Als ein Ford Explorer hinter ihr hupte, weil die Ampel inzwischen grün war, zuckte sie zusammen. Sie musste in der Realität bleiben und sich auf die regennassen Straßen konzentrieren.

Dieser Traum kehrte immer wieder, seit sie in dem Haus wohnte, das Lazar Import und Export ihr zur Verfügung gestellt hatte. Wohnte, nicht lebte, denn es gelang ihr einfach nicht, sich dort wohlzufühlen, obwohl es ein schönes Haus war, bereits vollständig möbliert und viel zu luxuriös für eine kleine Vorstandsassistentin. Es machte sie nervös. Sie hatte schon genug Probleme und wollte sich nicht auch noch in ihren eigenen vier Wänden unwohl fühlen. Sie hatte vor, sich eine eigene Wohnung zu suchen, sobald sie etwas Luft zum Atmen hatte. Zum Teufel mit den Extrakosten.

Davon zu träumen, dass sie nackt, gefangen und hilflos war, tat ihrem Selbstbewusstsein nicht gerade gut. Sie wünschte sich, dass sie mal einen Traum von sich hätte, in dem sie mutig und furchtlos war. Eine Piratenkönigin, die ein Entermesser schwang und ihren Kampfruf ausstieß. Aber sie konnte sich nicht beschweren. Der Aquariumtraum war um einiges weniger anstrengend als der Traum von dem blutenden Grabstein. Aus ihm wachte sie wenigstens nicht nach Luft ringend und mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen auf, voller Trauer um ihren verstorbenen Vater.

Trotzdem, der Schädel und die gekreuzten Knochen beunruhigten sie. In ihren wiederkehrenden Träumen gab es immer irgendwelche Bilder, die für den Tod standen. Glückliches Mädchen, dachte sie mit grimmigem Vergnügen. So fängt man den Tag richtig an … mit einem bluttriefenden Dolch, einem Nest voller Schlangen oder einem Atompilz. Der tägliche Schrei, mit dem sie Adrenalin in ihren Körper pumpte, war besser als Kaffee.

Ihr Magen flatterte, als sie in die Parkgarage des Gebäudes fuhr, in dem sich die Firmenbüros befanden. Jeremy, der stets zu einem Flirt aufgelegte Parkwächter, zwinkerte ihr zu und winkte, während ihr nur ein mattes Lächeln gelang. Sie hatte ihren Job bei Lazar Import und Export unter falschen Voraussetzungen bekommen, und mit jedem Tag zahlte sie einen höheren Preis für diesen Betrug. Sie hatte die riesige Firma, die in vielen unterschiedlichen Bereichen tätig war, bis in den letzten Winkel durchleuchtet und ihren Lebenslauf so angepasst, dass er dem Personalchef gefallen musste. Sie beruhigte ihr schlechtes Gewissen, indem sie sich sagte, dass sie im Recht war und alles einer gerechten Sache diente. Trotzdem hatte Raine noch nie gut lügen können. Eine Kleinigkeit zum Frühstück würde jetzt helfen, aber dafür war keine Zeit, nicht mal für ein Stück Gebäck.

Bei Lazar Import und Export musste man weiß Gott schon hart genug arbeiten, auch wenn man nicht ständig lügen musste. Es war der mieseste und tückischste Arbeitsplatz, den sie je erlebt hatte. Jederzeit musste man damit rechnen, ein Messer in den Rücken gerammt zu bekommen. Zudem bestand nicht die geringste Chance, Freundschaften mit Kollegen zu knüpfen.

Kritisch betrachtete sie ihr Spiegelbild in den auf Hochglanz polierten Wänden des Fahrstuhls. Sie hatte abgenommen. Ihr Rock saß zu tief auf den Hüften. Aber wer hatte bei Lazar schon Zeit, etwas zu essen? Sie konnte schon von Glück sagen, wenn sie im Laufe des Tages eine Sekunde Zeit fand, um zu pinkeln.

Der Fahrstuhl hielt im Erdgeschoss und verkündete dies mit einem Ping, als sie gerade noch einmal ihre Lippen nachzog. Die Tür glitt auf, ein Mann kam herein, und die Tür schloss sich wieder hinter ihm. Die Kabine schien plötzlich sehr eng zu sein. Sie steckte den Lippenstift wieder in ihre Handtasche, und ein leichtes Kribbeln lief über ihre Haut, wie eine Brise, die durchs hohe Gras raschelte.

Sie achtete darauf, ihn nicht direkt anzusehen, wie es sich in einem Fahrstuhl gehörte, aber aus den Augenwinkeln konnte sie trotzdem einen flüchtigen Eindruck gewinnen. Er war groß, vielleicht etwas über eins achtzig. Schlank. Dunkel gebräunte Haut. Sie warf einen flüchtigen Blick auf seine großen Hände, die aus den weißen Manschetten seines Anzugs hervorschauten – seines sehr eleganten und teuren Anzugs. Wahrscheinlich Armani, dachte sie und warf einen Blick auf den Schnitt seiner Ärmel. Ein Sommer in Barcelona mit diesem schamlosen Modepüppchen Juan Carlos hatte sie eine Menge Feinheiten über Männermode gelehrt.

Der Mann sah sie an. Sie spürte den Druck und die Hitze seines Blicks auf der Seite ihres Gesichts. Sie hätte ihn direkt ansehen müssen, um sicher zu sein. Und zum ersten Mal war ihre Neugier stärker als ihre Furcht.

Vielleicht waren es der Totenschädel und die gekreuzten Knochen aus ihrem Traum, die sie überhaupt erst auf den Gedanken brachten, aber das Bild tauchte sofort vor ihrem geistigen Auge auf, als sie den Blick hob, um ihn anzusehen.

Er hatte das Gesicht eines Piraten.

Er war nicht im klassischen Sinne schön. Seine Züge waren zu grob und kantig, seine Nase uneben und schief. Das tiefschwarze Haar war kurz geschnitten. Es stand steil in die Luft wie eine schwarze Scheuerbürste aus Samt. Seine breiten Wangenknochen stachen hervor, und es lagen tiefe Höhlungen darunter. Die Augenbrauen waren dick, mit schwarzen Wimpern darunter, und sein Mund war sowohl grimmig als auch sinnlich. Aber es waren seine Augen, die ihr einen Schock versetzten. Sie waren schwarz, mit schweren Lidern, und wirkten ausgesprochen exotisch. Sie starrten sie mit brennender Intensität an.

Es waren die Augen eines Seeräubers auf Kaperfahrt.

Sein Blick glitt über ihren Körper, als könne er durch ihr klassisches graues Kostüm hindurchsehen, durch ihre Bluse, ihre Unterwäsche direkt bis zu ihrem bebenden Fleisch. Seine Musterung war frech und arrogant, als habe er jedes Recht, sie anzustarren. So wie ein Piratenkapitän vielleicht seine hilflose Gefangene betrachtete … bevor er sie zu weiteren Vergnügungen mit in seine Kabine zerrte.

Raine riss ihren Blick los. Ihre übersprudelnde Fantasie ging sofort mit ihr durch und tauschte den Armanianzug gegen ein Piratenoutfit: weite Bluse, enge Kniebundhosen, in denen sich deutlich sein … seine Ausstattung abzeichnete, ein Enterschwert, das in einer roten Schärpe steckte, und ein goldener Ring im Ohr. Es war lächerlich, aber Hitze stieg in ihr auf, und sie wurde nervös. Sie musste unbedingt aus diesem Fahrstuhl raus, bevor noch die spiegelnden Wände beschlugen.

Zu ihrer ungeheuren Erleichterung hielt der Lift im sechsundzwanzigsten Stock, und die Türen öffneten sich. Sie stürzte hinaus und prallte gegen den Mann, der draußen stand und einsteigen wollte. Sie murmelte eine zusammenhanglose Entschuldigung und eilte in Richtung des Treppenhauses. Wenn sie zu Fuß ging, würde sie zwar zu spät kommen, aber sie konnte sich unterwegs wieder etwas fangen.

Oh Gott, wie armselig und wie typisch. Ein heißer Typ starrte sie im Fahrstuhl an, und sie zerfloss gleich wie eine verängstigte Jungfrau. Sie hatte die einmalige Chance ihres Lebens verpasst, von einem Piraten geschändet zu werden. Kein Wunder, dass sie kein Liebesleben hatte. Sie sabotierte es ja schon, bevor es überhaupt anfangen konnte. Jedes verdammte Mal.

Der Arbeitstag begann Unheil verheißend. Harriet, die Büromanagerin, kam vorbeigefegt, während Raine ihren Mantel aufhängte. Harriets schmales Gesicht war ganz verkniffen vor lauter Missfallen. »Ich hatte Sie früher erwartet«, bemerkte sie schnippisch.

Raine warf einen Blick auf die Uhr. Es war 7:32 Uhr. »Aber ich … es ist nur …«

»Sie wissen genau, dass der aktualisierte Report über die Befolgung der OFAC-Richtlinien um zwölf Uhr fertig und mit FedEx aus dem Haus sein muss! Und wir haben immer noch keine Antwort von der Banque Intercontinentale Arabe über die eingefrorenen Subventionen für die Weinlieferungen. In Paris ist es bereits 16:30 Uhr, und unsere Lieferanten trommeln bereits mit den Fingern. Irgendjemand muss die Bestellung für die brasilianischen Espressobohnen verhandeln, und Sie sind im Moment die Einzige im Büro, die...



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