E-Book, Deutsch, 392 Seiten
Mckinney Der Lord und die Schöne
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-548-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Eine prickelnde Regency-Romance in Irland
E-Book, Deutsch, 392 Seiten
ISBN: 978-3-96655-548-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meagan McKinney, geboren 1961, ist studierte Biologin. Diese Karriere ließ sie jedoch schon früh hinter sich, um sich voll und ganz dem Schreiben von historischen Liebesromanen zu widmen. Heute lebt sie mit ihren zwei Kindern in New Orleans. Die Autorin veröffentlicht bei dotbooks auch die folgenden Titel: 'Die Leidenschaft des Piraten' 'Der Rebell und die Lady' 'Der Outlaw und die Lady'
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Kapitel 2
Der Junge flitzte aus dem Pfarrhaus, als wäre ihm der Leibhaftige auf den Fersen. Ohne Respekt für die Plackerei des alten Mannes rannte er quer durch O'Sheas sorgsam angepflanzten Roggen. Auf O'Sheas Boden gab es keinen einzigen Stein, der nackte Füße aufschürfen konnte, aber der Junge schien die samtweiche Erde unter seinen Sohlen nicht würdigen zu können. O'Shea und seine Söhne hatten sich für die saftig grünen Roggenhalme auf ihrem Feld fast zu Tode geschuftet, durch das sich nun eine Trampelspur rücksichtslos niedergetretener Halme zog.
»Warum hast du es so eilig, Junge?« rief Griffen O'Rooney. Die gebeugte Gestalt des alten Mannes hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit den knorrigen Eiben, die ihn umgaben. Er jätete gerade Unkraut von einem Grab, aber da Kirche und Friedhof auf einer Anhöhe lagen, sah er selbst aus seiner gebückten Position, daß Michael O'Shea mit geschwungener Hacke aus seinem Haus gestürmt kam und wütend seinen zertrampelten Roggen betrachtete.
»Ich soll für den Vikar eine Botschaft überbringen!« schrie der Junge zurück und rannte noch schneller, als er die drohend erhobene Hacke erblickte.
Griffen O'Rooney sah Timothy nach, während Michael O'Shea mit seiner Hacke auf den Friedhof geschlendert kam.
»Habe ich eben richtig gehört?« fragte O'Shea erstaunt. »Hat der Junge wirklich gesagt, er habe für den Pfarrer eine Botschaft zu überbringen?«
»Erstaunlich, erstaunlich«, erwiderte Griffen angestrengt nachdenklich und blickte noch immer dem Jungen nach. Er war so taub wie eine Dubliner Hinterhofratte, hätte das aber nie zugegeben. Aber seine Augen waren scharf. Er wußte, was er gesehen hatte. Und er wußte auch, was es bedeutete.
Beide Männer sahen zu, wie der Junge durch Doyles pralle Kohlköpfe raste, dann den Hügel hinunter und quer über Maguires Brachland. Weiter hinten erhoben sich die Sorra Hills im Purpurhauch des Sonnenuntergangs und gaben etwas von ihrem Glanz auch an die Ansammlung alter Cottages zu ihren Füßen ab. Zu ihnen wollte der Junge. Wie vieles in der Grafschaft Lir wurden die flachen Reetdächer, die Mauern aus lehmverputzten Feldsteinen der wilden Schönheit der Landschaft bei weitem nicht gerecht, legten jedoch allein durch ihr Alter ein Zeugnis für geduldige Beharrlichkeit ab.
Leichter Dunst trieb vom Carlingford Lough heran. Unvermittelt fiel Griffen auf, wie eigenartig die Umgebung wirkte. Im heranwogenden Nebel schienen die uralten aufrechten grauen Ogham-Steine der Druiden Leben anzunehmen und zu Schlangen und Geistern zu werden, obwohl sie doch nur Felsblöcke waren.
Er wußte, was kommen würde. Sein ganzes Leben lang hatte er auf diesen Augenblick gewartet. Sein Vater hatte ihm davon erzählt, so vertraulich, als handelte es sich um eine besondere Vorbereitung auf das Erwachsenenleben. Doch obwohl er irgendwie nie ganz ausgeschlossen hatte, daß es tatsächlich geschehen könnte, hätte er doch nicht gedacht, daß es so sein würde. Daß es ihm das Land, Irland selbst, sagen würde, wenn es soweit war. Durch die unheimliche Art, wie die Sonne den Dunst durchglühte, durch die seltsame Weise, wie die Sorra Hills in der Ferne fast in Flammen zu stehen schienen. In den ganzen siebzig Jahren, die er im Freien verbracht hatte, hatte er sie noch nie so gesehen wie jetzt, da der Junge auf sie zulief. Sie waren geheimnisvoll verwunschen, unnatürlich, vermutlich verzaubert.
Durch den heranwabernden Dunst konnte O'Rooney in der Ferne noch immer die See ausmachen, die gischtend gegen die felsige Küste brandete. Es würde eine stürmische Nacht werden. Und während eines Sturms sollte es geschehen.
Er sah auf seine Hände hinunter, die vom Gräberschaufeln und Unkrautjäten alt und verbraucht waren. Im Licht der untergehenden Sonne blitzte ein goldener Ring auf, der so klein war, daß er ihn auf den kleinen Finger stecken mußte. Fast sein ganzes Leben lang hatte er ihn getragen, er war für ihn so etwas wie ein guter Freund geworden, doch nun würde er sich bald von ihm trennen müssen. Es war der mittlere Reif eines Liebesrings, in den ein Herz eingraviert war. Sein Vater hatte ihm das alte Schmuckstück gegeben und von seiner Bestimmung erzählt. Nach der Verlobung trug der Bräutigam einen Reif und die Braut einen anderen. Bei seiner Hochzeit sollte Griffen alle drei Ringe am Finger der Braut vereinen. Das Schmuckstück stammte angeblich aus der vorchristlichen Zeit Irlands.
Es war eine sehr eigentümliche Atmosphäre heute abend. Zu friedlich, auch wenn die See ein Toben der Elemente verhieß. Selbst die Luft fühlte sich irgendwie anders an. Mit dem Dunst wehte der Geruch des Meeres heran. Das salzige, mineralische Aroma kündete von längst vergangenen, aber nie vergessenen Zeiten und Bereichen. O'Rooney empfand einen fast unwiderstehlichen Drang, sich zu bekreuzigen.
»Heute sind die Geister unterwegs, nicht wahr?« flüsterte O'Shea neben ihm und ließ gleichfalls keinen Blick von der sich ständig verändernden Landschaft.
Griffen hatte O'Sheas Anwesenheit fast vergessen. Als er jetzt sah, daß der Junge in der Ferne an die Tür des Pfarrers klopfte, antwortete er nicht. Die Tür des Cottages schloß sich wieder, und Griffen blickte sich um. Der Dunst hatte sich unvermutet aufgelöst, und die Landschaft sah so aus, wie er sie in Erinnerung hatte, ihre vielfältigen Grüntöne wirkten matter unter dem Einfluß des Unwetters, das sich über der Irischen See zusammenbraute.
Entschlossen schien O'Shea als guter Katholik, der er war, alle Gedanken an Geister und Feen aus seinem Kopf zu verdrängen und schlenderte zu seinem Cottage zurück. Nur zögernd nahm Griffen seine Arbeit wieder auf und rupfte das Unkraut vom Grab einer Frau, die er gut gekannt hatte. Hin und wieder sah er sich verstohlen um, als rechnete er damit, daß jeden Augenblick die eigentümliche Vereinigung von Licht und Schatten die Landschaft wieder verändern würde. Und seine Gedanken waren bei dem Jungen und der Botschaft, die er mit Sicherheit zu überbringen hatte.
Father Patrick Nolan saß in einem alten, zerschlissenen Armsessel und hielt die Nachricht von Drummond in den Händen. Seine Haushälterin Moira rührte in dem Topf mit Hammelfleisch und Kohl, der an einem Wandhaken über der Feuerstelle hing. Sie schien sich ganz auf ihren Eintopf zu konzentrieren, aber ihrer gerunzelten Stirn entnahm der Priester, daß sie über die Botschaft aus dem Pfarrhaus der Church of Ireland ebenso besorgt war wie er.
Erneut las Nolan den Brief und bewegte lautlos die gefurchten, rosigen Lippen. Seine offenen, runden und sehr irischen Gesichtszüge, die von sechs Jahrzehnten des Leids und der Freude kündeten, schienen mit jedem Satz älter zu werden. Älter und blasser. Schließlich faltete er das Schriftstück und steckte es in eine verborgene Tasche seiner Soutane.
Mit hochgezogenen Brauen stellte Moira Fennerty den gesprungenen Staffordshire-Teller neben das silberne Eßbesteck, wie sie es seit zwanzig Jahren jeden Abend tat. Doch heute war es anders. Er sah, daß sie vor Neugierde brannte, ihm Fragen zu stellen.
»Heute ist mir das Stew besonders gut gelungen«, sagte sie in der Hoffnung, eine Unterhaltung in Gang zu setzen. »Ich habe etwas Brot von Mistress McGrath bekommen. Sie hat von ihrer Fahrt nach Waterford weißes Mehl mitgebracht. Möchten Sie ein Stück, Father?«
»Sprechen Sie mit mir, Moira?« erkundigte er sich streng auf Gälisch.
Moira zuckte sichtlich zusammen. »Ich ... ich ... Möchten Sie vielleicht eine Scheibe Brot zu Ihrem Essen, Father?« wiederholte sie in Gälisch und zerbrach sich fast die Zunge an ihrer Muttersprache, die nach Jahrhunderten unter der britischen Krone für sie fremder geworden war als das Englische.
Father Nolan schüttelte den Kopf und starrte wieder nachdenklich ins Feuer.
»Was steht denn in dem Brief, Father?« platzte Moira heraus, die ihre Unruhe nicht mehr zügeln konnte.
»Nichts, was Sie vielleicht befürchten«, beruhigte er sie in der Sprache, die sie am besten kannte. »Der Vikar und ich haben etwas zu erledigen, was nicht gleich der ganze Landkreis zu erfahren braucht.«
»Ich sage zu niemandem ein Sterbenswörtchen, das verspreche ich.«
Der Priester wurde zugänglicher. »Moira Fennerty, ich weiß, daß Sie keine Klatschbase sind. Aber nehmen Sie es mir nicht übel, ich kann Ihnen nichts darüber erzählen. Ich habe vor langer Zeit mein Wort gegeben, sehen Sie das ein?« Sie sah es eindeutig nicht ein, und er blickte sich in dem behaglichen Raum um, als suchte er nach den rechten Worten, es ihr begreiflicher zu machen. »Sie sollten vielleicht davon ausgehen, daß ich mit Reverend Drummond heute abend an einem gesellschaftlichen Zusammensein teilnehmen muß.«
Moira ließ die Kelle sinken und sah den Priester an, als hätte er ihr geraten, sich den Teufel austreiben zu lassen. »Sie haben doch nicht wirklich die Absicht, mit diesem ... diesem Mann gesellschaftlich zu verkehren?«
»Dieser Mann war einst mein Jugendfreund. Als wir erwachsen wurden, hat uns die Politik auseinandergebracht, aber das müssen wir für heute abend einmal vergessen.«
»Politik! Und warum bestehen Sie dann darauf, daß wir alle Gälisch sprechen? Sie und Ihresgleichen waren es doch, die insgeheim Schulen einrichten ließen, damit unsere Kinder unsere irische Muttersprache wieder lernen können. Sie und Ihresgleichen sind es doch, die uns an die englische Unterdrückung erinnern. Und nun erklären ausgerechnet Sie mir, Sie müßten mit dem Vikar gesellschaftlich verkehren? Mit dem Mann, dessen Kirche keine Gemeinde hat, aber in ganz Irland Steuern erhebt?«
Der Priester seufzte tief auf. »Reverend Drummond hat nichts damit zu tun, daß die Engländer unser Land gestohlen...




