McMann WAKE - Ich weiß, was du letzte Nacht geträumt hast
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8387-0680-1
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 221 Seiten
Reihe: Baumhaus
ISBN: 978-3-8387-0680-1
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Träume, in denen man nackt durch die Stadt geht? Aus einem Hochhaus stürzt? Die hübsche Nachbarin küsst? Das hat die siebzehnjährige Janie alles schon zur Genüge gesehen - in anderer Menschen Träume. Wann immer jemand in ihrer Umgebung einschläft, kann sie seine Träume sehen. Nur kann sie niemandem davon erzählen, denn keiner würde ihr glauben. Und so lebt sie mit einer Gabe, die sie nicht will und die sie nicht kontrollieren kann. Doch dann wird sie in einen Alptraum gezogen, der ihr das Blut in den Adern gefrieren lässt. Zum ersten Mal ist Janie mehr als nur die Zuschauerin eines Traums. Sie ist mittendrin ...
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Schwerwiegend
1. Februar 2005
Janie ist siebzehn.
In der Englischstunde schläft ein Junge namens Jack Tomlinson ein. Janie sieht von der anderen Seite des Klassenzimmers, wie sein Kopf nach vorne fällt. Sie beginnt zu schwitzen, obwohl es kalt ist im Raum. Es ist 11:41 Uhr. Noch sieben Minuten, bis es zur Mittagspause klingelt. Zu lange.
Sie steht auf, nimmt ihre Bücher und eilt zur Tür. »Mir ist schlecht«, erklärt sie der Lehrerin. Diese nickt ihr verständnisvoll zu. Melinda Jeffers kichert hämisch aus der hinteren Reihe. Janie geht hinaus und schließt die Tür. Sie lehnt sich an die kühle, gekachelte Wand, holt tief Luft, geht in die Mädchentoilette und schließt sich in einer Kabine ein.
Auf dem Klo schläft nie jemand.
Rückblende – 9. Januar 1998
Es ist Janies zehnter Geburtstag. Tanya Weersma schläft in der Schule mit dem Kopf auf dem Federmäppchen ein. Sie schwebt, gleitet. Und dann fällt sie. Sie stürzt in einen Abgrund. Mit rasender Geschwindigkeit zieht eine Klippe an ihr vorbei. Tanya sieht Janie an und schreit. Janie schließt die Augen, ihr wird schlecht.
Sie schrecken gleichzeitig auf. Die Viertklässler lachen.
Janie entschließt sich, ihre Geburtstagsmitbringsel doch nicht zu verteilen.
Das kam nach der Zugfahrt und dem Mann in Unterwäsche.
Vor der Highschool war es für Janie nur ein paarmal knapp geworden. Aber je älter sie wird, desto öfter schlafen ihre Klassenkameraden in der Schule ein. Und je mehr Schüler einschlafen, desto schwieriger wird es für Janie. Sie muss weg, sie aufwecken oder die Folgen riskieren.
Noch eineinhalb Jahre.
Und dann …
… das College.
Eine Zimmergenossin.
Janie legt den Kopf in die Hände.
Nach dem Mittagessen verlässt sie die Toilette und geht in die nächste Klasse. Unterwegs holt sie sich ein Snickers.
Noch zwei Wochen später machen Melinda Jeffers und ihre reichen Freundinnen Würgegeräusche, wenn sie Janie im Gang begegnen.
15. Juni 2005
Janie ist siebzehn. Sie schuftet sich zu Tode und nimmt so viele Schichten an wie möglich.
Der alte Mr Reed im Pflegeheim liegt im Sterben.
Seine Träume werden häufig und schrecklich.
Er wacht nicht so leicht auf.
Während sein Körper immer mehr dahinschwindet, wird der Sog seiner Träume gespenstisch stark. Wenn seine Tür jetzt offen steht, kann Janie diesen Flügel nicht betreten.
Damit hat sie nicht gerechnet.
Also stellt sie bei jeder Schicht eine seltsame Bitte. »Wenn ihr den Ostflügel übernehmt, mache ich den Rest.«
Die anderen Pfleger glauben, sie hat Angst, Mr Reed sterben zu sehen.
Aber das macht Janie nichts aus.
21. Juni 2005, 21:39 Uhr
Das Heather-Heim ist knapp an Personal. Es ist Sommer. Drei Patienten liegen im Sterben. Zwei haben Alzheimer. Einer träumt, weint und schreit.
Jemand muss die Bettpfannen leeren. Die Nachtmedikamente verteilen. Die Zimmer für den Tag herrichten.
Janie nähert sich vorsichtig. Sie steht im Westflügel, schaut in den Ostflügel und versucht, ihn sich einzuprägen. An der rechten Seite sind fünf Türen und sechs Handläufe. Die letzte Tür auf der rechten Seite führt in das Zimmer von Mr Reed. Zehn Schritte weiter ist eine Wand und dann kommt der Notausgang.
Manchmal steht ein Wagen zwischen Tür drei und vier. Manchmal sammeln sich vergessene Rollstühle zwischen Tür eins und zwei an. Im Ostflügel steht auch häufig eine Bahre, aber meist auf der linken Seite. Janie muss einen Überblick haben, bevor sie den Gang betritt, egal an welchem Tag. Denn an manchen Tagen, eigentlich an den meisten, laufen die Leute völlig planlos umher. Und Janie will nicht in jemanden hineinlaufen, falls sie nichts mehr sehen kann.
Heute Abend ist niemand im Gang. Janie hat gesehen, dass die Silva-Familie in Zimmer vier zu Besuch gekommen ist. Sie überprüft das Verzeichnis und stellt fest, dass sie schon wieder weg sind. Es sind keine weiteren Besucher vermerkt. Es wird spät. Janie muss ihre Arbeit tun oder sie wird gefeuert.
Sie betritt den Ostflügel, hält sich am Geländer fest und sinkt fast in die Knie.
21:41 Uhr
Der Schlachtlärm ist überwältigend. Sie versteckt sich mit Mr Reed in einem Schützenloch an einem Strand, der mit Leichen übersät und blutgetränkt ist. Die Szene ist Janie so vertraut, dass sie die Gespräche – und sogar den Einschlag der Kugeln – auswendig kennt. Und es endet immer auf die gleiche Weise, mit zerschmetterten Armen und Beinen, Knochen, die unter den Füßen splittern, und Mr Reeds Körper, der in winzige Stücke zerbricht, wie ein Stück Käse, das zerrieben wird, oder wie ein Leprakranker, der sich auflöst.
Janie versucht, normal den Gang entlangzugehen, indem sie sich am Handlauf festhält. Sie kann sich nicht stark genug konzentrieren, um die Türen zu zählen, so intensiv ist der Traum. Sie geht weiter, tastend, bis sie an die Wand stößt. Sie verliert das Gefühl in Fingern und Füßen. Sie will, dass es aufhört. Sie geht acht, zehn, vielleicht zwölf Schritte zurück und fällt vor Mr Reeds Tür auf den Boden. Ihr Kopf dröhnt, als sie Mr Reed in die Schlacht folgt.
Sie will die Tür finden, um sie zu schließen. Sie versucht es, doch sie kann nichts fühlen. Sie weiß nicht, ob sie etwas berührt oder nicht. Sie ist gelähmt. Taub. Verzweifelt.
Am blutigen Strand sieht Mr Reed sie an und winkt ihr, ihm zu folgen. »Hier hinter!«, sagt er. »Hier sind wir sicher.«
»Nein!«, versucht sie zu schreien, aber es ertönt kein Laut. Sie kann seine Aufmerksamkeit nicht erringen. Nicht dorthin! Sie weiß, was passieren wird.
Zuerst fallen Mr Reeds Finger ab.
Dann Nase und Ohren.
Er sieht Janie an.
Wie immer.
Als ob sie ihn betrogen hätte.
»Warum hast du mir das nicht gesagt?«, flüstert er.
Janie kann nicht sprechen, kann sich nicht bewegen. Wieder und wieder kämpft sie, hat das Gefühl, als würde ihr jeden Moment der Kopf platzen. Stirb doch einfach, alter Mann!, würde sie am liebsten schreien. Ich kann einfach nicht mehr! Sie weiß, dass es fast vorbei ist.
Doch da ist noch mehr. Etwas Neues.
Als seine Füße an den Knöcheln abbrechen und er auf seinen Beinstümpfen stolpert, dreht sich Mr Reed zu ihr um. Seine Augen sind vor Angst geweitet und die Schlacht tobt um ihn herum. »Komm näher«, sagt er. Er schiebt ihr das Gewehr in die Arme. Dabei bricht sein Arm an der Schulter ab und zerkrümelt wie Pulver auf dem Strand. Dann beginnt er zu weinen. »Hilf mir, Janie, hilf mir!«
Janie reißt die Augen auf. Sie sieht den Feind, aber sie weiß, dass dieser sie nicht sehen kann. Sie ist in Sicherheit. Sie sieht Mr Reed in die flehenden Augen.
Hebt das Gewehr.
Legt an.
Und drückt ab.
22:59 Uhr
Als der dröhnende Gefechtslärm in Mr Reeds Traum abrupt verstummt, findet Janie sich zusammengekrümmt auf einer Bahre im Gang des Ostflügels wieder. Sie blinzelt, ihr Sehvermögen kehrt langsam zurück, und sie erkennt, dass zwei Pfleger des Heather-Heims sie ansehen. Mit klopfendem Herzen setzt sie sich halb auf.
»Vorsichtig, Janie, Liebes«, beruhigt sie eine Stimme. »Du hattest eine Art Anfall oder so. Wir sollten auf den Arzt warten, ja?«
Janie legt den Kopf schief und lauscht auf das leise Piepen. Einen Augenblick später hört sie es.
»Der alte Mr Reed ist tot«, sagt sie heiser. Dann sinkt sie auf die Bahre zurück und verliert das Bewusstsein.
22. Juni 2005
»Wir müssen ein paar Tests machen. Und eine CT«, sagt der Arzt.
»Nein, vielen Dank«, lehnt Janie höflich, aber bestimmt ab.
Der Arzt sieht Janies Mutter an. »Mrs Hannagan?«
Janies Mutter zuckt die Schultern, sieht aus dem Fenster und spielt mit zittrigen Fingern am Reißverschluss ihrer Handtasche.
Aufgebracht seufzt der Arzt. »Ma’am«, versucht er es erneut. »Was ist, wenn sie einen Anfall hat, während sie Auto fährt? Oder über eine Straße geht? Das sollten Sie bitte bedenken!«
Mrs Hannagan schließt die Augen.
Janie räuspert sich. »Können wir gehen?«
Der Arzt sieht Janie prüfend an, dann schaut er zu ihrer Mutter, die den Blick gesenkt hat. »Natürlich«, sagt er sanft. »Können Sie mir etwas versprechen? Nicht nur für Ihre eigene Sicherheit, sondern auch für die von anderen Verkehrsteilnehmern – bitte fahren Sie nicht mit dem Auto.«
Es wird nicht passieren, wenn ich fahre, würde sie ihm gerne versichern, nur damit er sich nicht so große Sorgen macht. »Natürlich. Ich verspreche es. Wir haben sowieso kein Auto.«
Mrs Hannagan steht auf. Janie ebenfalls. Auch der Arzt erhebt sich. »Rufen Sie in unserem Büro an, falls so etwas noch einmal passiert, ja?« Er streckt Janie die Hand hin, die sie schüttelt.
»Ja«, lügt Janie. Sie gehen zurück ins Wartezimmer.
Janie schickt ihre Mutter zur Bushaltestelle vor. »Ich komme gleich nach«, erklärt sie.
Ihre Mutter verlässt das Büro. Janie zahlt die Rechnung. Einhundertzwanzig Dollar von ihrem Ersparten für das College. Sie will sich gar nicht vorstellen, wie teuer eine CT gewesen wäre. Und sie hat nicht die Absicht, auch...




