McManus | Der letzte Pfeil | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

McManus Der letzte Pfeil

Nur wer alles gibt, wird alles gewinnen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-451-82010-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Nur wer alles gibt, wird alles gewinnen

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-451-82010-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



„Bevor du es von jemand anderem hörst, lass es mich dir sagen: Ich werde sterben.“ Bislang war dieser Satz für Erwin McManus nur ein rhetorischer Clou in einem Buch, mit dem er die Leser zu einem aktiven, selbstständigen Leben ermutigen wollte. Ein Jahr, nachdem er den Satz niedergeschrieben hat, liest McManus ihn mit ganz neuen Augen. Eine Krebsdiagnose holt ihn auf den harten Boden der Tatsache zurück, dass er womöglich schon sehr bald sterben wird. An dieser Erfahrung gereift, hilft sein neues Buch dem Leser, ohne Reue auf das Leben zurückblicken zu können und die Zeit sinnvoll zu nutzen, die ihm zur Verfügung steht. „Von allen meinen Büchern hat Der letzte Pfeil die größte persönliche Bedeutung für mich.“ (Erwin McManus)

McManus Der letzte Pfeil jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1.Von hier aus kein Zurück

William Osborne McManus heiratete meine Mutter, als ich etwa drei Jahre alt war. Er war nicht mein leiblicher Vater, und er hat mich oder meinen Bruder nie legal adoptiert, aber er war im Grunde der einzige Vater, den ich je kannte. Wir kamen uns nahe, und ich kann mir vorstellen, dass ich ihn in meiner Kindheit so sehr liebte, wie ein Sohn einen Vater nur lieben konnte. Als kleiner Junge nannte ich ihn Dad. Später war er für mich einfach nur?Bill.

Dieser Mann war in jeder Hinsicht ein Widerspruch in sich. Er war warmherzig und einnehmend, charismatisch und gewinnend. Gleichzeitig war er ein Betrüger, für den die Wahrheit einfach nur ein Stoff war, den er in die Lügen einwebte, mit denen er sich gerade durchlavierte. Ich weiß noch, wie der Film Catch Me If You Can mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle herauskam. Mein Bruder Alex rief mich an und sagte: „Hast du den Film gesehen? Das ist Dad.“ Ich hatte genau den gleichen Gedanken, als ich im Kino saß und mir den Film ansah. Wenn du meine Kindheit verstehen willst – da hast du sie in zwei Stunden zusammengefasst.

Im Lauf der Jahre hat Bill meiner Familie tiefen Schmerz zugefügt mit seiner Rücksichtslosigkeit gegenüber meiner Mutter und meinen beiden kleinen Schwestern, die seine leiblichen Töchter waren. Als er uns verließ – ich war siebzehn Jahre alt – war von all der Liebe, die ich für ihn empfunden hatte, nur noch Verachtung übrig. An diesem Tag muss er wohl in meinen Augen gesehen haben, was ich fühlte und dachte, denn er kam aggressiv auf mich zu. Instinktiv wollte ich ängstlich zurückweichen, doch dann war mein Zorn stärker, und ich stellte mich. Als er vor mir stand, sagte er: „Schlag mich. Das willst du doch, oder? Zeig mal, ob du genug Mumm in den Knochen?hast.“

Ich sah ihn an und sagte: „Du bist die Mühe nicht?wert.“

Während er in seinen Wagen stieg, flehten meine beide kleinen Schwestern mich an, irgendetwas zu tun, damit es zur Versöhnung kam. Ich ging nach draußen und bat ihn inständig, nicht zu gehen. Das Letzte, was ich von ihm an diesem Tag in Erinnerung habe, war sein Gesicht jenseits der Windschutzscheibe, als er mich beim Anfahren mit dem Kotflügel streifte.

Selbst nach diesem schicksalhaften Tag fanden wir einen Weg, uns zu versöhnen und telefonisch in Kontakt zu bleiben, wenn auch nur sehr sporadisch. Aber an dem Sprichwort ist etwas Wahres dran: Was zerrissen wurde, kann man nicht flicken. Schließlich heiratete Bill wieder, und etwa zur gleichen Zeit heiratete auch ich. Als wäre es ein Drehbuch, waren seine neue Frau und meine Frau Kim zur gleichen Zeit schwanger. Aber aus vielerlei Gründen, die ich nicht alle erklären kann, traf ich die schwere Entscheidung, meinen Stiefvater in der Vergangenheit zurückzulassen und mich darauf zu konzentrieren, für meine Familie eine Zukunft aufzubauen, in der Bill keine Rolle spielte.

Ehe ich mich versah, waren fünfzehn Jahre vergangen – Jahre, in denen Bill und mein Sohn Aaron sich nie begegneten. Aaron war der erste echte McManus in unserer Familie. Ich hatte den Namen McManus von Bill übernommen, ohne dass er jemals amtlich mein Vater geworden wäre. Und wie die Ironie es wollte, hieß er nicht einmal wirklich McManus – das war nur ein Pseudonym, das er sich zugelegt hatte. Er war einer von den Leuten, die immer auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit sind, und seine falsche Identität war ein Teil dieser Flucht. Aaron schließlich kam als Erster rechtmäßig zu diesem?Namen.

Als Aaron fünfzehn Jahre alt war, wollte er den Mann treffen, von dem ich diesen Namen hatte – den Mann, den ich meinen Vater nannte. Das war ich ihm schuldig. Obwohl ich seit fünfzehn Jahren nicht mehr mit meinem Vater gesprochen hatte, spürte ich ihn auf, als wäre er ein Fremder, den ich zum ersten Mal treffen wollte. Wir fanden ihn in einer kleinen Stadt namens Matthews in der Nähe von Charlotte, North Carolina,. Er war überglücklich, mich zu sehen, und ebenso überglücklich, meinen Sohn kennenzulernen. Ich glaube, dadurch, dass ich mich in den letzten fünfzehn Jahren aus seinem Leben herausgelöst hatte, hatte ich ihn sehr traurig gemacht.

Ich wusste nicht, was mich erwartete, aber das Wiedersehen verlief ganz gut – zunächst. Aber dann schickten wir uns zum Aufbruch an, und ich hörte ihn die letzten Worte sagen (nicht nur die letzten Worte an diesem Tag, sondern für immer, da er nicht allzu lange danach starb). In meiner Gegenwart sagte er zu meinem Sohn: „Ich weiß nicht, was dein Vater dir erzählt hat, aber er war mittelmäßig. Er war einfach mittelmäßig. Sein Bruder war außergewöhnlich, aber dein Vater war nur mittelmäßig.“

Diese Worte bohrten sich in mich hinein wie ein Messer. Bitte versteh mich nicht falsch. Was mir so wehtat, war nicht, dass dies die letzten Worte waren, die mein Vater je über mich sagte. Das Schlimmste für mich war auch nicht, dass mein Sohn dieses Urteil hörte. Was mich am tiefsten traf, war das schreckliche Gefühl, dass Bill McManus recht hatte – ich war nur Mittelmaß.

Offen gesagt, wenn man sich meine frühen Lebensjahre anschaut, müsste man diese Worte noch als eine schmeichelhafte Übertreibung bezeichnen. Ich lag in der Tat immer unter dem Durchschnitt. In der Schule war ich nicht im Mittelfeld; ich war das Schlusslicht. Ich war nicht zweite Wahl; ich war bestenfalls dritte Wahl. Die schmerzliche Wahrheit ist, dass ich es nie ganz schaffte, das Mittelmaß zu erreichen. Immer schien ich im Bodensatz zu versinken. Wenn wir Mannschaften wählten, wurde ich nie als Erster oder Zweiter oder irgendwann in der Mitte ausgewählt. Ich war immer buchstäblich als Letzter?dran.

Und obwohl ich immer hoffte, eines Tages etwas Besonderes zustande zu bringen, muss ich ehrlich zugeben, dass ich mich im Mittelmaß, wenn nicht sogar unter dem Mittelmaß, zu Hause fühlte. In meiner Unsichtbarkeit fand ich auf seltsame Weise Trost und Geborgenheit, einen unauffälligen Schlupfwinkel, in dem ich mich häuslich einrichtete.

Nicht wenige der Gedanken dieses Buches habe ich diesem Gespräch mit Bill zu verdanken. Ich glaube nicht, dass irgendjemand als Durchschnittsmensch geboren wird, aber ich denke, viele von uns entscheiden sich für ein Leben im Mittelmaß. Die Mehrzahl von uns, glaube ich, sind in Gefahr, im Abgrund des Gewöhnlichen zu verschwinden. Das Tragische dabei ist natürlich, dass es an uns nichts wirklich Gewöhnliches gibt. Wir sind vielleicht nicht davon überzeugt, aber tief in unserer Seele wissen wir, dass es so ist, und deshalb quält es uns, wenn wir uns für ein Leben unterhalb unserer Fähigkeiten und Berufungen entscheiden.

Den Vorwurf „Du bist nur Mittelmaß“ kann man auf zweierlei Weise?hören.

Zum einen in dem Sinne, dass man aus mittelmäßigem Holz geschnitzt sei. Die zweite Möglichkeit ist auf unauffällige, aber bedeutsame Art anders. Die Aussage kann sich nämlich auch auf deinen Charakter beziehen – in dem Sinne, dass du den Weg des geringsten Widerstandes gewählt und nicht die Größe angestrebt hast, die in deiner Reichweite liegt. Die schmerzhafte Wahrheit ist: Wenn wir uns nicht bewusst dafür entscheiden, allen Wahrscheinlichkeiten zu trotzen, wird die Mittelmäßigkeit uns unsere Grenzen setzen. Die Wahrscheinlichkeit sagt, dass du und ich im Mittelmaß stecken bleiben werden. Deshalb heißt es ja Mittelmaß. Dort leben die meisten von uns. Wer über das Mittelmaß hinaus will, muss eine Wahl treffen. Er oder sie muss der Wahrscheinlichkeit trotzen. Du hast keinen Einfluss darauf, ob du überdurchschnittlich mit Talent, Intelligenz oder körperlichen Fähigkeiten gesegnet bist. Was du allerdings beeinflussen kannst, ist, ob du dich für ein Leben entscheidest, das durch den Status quo definiert und bestimmt ist. Selbst wenn das Gesetz des Mittelmaßes gegen dich arbeitet, kannst du dich immer noch der Wahrscheinlichkeit widersetzen.

Was Bill damals sagte, bezog sich auf mein Verhalten und das, was dabei herauskam. Ich verließ an diesem Tag sein Haus mit einem festen Entschluss: Ich kann nichts daran ändern, welche Talente mir mitgegeben sind – genauso wie ich mir nicht aussuchen kann, wie intelligent ich bin oder welche anderen Vor- oder Nachteile mir genetisch mit auf den Weg gegeben wurden. Aber dafür, das Potenzial, das Gott mir zum Wohle anderer gegeben hat, zu entwickeln und zu maximieren, bin ich ganz allein verantwortlich, und das würde ich von nun an selbst in die Hand nehmen. Der letzte Pfeil ist eine Reise, die in dem Moment beginnt, wo du die Latte höher legst. Wir müssen die Messlatte für unseren Glauben, unsere Opfer, unsere Erwartungen an uns selbst, unseren Glauben an die Güte und Großzügigkeit Gottes höher?legen.

Wir können uns der Mittelmäßigkeit verweigern. Wir müssen uns der Mittelmäßigkeit verweigern. Wir müssen gegen die Versuchung ankämpfen, uns mit weniger zufriedenzugeben. Das Mittelmaß ist immer eine sichere Wahl, und zugleich ist es die gefährlichste Wahl, die wir treffen können. Das Mittelmaß schützt uns vor dem Risiko des Scheiterns, und zugleich verbaut es uns eine Zukunft, die Größe hat. Der letzte Pfeil ist ein Buch für alle, die entschlossen sind, sich nie mit dem Mittelmaß zufriedenzugeben.

Damit meine ich nicht eine starre Kompromisslosigkeit gegenüber den eigenen Erwartungen und Standards. Bei dem Prozess, in den wir jetzt einsteigen, geht es tatsächlich zu einem großen Teil darum, dass wir lernen, Dinge loszulassen, die eigentlich unwichtig oder auch nur nicht die wichtigsten sind. Dieses Buch handelt nicht davon, andere mit den Maßstäben zu messen, die du festgelegt...


McManus, Erwin Raphael
Erwin Raphael McManus, geb. 1958 in El Salvador, ist ein US-amerikanischer baptistischer Pastor der Mosaic-Church in Los Angeles, Lehrer und Autor mit salvadorianischen Wurzeln. Er ist Professor am Bethel Theological Seminary, wo er sich mit dem Spezialgebiet "Kirche der Zukunft" beschäftigt. Seine Bücher, in denen er für ein vitales, kraftvoll gelebtes Christentum plädiert und den Weg dazu weist, sind weltweite Bestseller.

Erwin Raphael McManus, geb. 1958 in El Salvador, ist ein US-amerikanischer baptistischer Pastor der Mosaic-Church in Los Angeles, Lehrer und Autor mit salvadorianischen Wurzeln. Er ist Professor am Bethel Theological Seminary, wo er sich mit dem Spezialgebiet "Kirche der Zukunft" beschäftigt. Seine Bücher, in denen er für ein vitales, kraftvoll gelebtes Christentum plädiert und den Weg dazu weist, sind weltweite Bestseller.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.