E-Book, Deutsch, Band 651, 115 Seiten
McMason Seewölfe - Piraten der Weltmeere 651
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96688-065-7
Verlag: Pabel eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der "Tod" des Old O'Flynn
E-Book, Deutsch, Band 651, 115 Seiten
Reihe: Seewölfe - Piraten der Weltmeere
ISBN: 978-3-96688-065-7
Verlag: Pabel eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Am zweiten Tag auf See entschlossen sich die Zwillinge schweren Herzens, von ihrem Großvater Abschied zu nehmen. Es war ihr schlimmster Tag. Ihre Gesichter waren kantig und hart, in ihren Augen schimmerten Tränen. Sie konnten den Toten nicht mal in Segeltuch einnähen, weil sie keines besaßen. Sie hatten daher ihre Hemden genommen, seinen Oberkörper umwickelt und verschnürt, so gut es ging. Dann beteten sie für ihn, schluchzend und unter Tränen, und baten ihn um Verzeihung, daß sie jetzt Abschied nehmen müßten. Die beiden waren mit ihren Nerven ziemlich am Ende. Nach dem Gebet hoben sie Old Donegal vorsichtig über Bord und ließen ihn auf das jetzt sehr ruhige Wasser gleiten. Sie nickten sich zu und zogen ihre Arme zurück. Old Donegal versank vor ihren verschleierten Augen ganz langsam in der See...
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2.
„Phantastisch sieht das aus“, schwärmte Philip. „Wie ein kleines, unberührtes Paradies. Ich hätte hier zu gern mal vor etlichen Jahren einen Blick hineingeworfen.“
„Sind wir hier richtig?“ fragte Old Donegal lustlos.
Philip nickte hastig.
„Möglicherweise ja.“
„Was heißt hier möglicherweise ja? Ihr habt doch die Karte studiert, also müßt ihr es auch wissen.“ Old Donegals Stimmung war offenbar auf den Nullpunkt gesunken.
„Die Buchten ähneln einander mitunter sehr“, sagte Hasard. „Und die Karte ist nun mal nicht exakt. In der nächsten Bucht kann es genauso aussehen. Wir müssen eben suchen. Von allein fällt einem kein Goldschatz in die Hände.“
Old Donegal hielt weiter auf den Strand zu. Die Bucht war eingekerbt und teilweise wieder mit Lavagestein durchsetzt.
Als Hasard die Fock wegnahm, lief die Jolle mit einem leisen Knirschen auf den feinkörnigen Sand.
Die Zwillinge sprangen hinaus, während Donegal sitzenblieb und einen Punkt fixierte, an dem es absolut nichts zu sehen gab. Er starrte darauf, als gäbe es dort Nixen und Wassermänner.
„Willst du nicht mit?“ fragte Hasard leise. „Ist es die lieber, wenn wir umkehren und zurücksegeln?“
Old Donegal gab keine Antwort. Er schien die Worte nicht mal zu hören. Stumm und verbissen blickte er in den Sand voraus.
„Er hat wieder seinen Glotzer“, sagte Philip seufzend. „Dann stiert er minutenlang auf einen Punkt und ist völlig abwesend. Laß ihn noch eine Weile in Ruhe. Inzwischen vergleichen wir den Ort noch mal mit der Karte.“
Den „Glotzer“ hatte Old Donegal hin und wieder auch mal an Bord. Er zuckte dann mit keiner Wimper und erweckte den Eindruck, als schlafe er mit offenen Augen. Nicht mal ein lautes Geräusch riß ihn dann aus seiner stummen Betrachtung.
So war es auch jetzt. Er stierte immer noch und schien in einer anderen Welt zu sein.
Philip und Hasard nahmen die Karte zur Hand und verglichen sie immer wieder mit der Wirklichkeit. Sie standen noch neben der Jolle, die sie mitsamt dem Admiral etwas höher auf den Strand gezogen hatten. Selbst das schien Old Donegal nicht zu bemerken.
Er schloß die Augen und öffnete sie gleich wieder. Ziemlich verständnislos blickte, er sich um und schien wie umgewandelt zu sein.
„Ah, wir sind schon da?“ sagte er. „Bin ich eben eingenickt?“
„Du hast nur auf eine ganz bestimmte Stelle geblickt“, sagte Hasard. „Allerdings ziemlich lange.“
„Ich hatte eine Vision“, gestand Old Donegal heiser. „Die schlimmste, die man überhaupt haben kann. Ich sah mich plötzlich tot daliegen, mausetot. Aber trotzdem konnte ich noch denken und sah alles ganz überdeutlich.“
Hasard und Phil blickten sich an und schluckten.
„Du wirst doch nicht dem Profos nacheifern“, sagte Hasard mit einem gekünstelten Lachen. „Der hat auch vor kurzem seinen Tod prophezeit, weil er nicht schnell genug in Plymsons ‚Bloody Mary‘ gelangte. Da sah er plötzlich seinen Tod voraus.“
„Nein, nein, das war bei mir ganz anders. Es war, als stiege ich aus meinem Körper wie aus einer Hülle. Ich schwebte sozusagen über mir selbst und konnte alles wahrnehmen. Da waren auch Leute, die sich über mich beugten, aber ich erkannte sie nicht. Sehr eigenartig war das. Ich wußte genau, daß ich tot bin, und doch lebte ich. Ist das nicht hirnrissig?“ Old Donegal kicherte vor sich hin und schüttelte den Kopf. „So ein Quatsch hab ich noch nie geträumt – oder gesehen. Ja, ich habe es richtig gesehen.“
Philip und Hasard wechselten erneut einen schnellen Blick. Granddad bereitete ihnen Sorgen, aber zumindest schien er wieder zu seiner guten Laune zurückzufinden. Die Zwillinge waren über seinen Wachtraum jedoch mehr beunruhigt als der Alte selbst, der seine Vision diesmal nicht so ernst zu nehmen schien. Möglicherweise war ja auch nichts dran an der Sache.
„Fühlst du dich jetzt wieder besser?“ fragte Hasard besorgt.
„Aber sicher doch. Vorhin lastete etwas Drückendes auf mir. Jetzt ist es verschwunden. Darauf sollten wir einen gluckern.“
„Na, das ist doch ein Wort. Und anschließend sehen wir uns in dieser Bucht genauer um, ja?“
Der Admiral war schon am Zapfen und füllte die Muck, die gleich darauf reihum ging. Sie nickten sich zu und grinsten. Die Zwillinge bemühten sich, das eben gesponnene Thema nicht wieder anzuschneiden.
Old O’Flynn verstaute die Muck sorgfältig und bequemte sich, aus der Jolle zu steigen. Am Strand reckte er ausgiebig die Arme.
„Tut mir leid, wenn ich vorhin etwas mürrisch war“, sagte er. „Ich weiß selbst nicht, an was das lag. Jedenfalls ist meine Stimmung jetzt wieder gestiegen.“
„Vergessen wir’s“, sagte Philip lachend. „Jeder hat mal schlechte Laune, das vergeht wieder.“
Auf die Grabgeräte verzichteten sie vorerst noch. Sie wollten das Zeug nicht mit sich herumschleppen, wenn sie noch keinen genauen Anhaltspunkt hatten. Sie steckten nur die Pistolen in den Hosenbund.
Hoch über ihnen schwebte ein Seevogel und zog weite Kreise. Hin und wieder stieß er einen krächzenden Laut aus.
Als Hasard einmal in den Himmel blickte, sah er, daß die azurfarbene Bläue weiter westlich einem fahlen Weißblau gewichen war. Die satte Tönung war verblaßt, die Farbe wurde immer schwächer.
Sie gingen bis vor das Palmenwäldchen. Die Datteln hingen in schweren Trauben herab, waren aber noch nicht reif. Der Hain schien künstlich angelegt zu sein, und die Symmetrie verriet die Hand eines Menschen. Möglicherweise hatten Piraten sie angepflanzt, die hier einstmals ihren Schlupfwinkel hatten.
Die Zwillinge sahen sich die Palmen an. Manche waren bis zu fünfzehn Yards hoch, aber nichts verriet, daß man sie mit Kupfernägeln gespickt und somit markiert hatte. Der Karte nach befanden sich in den Palmen, unter denen Goldmünzen vergraben waren, Kupfernägel. Sie oxydierten nach einiger Zeit und ließen die Palmen kümmerlich aussehen.
Hier war nichts davon zu bemerken.
Hinter dem Palmenhain begann Buschwerk mit roten Blüten. Auch einige wilde Tomatenpflanzen wuchsen hier. Die Früchte waren von länglichem, fast birnenförmigem Aussehen und hellrot.
Philip pflückte ein paar und reichte sie weiter. Der Geschmack war ungemein würzig.
„Davon sollten wir ein paar mitnehmen“, schlug er vor.
„Das wird der Kutscher schon besorgen“, sagte Old Donegal. „Die anderen werden sich ganz sicher ein wenig an Land umsehen. Aber mitnehmen können wir trotzdem ein paar.“
Hinter dem Palmenhain und dem Buschwerk gab es eine freie Fläche, die so aussah, als sei sie gerodet worden. Aus dem Boden ragten Baumstümpfe. Sie waren dicht über dem Erdboden abgeschlagen.
„Da sind Spuren“, sagte Phil und wies zu einer dunklen Fläche, die fast schwarz war. Mit ein paar Schritten waren sie in der Nähe und blickten auf die Stelle.
Es gab keinen Zweifel, daß hier eine ehemalige Feuerstelle war. Ein paar Steine lagen unordentlich herum, die ebenfalls schwarzgefärbt waren. Kleine Reste von Holzkohle fanden sich, und im Boden entdeckte Old O’Flynn einen rostigen, eisernen Stab.
„Hier haben die Kerle vorübergehend gehaust“, sagte er und drehte an der rostigen Eisenstange. Sie war so durchgerostet, daß sie dicht über dem Boden abbrach.
„Ein Markierungszeichen vielleicht?“ fragte Hasard mit hochgezogenen Brauen. „Oder waren da mehrere Stäbe, an denen sie ihr Fleisch gebraten haben?“
„Graben wir doch einfach mal nach“, meinte Phil. Er lief schon zum Boot zurück, um zwei Schaufeln zu holen. Sie gruben mehr als einen Yard tief, doch alles, was sie fanden, war ein abgebrochenes und völlig verrostetes Entermesser.
„Also doch eine Feuerstelle“, sagte Hasard. Beim Graben hatten sie auch noch ein paar Stückchen Holzkohle gefunden.
Hinter den Büschen gab es dichten Verhau. Zwei Ausläufer des Berges führten bis dorthin. Es waren natürlich gewachsene Rinnen, die vorzügliche Verstecke boten. An einer Stelle war der Verhau nicht so dicht. Dem scharfäugigen Hasard entging das nicht, als er die Vegetation betrachtete.
„Hier muß früher eine Schneise gewesen sein“, sagte er, auf die Büsche deutend, die niedriger als die anderen waren. „Man sieht ganz deutlich den...




