E-Book, Deutsch, 464 Seiten
McNamara Das kleine Cottage am Leuchtturm
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-20420-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-641-20420-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ali McNamara schreibt herrliche romantische Komödien und lebt mit ihrer Familie und zwei Hunden in Cambridgeshire. Sie liebt das Reisen, guten Kaffee und wunderschöne Orte am Meer.
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1.
»Grace!«, ruft mich meine Mutter aus dem Nebenzimmer. »Kannst du mal kurz herkommen und mir mit den Sachen hier helfen, bitte? Ich habe dich jetzt schon zum zweiten Mal gerufen.«
Ich seufze und reiße mich von den Bildern an der Wand los. Fotos von Orten, an denen ich noch nie gewesen bin – im Gegensatz zu der Person, die mir von ihnen entgegenblickt und die Zeit dort offenbar sehr genossen hat. Die Frau auf den Fotos ist mir zwar ebenso fremd wie die Orte selbst, doch in der verrückten Welt, in der ich mit meinen Eltern lebe, durchsuche ich gerade ihr Hab und Gut in der Hoffnung, darunter etwas Wertvolles zu finden.
»Okay, ich bin hier«, erkläre ich meiner Mutter, als ich in der Tür zum Wohnzimmer auftauche, das sie gerade ausräumt und entrümpelt.
»Das wurde aber auch Zeit. Jetzt hilf mir bitte dabei, diese Kisten hier in den Transporter zu laden, ja? Und, Grace …?«
»Ja?«
»Hör mit diesen Tagträumereien auf! Die sind ja schön und gut, aber jetzt ist ganz bestimmt nicht der geeignete Zeitpunkt dafür! Wir müssen zusehen, dass wir fertig werden!«
»Ja, Mum«, murmele ich, während ich schon anfange, die Pappkartons voller Gerümpel und Krimskrams in unseren verbeulten hellblauen Transporter zu tragen.
Harpers Antiquitäten und Sammlerstücke
steht dort in weißer Schnörkelschrift auf der Seite geschrieben.
An- und Verkauf – Wertgutachten – Entrümpelungen
4 Lobster Pot Alley, Sandybridge, Norfolk
02163 492445
Das ist an Wochenenden normalerweise mein Schicksal: Entweder muss ich Mum und Dad dabei helfen, in ihrem kleinen Antiquitätenladen die Kunden zu bedienen, oder ich unterstütze sie wie heute bei einer Hausentrümpelung, durch die sie an den Großteil ihrer Verkaufsbestände kommen. Gelegentlich besuchen wir auch Versteigerungen, die ein wenig interessanter sind, doch sehr viel spannender wird es leider nicht. Manchmal – aber wirklich nur manchmal – bin ich ziemlich froh, wenn Montag ist und mir die Schule eine Entschuldigung liefert, um mich nicht mehr um das alte Gerümpel kümmern zu müssen.
Doch das verkauft sich erstaunlich gut. Immer wieder bin ich überrascht, wie viele Kunden zu Mum und Dad in den Laden kommen und ganz begierig sind, den aussortierten Kram anderer Leute zu kaufen – egal, ob das nun Schnäppchenjäger aus dem Dorf sind oder Touristen, die Sandybridge nur besuchen, um einen Tag am Meer zu verbringen. Was aber auch ganz gut so ist. Denn meine Eltern wären nicht glücklich, wenn sie ständig ihre Filofax-Kalender an die Brust pressen und am Aktienmarkt handeln würden. Nein, meine Eltern sind so meilenweit davon entfernt, sich auf die knallig-bunten Achtziger einzulassen, wie ich davon, die Welt zu bereisen. Mum und Dad ziehen es eindeutig vor, in der Vergangenheit zu leben, und daran wird sich so schnell auch nichts ändern.
»Kann ich jetzt gehen?«, frage ich meine Mutter, als wir den, wie ich hoffe, letzten Karton in den hinteren Teil des Transporters laden.
»Wo willst du denn hin?« Meine Mutter dreht sich um und starrt mich fragend an.
Es gibt keinen Grund, mir das jetzt unter die Nase zu reiben, denke ich – nur, weil ich nicht gerade zu den Ausgehfreudigsten von Sandybridge gehöre. Eigentlich sogar von ganz Norfolk, möglicherweise sogar von der ganzen Welt! Niemand macht weniger »teenagertypische« Sachen als ich – da bin ich mir ziemlich sicher. Ich bin fünfzehn, und das Aufregendste, was mir je passiert ist, ist, fast dabei erwischt worden zu sein, wie ich die Schule geschwänzt habe – mal ganz abgesehen davon, dass mir niemand geglaubt hat, dass ich blaumache. Die Lehrerin, die mich gesehen hat, als ich in den Laden an der Ecke gehüpft bin, um mir das Just Seventeen-Magazin zu kaufen (tatsächlich war es sogar außerdem auch noch eine Cosmo, aber die habe ich unter der anderen Zeitung versteckt), hat gleich angenommen, dass ich krank sei, wenn ich mal einen Tag nicht zur Schule gehe, und mir eine Rolle Halsbonbons und eine Paracetamol aus ihrer Tasche angeboten.
Meine Beziehungen zum anderen Geschlecht sind so gut wie nicht vorhanden. Die meiste Aufmerksamkeit, die mir je von einem Jungen zuteilwurde, kam von Will Granger, der versucht hat, mein welliges Haar in Brand zu setzen, indem er es heimlich über einen angezündeten Bunsenbrenner hielt, als wir im Chemieunterricht dazu gezwungen worden waren, bei einem Experiment zusammenzuarbeiten.
Während also alle anderen Teenager in Sandybridge offenbar ununterbrochen ausgehen und Party machen, über die Stränge schlagen und die Geduld ihrer Eltern auf die Probe stellen, habe ich kaum je den Kinderwagen verlassen, vom Kinderzimmer ganz zu schweigen.
»Ich habe doch erzählt, dass ich gleich mit ein paar Leuten Fußball gucken will«, erkläre ich Mum stolz. Dies ist eine sehr lockere Interpretation davon, wie es sich eigentlich zugetragen hat. Besagte »Leute« sind nicht wirklich meine Freunde, aber ich war Freitagmorgen gerade zufällig im Klassenzimmer und habe auf den Lehrer gewartet, als sich die »Coolen« gerade verabredet und alle rundum eingeladen haben; so bin ich da irgendwie reingerutscht. Das passiert nicht wirklich oft, und ich bin fest entschlossen, das Beste daraus zu machen – selbst wenn es bedeutet, dass ich neunzig Minuten lang dabei zusehen muss, wie ein paar überbezahlte Männer einen Ball übers Feld treten und sich in Darbietungen, die einer Primadonna würdig wären, zu Boden fallen lassen.
»Seit wann interessierst du dich denn für Fußball?«, fragt Mum, in deren Stimme ein Hauch von Überraschung mitschwingt.
»Es ist schließlich die Weltmeisterschaft, oder? Wie kann man sich nicht dafür interessieren? Es wird doch über nichts anderes geredet!«
Mum sieht mich an und kneift die Augen zusammen, bevor sie dann entschieden die Hände in die Taschen ihrer blauen Latzhose steckt.
Ihren Argwohn pariere ich mit einem unschuldigen Blick.
»Na ja, ich denke, es ist gut, dass du mal rausgehst«, gibt sie schließlich nach. »Bei wem siehst du dir das Fußballspiel denn an?«
»Bei Duncan Braithwaite«, murmele ich und hoffe, dass Mum mich nicht gehört hat.
Erschrocken reißt sie jedoch die Augen weit auf. »Duncan Braithwaite? Ich weiß nicht, ob ich will, dass du dich mit Typen wie ihm abgibst, Grace. Mir ist zu Ohren gekommen, dass er ein ganz schöner Unruhestifter ist.«
»Mum, ich bin ja nicht alleine da; die gesamte Clique ist bei ihm. Es ist also alles gut.«
Mum mustert mich unsicher, nickt dann aber. »Wenn du das möchtest, dann geht das für mich in Ordnung. Aber versprich mir, dass du vorsichtig bist, Grace. Fünfzehn ist ein schwieriges Alter, insbesondere, wenn Jungs mit im Spiel sind. Ich erinnere mich, als ich fünfzehn war, da …«
»Mum!«, protestiere ich.
»Tut mir leid, Süße. Du weißt, dass ich mir Sorgen um dich mache; du bist mein kleines Mädchen, mein einziges Kind. Da darf ich doch wohl ein bisschen beunruhigt sein, oder etwa nicht?«
Ich nicke. »Aber nur ein bisschen!«
Sie grinst. »Na gut. Ich glaube, da steht noch ein Karton im Cottage, und das war’s dann. Den Rest komme ich morgen holen, wenn dein Dad Zeit hat, mir dabei zu helfen, die schweren Möbel rauszutragen. Ich frage mich, wie er sich wohl bei der Versteigerung unten in Fakenham geschlagen hat? Ich wünschte, ich hätte hinfahren können, aber die Familie wollte das hier so schnell wie möglich erledigt haben. Habe ich dir eigentlich erzählt, dass sich Mabel ausdrücklich gewünscht hat, dass wir das Haus entrümpeln?«, erklärt Mum mir voller Stolz nun schon zum dritten Mal.
»Ja, Mum, das hast du. Aber ist es nicht ein wenig seltsam, dass jemand selbst bestimmt, wer nach seinem Tod das Haus leerräumen soll?«
»Ich schätze, manche Leute mögen es eben, wenn alles organisiert ist. Sie schien irgendwie zu spüren, dass das Ende naht, obwohl sie sich bester Gesundheit erfreut hat, als wir uns das letzte Mal unterhalten haben. Das finde ich viel seltsamer.« Mum wendet den Blick von dem kleinen Cottage ab, das wir gerade entrümpelt haben, und blickt zu dem imposanten Leuchtturm hinauf, der direkt daneben aufragt. »Wie schade, dass es keinen richtigen Leuchtturmwärter mehr geben wird, der hier auch lebt«, stellt sie fest und lässt den Blick liebevoll an dem hohen Zylinder aus weißen Backsteinen hochwandern. Von dort, wo wir stehen, scheint der Leuchtturm bis in den Himmel hinaufzuragen, wo er zwischen den Wolken verschwindet. »Seit sie den neuen an der Küste gebaut haben, ist unser kleiner Leuchtturm hier nutzlos und daher aufgegeben worden. Mabel war die letzte Wärterin, die hier im Lighthouse Cottage gewohnt hat.«
»Alles muss weitergehen, Mum«, sage ich. »Fortschritt bedeutet eben Veränderung.«
»Ich weiß, aber an Veränderungen habe ich mich noch nie sonderlich gut gewöhnen können. Vielleicht ist das der Grund, warum dein Dad und ich mit Antiquitäten handeln – damit wir uns noch ein wenig länger an der Vergangenheit festklammern können, nicht wahr?« Sie lächelt mich an, bevor sie sich dann vom Leuchtturm abwendet und zu dem riesigen Herrenhaus im Tudorstil blickt, das sich hoch oben auf dem Hügel hinter uns befindet. »Weißt du eigentlich, dass auch das Herrenhaus zum Verkauf steht?«, fragt Mum mit einem Hauch von Bedauern in der Stimme. »Die Besitzer können es sich nicht mehr leisten, es weiter zu unterhalten, deswegen sind sie gezwungen, es zu verkaufen und wegzuziehen. Das ist wirklich traurig; früher haben die Besitzer des Herrenhauses fast alles in Sandybridge besessen – die Häuser, die Läden, sogar den...




