E-Book, Deutsch, 444 Seiten
McNamara Psyche und Eros
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8412-3329-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Denn wahre Liebe ist mehr als ein Mythos
E-Book, Deutsch, 444 Seiten
ISBN: 978-3-8412-3329-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Ich wurde geboren, um die größte Heldin aller Zeiten zu werden.'
Laut der Prophezeiung des Orakels soll sich die Prinzessin Psyche im Kampf gegen ein tödliches Ungeheuer als größte Heldin aller Zeiten erweisen. So wird sie - gegen alle Regeln - zur Kriegerin ausgebildet. Bis die Göttin Aphrodite neidisch auf die mutige, schöne Sterbliche wird. Sie schickt den Gott Eros, der mit seinen Pfeilen das Begehren in die Welt trägt, um Psyche grausam zu verdammen. Doch der Pfeil trifft ihn selbst, worauf Eros zu einem ewig unerfüllten Verlangen nach Psyche entbrennt. Aber was als Fluch der Leidenschaft beginnt, wird schon bald zu einer unsterblichen Liebe ...
Ein furioses Epos über wahres Heldentum und die größte Lovestory der griechischen Mythologie.
Luna McNamara lebt in Boston und arbeitet im Sozialwesen und im Bereich Psychische Gesundheit. Sie hat ihren Master in Study of Women and Gender in World Religions in Harvard gemacht und außerdem Altgriechisch und Philosophie studiert. 'Psyche und Eros' ist ihr erster Roman.
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Kapitel 1
Psyche
So besonders mein Schicksal auch sein mag, begann mein Leben doch so gewöhnlich wie das jedes anderen Kindes: Ich wurde in einem Schwall von Blut geboren und mit Freudenrufen begrüßt. Auch wenn darauf in meinem Fall zunächst Verwirrung folgte.
Meine Mutter und mein Vater herrschten als König und Königin über ein Reich namens Mykene im felsigen Griechenland. Als meine Mutter Astydameia erfuhr, dass sie schwanger war, verließ mein Vater Alkaios die mykenische Hauptstadt Tiryns und machte sich auf den Weg über die Berge. Sein Ritt führte ihn durch abgelegene Täler, vorbei an schroffen Felsen, auf denen Greifen nisteten, bis er schließlich ein Tor erreichte, das die Inschrift ERKENNE DICH SELBST trug. Nicht aber sein eigenes Schicksal wollte er vom Orakel von Delphi erfahren, sondern das seines ungeborenen Kindes. Meines. Würde ich gesund und stark zur Welt kommen? Was würde eines Tages aus mir werden?
Als mein Vater die dunkle, in den Erdboden eingelassene Kammer des Orakels betrat, fielen ihm zwei Dinge auf. Das eine war der Geruch an diesem Ort. Er erinnerte an Schwefel und an noch mehr, was schwerer zu bestimmen war. Und dann war da die Frau, die auf einem bronzenen Dreifuß über einer Erdspalte saß. Sie trug ein gelbes Peplos-Gewand, das ihr bis zu den Füßen reichte und ihren Körper in Falten umspielte. Das Haar hatte sie säuberlich zu einem Zopf geflochten und um den Kopf gewunden. Sie war das Orakel, und sie blickte Alkaios aus Augen an, die kein Heute und kein Morgen zu kennen schienen.
Mein Vater erschauerte. Als König war er es gewohnt, dass die Menschen versuchten, ihm Gefälligkeiten abzuschmeicheln, diese Frau jedoch begehrte nichts, von niemandem.
Ein Ordenspriester tauchte auf und flüsterte dem Orakel die Frage meines Vaters ins Ohr. Die Frau lehnte sich zurück und atmete die aus der Erdspalte aufsteigenden Dämpfe ein, von denen es hieß, sie würden von Apollo höchstselbst geschickt, dem Gott der Weissagung, und brächten wahrhaftige Visionen der Zukunft.
Das Orakel wurde von einem Zittern erfasst. Es begann mit einer unirdischen Stimme zu sprechen, die nicht zu dem zarten Frauenkörper zu gehören schien. Meinem Vater war die Sprache fremd, doch die Priester hielten die Worte auf ihren Tontafeln fest und unternahmen bereits jene komplizierten Schritte, derer es bedurfte, um die Botschaften der Weissagerin zu deuten. Die Götter äußern sich nicht immer so, dass es für die Sterblichen leicht verständlich ist, doch glücklicherweise beherrschten die weißbärtigen Priester die Kunst der Übersetzung.
Schließlich verkündeten sie meinem Vater den Spruch des Orakels. »Dein Kind wird ein Ungeheuer besiegen, das selbst die Götter fürchten.«
Mein Vater war verzückt. Sein Sohn würde ein Held sein! Alkaios hatte lange Zeit bedauert, dass er nicht über die Begabungen seines heroischen Vaters Perseus verfügte, doch manchmal überspringen solche Eigenschaften eine Generation. Sein Sohn würde ein Schlächter von Ungeheuern werden, ein Held, und Menschen aus ganz Griechenland würden kommen, um ihm Ehre zu erweisen.
Nur leider war ich kein Sohn.
Als die Hebamme mich meinem Vater am Tag meiner Geburt in die Arme legte, war er so erschrocken, als hätte man ihm ein Bärenjunges überreicht. Ein Mädchen! Ein Mädchen konnte keine Ungeheuer töten, wenn es groß war, und auch keinen Heldenruhm erringen. Es würde mit seiner Mutter und seinen Tanten in den Gemächern der Frauen Wolle spinnen, bis es später einmal als Frau ins Haus des Ehemanns ziehen und dort weiter Wolle spinnen würde. Sie würde Kinder gebären und den Haushalt führen, und wenn sie eine gute Frau war, würde sie nach ihrem Tod in Vergessenheit geraten.
Mein Vater wog seine Möglichkeiten ab. Er hätte mich, den Säugling, leicht an einem entlegenen Ort aussetzen und einen neuen Versuch unternehmen können. Das war zwar eher unter Bauernfamilien üblich, die Mühe hatten, die hungrigen Mäuler ihrer Kinder zu stopfen, doch auch in Königshäusern geschah so etwas mitunter. Vielleicht würden die Götter es beim nächsten Mal für richtig halten, ihm einen Sohn zu schenken.
Und dann passierte etwas Sonderbares. Er blickte mir in die Augen – und empfand tiefe Liebe.
Es lässt sich nicht anders sagen. In diesem Moment begriff er: Er liebte mich so sehr, dass er den Himmel hätte herabreißen können. Er liebte mich nicht dafür, wer ich war, sondern einfach, weil es mich gab, weil ich sein ureigenstes Kind war, mit winzigen vollkommen geratenen Fingern und winzigen vollkommen geratenen Zehen. Ich wünschte, ich könnte behaupten, dies sei die natürliche Reaktion eines Vaters beim ersten Anblick seiner Tochter, doch die Erfahrung hat mich anderes gelehrt.
Alkaios beschloss, mir die Erziehung eines Prinzen zuteilwerden zu lassen. Er wusste, dass manch einer diese Entscheidung infrage stellen würde, darunter auch seine Brüder und die durch Eid an ihn gebundenen Männer, doch sein Entschluss stand fest, und er bezeichnete es als einen Akt der Gottesfurcht. Zeus’ Tochter Artemis, die Göttin des Mondes und der Wildtiere, hatte einst einen silbernen Bogen vermacht bekommen, und sie wurde in den griechischen Städten verehrt. Laut dem Orakel sollte Alkaios’ Spross ein Ungeheuer besiegen, das sogar die Götter fürchteten, und so würde es geschehen.
Als mein Vater in mein winziges runzliges Gesicht schaute, begriff er, dass er mich mehr liebte als die Götter, als seine Ehefrau oder seine Gefolgsmänner, ja sogar mehr als seine eigene Seele. Und darum gab er mir den Namen Psyche, was in unserer Sprache Seele bedeutet.
*
Soweit ich weiß, stellte meine Mutter ihre Liebe zu mir nie infrage, schon seit ich ihr, noch im Mutterleib, die ersten Tritte versetzt hatte. Ich war ihr erstes und einziges Kind, sie war spät mit mir schwanger geworden. Es hatte so lange gedauert, dass die Berater meines Vaters ihn schon gedrängt hatten, sich eine Zweitfrau oder gar eine Konkubine zu nehmen, doch dafür respektierte er meine Mutter viel zu sehr.
Meine Mutter Astydameia war eine ungewöhnliche Frau. Sie war in den fernen Regionen Arkadiens aufgewachsen, wo die Wolfskönige noch immer über ihre waldreichen Gebiete herrschten, und vielleicht hätte sie eine Ausbildung wie die meine genossen, wäre sie in ihrer Jugend nicht von einer furchtbaren Krankheit heimgesucht worden. Meine Geburt hatte ihr noch mehr abverlangt, und sie verbrachte einen großen Teil ihrer Zeit in den spärlich beleuchteten Frauengemächern und spann, auf Kissen gestützt, im Kreise ihrer Dienerinnen Wolle. Meine Mutter war schön wie eine Lilie, aber ihre Seele litt, und sobald ich alt genug war, um einen Gedanken zu fassen, begriff ich, dass ich für uns beide stark sein musste.
Den größten Teil der Zeit kümmerte sich meine Amme um mich, eine thessalische Sklavin mit dem Namen Maia. Sie war von breiter Statur, so weich wie ein Bett und ließ beim kleinsten Anlass ein schallendes Lachen hören. Sie lehrte mich einfache Lieder und Sprichwörter und wachte über meine ersten Stolperschritte. Abends brachte mich Maia immer zu meiner Mutter, die mir ihre kühle Hand auf die Stirn legte und mir einen Kuss gab. So vergingen meine ersten Lebensjahre in den Gemächern der Frauen, wo es nach Talgkerzen und Milch roch.
Als ich fünf Jahre alt war, wurde alles anders.
»Dein Vater erwartet dich, kleine Psyche«, sagte Maia eines Tages zu mir.
Er wartete in der Halle vor den Frauengemächern auf mich. Alkaios war so groß wie eine Götterstatue, und an diesem Tag trug er die Rüstung eines Kriegerkönigs und blickte ernst drein. Er hatte den kupferfarbenen Hautton seiner halb äthiopischen Mutter Andromeda geerbt und an mich weitergegeben. Jeder konnte erkennen, dass wir Vater und Tochter waren, zwei derselben Art, und ich wollte die Hand ausstrecken und über seinen Bart streichen, wie ich es oft tat. Aber als ich seine feierliche Miene sah, folgte ich ihm nur schweigend und versuchte, auf meinen kurzen Beinen mit seinen langen Schritten mitzuhalten.
Mein Vater führte mich in den Heldensaal, so nannte die Dienerschaft diesen kleinen Raum inmitten des Palastes. Er war nahezu leer, bis auf ein Schwert und einen Schild, die an der Wand hingen, und einen Altar, an dem man Weihrauch...




