E-Book, Deutsch, 512 Seiten
McNamara Rosies wunderbarer Blumenladen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-20421-1
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-641-20421-1
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ali McNamara schreibt herrliche romantische Komödien und lebt mit ihrer Familie und zwei Hunden in Cambridgeshire. Sie liebt das Reisen, guten Kaffee und wunderschöne Orte am Meer.
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1.
Narzisse – Neuanfänge
Das kann er doch wohl nicht sein, oder?
Ich stehe vor dem alten Blumenladen meiner Großmutter und starre zu dem Schild hinauf. The Daisy Chain steht dort in einer schnörkeligen gelben Schrift. Doch an den Ecken blättert allmählich die Farbe ab, sodass dort in Wahrheit he Daisy Chai steht, was eher nach einer orientalischen Teestube klingt.
Ich schaue die Straße mit dem Kopfsteinpflaster hinunter, auf der ich als Kind so oft unterwegs war, um beim Konditor die köstlichsten Kuchen und Pasteten und beim Zeitungshändler die Tageszeitung für meine Großmutter zu holen, und wo wir in einem Geschäft am Ende der Straße immer zum Ferienbeginn stundenlang einen glänzenden neuen Eimer und eine Schaufel aussuchen durften.
Doch, das ist der Laden, ganz sicher: Von hier aus sehe ich ein paar Häuser weiter den Konditor, der jedoch jetzt The Blue Canary heißt, nicht mehr Mr Bumbles wie damals. Der Zeitungshändler befindet sich weiter den Hügel hinauf, auf dem sich die Straße emporschlängelt, und es gibt immer noch einen Laden, der so aussieht, als würde er im Sommer Eimer und Schaufeln verkaufen. Doch heute, an einem regnerischen Montagnachmittag Anfang April, sind seine Türen geschlossen und das Licht ausgeschaltet.
Bereits so früh den Laden zu schließen, kann ich niemandem verdenken; es ist nicht gerade einer der besten Tage, um sich am Meer aufzuhalten. Ein nasskalter Nebel wabert über der Stadt und lässt alles feucht und farblos erscheinen, und in der kurzen Zeit seit meiner Ankunft in St. Felix habe ich kaum Urlauber gesehen. Oder überhaupt irgendwen, wenn ich so darüber nachdenke.
Dieser Effekt, den das nasse Küstenwetter auslöst, ist schon ein seltsames Phänomen. In einem Urlaubsort können sich in einem Augenblick noch die Besucher tummeln und die Sonne genießen, während im nächsten Moment die wechselnden Gezeiten dunkle Regenwolken mit sich bringen und alle Urlauber mit einem Schlag verschwunden sind und sich in ihre Hotels, Feriencottages oder Wohnwagen zurückziehen, die sie in dieser Woche ihr Zuhause nennen.
Als ich damals im Sommer während der Hauptsaison bei meiner Großmutter gewesen bin, habe ich mir manchmal tatsächlich Regenwetter gewünscht, um in Ruhe am Strand und an den Klippen entlangwandern zu können, ganz alleine und weit weg von allen anderen.
Mein Blick geht über das Kopfsteinpflaster die kurvige Straße hinauf. Oberhalb des Konditors, des Zeitungshändlers und des Strandshops entdecke ich einen kleinen Supermarkt, einen karitativen Second-Hand-Laden, eine Apotheke und etwas, das wie eine Kunstgalerie aussieht – sie befindet sich am oberen Ende der Straße, deswegen kann ich von hier aus nicht genau erkennen, um was es sich handelt. Aber das war’s auch schon: Ein paar kleinere Läden inmitten schrecklich vieler leerstehender Geschäftslokale, deren Schaufenster weiß gestrichen worden sind. Wo sind bloß all die Souvenirläden hin? Früher, als ich immer herkam, waren sie richtig beliebt gewesen. St. Felix hat sich mit der Qualität und der großen Auswahl an Souvenirs stets gebrüstet; und es hat hier auch nirgendwo diesen billigen, geschmacklosen Kram gegeben, den es sonst überall am Strand zu kaufen gab, wie alberne Hüte und T-Shirts mit unflätigen Slogans darauf. St. Felix ist stets ein Hafen für ortsansässige Künstler und ihre Arbeiten gewesen. Was ist nur geschehen?
Das Geschäft meiner Großmutter befindet sich am unteren Ende der Harbour Street, genauer gesagt an dem Punkt, wo das Kopfsteinpflaster zum Hafen hinunterführt. Als Erstes ist mir durch den Kopf gegangen, dass der Laden ein wenig heruntergekommen wirkt, doch nachdem ich nun all die anderen verfallenen Geschäfte gesehen habe, bin ich einfach nur froh, dass er überhaupt noch da ist. Unten im Hafen kann ich ein paar neue Fischerboote entdecken sowie einen hellgelben Sandstreifen – das Meer muss sich gerade auf dem Rückzug befinden. Hoffentlich nimmt die Ebbe das schlechte Wetter gleich mit.
Ein langer Tag liegt bereits hinter mir; die Fahrt von meiner Wohnung im Norden Londons bis nach St. Felix, der kleinen Stadt an der nördlichen Küste Cornwalls, wo sich der Blumenladen meiner Großmutter befindet, ist sehr ermüdend gewesen. In der Hoffnung, dass dies die anstrengende Fahrt mildern würde, hat mir meine Mutter vorher einen Leihwagen besorgt, einen brandneuen schwarzen Range Rover. Doch der Komfort dieses Wagens und die luxuriöse Ausstattung haben die Reise an einen Ort, zu dem ich gar nicht hinwollte, nicht leichter gemacht.
Mein Magen grummelt, als ich ein wenig verloren mein leicht zerzaustes Spiegelbild im Schaufenster des Blumenladens betrachte. Kein Wunder, dass mich der Mann an der Tankstelle, an der ich kurz Halt gemacht habe, so seltsam angestarrt hat. Mit meinem langen schwarzen Haar, das ich heute offen trage und das mein blasses Gesicht umrahmt, sehe ich sicher deutlich jünger aus als dreißig. Wahrscheinlich dachte der Mann, ich sollte eher hinten auf der Rückbank sitzen als auf dem Fahrersitz.
Ein älteres Ehepaar, das zwei süße Kleinkinder an den Händen hält – Zwillinge, ihrer Kleidung nach zu urteilen –, geht an mir vorbei. Die Dame bleibt kurz stehen, um einem der Mädchen die Jacke zu schließen. Als sie ihm die Kapuze über den Kopf zieht, um es vor den starken Windböen zu schützen, gibt sie ihm einen Kuss auf die Wange.
Diese kleine Geste rührt mich zu Tränen.
Meine Großmutter hat das früher bei mir auch immer getan …
Ich wende mich von ihnen ab und richte meinen Blick wieder auf den Laden – nicht ohne Gewissensbisse wie schon so oft heute. Zum einen, weil ich mich so sehr darüber beschwert habe, nach St. Felix zurückkehren zu müssen, und andererseits, weil ich das schon viel früher hätte tun sollen.
Denn meine Großmutter ist gerade gestorben.
Sie hat nicht das Zeitliche gesegnet, befindet sich nun nicht an einem besseren Ort, oder wie auch immer die Leute es nennen, um das Offensichtliche leichter akzeptieren zu können.
Sie ist schlicht und einfach gestorben und hat uns verlassen – wie es jeder letztlich tut.
Danach haben alle geweint. Ich jedoch nicht. Ich weine nicht mehr.
Schwarz tragen – der Teil fällt mir leicht, das ist ohnehin mein Ding.
Zu ihrer Beerdigung gehen und darüber reden, wie wunderbar sie gewesen ist. Bei ihrer Beerdigung so viel Essen in sich hineinstopfen wie möglich. Auch das alles bedeutete keine Schwierigkeit für mich.
Die gesamte Familie ist zur Testamentsverlesung von einem Anwalt einbestellt worden, der extra von Cornwall in ein nobles Londoner Hotel heraufgereist kam, um uns zu treffen.
Die gesamte Familie – das sind ich, meine Mutter und mein Vater, Tante Petal sowie meine zwei nervigen Cousinen, Violet und Marigold. Tatsächlich wurde die Testamentsverlesung nach der schrecklichen Beerdigung zunächst relativ unterhaltsam. Violets und Marigolds Gesichtsausdruck, nachdem ich als die Alleinerbin des Besitzes meiner Großmutter verkündet wurde, war amüsant – zumindest ein paar Sekunden lang. Als sich dann jedoch alle von diesem Schock erholt hatten, meine Mutter mich mit Tränen in den Augen umarmte und erklärte, dass damit endlich etwas aus mir werden würde, ist mir die Bedeutung dessen, was meine Großmutter da getan hat, allmählich klar geworden – und mit einem Mal hatte ich Mühe, ruhig zu atmen.
»Tut mir leid, Miss, aber dort werden Sie heute keine Blumen bekommen«, ertönt eine Stimme hinter mir und holt mich abrupt ins Hier und Jetzt zurück.
Als ich mich umdrehe, steht ein hochgewachsener junger Polizist vor mir, der die Arme hinter dem Rücken verschränkt hat und unter dessen Schirmmütze eine wahre Matte aus schwarzen Locken hervorlugt. Er deutet mit einem Kopfnicken auf die Schaufensterscheibe des Blumenladens. »Montags ist hier niemand – zumindest jetzt nicht mehr.«
»Aber sonst ist jemand da?«, frage ich überrascht. Soweit mir bekannt ist, hat niemand mehr den Laden betreten, seit meine Großmutter vor mehr als einem Jahr so krank geworden ist, dass sie sich nicht mehr um sich selbst kümmern konnte und in eine spezielle Privatklinik eingewiesen werden musste. Ihre Töchter haben darauf bestanden, die Kosten dafür zu übernehmen.
Er zuckt mit den Schultern, und anhand der fehlenden Rangabzeichen auf seinen Schultern erkenne ich, dass er ein Constable ist, ein Wachtmeister.
Ich bin nicht sonderlich stolz auf mein Wissen, woran man den Dienstrang eines Polizisten erkennt, mit dem man gerade zu tun hat, doch wenn man bereits so viele Begegnungen mit der Polizei hatte wie ich … Ich will es mal so ausdrücken: Es geht einem in Fleisch und Blut über.
»Doch, fünf Tage die Woche ist jemand da. Zumindest …«
Ich warte darauf, dass er fortfährt.
»Wissen Sie, die Floristin, der das Geschäft gehörte, ist leider verstorben. Offenbar ist sie eine sehr liebenswerte Dame gewesen.«
»Offenbar?«
»Ja, ich habe sie leider nie kennengelernt. Ich bin neu hier und erst seit ein paar Monaten im Dienst.«
»Wer führt denn den Laden jetzt?«
»Die örtliche Frauengemeinschaft.« Er schaut sich kurz um und senkt dann die Stimme. »Das ist eine resolute Truppe. Nicht wirklich geeignet für den Umgang mit einer zarten, grazilen Blume, wenn Sie verstehen, was ich meine. Die Damen jagen mir ein wenig Angst ein.«
Ich nicke verständnisvoll.
»Doch«, fährt er fort, »ich möchte nicht schlecht über irgendwen reden. Sie...




