Mead | Das Echo vergangener Sommertage | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 570 Seiten

Mead Das Echo vergangener Sommertage

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-788-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 570 Seiten

ISBN: 978-3-96655-788-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Liebe in stürmischen Zeiten: Der Familiengeheimnisroman »Das Echo vergangener Sommertage« von Juliette Mead jetzt als eBook bei dotbooks. Wenn der Schlüssel zu deinem Glück in der Vergangenheit liegt ... Ist sie bereit dafür, eine eigene Familie zu gründen? Bisher war Journalistin Elena vor allem auf ihre Karriere fixiert, aber nun fragt sie sich, ob es sie glücklich machen würde, ein Kind zu bekommen. Vorher will sie aber endlich verstehen, warum ihre eigene Mutter so ein Geheimnis aus ihrer Vergangenheit macht - denn Anna weigert sich bis heute, über das zu sprechen, was ihr in den 40er Jahren widerfahren ist. Als Elena zu recherchieren beginnt, lernt sie Theo kennen, einen Veteranen, der während des Krieges in Kairo und Rom stationiert war. Welche Rolle hat er in Annas Leben gespielt? Elena taucht ein in eine Geschichte, die sie tief berührt - und sie die Zukunft in anderem Licht sehen lässt ... Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der Schicksalsroman »Das Echo vergangener Sommertage« von Juliette Mead. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Juliette Mead wurde 1960 geboren und war nach ihrem Abschluss an der Universität Oxford zunächst als Investmentbankerin in Dallas, New York und London tätig, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre Romane entwickelten sich schnell zu Bestsellern. Sie lebt mit ihrem Mann und vier Kindern in Wiltshire. Bei dotbooks erscheinen von Juliette Mead folgende Romane: »Das Stadthaus in der Charlotte Street« »Ein Landhaus in Wiltshire« »Damals in der Kingston Road« »Das Echo vergangener Sommertage«
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Kapitel 1


Ich hasse Geburtstage. Seit meinem dreiundzwanzigsten schlagen mir Geburtstage auf den Magen. Seitdem ich von zu Hause ausgezogen bin und mir eine eigene Wohnung gekauft habe, habe ich an jedem meiner Geburtstage (wie auch an einer ganzen Reihe anderer Tage) nach dem Aufwachen den von meiner Freundin Rebecca und mir so getauften »Fünf-Schritte-Test« gemacht. Dabei stellt man sich an der Wand gegenüber dem Badezimmeroder Schlafzimmerspiegel auf (je nachdem, wo das Licht greller ist). Dann tritt man ganz langsam näher, Schritt für Schritt, bis die ersten Falten zu sehen sind. Am Morgen meines einunddreißigsten Geburtstages sah ich auf drei Meter Abstand noch ziemlich gut aus, bei einem Meter fünfzig ganz okay, aber aus dreißig Zentimetern Entfernung sah mich eine Unbekannte an, und die bot keinen schönen Anblick. Ich wollte schon entsetzt zurück ins Bett fliehen, aber ich dachte: Hey, wer sieht dich überhaupt aus dieser Nähe, und noch dazu ohne Make-up? Niemand außer deinem Zahnarzt (und in diesem Fall sind Krähenfüße noch dein geringstes Problem), oder jemand küßt dich, und jeder Küsser mit einem Mindestmaß an Feingefühl sollte auf diese Entfernung die Augen schließen, sonst fängt er an zu schielen.

Der Test beunruhigte mich nicht besonders – schließlich hatte ich ihn nicht zum ersten Mal gemacht. Ich wußte, daß ich bis zu einem aussagekräftigen Ergebnis mindestens drei Minuten warten mußte, deshalb legte ich das Stäbchen auf die Ablage und schlug die Zeit tot, indem ich mich über den Spiegel beugte und der Vergänglichkeit ins Antlitz starrte.

Einen Klecks Feuchtigkeitscreme in der Hand, ging ich Zug um Zug mein Gesicht durch. Haare – eindeutig von Mutter: ohne den Hauch einer Locke, spinnwebfein und von einem unbestimmbaren Farbton zwischen dunkelblond und hellbraun. Meine Mutter hatte immer »schmutzigblond« dazu gesagt und mich noch vor meinem achtzehnten Geburtstag zu einem Tönungsspezialisten geschleift. Stirn – breit und hoch mit einer blaßgrünen Ader an jeder Schläfe. Mein Vater behauptet, er könne immer erkennen, wenn Ma oder ich kurz vor der Explosion stehen, weil ihm dann diese Adern das Zeichen zum Rückzug in sein Arbeitszimmer zumorsten. Augen – wahrscheinlich von meinem Vater, aber eigentlich von niemandem. Während meiner gesamten Kindheit hatte meine Mutter immer wieder Dankesgebete zum Himmel geschickt, daß ihre beiden Kinder die Augen von ihrem Vater und nicht von ihr geerbt hätten, aber im Grunde haben weder Charlie noch ich die Augen unserer Eltern. Meine sind ganz okay, einigermaßen groß und grün, und das Weiße ist weiß und ohne gelbe Flecken oder rote Äderchen – noch. Meine Nase verdient keine weitere Erwähnung. Meinen Mund habe ich von beiden Elternteilen, von jedem eine Lippe: eine dünne Ober- und eine volle Unterlippe.

Wenn ich die Nasenspitze an den Spiegel drückte, sah ich ein flächendeckendes Gespinst feiner Fältchen, aber wenn ich mich aufrichtete, konnte ich nur eine tiefe Falte quer über der Stirn und zwei Furchen beiderseits meiner Nase entdecken, und ein weiteres Mal dankte ich im stillen meiner Mutter, die mit dreiundsiebzig immer noch eine bemerkenswert gute Haut hat. Gerade als mich ein winziger selbstzufriedener Schauer überlief, kam mir der Gedanke, daß der Fünf-Schritte-Test vielleicht mehr über nachlassende Sehkraft als über einen glatten Teint aussagt. Wenigstens weiß ich, was mich erwartet. Ich habe meine Mutter als Vorlage dafür, wie ich später mal aussehen werde. Ich versuchte mich zu erinnern, wann mir aufgefallen war, daß der Hals meiner Mutter faltig wurde, wann ihre Lider schlaffer wurden, aber vergebens. Meine Mutter war über vierzig, als sie mich bekam, und in meinen Augen nie »alt« gewesen, bis ich Mitte zwanzig war. Bis dahin war sie für mich stets mittelalt, in jenem undefinierbaren Stadium von »vorbei und höchstwahrscheinlich nie richtig dabei gewesen«, in das jedes Kind seine Mutter verbannt.

Mein Handtuch fiel zu Boden, und als ich mich bückte, sah ich sie. Die Füße meiner Mutter. Da war es – das Alter sprang mir direkt ins Gesicht. Schon als Kind hatte ich meine Mutter dabei beobachtet, wie sie barfuß durchs Haus watschelte, und mich gefragt, warum sie wohl so komische Füße hatte. Solange ich mich erinnern kann, kamen sie mir eigenartig plattgetreten vor, wie klumpige Fremdkörper mit komischen, eingerollten kleinen Zehen, so ganz anders als meine mädchenhaften, hohen und eleganten Füße. Als ich meine jetzt sah, war ich wie gelähmt. Als hätte mir eine niederträchtige Fee mitten in der Nacht meine vertrauten Füße gestohlen und sie gegen die einer alten Frau ausgetauscht. Und ich konnte das Absinken der Riste nicht einmal auf eine Schwangerschaft schieben. An den Haaren, den Lippen, selbst an den Falten kann man eine Menge machen, um die Jahre hinwegzumogeln, aber von einem Fußlifting habe ich noch nie gehört.

Bis ich zwölf war, nannte ich meine Mutter Mummy. Dann kam mir der Gedanke, daß es idiotisch klänge, mit achtzehn oder zwanzig noch Mummy zu ihr zu sagen, es dann aber zu spät wäre, etwas daran zu ändern. Mir war klar, daß ich sie nie und nimmer mit ihrem Vornamen ansprechen konnte, deshalb begann ich ab meinem dreizehnten Geburtstag, sie Mutter oder Ma zu nennen. Ihr fiel das auf, sie stellte mich deshalb zur Rede, und ich legte ihr meine Gründe dar. Sie fand meine Bedenken komisch und erklärte mir, ich würde mir unnötig den Kopf zerbrechen. Als Kind zerbrach ich mir ständig wegen irgendwelcher Dinge den Kopf. Mein Vater meinte, ich trüge einen alten Kopf auf jungen Schultern (ein weiterer beklemmender Gedanke), und meine Mutter sagte immer: »Beschwör’s nicht herauf«, aber ich kann einfach nicht anders. Allem Erbgut zum Trotz bin ich nicht wie die beiden. Zum Beispiel meint mein Vater, das Beste an meiner Mutter sei, daß sie in vierzig Jahren kein böses Wort über irgend jemanden gesagt hätte. Ich finde das unvorstellbar, und bisweilen habe ich den Verdacht, daß sie die bösen Worte denken muß, selbst wenn sie nicht damit herausplatzt. Aber meistens muß ich zugeben, daß sie sie wahrscheinlich nicht einmal denkt. Meine Eltern sind nette Menschen. Früher glaubte ich, sie führten eine Ehe voller Unschuld und Weisheit – wobei meine Mutter für ersteres, mein Vater für letzteres stand. Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, daß sie beide unschuldig und beide weise sind. Beide sehen das Leben optimistisch und nehmen im Zweifelsfall immer das Beste von ihren Mitmenschen an. Es will mir einfach nicht in den Kopf, warum ich diese Eigenschaft nicht ebenso geerbt habe wie die pochende Ader.

Ich machte mir immer noch zu viele Gedanken. Wenn ich im Bett neben David lag, stellte ich mir bisweilen vor, wir seien verheiratet. Dann stellte ich mir vor, wie ich, wenn wir tatsächlich verheiratet wären, im Bett liegen und mir ausmalen würde, wie es wäre, nicht verheiratet zu sein und so dicht neben ihm zu liegen, daß sich die Härchen auf meiner Haut, wenn ich mich nur stark genug konzentrierte, aufstellen und seine berühren könnten, und wenn ich dann verheiratet wäre und es nicht sein wollte, dann würde mir diese Berührung einen Schauer über den Rücken jagen, weil mir dann klar würde, wie dicht ich neben einem Mann lag, mit dem ich nicht zusammensein wollte. Das sind eindeutig zu viele Gedanken. Als mir das durch den Kopf ging, mußte ich über mich selbst lächeln, begann mit dem Auftragen der Creme und zögerte Minute um Minute hinaus, bis plötzlich Charlies Gesicht über meiner Schulter im Spiegel auftauchte. Er grinste und versuchte gleichzeitig zu summen: »Some day my prince will come, some day …« Ich schnappte mir das Stäbchen von der Ablage und preßte es in meiner Faust.

»Verpiß dich, Charlie. Kannst du ein Mädchen nicht mal eine Sekunde in Ruhe lassen?«

»Nicht, wenn das Mädchen nur ein Bad hat.«

Sosehr ich meinen Bruder liebte, wenn er bei mir übernachtete, brachte er mich zur Weißglut. Er langte an mir vorbei nach seinem Rasierer und begann, sich zu rasieren, wobei er sich auf meine Schulter stützte und mich vom Spiegel wegdrängte. »Komm schon, Elle, das ist nicht fair – ich habe in einer halben Stunde ein Vorstellungsgespräch.«

Ich trat zurück, lehnte mich an die Wand und beobachtete, wie er mich im Spiegel ansah. »Weißt du was, Elle? Du siehst Mum jedes Jahr ähnlicher.« Er wischte sich mit meinem Handtuch den Schaum vom Gesicht. »Alles Gute zum Geburtstag übrigens.« Es klingelte an der Tür. »Kannst du hingehen? Ich erwarte einen Kurier.«

Ich ließ ihm viel zuviel durchgehen, ganz eindeutig. Ich stürmte zur Tür, das Handtuch immer noch unter den Achseln festgeklemmt, ein Auge mit Mascara geschminkt, das andere ohne. Es war nicht der Kurier, es war David, und plötzlich fiel mir das Stäbchen in meiner Hand wieder ein. Ich glaube, in diesem Augenblick wurde ich erwachsen.

David und ich kannten uns damals seit über zwei Jahren. Ich hatte ihn während eines Auftrags für die Sunday Times kennengelernt. Man hatte mich gebeten, ein Feature über die zwanzig wichtigsten Selfmademen in Großbritannien zu schreiben, und irgendwie hatte man David überredet, die dazugehörigen Fotos zu machen – für die Zeitung ein ziemlicher Coup. Sein Name war mir natürlich geläufig – David Turcan (»Der Türke« für seine Freunde) war einer der Großen des Fotojournalismus, aber allgemein hielt man Porträt- oder Prominentenfotos für unter seiner Würde. Davids Nische waren die Kriegs- und Katastrophenschauplätze. Auch ohne ihn zu kennen, würde man mit ziemlicher Sicherheit mindestens eines seiner Fotos wiedererkennen. Vielleicht den kurdischen Soldaten, dessen Gewehr ganz...



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