E-Book, Deutsch, 535 Seiten
Meding Zwei Kaiserkronen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2882-9
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 535 Seiten
ISBN: 978-80-272-2882-9
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In 'Zwei Kaiserkronen' von Oskar Meding wird die Geschichte zweier miteinander verbundener Familien während des Ersten Weltkriegs erzählt. Der Autor verwendet einen präzisen und emotionalen Schreibstil, der es dem Leser ermöglicht, sich in die Wirren des Krieges hineinzuversetzen. Das Buch beleuchtet nicht nur die Auswirkungen des Krieges auf das tägliche Leben der Menschen, sondern wirft auch einen kritischen Blick auf die politischen Entscheidungen und die soziale Dynamik dieser Ära. Medings Werk kann in den Kontext der Trümmerliteratur des frühen 20. Jahrhunderts eingeordnet werden, da es die psychologischen und sozialen Nachwirkungen des Krieges herausarbeitet.
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Zweites Kapitel
Nachdem der Gratulationsempfang vorüber war, hatte sich der König Georg in das kleine Wohnzimmer der Königin zurückgezogen und dorthin den Grafen Platen und den Regierungsrat Meding, welcher von Paris zur Feier der silbernen Hochzeit des Königs herüber gekommen war, bescheiden lassen.
Beide Herren erschienen, der sonstigen Gewohnheit des Hietzinger Hofes entgegen, in der gestickten hannöverischen Galauniform, welche sie bei dem vorhergehenden Empfang getragen.
Der König hatte den geheimen Kabinettsrat und den Kronprinzen rufen lassen und sprach, indem er die Uniform aufknöpfte und sich etwas ermüdet in das Sofa zurücklehnte, auf welchem er Platz genommen:
»Ich muß auch an dem heutigen Festtage die freie Zeit benutzen, um einige ernste Angelegenheiten mit ihnen, meine Herren, zu besprechen, denn keine Stunde soll der Arbeit für meine Sache verloren sein. Sie haben mir vorher eine kurze Andeutung gemacht, Graf Platen, über eine Mitteilung, welche von dem Reichskanzler von Beust an Sie gelangt sei. Was betrifft es?«
Graf Platen, dessen bleiches Gesicht den Ausdruck nervöser Abgespanntheit zeigte, und der nicht mehr wie früher einen mit der Farbe seines schwarzen Haares übereinstimmenden Backenbart trug, zog ein Papier aus seiner Uniform und sprach, indem er dasselbe entfaltete und einen Blick hineinwarf:
»Herr von Beust, Majestät, hat mir eine vertrauliche Note geschickt, in welcher er es für nötig hält, mich darauf aufmerksam zu machen, in wie große Verlegenheiten die österreichische Regierung kommen würde, wenn die vielen hierher zusammengekommenen Hannoveraner ihre Anwesenheit zu politischen Demonstrationen benützen würden. Er spricht die Erwartung aus, daß von mir in diesem Sinne gewirkt würde, damit die so gerne gewährte Gastfreundschaft den Kaiser nicht in eine schiefe Stellung zu Preußen bringe.«
Der König biß einige Male heftig in seinen Schnurrbart, ein zischender scharfer Atemzug fuhr aus seinen Lippen. Dann fragte er, indem seine Hand sich fest um die Lehne des Sofas spannte:
»Ist irgendetwas vorgekommen, was zu dieser Belehrung des Herrn von Beust hätte Veranlassung geben können?«
»Nicht das geringste, so viel ich weiß, Majestät,« erwiderte Graf Platen, – »man hat allerdings den Kaiser soeben mit sehr lebhaften und vielleicht etwas demonstrativen Rufen begrüßt, allein, darauf kann sich die Note, die ich schon diesen Morgen erhielt, nicht beziehen.«
»Und darauf könnte sie sich auch nicht beziehen, wenn es gestern vorgefallen wäre,« rief der König lebhaft, mit zwei Fingern in die flache Hand schlagend, »soll es so weit mit dem Hause Habsburg gekommen sein, daß man in der Hofburg vor einem Stirnrunzeln in Berlin zittert, wenn loyale Gäste Österreichs dem Kaiser Hoch rufen?«
»Der ganzen Note,« sagte Graf Platen, »liegt wohl nur die Absicht zum Grunde, sich nach allen Seiten zu decken, und bei etwaigen diplomatischen Interpellationen den Beweis liefern zu können, daß man das Seinige getan habe, um alle möglichen Rücksichten auf Preußen zu nehmen.«
Der König zuckte die Achseln.
»Und was wollen Sie tun?« fragte er nach einem augenblicklichen Schweigen.
»Ich glaube allerdings, Majestät,« sagte Graf Platen, seine geschmeidige Gestalt zusammenbiegend, »daß man dahin wirken muß, die etwas erregten Hannoveraner von allen unnützen Demonstrationen zurückzuhalten, um so mehr, da noch eine andere Angelegenheit vorliegt, über welche ich demnächst sprechen werde, und welche der österreichischen Regierung einige Verlegenheit bereitet.«
»Vor allen Dingen aber müßte man doch«, bemerkte Regierungsrat Meding, »auf diese Note des Herrn von Beust eine sehr feste Antwort geben und sehr klar und bestimmt aussprechen, daß Eure Majestät sich vollkommen aller der Pflichten bewußt wären, welche der Genuß der österreichischen Gastfreundschaft Allerhöchst Ihnen auferlegte. Diese Gastfreundschaft ist in der Tat nach den vorhergegangenen Ereignissen so natürlich und selbstverständlich und wird von Eurer Majestät doch in der Tat in so bescheidenem Maße in Anspruch genommen, daß sie mir wirklich nicht die Verpflichtung für Eure Majestät zu bedingen scheint, Belehrungen solcher Art zu empfangen. Eure Majestät wissen,« fuhr er fort, »wie sehr ich stets darauf gedrungen habe, daß Allerhöchstdieselben sich in vollkommenster Unabhängigkeit nach allen Seiten erhalten, und in keiner Weise sich unter die Leitung der österreichischen Politik oder des Herrn von Beust zu begeben. Man hat in Paris zu meinem großen Erstaunen schon einigemal den Versuch gemacht, sich in die Angelegenheiten Eurer Majestät zu mischen.«
Der König horchte gespannt auf.
»Eure Majestät wissen,« fuhr der Regierungsrat Meding fort, »daß durch den Tod des Herrn Holländer die Angelegenheiten des Journals la Situation, in große Verwirrung geraten sind, da die Erben des Verstorbenen jetzt formell Herren der ganzen Sache sind, und es für mich ohne Bloßstellung des Namens Eurer Majestät nicht ganz leicht ist, den Behörden gegenüber die Sachlage klar zu stellen. Die französische Regierung ist mir dabei mit außerordentlicher Bereitwilligkeit behilflich, ich war daher nicht wenig überrascht, als mir vor einigen Tagen Herr von St. Paul, der Unterstaatssekretär des Innern, ganz erstaunt sagte, daß der österreichische Botschafter auf Veranlassung des Herrn von Beust ihn ersucht habe, diese Angelegenheit doch durch seinen Einfluß schleunigst zu Ende zu bringen. Herr von St. Paul drückte mir darüber sein um so mehr berechtigtes Erstaunen aus, als er ja bereits alles, was in seinen Kräften stand, zu meiner Unterstützung getan habe.«
»Unbegreiflich!« rief der König. – »Wissen Sie etwas davon, Graf Platen?«
»Ich erinnere mich allerdings, Majestät,« erwiderte der Graf, »daß ich mit Herrn von Beust vor einiger Zeit über die Schwierigkeit der Angelegenheit der › Situation‹ gesprochen habe, kann mich aber durchaus nicht erinnern, daß dabei von irgendeiner démarche der österreichischen Botschaft in Paris die Rede gewesen sei.«
»Und was haben Sie getan?« fragte der König sich zu Herrn Meding wendend.
»Ich habe der französischen Regierung sehr bestimmt erklärt,« erwiderte dieser, »daß ich niemand in der Welt kenne, der ein Recht habe, in den Angelegenheiten Eurer Majestät irgend etwas zu erklären oder zu verlangen: daß ich jede derartige Intervention auf das Bestimmteste ablehnen müßte, wenn ich auch die freundliche Absicht des Fürsten Metternich nur dankbar anerkennen könnte.«
Graf Platen neigte sich vornüber und hustete leicht. »Sie haben vollkommen recht gehabt und ganz in meinem Sinne gehandelt,« sagte der König lebhaft, »und ich bitte Sie, in jedem ähnlichen Fall nach gleichen Grundsätzen zu verfahren.«
Eine kleine Pause entstand.
»Sie wollten von einer anderen Angelegenheit sprechen,« sagte der König, »welche Österreich Verlegenheit bereite?«
»Eure Majestät erinnern sich,« erwiderte der Graf, daß einen Augenblick die Absicht bestand, die hannöverischen Emigranten, welche sich in der Schweiz nicht mehr halten konnten, auf das österreichische Grenzgebiet zu bringen, und daß deshalb die hiesige Polizei uns eine Anzahl von Pässen für jene Leute gegeben hat. Die Emigranten haben nun jene Pässe bei dem Eintritt nach Frankreich an der Schweizer Grenze überall vorgezeigt, darüber ist der österreichischen Regierung eine sehr gereizte Vorhaltung von Berlin gemacht worden, wo man in dieser Paßerteilung eine entschiedene Parteinahme für die Emigration und für deren Übergang nach Frankreich erblickte.«
»Es ist mir sehr lieb,« sagte der König, »daß Sie die Emigration gerade hier erwähnen, denn ich wollte Meding bereits darnach fragen. Ist denn die Angelegenheit vollständig in Ordnung?« fragte er, sich an den Regierungsrat wendend, »und sind meine armen getreuen Hannoveraner endlich in Ruhe?«
»Erlauben Eure Majestät,« erwiderte der Regierungsrat Meding, »daß ich zunächst die vom Grafen Platen erwähnte Paßangelegenheit berühre. Als Eure Majestät bei meiner letzten Anwesenheit hier im Dezember vorigen Jahres erklärten, daß die Emigration in der Schweiz, wegen der Schwierigkeiten, welche mir die dortigen Behörden bereiteten, nicht mehr bleiben könne, und daß Eure Majestät ihr ein Asyl in Frankreich, wo ja alle politischen Flüchtlinge Aufnahme finden, geöffnet zu sehen wünschte, habe ich diesen Wunsch sogleich der französischen Regierung zu erkennen gegeben, und der Kaiser hat sofort befohlen, daß die Emigranten die freundlichste Aufnahme in Frankreich finden sollten. Für die französischen Behörden sind die Hannoveraner also Flüchtlinge, welche unter den Schutz der französischen Gastfreundschaft aufgenommen werden. Sie bedürfen daher keines Passes und keiner Legitimation, die sie ja eben als Flüchtlinge in legitimer Weise gar nicht haben können. Es genügt vielmehr vollkommen, daß sie von mir der französischen Regierung als hannöverische Flüchtlinge bezeichnet und überwiesen werden. Ich vermag deshalb nicht zu begreifen, weshalb man die österreichischen Pässe überhaupt nach der Schweiz gesendet hat und weshalb man sie dieselben hat vorzeigen lassen, da beides ganz und gar überflüssig war.«
»Es wird auf einem Mißverständnis beruhen,« sagte Graf Platen, »welches sich aus den früheren anderen Absichten erklärt; jedenfalls befindet sich die österreichische Regierung in wirklicher Verlegenheit –«
»Dieser Verlegenheit«, sagte der Regierungsrat Meding,...




