Medwed | Weil ich dich liebe, deine Annie | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Reihe: Lübbe

Medwed Weil ich dich liebe, deine Annie

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-1013-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-1013-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Annie und ihr Mann Sam führen in einer idyllischen Kleinstadt in Maine ein glückliches und zufriedenes Leben. Aber dann bekommt Annie eines Tages eine unerbittliche Diagnose. Wie soll sie Sam nur sagen, dass sie nicht mehr lange leben wird? Sie weiß genau, dass er mit dieser Nachricht nicht wird umgehen können. Also schreibt Annie stattdessen alles auf, was ihr an Ratschlägen für das Leben ohne sie einfällt. Es entsteht ein Handbuch voll praktischer Tipps fürs Essenkochen, Geburtstagsgeschenke kaufen, Frauen daten und noch vielem mehr. Dann findet ausgerechnet Annies Mutter das Handbuch. Anstatt Sam die Wahrheit zu verraten, beginnt sie, um das Leben ihrer Tochter zu kämpfen ...

'Medweds herzergreifender Roman ist eine bewegende Erinnerung daran, dass wir manchmal ausgerechnet in den schlimmsten Zeiten das Beste in uns selbst entdecken' Bestseller-Autorin Jodi Picoult



Mameve Medwed wurde in Maine geboren und nach ihren beiden Großmüttern, Mamie und Eva, ausgesprochen May-Meeve, benannt. Darüber hinaus schreibt sie unter anderem für die New York Times und die Washington Post. Sie lebt mit ihrer Familie in Massachusetts.
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Kapitel 1


Annie parkt vor Michauds Lebensmittelladen. Sie steht zu nahe am Hydranten, aber das ist ihr ausnahmsweise egal. Sie schaltet den Motor ab und versucht, ruhiger zu atmen. Sie stellt sich den viel zu fröhlichen, viel zu gelassenen Yogalehrer aus dem Video vor, das Sam ihr zu Weihnachten geschenkt hat. »Für Typ-A-Persönlichkeiten«, erklärte er. Sie hat es sich nur zur Hälfte angesehen. Beim Entspannen ist sie lausig. Je mehr sie sich bemüht, hinunter zum Zwerchfell zu atmen, desto schneller und flacher atmet sie. Na und? Sie öffnet die Wagentür. Das ist jetzt alles unwichtig. Sie lässt den Schlüssel stecken, sie lässt den Wagen unverriegelt, sie steigt über den Eiswall, anstatt den dürftig frei geschaufelten Pfad entlangzustöckeln. Das kann ihr alles mal gestohlen bleiben. Soll sie doch ausrutschen, auf dem dreckigen Gehweg liegen wie ein Schneeengel. Perfekter Vergleich.

Zum ersten Mal heute hat sie Glück, denn an der Kasse steht Vater Raoul und nicht Sohn Ralphie, der in der Highschool in Sozialkunde hinter ihr gesessen hat. Ralphie würde nur über ihre Klassenkameraden quatschen, die Hockeyergebnisse analysieren wollen, sich nach ihrer Mutter erkundigen. Nicht dass das noch eine Rolle spielen würde. Aber gerade heute will sie nicht über Ursula reden.

Mr Michaud schaut sich den Wetterbericht an. Es ist der 1. Februar. Wird Punxsutawney Phil morgen aus seinem Loch kommen?, fragt der grinsende Holzfällerhemd-Wettermann mit dem verdächtig orangefarbenen Teint. Seine Zähne sind fünf Stufen weißer als frischer Schnee. Dagegen sollten sich die gelbbraunen Schneehaufen in den Straßen ihres Heimatstädtchens was schämen. »Was meinste, Annie?« Raouls kanadische Vokale klingen hart im Vergleich zur Aussprache des Wettermanns.

»Keine Ahnung.« Ist mir auch egal. Ob noch sechs Wochen Winter oder früher Frühling, ist ihr jetzt unwichtig. Annie zeigt auf das Regal hinter der staubigen Kasse, an dem zwanzig Jahre alte, verblasste Konfirmationsfotos von Ralphie und seiner Schwester Marie mit Tesa festgeklebt sind. »Eine Packung Marlboro bitte.« Sie überlegt es sich anders. »Lieber eine Stange.«

Ob Mr Michaud das missbilligt, kann sie nicht erkennen. Er steht mit dem Gesicht zum Fernseher. Sie bezahlt. Er gibt ihr das Wechselgeld heraus. »Willst du eine Tüte?«

»Nicht nötig.« Soll doch die ganze Stadt ihr Laster sehen. Ihren Rückfall.

Doch als sie den Laden verlässt, entdeckt sie auf dem Bürgersteig nirgendwo Zeugen. Niemand, der fragen würde, wie es ihr geht, ob sie morgen Abend zur Stadtratssitzung kommen wird, ob die Gurken des neuen Lieferanten die richtige Qualität für die Paul Bunyans haben und wie es eigentlich ihrer hinreißenden Mutter geht. Dann käme ein Moment des Schweigens, ein Blick auf die Stange Zigaretten und die Frage: »Ist alles okay?« Zum Glück fährt kein einziges Auto vorbei, niemand sieht, wie sie sich auf das Lenkrad stützt und sich die Zigarette anzündet. Ein echter Glückstag. Ein spitzenmäßiger!

Natürlich ist das Feuerzeug kaputt. Natürlich hat sie kein Streichholz. Bei laufendem Motor steigt sie aus und geht wieder rein. »Streichhölzer?«

Er blickt nicht auf. »Da drüben.« Er deutet auf eine alte Whitman’s-Pralinenschachtel, die mit Streichholzbriefchen von der Tankstelle gegenüber gefüllt ist. »Schönen Tag noch.«

Sie fährt um den Block herum zur Highschool, biegt in die letzte Parkplatzreihe ein, früher das Territorium der harten Jungs, die ihre filterlosen Camels rauchten und drüben bei den Kiefern ihre Joints drehten. Das ist auch genau die Stelle, wo die lockeren Mädchen ihre BHs aufhakten, wo sie und Sam – wie idyllisch – in dem alten Chevy seines Vaters herummachten, wenn das Kino aus war. Um neun Uhr machte die ganze Stadt dicht. Um diese Zeit, wenn die Fernseher in den Wohnzimmern entlang der Grove Street einer nach dem anderen ausgeschaltet wurden, hörte man förmlich den Schlusssatz aus den Waltons-Wiederholungen, die sie als Kind früher guckte: »Gute Nacht, John Boy. Gute Nacht, Jim Bob.«

Ringsherum kein Mensch. Was kaum überrascht, denn Teenager haben inzwischen Verhütungsmittel und den Komfort des eigenen Bettes, wenn sie die Nacht zusammen verbringen. »Besser zu Hause als auf der Rückbank des Wagens oder in einem billigen Motel, denn sie tun es ja sowieso«, erklärte ihre beste Freundin Rachel, deren Tochter einen Freund mit wöchentlicher Übernachtungserlaubnis hatte. Nicht dass Annie sich mit dem gleichen Problem befassen muss.

Sie hat ein anderes, und zwar ein großes. Das größte überhaupt. Das zentrale Thema in Literatur, Musik und Philosophie – nicht Zigaretten und Teenagersex und Kommunalsteuern oder narzisstische Mütter oder fade Essiggurken. Es ist das große Rätsel Schrägstrich die große Obsession der Menschheit.

Sie nimmt eine Zigarettenschachtel aus der Stange und zieht am Aufreißfaden. Sie trägt noch die gekräuselten violetten Handschuhe, die Ursula ihr geschickt hat. Das feine Leder schmiegt sich an ihre Finger wie eine zweite Haut, das Kaschmirfutter ist so dünn, dass sie sich mit Handschuhen eine Zigarette herausziehen kann. Ihr zittern die Hände. Sie hat seit ihrer ersten Schwangerschaft nicht mehr geraucht, außer ein oder zwei während Ursulas höchst stressiger Besuche. Aber nie während der Ich-mache-alles-richtig-Schwangerschaften, von denen vier mit einer Fehlgeburt endeten. Und bei der letzten, der Nie-wieder-Schwangerschaft, kam das Kind – eine Tochter – tot zur Welt. Danach hat sie den Geschmack daran verloren.

Tut sie es deshalb? Rauchen? Früher war das etwas, um die Hände beschäftigt zu halten, wenn sie bei einer Party schüchtern herumstand, ein Landei, das sich den Anstrich der Raffinesse gab. Eine Null-Kalorien-Ersatzbefriedigung, wenn sie durch das Schaufenster des Drugstores schaute und eine ihrer Freundinnen beobachtete, die einen Karamelleisbecher am Getränkespender vertilgte. Und das jetzt trotz so vieler, hart errungener tabakfreier Jahre? Trotz all der Treffen bei den Anonymen Rauchern in dunklen Kirchenkellern und schäbigen Cafeterien? Und nach einer Kindheit eingehüllt in Rauchschwaden, die der Mount Ursula ausspuckte, und einer Lungenentzündung in der Teenagerzeit, die nach Meinung des Arztes ihre Lunge geschädigt haben und zu späteren Problemen führen könnten.

»Das tut mir sehr leid«, hat Dr. Buckley gesagt und ihre Hände genommen, während er Tränen wegblinzelte.

Natürlich, dachte sie. Das ist die logische Konsequenz. Nicht nur aus ihrer Erbsünde und dem kindlichen Gefühl von Unbesiegbarkeit, sondern, machen wir uns nichts vor: zu viel Wein, zu wenig Broccoli. Hinzu kommt der Sportkurs, den sie in der ersten Woche hingeschmissen hat. Ihre Yoga-Aversion. Die zehn Pfund Gewichtszunahmen, die sie auf die Paul Bunyans schiebt – die ernährungsphysiologisch bedenkliche, immerwährende Quelle an Einkommen, ehelicher Harmonie und lokalen Ruhms.

»Das ist Pech. So ist das Leben«, sagte Dr. Buckley außerdem.

»Das Leben kann mich mal«, sagt sie jetzt. Sie ist erst siebenunddreißig Jahre alt, verdammt. Nicht dass ihre Mutter das »erst« billigen würde. »Darling, dein Alter bleibt jetzt besser entre nous«, forderte Ursula, als Annie dreißig wurde, und tat das in demselben Ton, mit dem sie seinerzeit von ihrer vierjährigen Tochter verlangte, sie mit dem Vornamen anzusprechen, weil das schwesterlicher klänge als das mutterschaftsoffenbarende »Mum«.

Annie reißt das Streichholz an, zündet sich die Zigarette an, hält sie zwischen Zeige- und Ringfinger. Die Zigarette schmiegt sich zwischen die Lederlagen wie ein fehlendes Glied, das sie gerade zurückbekommen hat.

Ihr wird schwindlig, sie inhaliert und hustet wie damals als zwölfjähriger Pummel, nachdem ihre Mutter ihr die erste Parliament zu rauchen gab und ihr eine schlanke Taille versprach. Sie behielt recht, und Annie blieb dabei. Das Husten hörte auf, zumindest damals, die Pfunde purzelten. »Was für ein hübsches kleines Ding«, gurrten die Leute. Mit einer Zigarette fühlte sie sich weltgewandt, pariserisch. Nicht dass die Jungen in ihrer Highschool das zu schätzen wussten. Deren Ideal war weniger die urbane, sondern eher die infantile Sünderin, ein passenderes Pendant für Bad Boys wie Ralphie Michaud mit ihren Nasenringen, nach hinten gegelten Haaren, Schmalzlocke in der Stirn und Heavy-Metal-Tattoos.

Sam war nicht so einer. Und sie war nicht eines jener Mädchen, die solchen Jungen an der Seite klebten wie eine zusätzliche Rippe. Sie und Sam waren zusammen in die Benjamin-Franklin-Grundschule gegangen, in dieselbe Klasse. Ihre Geburtstage liegen nur drei Tage auseinander. In der zweiten Klasse schenkte er ihr eine herzförmige Schachtel mit Buttertoffees zum Valentinstag. In der vierten war er ihr Wichtelpartner. In der Mittelstufe sah er so gut aus, dass sie nicht aufhören konnte, ihn anzustarren. Schüchtern, bescheiden und gedankenverloren war er und begriff nicht, wie attraktiv er aussah. (Auch heute noch nicht, obwohl sich viele Frauen nach ihm umdrehen und mit ihm flirten wollen.)

Im ersten Jahr der Oberstufe fanden sie richtig zueinander und wurden unzertrennlich, zwei Außenseiter beim Sport, intelligent, sosehr sie das auch verbergen wollten, und Einzelkinder zwischen großen, ständig wachsenden Familien. Außerdem gehörten sie beide einer Minderheit an, er als Jude, sie als Unitarierin in einer Stadt, die auf die katholische Kirche von Sankt Peter ausgerichtet war. Schlimmer noch, sie wohnten im noblen Teil der Stadt, und das hieß – durch den engen Rahmen von Passamaquoddy betrachtet –keine Autoreifen im...



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