E-Book, Deutsch, Band 2, 196 Seiten
Reihe: Haus Dünenrose
Meer Die letzte Fähre
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8412-1649-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 196 Seiten
Reihe: Haus Dünenrose
ISBN: 978-3-8412-1649-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine neue Saison hat begonnen und im Ferienhaus 'Dünenrose' tummeln sich die ersten Urlauber. Die Putzfrau ist dabei durch nichts aus der Ruhe zu bringen: sie kennt die Marotten der Leute. Als die Frau in der roten Strickjacke plötzlich wieder auftaucht, zieht das aber doch einige Aufregung nach sich. Nicht weniger turbulent geht es in den folgenden Wochen zu. Da kommt eine alleinerziehende Mutter, die sich von den erotischen Verwirrungen ihres ältesten Sohnes anstecken lässt und nicht bemerkt, was ihr Jüngster heimlich in der blauen Kammer treibt. Auch Martine, die wir bereits aus den 'Inselgästen' kennen, kehrt in das Häuschen zurück. Sie erwartet den neuen Geliebten und ist erschüttert, als die Mutter ihr ein lange gehütetes Geheimnis offenbart ...
Die niederländische Autorin Vonne van der Meer, geboren 1952, veröffentlichte mehrere Romane: 'Inselgäste', 'Die letzte Fähre', 'Abschied von der Insel', 'Was du nicht willst' und 'Inselliebe'. In den Niederlanden ist jedes ihrer Bücher ein großer Erfolg, auch hierzulande avancierten sie zu geheimen Bestsellern.
Mehr Informationen zur Autorin unter www.vonnevandermeer.nl.
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Ich habe es wieder geschafft. Alles ist sauber, alles funktioniert. Die Matten sind ausgeklopft, die Gardinen hängen gebügelt vor den Fenstern; in die Lampe über dem Eßtisch habe ich eine neue Birne gedreht. Das Haus riecht noch ein bißchen nach Spiritus. Nicht wie eine zu stark parfümierte Dame, sondern genau richtig.
Nun also meine letzte Runde. Noch einmal gehe ich durch »Dünenrose«, mit Gästeaugen. Zuerst nach oben, in das blaue Zimmer unter dem Dach. Bettys Zimmer, nenne ich es. Betty und Herman Slaghek kommen bestimmt wieder, drei Wochen im Mai, schon zum fünften Mal. Dann die Treppe hinunter, die Stufen hat mein Nachbar diesen Winter gestrichen. Ich habe Herrn Dünenrose nicht um Erlaubnis gefragt, der überläßt doch alles mir. Später habe ich ihm eine Rechnung für die Farbe geschickt, und Bart hat natürlich nichts gekostet. Es sah schimmlig aus, die weiße Farbe hatte sich im Laufe der Jahre völlig abgetreten, als ob manche Leute nichts Besseres zu tun haben, als den ganzen Urlaub die Treppe rauf und runter zu rennen.
Unten habe ich eine feste Route, schon solange ich hierher komme. Ich beginne im Kinderzimmer neben der Eingangstür, dann in die Küche, durchs Wohnzimmer zum Elternschlafzimmer an der Seite des Hauses. Hebe die Vorhänge an, ob nicht irgendwo eine tote Spinne liegt. Die Toilette brauche ich nicht noch ein letztes Mal zu inspizieren, denn vor lauter Nervosität muß ich immer, als ob ich verreisen würde.
Wenn ich alles kontrolliert habe, gehe ich Schach spielen. An mir ist ein wahrer Großmeister verlorengegangen. Wo sollen die Blumen hin, auf den Eßtisch? Oder doch lieber auf den Couchtisch bei den Flügeltüren, so daß das Licht darauf fällt? Lege ich die Sirupwaffeln, die ich für die Gäste gekauft habe, in die Dose oder auf die Anrichte? Und das Gästebuch? Zwischen die ersten leeren Seiten dieser Saison stecke ich dieses Buchenblatt hinein, fast zerfallen. Es besteht nur noch aus Umriß und Nerven und dazwischen einem durchsichtigen Gespinst, so stark wie dickes Papier. Ich sah es zufällig, als ich den Mops meiner Tochter im Wald hinter dem Hafen ausführte. Dort stehen überhaupt keine Buchen. Das Blatt muß von der anderen Seite der Insel herübergeweht sein, damit ich es finden konnte. Noch ein letzter Blick durch die Durchreiche in die Küche, die Streichhölzer liegen neben dem Herd, der Kühlschrank ist zu, Zucker, Tee …
Meine Aufgabe ist erledigt. Zeit zu gehen … nein, noch nicht, ich will noch einmal hinauf. Warum eigentlich? Ich habe dort nichts mehr zu suchen, da war ich schon. Alles sieht wunderbar aus, aber ich kann es nicht lassen. Ich will noch einmal die neue Treppe hinuntergehen, es genießen, wie schön die Stufen glänzen, wenn ich das Flurlicht anknipse, schau nur …
Was ist denn das da, auf der Ablage über der Garderobe? Ein Paar Handschuhe? Schon komisch, daß sie mir jetzt erst auffallen: ein Paar Damenhandschuhe, solche, wie man sie kaum noch sieht. Unten braunes Leder und eine gehäkelte Oberseite aus beiger Baumwolle, Autohandschuhe, ja, so nennt man das.
Die Leute lassen öfter mal was liegen, aber meistens sehe ich es sofort, wenn ich hereinkomme. Steht kein Name drin oder drauf, bewahre ich es auf. Hat nach ein paar Monaten noch niemand angerufen oder geschrieben, suche ich eine Verwendung dafür. Schirme, Schals, Sonnenbrillen, ich finde immer jemanden, und häufig bin ich dieser Jemand selbst. Was ist denn jetzt los, ich glaub, ich fange an zu schrumpfen. Früher brauchte ich mich nicht auf die Zehenspitzen zu stellen, um etwas von der Ablage zu nehmen.
Im nachhinein verstehe ich nicht, warum ich sie unbedingt anprobieren mußte. Ich hätte doch mit einem Blick sehen können, daß sie sehr schön, aber auch viel zu klein waren, solche feinen Hände habe ich nicht. Trotzdem zog ich mir schnell den rechten Handschuh über, wie die Stiefschwester von Aschenputtel, die ihren plumpen Fuß in den gläsernen Pantoffel zu zwängen versuchte. Noch ehe meine Finger drin waren, fühlte ich es: ein Stück Papier.
Ich kenne diese Gewohnheit, stecke selbst auch manchmal einen zusammengelegten Umschlag mit einer Adresse oder einen Garantieschein in meinen Handschuh, nur war das hier dicker. Ich fischte es heraus und erkannte es sofort: dasselbe cremefarbene Papier wie im Gästebuch. Sieben fest zusammengefaltete Blätter, während ich sie glattstrich, dämmerte es mir. Ich brauchte das Gästebuch nicht zu holen, um mich zu erinnern, daß in der letzten Saison eine ganze Reihe von Seiten verschwunden war. Herausgerissen, vom letzten Gast. Darüber war ich damals ziemlich sauer. Und bin es immer noch. Ich verstehe so was einfach nicht. Daß jemand einen Klecks macht, sich verschreibt, okay, aber so viele Seiten. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was da gestanden haben könnte, bin sogar noch einmal zurückgegangen, um im Scrabblekarton nachzusehen, ob sie zum Punktezählen gebraucht worden waren. Erst als ich den Karton wieder zumachte, bedachte ich: Gegen wen hätte sie denn spielen sollen? Soweit ich weiß, war sie hier mutterseelenallein. Es war Ende September, die Saison war fast vorbei.
Es hat mich den ganzen Winter nicht mehr losgelassen. Was stand da, das dann doch nicht gelesen werden durfte, von niemandem? Und letzteres hätte ich mir vorhin auch überlegen sollen, bevor ich ans Fenster ging, meine Lesebrille aufsetzte und die Seiten glattstrich. Ich hatte sie gelesen, ehe ich mich’s versah: Ich bin auf die Insel gekommen, um ein paar Tage allein zu sein, und nun habe ich das dringende Bedürfnis zu reden, brabbele hier auch viel öfter vor mich hin als zu Hause. Ist es die Stille, die Stille eines fremden Hauses, mit anderen Geräuschen?
Jetzt, wo ich es zum zweiten Mal lese, das von der Stille und was sie alles dabei denkt, nicke ich wieder. Mir geht es auch so. Wenn ich in diesem Haus bin, fange ich automatisch an zu reden. Als ob noch etwas von all diesen Leuten in den Zimmern hängen würde, ein Treffen früherer Gäste. Es ist, als ob ich sie hören würde, die Frau in Rot. Ich sehe sie vor mir – eine hübsche Erscheinung, sehr dunkles Haar mit einer schlohweißen Locke vorn – wie sie da saß, auf der Terrasse, und immer wieder aufsprang und unruhig hin und her flatterte. Ich fand sie nur so mager, Haut und Knochen. Jetzt weiß ich, woher das kommt … Vielleicht kann man ja doch noch etwas machen, gibt es keine Metastasen, und ich sitze nächstes Jahr wieder hier …
Wenn ich wollte, könnte ich Herrn Dünenrose um eine Liste mit den Gästen vom vorigen Jahr und denen, die dieses Jahr erwartet werden, bitten. Er führt Buch über alle Namen, jahraus, jahrein. Aber auch ohne diese Liste weiß ich es: Sie kommt nicht wieder. Sie wollte nichts lieber, als auf die Insel zurückkehren, sie war nirgendwo so glücklich wie hier, aber sie wußte es selbst auch: es war das letzte Mal. Sie klagt nicht, doch zwischen den Zeilen lese ich, was für Schmerzen sie hatte. Wie ist es möglich, daß ich das nicht wußte? Habe ich sie richtig angesehen? Sie hat meinen Gruß immer erwidert, wenn ich ihr zuwinkte … erwartete sie vielleicht etwas von mir?
All diese Fragen spuken mir im Kopf herum, und ich kann sie nicht einfach durch kräftiges Lüften herauswehen lassen. Ich hätte sehen müssen, wie schlecht es ihr ging, dann hätte ich vielleicht etwas für sie tun können. Tue ich denn überhaupt genug für die Gäste? Soll ich mir angewöhnen zu klingeln, am zweiten oder dritten Tag? Fragen, wie es ihnen geht, ob sie verstanden haben, wie der Durchlauferhitzer funktioniert, ob genug Decken da sind, ob nicht zufällig jemand eine schleichende Krankheit hat?
Ich habe mich immer glücklich geschätzt, diese Arbeit hier machen zu können; indem ich »Dünenrose« am Anfang der Saison sauber übergebe, sorge ich auch ein wenig für die Gäste. Die meisten Leute können heutzutage kaum erklären, was für eine Arbeit sie tun, aber für mich ist es klar: sauber ist sauber. Ansonsten sehe ich hin und wieder nach dem Rechten, ich fahre mal vorbei, nicke, denn man ist erst dann richtig an einem neuen Ort angekommen, wenn einen jemand grüßt. Die Kinder sind schon seit Jahren aus dem Haus, und so habe ich doch noch etwas, um das ich mich kümmern kann.
Aber nun schaue ich dauernd zum Eßtisch und stelle mir vor, daß sie dort an jenem letzten Morgen vor ihrer Abreise unter der Lampe gesessen und wie eine Wilde geschrieben hat, diese Nachteule in ihrer roten Strickjacke. Sie behauptet zwar, daß sie schreiben muß, jetzt oder nie, aber vielleicht wäre es ihr doch lieber gewesen, wenn ihr mal jemand zugehört hätte. Etwas erwidert hätte. Jetzt geht es nicht mehr. Was soll ich mit all diesen Erinnerungen an ihre Mutter, an ihre Kinder, an ihren Edu? Was soll ich mit Gedanken, die niemand kennen durfte, oder wollte sie insgeheim doch, daß sie gelesen werden? Wie hätte sie die Handschuhe sonst vergessen können? Wo steht es … Niemand wird dies jemals lesen, und doch will ich es geschrieben haben.
Sie konnte nicht wissen, daß ich die Seiten finden würde. Jemand, dem es schwerfällt, etwas wegzuwerfen. Mit letzter Kraft hat sie auf dem Papier ihr Herz ausgeschüttet, und das soll ich dann im Kamin verbrennen? Das bringe ich nicht fertig. Ich würde das Gefühl haben, etwas in die Flammen zu werfen, das noch atmet. Zu unserer Hochzeit habe ich eine Kachel mit einem Spruch geschenkt bekommen: »Vom Konzert des Lebens kennt niemand das Programm«, und was sie hier schreibt, ist mindestens genauso wahr. Eigentlich hat der Mensch nichts, außer einem Namen, und irgendwie habe ich das auf der Insel immer besser verstanden. Weil mir hier auch nichts...




