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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 197 Seiten

Reihe: Haus Dünenrose

Meer Inselgäste

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8412-1648-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 1, 197 Seiten

Reihe: Haus Dünenrose

ISBN: 978-3-8412-1648-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Ferienhaus 'Dünenrose' auf einer Nordseeinsel geben die Saisongäste einander die Klinke in die Hand. Da kommt ein junges Paar, das versucht, eine zerbrochene Beziehung zu kitten, und ein verwitweter Mann, der seinem Leben ein Ende setzen will. Eine Zwanzigjährige hat gerade entdeckt, dass sie schwanger ist. Ein Mittvierziger, dem ein junger dynamischer Kollege vor die Nase gesetzt wird, grübelt über einen Ausweg aus seiner schier hoffnungslosen Situation. Und auch drei Studenten, die eine verzwickte Dreiecksgeschichte verbindet, tragen sich ins Gästebuch ein. Aus sicherem Abstand kommentiert die Putzfrau das Kommen und Gehen der Besucher. Zu gern erführe sie mehr über deren Schicksale, aber Zeuge all der Träume und Geheimnisse wird allein der Leser dieses hinreißend erzählten Sommerreigens ... 



Die niederländische Autorin Vonne van der Meer, geboren 1952, veröffentlichte mehrere Romane: 'Inselgäste', 'Die letzte Fähre', 'Abschied von der Insel', 'Was du nicht willst' und 'Inselliebe'. In den Niederlanden ist jedes ihrer Bücher ein großer Erfolg, auch hierzulande avancierten sie zu geheimen Bestsellern.

Mehr Informationen zur Autorin unter www.vonnevandermeer.nl.

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I


Ein quadratisches Häuschen, mit geteerten Brettern verkleidet. Anbauten an beiden Seiten, wie breite Hüften. Ob es Zimmer waren oder eine Küche oder ein Schuppen, war auf dem Foto nicht zu erkennen gewesen. Im Erdgeschoß große Flügeltüren, die auf eine von einem weißen Holzgeländer umgebene Terrasse führten. Dort würde Floris auf einer Decke in der Sonne spielen können. Direkt unter dem roten Ziegeldach befand sich noch ein kleines Fenster, und in dem Dreieck zwischen Fenster und Gesims ein schmales weißes Schild mit schwarzen Buchstaben: »Dünenrose« mußte dort stehen. Chiel war eines Abends, vor ungefähr fünf Wochen, mit einem Ferienhauskatalog nach Hause gekommen und hatte ihn aufgeschlagen auf ihren Schoß gelegt. »Schau, dieses Häuschen habe ich für eine Woche gemietet.« Das Haus hatte etwas Stabiles, Klares, sah sie sofort, all das, was ihr in letzter Zeit fehlte. Sie hoffte, daß die Bretter noch nach Teer riechen würden, Teer versetzte sie immer zurück in die Sommer ihrer Kindheit, zu den Kais, wo sie mit ihrem Vater die Fischerboote beobachtet hatte.

Dana hatte sich das Foto von Haus »Dünenrose« eingeprägt, doch nun, da sie dort hinfuhren, regnete es so stark, daß sie durch die Busfenster alles nur schemenhaft sah, es war nicht viel zu erkennen. Wenn Chiel sich mit ihr beraten hätte, statt sie zu überfallen, hätte sie sich vielleicht doch für einen Urlaub in einem warmen Land entschieden, für eine Insel mit einem exotischen Namen, wo man im April schon im Bikini herumlaufen konnte.

Sie hielten an einem Campingplatz, der »Stortemelk« hieß, niemand stieg aus, es war noch viel zu kalt zum Zelten. »Stortemelk« – Milchsturz, komischer Name, er erinnerte sie an die Strahlen, die aus ihren Brüsten geflossen waren, als sie nach sechs Monaten aufgehört hatte zu stillen. Sie war noch nie auf Vlieland gewesen, hatte keine Ahnung, wie weit »Dünenrose« vom Hafen entfernt war, ob sie bald dasein würden oder gar schon vorbei wären, wenn der Fahrer vergessen hatte, ihnen Bescheid zu sagen. Dann würden sie noch ein ziemliches Stück zurücklaufen müssen, im strömenden Regen mit Floris und dem ganzen Gepäck, eine riesige Tasche allein mit Bettwäsche. Als ob sie nicht schon genug zu schleppen hätten. Floris war die ganze Fahrt über, zwei Stunden im Auto und anderthalb Stunden auf dem Schiff, hellwach gewesen, doch jetzt schlief er, mit dem Kopf an Chiels Brust. Warum hatten sie bloß kein Taxi genommen, sie wären längst da. Sie stieß Chiel an.

»Weißt du, wo wir raus müssen?«

»Nein, aber der Fahrer sagt uns Bescheid.«

Sie wußte nicht, ob es von der Busfahrt kam, sie fuhr fast nie Bus, oder davon, daß sie sich die Nase an der Fensterscheibe platt drückte und hinausspähte, doch sie erinnerte sich plötzlich ganz deutlich, wie es früher war, wenn sie von einer Klassenfahrt zurückkam: die Unruhe, wenn sie ihre Mutter nicht sofort unter den wartenden Eltern erblickte. Eine Unruhe, die noch dadurch verstärkt wurde, daß ihr übel war vor Müdigkeit und von den vielen Süßigkeiten. Wenn ihre Blicke sich dann fanden, hatte ihre Mutter sie in dem Bus voller aufgeregter Kinder längst entdeckt. Sie merkte es daran, wie sie sie ansah, wie sie winkte. Manche Mütter standen nur da und schwatzten, die schauten gar nicht hin.

Vielleicht erkennt das Haus ja uns, dachte sie, es steht schließlich auf einer Düne, vielleicht hat es uns schon kommen sehen.

Der Bus fuhr langsamer, Dana wischte über das beschlagene Fenster und schaute angestrengt zu den Häusern auf der rechten Seite. »›Kornweihe‹, ›Brummtopf‹, ›Marianna‹, ›Suzanna‹, ›Veronica‹«, sagte der Fahrer und hielt am Straßenrand. Unwillkürlich blickte sie Chiel an, um zu sehen, ob er beim Hören eines dieser Frauennamen reagierte, aber er verzog keine Miene, sein Kinn ruhte noch immer auf dem Kopf von Floris. Das Geräusch, mit dem sich die Türen öffneten, glich einem tiefen Seufzer, als habe der Bus ihre Gedanken erraten. Sie hatte Chiel nie gefragt, wie sie hieß, diese Frau in Berlin. Bewußt nicht. Er hatte ihr erzählt, daß sie in der DDR aufgewachsen sei und daß sie als Dolmetscherin arbeite. Mehr wollte Dana nicht wissen. Wenn sein Betrug einen Namen hatte, war er schwerer zu vergessen. Angenommen, es wäre ein häufig vorkommender Name, wie Eva oder Marianne, dann würde sie jedesmal, wenn er fiele, wieder daran erinnert werden. Sie wurde schon oft genug daran erinnert. Wenn jemand sagte, daß er zu einem Kongreß fährt, zum Beispiel. Kongreß war seit Berlin ein Wort wie Bordell oder Sauna.

Ein Ehepaar mit etwa fünfjährigen Zwillingen stieg aus. Zuerst die Frau mit den Kindern, der Mann reichte ihr hastig die Koffer, während er immer wieder ängstlich zum Fahrer blickte, als fürchte er, daß der Bus schon abfahren könnte. Dana paßte auf, daß nicht aus Versehen eine Tasche von ihnen ausgeladen wurde. Floris konnte ohne seinen Schlaflappen, ein zerrissenes blau-grau kariertes Geschirrtuch, nicht einschlafen, seine Tasche durfte nicht wegkommen. Während sie in Gedanken durchging, was in welcher Tasche war, fiel ihr auf einmal wieder ein, was sie vergessen hatte: ein dickes Buch. Schon seit Wochen hatte sie es lesen wollen. Aber sie wußte nicht mehr, wo es lag.

Alle Koffer und Taschen des Paares mit den Zwillingen standen am Straßenrand. Der Mann nickte dem Chauffeur zu, wischte sich den Schweiß von der Stirn und winkte auch ihnen erleichtert. Dana nickte abwesend. »Die unendliche Geschichte«, so hieß das Buch. Sie hatte es von ihrem Vater zum dreißigsten Geburtstag bekommen. Ob es etwas für sie war, wußte sie nicht, sie hatte erst ein paar Seiten gelesen, aber die Geste hatte sie gerührt. Meistens kaufte ihre Mutter die Geschenke für die Kinder, manchmal schickte er auch seine Sekretärin los, doch dieses Buch hatte er selbst ausgewählt. »Es scheint für Kinder und Erwachsene zu sein«, hatte er gesagt, und da sie nun Mutter sei …

Der Bus nahm eine scharfe Kurve, und automatisch sah sie zur anderen Seite. Chiel hatte seine freie Hand schon um Floris gelegt. Seit Berlin kümmerte er sich ständig um ihn. Das hatte gleich bei ihrem Wiedersehen in Schiphol angefangen. Als versuchte er, über das Kind zu ihr zurückzukommen und, indem er hartnäckig den Vater spielte, auch wieder ganz ihr Mann zu werden. Floris spürte nichts von der Kurve, der Hand oder den Blicken, die über seinen Kopf hinweg gewechselt wurden. Manchmal brauchte man nur ein Bein zu strecken, schon wachte er auf, und ein anderes Mal hätte man sich getrost mit ihm in eine Achterbahn setzen können. Ein Motorrad, das unter seinem Schlafzimmerfenster aufheulte, störte ihn nicht, aber als sie eines Abends in der Badewanne einen Weinkrampf bekommen hatte, war kurz darauf aus dem Kinderzimmer auch sein Weinen zu hören gewesen, wie ein Echo. Chiel hatte ihn aus dem Bett geholt und sich mit dem weinenden Kind auf den Wannenrand zu seiner Frau gesetzt und nicht gewußt, wen er zuerst trösten sollte. Sie hatte sich schnell einen Waschlappen aufs Gesicht gelegt. »Mama aua?« – »Nein, Mama erkältet.«

Der Bus wurde langsamer. »›Amsel‹, ›Turmblick‹, ›Dünenrose‹«, sagte der Fahrer. Wieder öffneten sich die Türen mit einem Seufzer. Nicht mehr dran denken, dachte Dana, sechs zermürbende Wochen sind genug. Es muß vorbei sein. Ich will mich nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit über ihn ärgern. Wenn ich mir das vornehme, gelingt es auch: Es ist vorbei. Das war mein letzter Seufzer.

Sie stand auf und holte tief Luft. Salz, sie roch es sofort, sie brauchte nur die Dünen zu überqueren und war am Meer. Ihr Blick fiel auf ein Haus mit rotem Ziegeldach und geteerten Brettern. Sie lächelte unwillkürlich. »Da, unser Haus«, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu ihrem Mann und ihrem Sohn.

Es hatte etwas Aufregendes, einen Schlüssel, den sie nicht selbst dort hingelegt hatte, zu einem Haus, das nicht ihnen gehörte, unter dem Abtreter hervorzuholen. Als sie die Tür nicht sofort aufbekam, ertappte sie sich dabei, daß sie sich ängstlich umschaute, und als Floris quengelnd wach wurde, versuchte sie schnell, ihn zu beruhigen. Sie nahm Chiel das Kind ab und gab ihm den Schlüssel; und nachdem er ein paarmal daran gerüttelt hatte, mit geschlossenen Augen, weil er sich so besser konzentrieren konnte, ging die Tür auf. Er tat einen Schritt zur Seite, machte eine ritterliche Geste: Treten Sie ein, und lief den Weg zurück, um den Sportwagen zu holen und die Taschen, die noch am Zaun standen.

Sie schaute in den schmalen Flur, von dem vier Türen abgingen und eine Treppe. Glänzend lackierte Türen, meergrün, in einem etwas dunkleren Rahmen. Das Linoleum auf dem Fußboden war beige-grau, fast dieselbe Farbe wie der Muschelweg hinter ihr. Bevor sie das Haus betrat, putzte sie sich gründlich die Schuhe ab. Floris schob die Unterlippe vor, zögerte, ob er betreten schweigen oder doch lieber wieder weinen sollte. Um ihn zu beruhigen, begann Dana, ihm alle Dinge, die sie sah, zu zeigen und beim Namen zu nennen. Verlegen, weil es doch unhöflich war, in einem fremden Haus einfach so eine Tür zu öffnen, legte sie ihre Hand auf die erste Türklinke.

»Guck, die Toilette.«

Als kleines Kind hatte sie überall, wo sie mit ihren Eltern gewesen war, bei Verwandten, in Restaurants, zuerst die Toilette sehen wollen. Komisch, wie oft sie, seit sie Mutter war, an ihre Kindheit zurückdachte, an manchen Tagen ständig. Diese Toilette war in Schuß, das Klobecken sauber, das Waschbecken auch, und es roch nach grüner Seife. Eine neue Rolle hing im Halter und darüber ein handgeschriebener Zettel: »Denk nicht, wenn du das...



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