Mehlis | Wo die Zukunft der Raumfahrt beginnt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Mehlis Wo die Zukunft der Raumfahrt beginnt

Als Analog-Astronautin zwischen Erde und Mars
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98962-043-8
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Als Analog-Astronautin zwischen Erde und Mars

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-98962-043-8
Verlag: Knesebeck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nur im Raumanzug darf Anika Mehlis das Habitat verlassen. Vor ihr ragt ein Vulkan im Sonnenlicht auf – doch sie ist nicht auf einem fremden Planeten, sondern auf der Erde. Als Analog-Astronautin testet sie mit ihrem Team in der Wüste Israels und den Bergen Armeniens Strategien und Technologien für künftige Mars-Missionen. Sie nimmt Gesteinsproben, züchtet Pflanzen und erforscht, was nötig ist, um auf dem Roten Planeten nach Spuren von Leben und nach Antworten auf alte Menschheitsfragen zu suchen. In diesem fesselnden Bericht erzählt sie von der harten Ausbildung, den extremen Bedingungen ihrer Expeditionen und den neuesten Erkenntnissen der Mars-Forschung. Jeder Schritt, den sie macht, bringt uns der Zukunft im All ein Stück näher.

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ZWEI:


DIE AUSWAHL — LAUFRUNDEN IM SCHNEE, REISKÖRNER SORTIEREN UND FRUSTRATIONSTOLERANZ

»It is not the world that will shape your destiny; it is your own soul that will determine your fate.«14

Maria W. Stewart (Abolitionistin, Frauenrechtsaktivistin, Dozentin und Schriftstellerin)

Endlich ist es so weit. Einerseits hätte ich gern noch mehr Zeit zur Vorbereitung. Andererseits bin ich froh, dass das Warten ein Ende hat. Lange bin ich nicht mehr so nervös gewesen, und ich mag das Gefühl nicht besonders. Schon am Freitag reise ich für das Wochenende nach Österreich. Die Fahrt durch die verschneiten Alpen ist spektakulär, und ich genieße es, einmal ohne Kinder unterwegs zu sein. In Innsbruck angekommen, marschiere ich frierend vom Parkhaus zur angegebenen Adresse der Höheren Technischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt Innsbruck. Der Wind peitscht in schneidenden Böen durch die Straßen, und meine Hände sind vom Ziehen meines Koffers durch den Schneematsch schnell kaum noch zu spüren. Das ist jedoch direkt vergessen, als ich erleichtert das richtige Gebäude finde und den Ausschilderungen folge. Zumindest bin ich pünktlich am richtigen Ort! Ich bemühe mich, mir meine Nervosität nicht allzu deutlich anmerken zu lassen, und schaue mich nach Betreten des ausgewiesenen Hörsaals um. Eine freundliche junge Frau in einem roten ÖWF-T-Shirt begrüßt mich an einem Tisch neben der Tür und sucht meinen Namen in einer Liste. Ich bekomme ein Namensschild zum Umhängen, auf dem »Analog-Astronaut Candidate – B-Selection« steht. Dazu erhalte ich eins der roten T-Shirts sowie einen Beutel mit weiteren Materialien. An den Schildern kann ich nun auch erkennen, dass einige der anderen Anwesenden ebenfalls Kandidat:innen sein müssen. Wie jung die meisten sind! Wirkt es nur so, oder kennen sich manche schon? Ich bin, auch wenn es mir heute nicht mehr so stark anzumerken ist, ein sehr zurückhaltender und schüchterner Mensch. In meiner Jugend litt ich häufig darunter, dass ich, sobald ich nur angesprochen wurde, hochrot anlief. Auch wenn sich das im Laufe der Zeit gebessert hat, sind mir Situationen mit neuen Menschen noch immer unangenehm.

Wie so oft stellt sich nach dem ersten schüchternen »Hi« schnell heraus, dass die anderen ebenso nervös sind wie ich. Im Nu ergeben sich die ersten Unterhaltungen über unsere Erwartungen und Befürchtungen. Ich brauche ein paar Minuten, um mich in das teilweise stark italienisch, spanisch, niederländisch oder polnisch gefärbte Englisch einzuhören. Schnell bekomme ich mit, dass viele bereits Mitglied beim ÖWF sind und für die ESA oder Firmen im Raumfahrtbereich arbeiten. Es scheint so, als wäre ich eine der wenigen Laien, und es schwirren jede Menge Abkürzungen und Namen durch den Raum, die allen außer mir etwas zu sagen scheinen. Ich bin tief beeindruckt von den Lebensläufen und der geballten Expertise in diesem Raum.

Welche Temperatur hat der Erdkern?


Bevor ich mich allzu vielen Vergleichen und Selbstzweifeln hingeben kann, werden wir gebeten, unsere Plätze in mehreren Bankreihen einzunehmen. Dr. Gernot Grömer, der Direktor des ÖWF, hält eine mitreißende Begrüßungsrede und versichert uns, wie stolz wir darauf sein können, hier zu sitzen. Er erklärt, wie die nächsten Tage ablaufen werden, betont, wie wichtig Pünktlichkeit an den verschiedenen Test-Orten ist, und wünscht uns viel Erfolg und genauso viel Spaß. Dann starten wir direkt mit einem Allgemeinwissenstest, der mich gleich ins Schwitzen bringt: Geografie, Astronomie, Physik, Sport, Musik und grundlegende Matheaufgaben. Während mir der Erdumfang am Äquator gerade noch einfällt, muss ich bei anderen Aufgaben ganz schön im Gedächtnis kramen oder gar raten. »Welche Art Vulkan ist am wenigsten explosiv? Wie viele Saiten hat eine Violine? Welchen pH-Wert hat menschliches Blut?« Ich fühle mich unter Zeitdruck und höre frustriertes Seufzen um mich herum. Das beruhigt mich etwas. Zudem beschleicht mich der Verdacht, dass neben der Richtigkeit der Antworten auch genau beobachtet wird, wie wir uns in dieser Stresssituation verhalten.

Nach diesen ersten, durchaus frustrierenden 90 Minuten erhalten wir individuelle Pläne mit allen Test-Stationen, was dazu führt, dass wir für die nächsten beiden Tage in wechselnden Gruppen von Gebäudeteil zu Gebäudeteil und teilweise quer durch die Stadt zu einer Turnhalle und wieder zurück hasten. Manche Tests finden in Gruppen statt, andere in Einzelterminen.

Ich steuere einen kleinen Rover mit einer Fernbedienung durch einen Parcours und soll mehrere Proben mit einem Greifarm aufsammeln. Das klappt erstaunlich gut, was mich freut, da ich von einigen höre, dass es ihnen nicht gelungen ist. Nach dem Sehtest bin ich erleichtert, zu hören, dass ich Augen wie ein Adler habe. Da ich vor ein paar Jahren eine Laser-Korrektur meiner starken Kurzsichtigkeit hatte, war ich besorgt, das könnte ein Ausschlusskriterium sein. Der Hörtest zeigt zudem, dass ich überdurchschnittlich gut höre und auch einzelne Stimmen aus einem Stimmengewirr herausfiltern kann. Die restlichen medizinischen Untersuchungen stellen sich als Durchgehen eines Fragebogens nach Vorerkrankungen und Risikofaktoren heraus. Das nachfolgende Vermessen der Körpermaße ist etwas gewöhnungsbedürftig – in Unterwäsche werden bei uns nicht nur Größe und Gewicht, sondern auch die Länge aller Gliedmaßen sowie die Reichweite der Bewegungen vermessen. Dazu beugen, strecken und verrenken wir uns nach Anweisungen teilweise liegend auf Tischen, teilweise stehend. Ich erfahre, dass dies der Absicherung dient, dass wir in den Raumanzügen des ÖWF arbeiten können. Diese sind nach NASA-Standards15 gefertigt, sodass sie mit anderen Raumfahrtsystemen kompatibel sind.

Während ich auf meinen nächsten Termin warte, unterhalte ich mich mit Fiona, der einzigen anderen Deutschen. »Wäre es leichter zu ertragen, wegen unpassender Körpermaße auszuscheiden als aufgrund eines Fehlers, der vermeidbar wäre?«, fragt sie mich. Ich antworte: »Mir wäre Ersteres eindeutig lieber. Dann müsste ich mir keine Vorwürfe machen, dass ich mich besser hätte vorbereiten können.«

Mehr Fragen als Antworten


Die Wartezeiten zwischen den einzelnen Stationen verbringen wir in wechselnden Gruppen in Gängen auf dem Fußboden sitzend. Wir tauschen uns vorsichtig über die Erfahrungen und Eindrücke unserer Durchgänge aus. Ich bin unsicher, wie viel ich verraten darf oder möchte. Es herrscht eine seltsame Mischung aus Konkurrenz und Kooperation. Stets sind außerdem Personen im roten T-Shirt in unserer Nähe und beobachten uns mal mehr, mal weniger auffällig. Spekulationen über die wahren Inhalte der Tests machen die Runde.

»Der Allgemeinwissenstest war nur dazu da, um uns direkt zum Start zu verunsichern – keiner kann das alles wissen«, höre ich beim Vorbeigehen einen Hünen mit breiten Schultern und spanischem Akzent sagen. Ich meine mich zu erinnern, dass sein Name Fernando ist, und frage mich flüchtig, ob er den NASA-Maß-Vorgaben entspricht. Bei einem dieser Gespräche setzt sich Iñigo Muñoz Elorza zu uns, einer der Analog-Astronauten der Klasse von 2015. Seine langen dunklen Haare trägt er im Pferdeschwanz, und seine dunklen Augen blicken freundlich. Ich habe gehört, er soll Astronaut:innen-Trainer bei der ESA sein, und finde es etwas einschüchternd, mit einer der Personen zu sprechen, die bereits erreicht haben, was ich mir wünsche. Kurz bin ich mir unsicher, ob ich ihn mit Vornamen ansprechen soll. Doch Iñigo nimmt mir meine Scheu und plaudert völlig entspannt mit uns. Ich überlege mir eine möglichst tiefsinnige Frage, die mich zusätzlich wirklich interessiert: »Was hat dich am meisten überrascht, als du damals ausgewählt wurdest?« Iñigo berichtet, dass er nicht mit dem großen Interesse der Medien und besonders der Öffentlichkeit in seiner Heimatstadt gerechnet hätte. Noch ahne ich nicht, wie oft ich später an diese Antwort denken werde.

Am Abend gehen wir alle zusammen essen. Es ist laut und voll. Ich freue mich nach der langen Fahrt und den ersten anstrengenden Tests aufs Alleinsein und mein Bett. Gleichzeitig teilen wir alle die Vermutung, dass auch jetzt noch beobachtet wird, wie wir uns in der Gruppe verhalten, wenn wir glauben, die Tests seien vorüber. »Schlafen kann ich, wenn ich alt bin«, beschließe ich und nehme mir vor, die Zeit zu nutzen, um mehr über meine Mitbewerber:innen zu erfahren. Leider reicht der Abend nicht, um alle näher kennenzulernen. Von manchen bekomme ich gerade so den Namen und die Herkunft mit, von anderen erfahre ich den Beruf und ihre Motivation zur Bewerbung. Mit mir sind wir neun Frauen. Nur zwei von uns dreißig Kandidat:innen kommen aus Deutschland, vertreten sind außerdem vor allem Frankreich und...


Mehlis, Anika
Anika Mehlis, Jahrgang 1981, ist Biologin, Umweltingenieurin und promovierte Gesundheitswissenschaftlerin. 2018 wurde sie vom Österreichischen Weltraum Forum als Analog-Astronautin ausgewählt und ausgebildet. Sie nahm 2021 und 2024 an simulierten Mars-Missionen in der Negev-Wüste in Israel sowie in Armenien teil. Anika Mehlis lebt in Sachsen und arbeitet als systemische Beraterin und Dozentin.



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