Mehlstaub | Die griechische Tragödie und Hamlet | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 518 Seiten

Mehlstaub Die griechische Tragödie und Hamlet

Eine philosophische und psychoanalytische Untersuchung
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7562-6568-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine philosophische und psychoanalytische Untersuchung

E-Book, Deutsch, 518 Seiten

ISBN: 978-3-7562-6568-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die vorliegende Arbeit stellt einen Versuch dar, einige der Konzepte, die der Autor in einer früheren Untersuchung (A. Mehlstaub, 2014) entwickelt hat, auf den konkreten Fall der Tragödie anzuwenden und auf diese Weise deren Validität zu überprüfen. Es wurden zu diesem Zweck Erkenntnisse aus den Bereichen der Philosophie, der griechischen Philologie, der Literaturgeschichte, der Literaturkritik, der Geistesgeschichte, der Geschichte der Psychologie und der Psychoanalyse unter dem Dach der Philosophie vernetzt. Das Ziel war, den Zusammenhang zwischen griechischer, neuzeitlicher und moderner Tragödie und Condition Humaine aufzuzeigen. Bei der psychoanalytischen Interpretation von "Hamlet" wurde ein Zugang gewählt, der am ehesten als phänomenologisch-psychoanalytisch bezeichnet werden kann.

Andreas Mehlstaub ist in Österreich geboren und aufgewachsen und lebt seit 1991 in der Schweiz. Er arbeitet als Psychiater und psychoanalytischer Psychotherapeut. Frühere Publikationen: Symmetrie in Philosophie und Einzelwissenschaften 2014, Geschichte als tragischer Prozess, Band 1, 2023.
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1. KAPITEL: DIE GRIECHISCHE
TRAGÖDIE AUS
PHILOSOPHISCHER SICHT


Wir beginnen unsere Ausführungen mit einer Diskussion von G. W. F. Hegels Theorie der griechischen Tragödie. Er behandelt dieses Thema auf drei Ebenen: derjenigen der allgemeinen Voraussetzungen der Tragödie, derjenigen der sog. klassischen Kunstform bzw. Weltanschauung und derjenigen der griechischen Tragödie als einzelner Kunst als solcher.

Die allgemeinen Voraussetzungen der griechischen Tragödie werden unter dem Titel „Die Bestimmtheit des Ideals“ (G. W. F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Band I, S. 229 f.) abgehandelt. Das Ideal der Kunst muss sich bestimmen, und dies ist nur in Form idealer Objekte möglich. Wie kann dabei das Ideal sich trotz Heraustreten in die Bestimmtheit erhalten, und, umgekehrt, wie muss die Endlichkeit beschaffen sein, um das Ideal in sich aufnehmen zu können?

Mittelpunkt der Darstellung in der Kunst ist das Göttliche. Mit dem Sich-bestimmen der göttlichen Substanz an sich (des Allgemeinen) zerbricht diese in eine Vielheit selbständiger Götter. Weiter ist das Göttliche in seiner bestimmten Erscheinung in den Menschen gegenwärtig und wirksam. Damit hält in der Kunst auch die menschliche Partikularität Einzug, schliesslich soll das Ideal im konkreten Leben dargestellt werden.

Wie kann sich nun das Ideale in dieser Bestimmtheit äussern? Dies erfolgt erstens in Form einer unvergänglichen, unantastbaren Hoheit der Gestalten, trotz aller Verwicklungen in das endliche Leben. Die hierin zum Ausdruck kommende geistige Freiheit muss sich in diesem Beruhen auf sich selbst als die Möglichkeit von allem zeigen. Zweitens kann sie sich so äussern dass irgendein substanzieller Zweck, der den Menschen ausfüllt, das nur Partikuläre seiner Subjektivität beherrscht. Wenn nun drittens zu dieser ruhenden Bestimmtheit des Ideals das Prinzip der Entwicklung hinzukommt, so äussert sich das Ideal als Handlung. Mit dieser tritt das in sich ruhende Ideal in die Verwicklungen des menschlichen Lebens in seiner Zeitlichkeit ein. Es fragt sich nun, wie diese äussere Welt beschaffen sein muss, um der Individualität des Ideals zu entsprechen. Dieser Frage geht Hegel nach drei Seiten nach, und untersucht erstens den allgemeinen geistigen Weltzustand, zweitens die speziellere Situation und schliesslich die Handlung als solche.

Was den allgemeinen geistigen Weltzustand angeht, ergibt sich die Forderung dass dieser in der Form der Selbständigkeit erscheinen muss. Dies ist so zu verstehen, dass in diesem Zustand die Allgemeinheit selbst die Gestalt der Subjektivität (Selbständigkeit) hat. Die Selbständigkeit muss sich aber im allgemeinen Zustand unmittelbar ausdrücken, womit sogleich die Eigenschaft der Zufälligkeit des Willens verbunden ist. Konkret handelt es sich um eine Welt deren geistige Ordnung nicht durch die Herrschaft allgemeiner Gesetze geregelt ist, sondern in der die Existenz der sittlichen Inhalte allein auf den einzelnen Individuen mit ihrem Charakter und Gemüt beruht. Hier ist auch der Unterschied von Strafe und Rache begründet. Es handelt sich also um einen staatenlosen Zustand, wie er der Heroenzeit zugeschrieben wird. So macht für die alten Griechen in der Heroenzeit die Tugend den Grund der Handlungen aus. Hierbei besteht eine unmittelbare Einheit von Substanziellem und Individualität, sodass das Individuum selbst das Gesetz ist. Die griechischen Heroen treten in einem vorgesetzlichen Zeitalter auf oder werden selbst Stifter von Staaten. Von dieser Art ist auch das Lehnsverhältnis und Rittertum des Abendlandes. Man kann sagen, dass in diesem Weltzustand das Subjekt (das allgemeine Subjekt des Rechts) noch nicht von seinem Wollen und Handeln unterschieden wird. Deshalb muss und will das Individuum der Heroenzeit auch ungeteilt für das einstehen, was als Folgen aus seinem Tun entspringt (z. B. Antigone). Es spielt also keine Rolle, ob das Individuum als Subjekt von seiner Handlung gewusst hat (z. B. im „König Ödipus“). Dies ist sozusagen für die Anschauung der alten Griechen normal und muss also bei modernen Interpretationen mit berücksichtigt werden. Unsere Ansicht ist also moralischer, insofern als im Moralischen Wissen und Absicht eine wichtige Rolle spielen. Ebenso sieht sich das heroische Individuum in unmittelbarer Einheit mit dem sittlichen Ganzen, trennt nicht zwischen persönlichen Zwecken und Zwecken der Gesamtheit (z. B. der Familie). Deshalb gilt hier auch der Grundsatz der Sippenhaftung (Familienschuld). Man sieht aber auch, dass dieser „Zustand“ unserer Zeit durchaus nicht so fremd ist, und dass unter der Schicht der Geltung des positiven Rechts diese Haltung, z. B. im Bereich unzivilisierter Gesellschaften, durchaus fortbestehen kann. Allerdings gelten uns diese Phänomene keineswegs als heroische Einheit von Subjektivität und Gesetz, sondern als Ausdruck blosser Unvernunft und primitiver Selbstüberschätzung.

Die Idealität des Weltzustands wirkt sich auch auf die Wahl der Charaktere aus. Diese sind vorzugsweise wegen der Freiheit ihres Willens und Handelns Angehörige der Aristokratie. So bildet in der griechischen Tragödie der Chor nur den individualitätslosen, allgemeinen Boden der Gesinnungen, auf dem sich die individuellen Charaktere der handelnden Personen, die der Herrscherschicht angehören, bewegen. (ibid., S. 251) Diese Vorliebe für mächtige Individuen deutet auf den innigen Zusammenhang zwischen Tragödie und Politik hin. In rechtlich geordneten Verhältnissen manifestiert sich die Freiheit nicht so sehr in den Handlungen einzelner Individuen, als in den Aktionen grösserer Einheiten, z. B. ganzer Staaten. So ist es erklärbar, dass die Tragödie im alten Athen durchaus eine Institution für alle Bürger Athens war und damit mindestens implizit eine politische Veranstaltung. Und es lässt sich auch verstehen, dass in Athen, wo das positive Recht politische Realität war, die Zuschauer sich trotzdem mit den auf der Bühne agierenden Heroen sehr gut identifizieren konnten. Schliesslich war der Heros ein Repräsentant eines Gemeinwesens, ebenso wie der Zuschauer und Bürger ein Repräsentant Athens mit seiner demokratischen Verfassung. Schliesslich sind auch die Heroen der Vorzeit wesentlich nicht nur Gründer politischer Einheiten, sondern auch Repräsentanten von Volksstämmen oder Königreichen (z. B. Agamemnon der Herrscher von Argos). Wir werden uns mit der Frage des Zusammenhanges von Tragödie und Politik weiter unten näher beschäftigen.

Der ideale Weltzustand repräsentiert nur das selbständige Dasein in seiner Allgemeinheit und stellt damit nur die Möglichkeit der individuellen Gestaltung dar und nicht diese selbst. Dieser allgemeine (ideale) Boden schliesst sich nun für die Individuen zu besonderen Konstellationen auf, die die Möglichkeit bilden, dass sich die Individuen in ihrem Handeln als ideale Gestalten erweisen können. Dazu muss aber ein enger Zusammenhang zwischen idealem Weltzustand und idealen Individuen erhalten bleiben. Schliesslich sollen dem Handeln des Heros dieselben ewigen, weltbeherrschenden Mächte (derselbe substanzielle Gehalt) zugrunde liegen, die auch den allgemeinen Weltzustand erzeugen. Es kommt zum Auseinandertreten der Mächte, die im allgemeinen Weltzustand noch miteinander verbunden sind in einzelne Individuen, in denen das Allgemeine scheinbar entzweit ist, gleichzeitig aber als Allgemeines in Erscheinung tritt. Dieses Auseinandertreten kann aber nur unter bestimmten Umständen und Zuständen geschehen. Diese sind nur insofern wichtig, als sie den Individuen den Anlass geben, sich die substanziellen sittlichen Mächte als Motive ihres Handelns zu setzen und damit zu individuellen Repräsentanten dieser Mächte zu werden. Diese nähere Veranlassung für die Äusserung dessen, was im allgemeinen Weltzustand unentwickelt enthalten ist, ist die Situation. Zur Situation werden die Umstände und Verhältnisse, indem sie durch die Leidenschaft, die Gefühle ergriffen werden. Sie ist die Mittelstufe zwischen dem allgemeinen Weltzustand und der konkreten Handlung. Zunächst ist die Situation nur insoweit bestimmt, als sie den substanziellen Inhalt nur wie ein harmloses Spiel zum Ausdruck bringt. Aus diesem wird erst Ernst, sobald sich in der Situation eine wesentliche Differenz auftut, die im Gegensatz zu etwas anderem steht und eine Kollision begründet. „Die Kollision hat in dieser Rücksicht ihren Grund in einer Verletzung, welche nicht als Verletzung bleiben kann, sondern aufgehoben werden muss; sie ist eine Veränderung des ohne sie harmonischen Zustandes, welche selbst wieder zu verändern ist.“ (ibid., S. 267)

In dieser Passage kommt schön zum Ausdruck, welche die eigentliche Verletzung und damit Kollision darstellt, nämlich jene zwischen den einzelnen Bestimmtheiten und dem dahinter stehenden Allgemeinen, also der höheren Einheit, in der die einzelnen Bestimmtheiten bzw. einzelnen sittlichen Inhalte „aufgehoben“ sind. Wir werden weiter unten diesen „Konflikt“ als das eigentliche Wesen des Tragischen beschreiben. Inhaltlich handelt es sich um den Konflikt zwischen den handlungsleitenden Prinzipien der Selbst- und Arterhaltung. Der konflikthafte einzelne ethische Inhalt ist Inhalt der jeweils individuellen Hamartia, die am Ideal...



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