E-Book, Deutsch, Band 1, 414 Seiten
Mehlstaub Geschichte als tragischer Prozess
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7562-6567-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 414 Seiten
Reihe: Geschichte als tragischer Prozess
ISBN: 978-3-7562-6567-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Mehlstaub ist in Österreich geboren und aufgewachsen und lebt seit 1991 in der Schweiz. Er arbeitet als Psychiater und psychoanalytischer Psychotherapeut. Frühere Publikationen: Symmetrie in Philosophie und Einzelwissenschaften 2014, Die Griechische Tragödie und Hamlet 2016, 2. Auflage 2023.
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2. GESCHICHTE DER GESCHICHTSPHILOSOPHIE
A. DIE BEIDEN ARTEN DER GESCHICHTSBETRACHTUNG
Mit der erwähnten Zwiespältigkeit des Menschen als Gattungswesen und als Artwesen (Kulturwesen) nähern wir uns dem eigentlichen Thema der vorliegenden Arbeit: der Geschichtsphilosophie. Die beiden genannten Blickwinkel auf den Menschen entsprechen nämlich zwei möglichen Betrachtungen von Geschichte: einerseits einer zyklischen, andererseits einer linear-teleologischen. Im Folgenden soll nun dem Thema dieser beiden grundsätzlichen Richtungen der Geschichtsphilosophie anhand der einführenden Werke von E. Angehrn (2012) und M. Schlossberger (2013) nachgegangen werden.
In der Einleitung hält E. Angehrn (2012) fest, dass die klassische, von Fortschrittsoptimismus geleitete Geschichtsphilosophie heute zu einem Ende gekommen sei. Sie entwickelte sich im Zeitalter der Aufklärung (der Begriff wurde von Voltaire 1765 geprägt) und war sehr kurzlebig. Geschichtsphilosophie im eigentlichen Sinn ist somit eine Angelegenheit des neuzeitlichen Denkens, sie hat jedoch eine Vorgeschichte, die bis in die Entstehungszeit der abendländischen Philosophie zurückreicht. So entsteht in der Antike im 5. vorchristlichen Jahrhundert nicht nur die eigentliche Geschichtsschreibung, sondern es finden sich auch erste Zeugnisse einer Reflexion über Geschichte. Den Ausgangspunkt bilden Herodots Historien und Thukydides‘ Geschichte des Peloponnesischen Kriegs. Im Gegensatz zum Mythos und seinem archaischen Geschichtsbewusstsein sind hier ausschliesslich Handlungen menschlicher Akteure Thema. Die Historien Herodots sind auch das erste grosse Prosawerk der griechischen Literatur. In beiden Werken geht es um Ereignisse der unmittelbaren Vergangenheit. Schon der Begriff „Historie“, der so viel wie Erkundung, Erforschung heisst, bringt ein neues Interesse an der Welt zum Ausdruck (mit Profanisierung des Gegenstandsbereiches). Neben dieser Abgrenzung vom Mythos finden sich auch Zeichen einer Verwandtschaft. Auch in der Historie geht es um Bedeutendes und Besonderes, ein Rückbezug auf die ältere Adelsethik. Ein weiteres Motiv ist das Erinnern im Sinn des Bewahrens und der Überwindung von Vergänglichkeit. In methodischer Hinsicht geht es den Historikern um einen Erklären und Begründen der Ereignisse sowie um deren wahrheitsgemässe Darstellung. Hier findet sich (bei Herodot) allerdings die Doppeldeutigkeit des Begriffs aitia als Grund und Schuld. Ist der historische Zusammenhang ein Kausal- oder ein Schuldzusammenhang? Die herausragende Leistung Herodots liegt nach Chr. Meier (1980) in der Herausarbeitung einer spezifisch historischen Form der Kausalität, die er mit den Begriffen Multisubjektivität und Ereignisgeschichte charakterisiert. (ibid., S. 22) Für E. Angehrn ist die Entstehung der Geschichtswissenschaft im 5. Jhdt. Zeichen „des umfassenden abendländischen Rationalisierungsprozesses“ und einer „Freisetzung der autonomen menschlichen Vernunft“ (ibid., S. 24).
Aus unserer Sicht ist zu ergänzen, dass die Historie erstmals auf den Boden der griechischen Kultur ihr Interesse jenem Bereich zuwendet, den wir als den der Vermittlung und in Abb. 3 als den des Realismus / Empirismus bezeichnet haben, und zwar in relativer Unabhängigkeit von und in Abgrenzung zu den Idealisierungen der Ebene des Idealismus. Zugleich entspricht diese Zuwendung zur gesellschaftlichen Realität einer kritischen Distanzierung von derselben (aus der Position des abstrakten Ich heraus). Das Element der Entmythologisierung und der Kritik findet sich vor allem in Thukydides‘ (465-395) Schilderung des grossen Bürgerkriegs. Wie C. M. Bowra (Kindlers Kulturgeschichte des Abendlandes. Band II. S. 330) schreibt, analysierte er mit fast klinischer Exaktheit zuerst Athen in seiner Blüte und dann die verschiedenen Gebrechen, die seinen Charakter verdarben und zu seinem Sturz führten. Er tat dies grösstenteils auf indirekte Weise, indem er die Ideen der wichtigsten zeitgenössischen Politiker mit den praktischen Ergebnissen kontrastierte, die diese Ideen zeitigten. Aber auch schon Herodot (484-420) hatte ein skeptischer Blick auf seine Landsleute ausgezeichnet, der nicht zuletzt seiner breiten Kenntnis der Sitten und Gebräuche anderer Völker und Kulturen entsprang. Jedenfalls bildet die innere Distanz des Ich zu den gesellschaftlichen Institutionen und Werten eine wichtige Voraussetzung eines wissenschaftlich-kritischen Zugangs zur Geschichte.
Anschliessend kommt E. Angehrn (2012) auf das Thema der oben erwähnten unterschiedlichen Zeitvorstellungen zu sprechen. Sowohl bei Herodot als auch bei Thukydides würden zyklische Zeitvorstellungen bestehen bleiben. Es bestehe die Vorstellung von einem Auf und Ab der menschlichen Dinge, einem Wechsel zwischen Glück und Unglück, geregelt durch die Fügung des Schicksals, die ausgleichende Gerechtigkeit der Götter, die Zwangläufigkeiten der menschlichen Natur“ (ibid., S. 25), eines Kreislaufs, „der die Mächtigen stürzt und Unrecht zum Ausgleich bringt“. (ibid., S. 26) Diese Grundregel betrifft aber die Einzelnen, nicht den Gesamtgeschehensverlauf der Geschichte. Dies ist aus unserer Sicht verständlich, da sich diese Anschauung an der Erfahrung orientiert, und nicht einer abstrakten Geschichtstheorie entspricht. Auch ist der Drang zur Überwindung und Manipulation der Natur nicht in dem Mass vorhanden, wie dies später, vor allem unter dem Einfluss des christlichen Denkens, der Fall ist. Gleichwohl ist nach E. Angehrn die Dynamik des historischen Zeitbewusstseins im Vergleich zum Mythos deutlich gesteigert, der weitgehend in Zeitlosigkeit verharrt. Es findet „eine Temporalisierung des Weltbezugs im Sinne einer Konstitution historischer Zeit statt“ (ibid., S. 26), auf der später die durch die Heilsgeschichte geprägten Veränderungen aufbauen werden: Einheit / Einmaligkeit des linearen Verlaufs, Irreversibilität und Zielgerichtetheit / Zukunftsprävalenz, wobei letztere die Basis des Entwicklungs- und Fortschrittsdenkens darstellt. Der antike Geschichtsbezug ist durch die zweifache Erfahrung von sowohl Bedeutsamkeit als auch Vergänglichkeit (Nichtigkeit) des Historischen geprägt. Wir können ergänzen, dass dies durchaus mit einem Denken vereinbar ist, das noch stärker dem Natürlichen und Konkreten verbunden ist, und damit der mittleren Ebene in Abb. 3 entspricht.
Ein weiteres charakteristisches inhaltliches Merkmal der antiken Geschichtsschreibung ist ihre Verbundenheit mit dem Thema des Politischen. Nach Hegel entsteht das Geschichtsbewusstsein historisch gleichzeitig mit den Staaten, bedingen sich Geschichtlichkeit und Staatlichkeit gegenseitig. Weiter haben sowohl Geschichte als auch Politik mit autonomer Selbstbehauptung des Menschen zu tun. Das antike Geschichtsverständnis sei insofern eine Vorform des modernen Fortschrittsbewusstseins, mit dem Unterschied, dass es ethisch indifferent und noch nicht vom Handeln abgelöst, verselbständigt ist. Damit zeigt sich auch hier der Bezug des griechischen historischen Denkens zum Konkreten, empirisch Gegebenen (mittlere Ebene in Abb. 3). Hervorzuheben ist weiter, dass Demokratie und Geschichte gleichzeitig entstehen. Das geschichtliche Interesse impliziert somit auch eine Behauptung gegen die alte Adelsherrschaft. Schliesslich ist Geschichte wichtig für die Bildung einer kollektiven Identität, was in dem Umstand deutlich wird, dass sowohl Herodot wie Thukydides (wie schon Homer) von einem nationalen Krieg berichten. Auch E. Angehrn weist auf die o. g. Konkretheit hin, wenn er von der Restriktion des griechischen Geschichtsbildes auf das Politisch-Staatliche spricht. Diese Restriktion werde erst später zunächst vom christlichen, dann vom neuzeitlich-geschichtsphilosophischen Universalismus überwunden. Wir meinen, dass dieser neue Universalismus auf der Verallgemeinerung des Kulturbegriffs zum Gattungsbegriff beruht (Abb. 3, unterste Ebene). Ein weiterer Zug des antiken Geschichtsbewusstseins ist die Überwindung der Natur. Diese zeigt sich im neuen Machtbewusstsein der politischen Subjekte und in der Ablösung des Naturrechts durch das Polisrecht (wie paradigmatisch in den Eumeniden des Aischylos dargestellt wird). Allerdings ist, wie E. Angehrn richtig sagt, diese Überwindung ein Übergang, der nie vollständig vollzogen und abgeschlossen werden kann. Von Hegel wird der Gegensatz später anders konzipiert (als Natur / Geist), aber – wie wir an dieser Stelle ergänzen möchten – wer tatsächlich an die Möglichkeit einer Überwindung der Natur glaubte, wurde bitter enttäuscht. Die „Natur“ des Historischen ist die jeweilige Kultur, und diese kann niemals überwunden werden.
Wir kommen nun auf die Ausführungen E. Angherns zu den Ansätzen geschichtsphilosophischer Reflexion bei Platon und Aristoteles zu sprechen, was uns Gelegenheit gibt, das zyklische Geschichtsverständnis genauer kennen zu lernen. Die antike Geschichtsphilosophie wird unter drei Aspekten behandelt: erstens Ansätze im Rahmen der Staatsphilosophie, zweitens Begriff und ontologischer Status der Geschichte sowie drittens Logik der Geschichtsschreibung. In den Bereich der Staatsphilosophie gehört einerseits der historische Exkurs als Hintergrund für die Entwicklung der eigenen Konzeption des guten Staats (bei Platon), andererseits die allgemeineren Betrachtung der...




