E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Mehran Die Farben von Safran und Minze
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-061-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman: Ein Café in Irland 1: Drei Schwestern wagen in einem kleinen Dorf einen Neuanfang
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-98952-061-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marsha Mehran (1977-2014) wurde in Teheran geboren. Um dem Krieg im Iran zu entkommen, flüchtete sie mit ihrer Familie erst nach Argentinien, dann in die USA, nach Irland und Australien. 2005 veröffentlichte sie ihren ersten Roman »Das persische Café« (»Die Farben von Safran und Minze«), eine kulinarische Liebeserklärung an ihre Heimat, welches in über 20 Sprachen übersetzt wurde. Die Website der Autorin: marshamehran.com/ Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Romane »Die Farben von Safran und Minze« und »Der Duft von Zimt und Rosenwasser«.
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Für Marjan Aminpour waren der Duft von Kardamom und Rosenwasser, neben jenem von Basmati, Estragon und Bohnenkraut, etwas ganz Alltägliches. Es waren Gerüche, so normal wie es ihrer Meinung nach das Aroma von Pulverkaffee und brutzelndem Braten für westliche Küchen war.
Obwohl sie in einem Land der Wüsten geboren worden war, dort, wo sich die trockene Erde mit den verwitterten Überresten persepolischer Säulen vermischte, besaß Marjan großes gärtnerisches Talent. Sie hatte schon in früher Kindheit gelernt, noch bevor sie die Namen auf Farsi buchstabieren konnte, wie man die eigensinnigsten Sämlinge zum Anwachsen bringt. Angeleitet von Baba Pirooz, dem alten Gärtner, der die Gärten ihrer Kindheit zum Blühen brachte, kultivierte Marjan in der dunklen Erde haarige Majoranpflänzchen und goldene Angelikawurzel. Die Erde war feucht und dunkel vom Schmelzwasser der schneereichen Berge, das aus dem Alborz bis in die reichen Vororte von Teheran sickerte, bevor es in den großen rechteckigen Brunnen der Aminpours endete. Mitten im Zentrum des Gartens gelegen, war das Brunnenbecken mit türkisen und grünen Esfahani-Kacheln ausgelegt.
Während Marjan sich darin übte, die ersten Estragon-Schösslinge oder das erste Unkraut an den Stengeln des hoch wuchernden Dills zu entdecken, erzählte ihr Baba Pirooz von der langen Ahnenreihe berühmter Gartenmeister, die die persische Erde zum Blühen brachten. »Avicenna«, fing Baba Pirooz an und räusperte sich. »Avicenna war der berühmteste Pflanzenliebhaber von allen. Wusstest du, Marjan Khanoum, dass dieser weise Arzt der Erste war, der Rosenwasser abgefüllt hat? Er presste die zarten frischen Blütenblätter und füllte das duftende Öl in Flaschen, um die Welt an seiner Freude teilhaben zu lassen. Was für ein Perser, was für ein Mann!«
Der alte Gärtner hielt kurz in seinem Vortrag inne, um den Erdbeertabak in seiner knarzigen kurzen Pfeife anzuzünden.
Später, als Erwachsene, trug Marjan die tröstenden Erinnerungen an Baba Pirooz und den Garten ihrer Kindheit mit sich, wo auch immer sie war. Sie war ständig auf der Suche nach irgendwelchen Erdhaufen gewesen, in die sie ihre Finger graben konnte. Mit ihren blanken Knöcheln, in deren Haut Terrakottastaub und Mulch ihre Spuren hinterlassen hatten, grub sie ein von ihr höchstpersönlich ausgewähltes Kraut oder eine Blume in die Falten der Erde und flüsterte dabei liebevolle Ermutigungen. Und ganz gleich, wie unfruchtbar eben jenes Stück Land vorher gewesen war, wenn Marjan ihm erst einmal ihre besondere Aufmerksamkeit schenkte, waren dem Pflanzenreichtum, den sie dem schlummernden Schoß der Erde entlockte, nahezu keine Grenzen gesetzt.
An den vielen Orten, an denen sie bisher gelebt hatte ? und das waren in ihren siebenundzwanzig Jahren schon einige gewesen ?, hatte Marjan immer kleine Kräutergärten angelegt, in denen mindestens eine Staude Basilikum, Petersilie, Estragon und Bohnenkraut wuchsen. Selbst in den düsteren, bedrückenden Wohnungen in England, in denen sie und ihre Schwestern in den letzten sieben Jahren seit ihrer Flucht aus dem Iran gelebt hatten, hatte Marjan auf dem Fensterbrett in blauen Keramiktöpfen erfolgreich eine bunte Palette von Küchenkräutern kultiviert. Sie verhielt sich bei allem, was sie tat, höchst professionell, und so konnte keine auch noch so große Zahl an Regenwolken sie dazu bewegen, ihre gärtnerischen Bemühungen einzustellen.
Als Marjan jetzt in der Küche der alten Bäckerei stand und eine zweite Schüssel dolmeh-Füllung mischte, versuchte sie sich auf ihre frühere Beharrlichkeit zu besinnen. Sie wünschte sich, sie hätte mehr Zeit gehabt, um als Zutaten für die dolmehs, die ihre jüngeren Schwestern Bahar und Layla gerade zubereiteten, ein bekömmliches Ensemble aus frischem Estragon, Minze und Bohnenkraut zu ziehen. Wenn sie diese Kräuter hier in Ballinacroagh sofort angepflanzt hätte, müsste sie sich jetzt vielleicht keine Sorgen über deren Verfügbarkeit machen. Nun, solche Gedanken verbannte sie am besten einfach aus ihrem Kopf, ermahnte sich Marjan, vor allem deshalb, weil sie es jetzt ohnehin nicht ändern konnte. Sie mussten immer noch einen weiteren Schwung gefüllter Weinblätter zubereiten ? ganz zu schweigen von einem halben Dutzend anderer köstlicher Delikatessen. Und die Zeit, diese streitsüchtige alte Närrin, arbeitete gegen sie.
Das Babylon Café sollte in weniger als fünf Stunden eröffnen. Fünf Stunden! In dieser neuen Stadt, deren Namen sie kaum aussprechen, geschweige denn buchstabieren konnte. Ballinacroagh. Balina-kroh. Eine ganze Stadt voller Menschen, die kommen würden, um ihre Speisen mit fragendem Blick und neugieriger Zunge zu kosten. Und hier und jetzt war sie in der Küche zum ersten Mal ganz allein verantwortlich.
Marjans Herz begann schneller zu schlagen, als sie das Hackfleisch zusammen mit den Zwiebeln über der niedrigen, tanzenden Flamme anbriet. Die Pfanne zischte, als sie ihre kostbaren Kräuter hinzugab, die zwar getrocknet gewesen waren, aber da sie sie über Nacht eingeweicht hatte, fast so gut würzten, als wären sie frisch geschnitten. Sie arbeitete mit vollem Körpereinsatz, um die Kräuter mit dem gekochten Reis, frischem Zitronensaft, Salz und Pfeffer zu vermischen. Trotz des unerbittlichen Schmerzes in ihrer Schulter rührte sie mit aller Kraft, denn dies war für die Harmonie der dolmehs absolut notwendig.
Sich die müden Arme reibend, warf Marjan schließlich einen Blick durch die alte Backstube zu ihrer Schwester Bahar hinüber, die gerade dabei war, den ersten Schwung dolmehs zu rollen. Mit ihren weit geöffneten und durchdringenden Augen sah Bahar immer höchst konzentriert aus, wenn sie in der Küche arbeitete ? so als hinge ihr Leben von dem Gemüse oder Gewürzkraut ab, das sie gerade hackte. Überraschenderweise war es die zierliche Bahar, die von den drei Amin-pour-Schwestern die größte Kraft in den Oberarmen hatte. Zerbrechlich in fast jeder anderen Hinsicht, besaß Bahar Schultern und Arme so kraftvoll wie die eines Mannes, der doppelt so groß war wie sie. Dies war im Übrigen sehr hilfreich, wenn Einmachgläser zu öffnen waren oder etwas angerührt werden musste.
Marjan nahm ihren Holzlöffel und wandte sich wieder den dolmehs zu. Ihre Schwester war offensichtlich zu beschäftigt, um ihr beim Rühren der restlichen Füllung helfen zu können. Bahar konzentrierte sich nämlich nicht nur darauf, ihre eigenen Weinblätter zusammenzurollen, sie überwachte zusätzlich mit einem Auge Laylas Arbeit. Ganz egal, wie oft Marjan daran erinnert wurde, welch unterschiedlichen Charakter ihre beiden jüngeren Schwestern hatten, nichts war geeigneter, ihr zu zeigen, wie gegensätzlich Bahar und Layla tatsächlich waren, als der schlichte Akt des dolmeh-Rollens.
Bahar, geführt von einem unfehlbaren inneren Kompass, klatschte jedes Weinblatt (mit den Blattadern nach oben) mit viel Schwung auf das Schneidbrett und ging dann gleichmäßig und methodisch vor. Zuerst nahm sie mit der linken Hand etwas von der Füllung und gab sie auf das Weinblatt, das sie danach mit der Rechten geschickt an den Seiten einschlug. Schließlich rollte sie das Weinblatt, das keine Chance hatte, sich zu widersetzen, energisch vom unteren Ende her auf. Trotz ihrer eher schroffen Art, war Bahar mit ihrer Methode, dolmehs zu rollen, immer erfolgreich. Sie versicherte sich stets noch einmal, dass ihre kleinen Glückspäckchen stabil waren, damit sie nicht gleich wieder auseinander fielen.
Das Rollen war die Tätigkeit, bei der Layla ständig zögerte, denn ihre Methode war sorgloser und insgesamt vielleicht zu vertrauensvoll. Obwohl ihr Marjan und Bahar unzählige Male gezeigt hatten, wie man es richtig machte, blieben Laylas dol-mehs hartnäckig anfällig für die Macht der Elemente. Man sah sofort, welche Päckchen sie gewickelt hatte, denn falls keine ihrer älteren Schwestern das Weinblatt kopfschüttelnd nicht noch eilig neu zusammenrollte, um die Füllung am Herausquellen zu hindern, kam der Augenblick der Wahrheit spätestens eine Stunde später, nämlich dann, wenn die Ofentür geöffnet wurde. Mitten unter den ordentlichen, aromatischen grünen Fingern, die von Marjan und Bahar gefüllt worden waren, lagen unverkennbar die aufgeplatzten Päckchen des jüngeren Mädchens, aus denen die goldene Füllung herausgequollen war. Und aus irgendeinem merkwürdigen Grund rochen sie stets nach Laylas persönlichem Duft ? Rosenwasser und Zimt.
Es war ein durchaus vertrauter Geruch, dieser zarte Duft, der Layla auf Schritt und Tritt begleitete. Bei einer Speise, die keine dieser beiden Zutaten enthielt, war dies jedoch äußerst merkwürdig. Die Zimt-Rosen-dolmehs überraschten ihre Schwestern jedoch in keiner Weise. Bei Layla musste man stets mit dem Ungewöhnlichen rechnen.
Als Thomas McGuire fluchend auf das Pflaster draußen vor dem Haus spuckte, war Bahar gerade dabei, ein Blech mit gebackenen dolmehs aus dem Ofen zu nehmen. Diese waren nach fünfundvierzig Minuten so vollkommen symmetrisch wie die schönsten persischen Teppiche; das Blech ein sauberer Webstuhl, auf dem die gefüllten Weinblattfinger in gleichmäßigen Gruppen und Mustern aufgereiht waren. Obwohl sich die Backstube im hinteren Teil der Bäckerei befand, drangen Thomas’ vulgäre Absonderungen an Bahars empfindliche Ohren. Erschrocken nach Luft schnappend, griff sie mit bloßen Händen nach dem heißen Blech mit dolmehs und musste ihre Unaufmerksamkeit sofort teuer bezahlen: Auf ihrem Daumen bildeten sich rauchende Brandblasen.
»Schnell! Unters kalte Wasser damit! Layla ? die Aloe vera! Bahar, lass deinen Daumen los, du darfst ihn nicht drücken!«, schrie Marjan und schob Bahar dabei...




