E-Book, Deutsch, 200 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 210 mm, Gewicht: 275 g
Meier Taxi nach Verona
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-943810-81-3
Verlag: VoG - Verlag ohne Geld
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 200 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 210 mm, Gewicht: 275 g
ISBN: 978-3-943810-81-3
Verlag: VoG - Verlag ohne Geld
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hannes Meier wurde in Zürich geboren. Nach Studien in Athen und Zürich (Archäologie, Germanistik) und dem Diplom an der Hochschule für Fernsehen und Film in München (HFF) arbeitete er als Regisseur, Journalist und Drehbuchautor. Dieser Roman ist sein zweites Buch nach dem Debütroman Annas Chronik und der Krieg der zu kurz Gekommenen.
Zielgruppe
leser spannender Unterhaltung, insbesonder Italienreisende. Aber auch personen mit Spaß an bayerischen und berliner Dialekt
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Am Ende
Dass sie ihm den Blumenstrauß um die Ohren hauen wird, ist nicht auszuschließen. Aber was sollte er sonst tun? Es ist ihr 75. Geburtstag.
Emanuel, 38, beginnende Wampe, Kahlschnittfrisur, Jeans und Schlabberpulli, wickelt einen Herbststrauß aus dem Papier, entsorgt die Verpackung auf dem Servicewagen, der vollbeladen mit benutztem Geschirr neben ihrer Türe steht, und klopft.
»Bitte!«, schallt es energisch von innen.
Frau Rehrl liegt mit einem Hauch Blau auf der Dauerwelle (haben sie in der Reha jetzt einen Friseur?) im Jogginganzug auf dem Bett, das linke Bein auf einen rosa Schaumstoffwürfel hochgelagert.
Der Anblick verblüfft Emanuel. Im Büro trug sie stets einen seriösen Hosenanzug à la Merkel, darüber einen weißen Arbeitsmantel, wegen des Abriebs des Radiergummis an der Dispowand, wo alle Touren mit Bleistift eingetragen und oft wieder geändert wurden.
Frau Rehrl taxiert Emanuels vollschlanke Erscheinung mit ihrem kühlen Kontrollblick („Wolltest du nicht abnehmen?“). Laut sagt sie aber nur: »Mei, du bist’s.«
Mit vorgehaltenem Strauß tritt er näher und haucht einen Luftkuss auf ihre Wange. Mehr ist auch nicht drin, weil sie sofort zurückzuckt.
»Alles Gute zum Geburtstag, Mutter!«
Oben an der Wand lärmt eine Quizshow mit Pilawa auf dem Flachbildschirm. Ihre Hörgeräte liegen natürlich unbenutzt auf dem Nachttisch.
Emanuel nimmt die Fernbedienung und schreit: »Darf ich ein bisschen leiser machen?«
Sie zuckt die Schultern und mustert den Blumenstrauß.
»Des hätts aber ned braucht. Morgen sans eh verwelkt.«
Er verzieht das Gesicht. Schon als Kind hat er ihren banalen Sparsinn gehasst. Er holt einen Stapel Briefe aus seiner Umhängetasche.
»Ich habe dir die Post mitgebracht.«
Zuoberst die Werbung, dann die Rechnungen, die sie sowieso nicht mehr bezahlen kann, und ganz unten der eingeschriebene Brief vom Amtsgericht. Natürlich greift sie zielsicher zuerst nach diesem.
»Ich kümmere mich dann mal um eine Vase«, sagt er, um sich rechtzeitig aus der Schusslinie zu bringen. Er nimmt sich vor, etwas länger zu brauchen. Als ob das viel ändern würde. Schuld ist sowieso er.
Mutters Unglück hatte damit begonnen, dass sie einem vergesslichen Fahrer mit den Frachtpapieren nachlief und sich auf dem vereisten Ladehof die Hüfte brach. Ihre wochenlange Abwesenheit infolge des schlecht heilenden Oberschenkelhalses brachte in der Firma ‘Rehrl Logistics’ eine Reihe von Unregelmäßigkeiten zutage und hatte fatale Konsequenzen: Geplatzte Bankkredite, ausstehende Löhne und Sozialabgaben, eine verschleppte Insolvenz und, und, und. Kurz: Mutters Spedition war pleite, und Emanuel, dem Sohn und einzigen Familienangehörigen, war nichts anderes übriggeblieben, als sich zu kümmern. Obwohl er sich geschworen hatte, nie wieder einen Fuß in den mütterlichen Betrieb zu setzen.
Natürlich sieht Mutter das genau andersrum: „Wärst du von Anfang an dabeigeblieben, hättest gemacht, was gemacht werden musste, wäre alles ganz anders gelaufen.«
Hätte, wäre, könnte. Mutters bewährtes Credo, basierend auf einem selbstgerechten Konjunktiv, der die Dinge so lange biegt und wendet, bis alles Mögliche schuld ist, nur nicht sie.
Als Emanuel nach einer Viertelstunde mit dem Strauß und einer viel zu kleinen Vase zurückkommt, liegt Frau Rehrl mit geschlossenen Augen da. Ihre Hände mit dem Brief des Amtsgerichts hat sie auf den Bauch sinken lassen.
»Das war die letzte Vase«, sagt Emanuel. »Die Schwester wird sie austauschen, sobald eine passende frei ist.«
Frau Rehrl öffnet die Augen und sieht ihn verständnislos an. Er ignoriert es und stellte die Vase auf den Nachttisch. Der Strauß kippt sofort. Er fängt ihn auf und lehnt ihn gegen die Wand.
»Am besten, du rührst ihn nicht an, bis die richtige Vase da ist.«
Frau Rehrl setzt sich auf.
»Red koan Schmarrn und hilf mir.«
Emanuel hebt ihr das Bein vom Schaumstoffwürfel, sie stößt gegen den Nachttisch, der Blumenstrauß kippt erneut. Diesmal ganz. Emanuel wischt die Wasserpfütze mit Papiertüchern auf und stellt die Vase auf das Fensterbrett.
»Ich sagte doch gerade …«
»Hol mir bitt‘schön mei Reisetaschen.«
»Wieso?«
»Wir geh‘n.«
Verblüfft sieht Emanuel seine Mutter an.
»Wohin?«
»Nach Hause natürlich.«
»Mutter! Du musst noch mindestens zwei Wochen hierbleiben!«
»Ich muss gar nix.«
Frau Rehrl steht mühsam auf, nimmt ihre violetten Krücken aus den Halterungen am Bett und hinkt zum Schrank. Emanuel verschränkt seine Arme, gleichsam als Prellbock gegen ihr Ansinnen und sieht grimmig zu, wie sie mühsam packt. Ohne zu helfen.
»Du hast es ganz genau gewusst, Emanuel, dass morgen die Frau Dings kommt.«
»Du meinst die Frau Winkelmann, die Insolvenzverwalterin?«
»Genau die.«
Emanuel gibt sich unbeeindruckt.
»Ja und? Es geht alles seinen juristischen Gang. Dr. Ammer kümmert sich.«
»Aha, der. Und was ist mit dir?«
Sie holt ihre Wäsche aus dem Schrank. Er wusste gar nicht, dass sie schwarze Wäsche von Lascana trägt. Aber wieso eigentlich nicht?
Emanuel macht einen neuen Anlauf: »Du weißt schon Mutter, dass du die ganze Reha selber bezahlst, wenn du jetzt abhaust.«
»Da drauf kommt’s a nimmer o.«
Frau Rehrl faltet ihren Bademantel zusammen.
»Was bleibt mir anderes übrig, als dass i mi selber kümmer‘? Dir ist unsere Firma ja eh wurscht.«
Emanuel dreht sich zum Fenster, als gäbe es auf der leeren Zufahrt etwas Spannenderes zu beobachten als eine 75-jährige, die wieder einmal Amok gegen sich selbst läuft.
»Warten hätte er wenigstens können, bis i wieder im Büro bin, der Ammer!«
»Das konnte er nicht. Es gibt Gesetze. Besser, du hättest vorher auf ihn gehört.«
»Geh! I verkauf ned.«
Emanuel verdreht die Augen.
Frau Rehrl hat inzwischen alles in der Tasche und schließt den Reißverschluss.
»Wenn du so freundlich wärst und mir bitte einen Rollstuhl holst«, sagt sie, wie immer in dezidiertem Hochdeutsch, wenn sie ihrer Aussage Nachdruck verleihen will.
»Du musst erst zur Verwaltung. Aber ich weiß nicht, ob da noch jemand ist.«
»Wieso? Die können mir d‘ Rechnung a mit der Post schick‘n.«
Emanuel lacht ironisch.
Wenn nur alles so einfach wäre.
Fünf Minuten später kommt er mit einem Rollstuhl und der zeternden Pflegeleiterin zurück, die vergeblich versucht, die stoisch schweigende Frau Rehrl von ihrem Vorhaben abzubringen.
Als Emanuel seine Mutter nach einigem Hin und Her endlich über den Parkplatz schiebt, fallen ihm die früheren Eskimos ein. Die hatten ihre Alten einfach auf eine Scholle gesetzt und ins Packeis treiben lassen, wenn es soweit war. Nicht alles war früher schlechter.
Emanuel fährt seine Mutter in seinem alten Volvo-Kombi Richtung Oberbayern. Ein öder Landregen rinnt in dicken Tropfen über die Seitenscheiben und lässt die abgeernteten Felder im Grau versinken. Beide schweigen. Was gibt es noch zu reden? Sie macht ja sowieso was sie will. Hauptsache mit dem Kopf durch die Wand. Sicher – ohne ihre Hartnäckigkeit hätte sie es nie so weit gebracht. Er war drei, als sein Vater starb und sie das Fuhrgeschäft übernahm, das damals aus zwei klapprigen Lastwagen bestand. Mit eiserner Hand hatte sie die Firma zur mittelständischen Spedition mit über fünfzig Beschäftigten und zwei Dutzend Sattelschleppern ausgebaut. Jahrelang brummte der Laden, besonders das Import-Exportgeschäft mit Italien. Von Vorteil erwies sich dabei ihr Interesse für Land und Leute und dass sie schon in der Realschule Italienisch gelernt hatte. Aber später ging es bergab. Die Konkurrenz wurde härter, osteuropäische Dumping-Carrier eroberten den Markt, wichtige Kunden gaben auf oder sprangen ab. Sie selbst wurde immer älter, aber nicht flexibler. Ihre Zielstrebigkeit wurde zur Sturheit. Und jetzt, wo sie pleite ist, ignoriert sie einfach alles, was ihr nicht in den Kram passt. Oder gibt anderen die Schuld. Vor allem natürlich ihm.
Warum zieht er eigentlich jedes Mal den Schwanz ein?
An einer Ausfahrt biegt Emanuel in das Gewerbegebiet ab. Ob sie überhaupt etwas zum Essen im Haus habe, fragt er. Sie wird sich etwas liefern lassen. Wie sie das schon bisher gemacht hat. Für sich allein lohne es sich ja nicht zu kochen. Emanuel überhört die Spitze.
»Bestell dir doch eine Pizza von Giuseppe. Macht er immer noch die beste Capricciosa im Umkreis von 20 Kilometern?«
Der Giuseppe sei längst nach ähm … Sizilien zurückgekehrt, belehrt sie ihn trocken....




