Meikle | Lovecrafts Schriften des Grauens 01: Das Amulett | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 200 Seiten

Reihe: Lovecrafts Schriften des Grauens

Meikle Lovecrafts Schriften des Grauens 01: Das Amulett


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-421-3
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 1, 200 Seiten

Reihe: Lovecrafts Schriften des Grauens

ISBN: 978-3-95719-421-3
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Privatdetektiv Derek Adams wird von einer unbekannten Schönen beauftragt, nach einem gestohlenen Amulett zu suchen. Adams willig ein. Damit beginnt seine Alptraumfahrt durch das Reich des Grauens. Raymond Chandler trifft auf H. P. Lovecraft. Ein düsterer Noir-Kimi.

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2


Als ich erwachte, hatte ich die Nacht aufrecht sitzend im Sessel geschlafen. Ich brauchte mehrere Sekunden, bis mir bewusst wurde, dass das Telefon läutete. Ich ließ mir Zeit, bevor ich abnahm.

»Spreche ich mit Privatdetektiv Adams?«, fragte eine jugendlich klingende Stimme. Sie hörte sich weit weg an, und der Akzent ließ eher an Kalifornien als an Glasgow denken.

»Ja«, antwortete ich argwöhnisch. Auch mir spielte man mitunter Telefonstreiche.

»Ich glaube, ich werde verfolgt. Und will, dass Sie herausfinden, von wem.«

»Eine Ahnung vielleicht?«, fragte ich.

»Nein. Manchmal sehe ich den Mann nur kurz. Er scheint sein Handwerk zu verstehen. Es gelingt mir nie, ihn zu stellen.«

Ich prüfte kurz meine Arbeitsauslastung. Die Sache mit dem Amulett. Mehr hatte ich nicht zu erledigen. »Wo wohnen Sie? Ich komme zu Ihnen, dann können wir uns unterhalten.«

»In San Diego, gleich an der Bundesstraße«, antwortete er. »Das ist …«

»Ich bin kein Amerikaner«, unterbrach ich ihn.

»Macht nichts. Niemand ist perfekt.«

Ich lachte höflich. »Ich lebe nicht in den Staaten. Sie haben in Glasgow, Schottland angerufen.«

Daraufhin herrschte Stille, kurz darauf wurde die Verbindung beendet. So begann ein Tag, der insgesamt etwas aus dem Ruder laufen sollte.

*

Dunlops Bericht spukte auch noch eine Stunde später in meinem Kopf herum, als ich nach Maryhill aufbrach. Dass der Archäologe glaubte, das Amulett hänge irgendwie mit Campbells Tod zusammen, war offensichtlich, denn was sonst hätte Johnson einstecken können? Da man das Schiff nach dem Araber durchsucht und ihn nicht gefunden hatte, konnte es sein, dass er gar nicht an Bord gewesen war. Womöglich stimmte Dougs Urteil, und der alte Mann war nicht mehr richtig im Kopf. Wie dem auch sei, das Foto steckte noch in meiner Tasche, und der bloße Gedanke, es zu betrachten, beunruhigte mich.

Byred Road entlangzugehen machte es mir noch schwerer. Abgesehen davon, dass ich mich an Dunlops Buch aufrieb, bekam ich Liz und die Vergangenheit einfach nicht aus dem Kopf. Jedes Geschäft, an dem ich vorbeikam, und alle Pubs erinnerten mich an damals. Die Fassaden mochten sich verändert haben, und heute waren Studenten zweifellos besser gekleidet als zu jener Zeit, aber die Atmosphäre in der Gegend blieb dieselbe. Liz hatte sie mit urbaner Boheme gleichgesetzt. Gebrauchtwarenläden und solche, die sich auf Batik spezialisiert hatten, vegetarische Cafés und Kunstbuchhandlungen, wie man sie in nahezu allen Universitätsstädten vorfindet. In Glasgow jedoch konzentrieren sie sich alle auf eine Straße, die sie sich mit Buchmachern, Arbeiterkneipen und Spirituosenhändlern teilen. Nichtakademiker und Studenten leben gemeinsam in einem angespannten Verhältnis, das mitunter in Gestalt unerwarteter Gewaltakte ausartet, doch an diesem Morgen, während die Sonne schien und nur ein leichter Wind wehte, blieb alles ruhig.

Ich ging zügig, bis ich den botanischen Garten am Nordzipfel der Straße erreichte. Dann schlug ich den Weg an der Seite des Kelvin Hotels ein. Dort blieb ich stehen, um mir eine Zigarette anzuzünden. Lange hielt ich mich nicht auf. Liz und ich hatten viel Zeit in der Umgebung verbracht, und ich hatte mich für einen Tag zur Genüge in meinem Elend gesuhlt. Ich behielt die Richtung bei und gelangte nach Maryhill.

Je weiter ich mich auf der Anhöhe von Byred Road entfernte, desto baufälliger wurden die Häuser, und an den Geschäften sah man immer mehr Graffiti oder Metallgitter. Müll lag in schwarzen Plastiksäcken herum, die von Hunden, Möwen, verzweifelten Pennern oder Drogensüchtigen aufgerissen worden waren. Die Gesichter der Leute wirkten verkniffen und verbraucht. Jugendliche, die in kleinen Gruppen herumlungerten, versuchten mich mit bösen Blicken zu verunsichern.

Aber auch hier erinnerte mich alles an Liz. Hier hatte ich den Abschaum der Gesellschaft kennengelernt, hier hatte sie mit mir über Armut und die Schattenseiten des Klassendenkens diskutiert. Fast hätte sie mich zu ihrer Denkweise bekehrt, doch nach ihrem Tod war jegliche Einsicht bei mir eingeschlafen. Ich seufzte, schon wieder hatte ich an sie gedacht.

Vielleicht konnte mich Klein-Jimmy Allen aufheitern.

Was ich Mrs Dunlop tags zuvor übers Telefonbuch erzählt hatte, stimmte nicht. Jimmy und ich zankten uns nun schon seit fast fünf Jahren.

Begonnen hatte ich unter dem Namen Adams’ Detective Services. Jimmy war damals als Finder von entlaufenen Katzen und Ehefrauen tätig gewesen. Sein Unternehmen hieß Allen’s Detective Services. Er rief mich an und beschwerte sich, dass ich seine Position im Nummernverzeichnis gestohlen hätte. Wir trafen uns wenig später auf einen Drink und verstanden uns prima. Als ich herausfand, dass er den Namen zu Adams’ Detection Services geändert hatte, konterte ich mit Adams’ Detection Outsourcing. Die Lawine war losgetreten.

Anfang vorigen Jahres hatte ich als Adams’ Detective Agency aufgegeben, und Jimmy war es leid, den Leuten erklären zu müssen, warum er den Namen Adams verwendete. Deshalb ackerte er sich seit einiger Zeit rückwärts durch die Buchstabenfolge Ab. Mit Ac war er bereits durch. Mir fiel auf, als ich seinem Büro näherkam, einem Segment am hinteren Teil eines viktorianischen Lagerhauses, dass er das Abrakadabra – wir wirken Wunder schon durch ein stümperhaft aufgepinseltes Abacus Detection – wir rechnen für Sie ab ersetzt hatte. Ich klingelte und wartete, während er sein aufwendiges Sicherheitssystem abschaltete. Endlich ging die Tür gerade so weit auf, dass er seinen kleinen Kopf durchstecken konnte.

»Ach, du bist es, Derek. Ich hab mich schon gefragt, wann du wieder antanzt.« Er zog die Tür weiter auf, um mich reinzulassen. Als ich sie hinter mir abgeschlossen und mich umgedreht hatte, war er schon auf halbem Weg durch die Bruchbude zu seinem Büro. Jimmy verstand sich nicht als Privatdetektiv oder besser gesagt: nicht nur. Er betätigte sich als Antiquitätenhändler, Pfandleiher ihm großen Stil und – Gerüchten zufolge – Amateurhehler für halbseidene Waren. Seit über fünfzig Jahren kämpfte er an allen Fronten, seine Sammlung an Berufen wurde stetig umfangreicher.

Im Gebälk hingen Musikinstrumente, Plüschtiere, Schaufensterpuppen und Pelzmäntel. Der Platz am Boden war in mehrere Gänge unterteilt, Küchengeräte und Fernseher zu meiner Linken, Bücher auf Regalen an allen vier Wänden, zeitgenössische Sofas nebst Sesseln rechts und alte Möbel voraus. Zudem wusste ich, dass es irgendwo einen verborgenen Keller gab, in dem Jimmy Golduhren, Ringe, Edelsteine und genügend Diamanten hortete, die einen Amsterdamer Juwelier bis zur Rente gereicht hätten.

Jimmy selbst wirkte auf mich gebückter als in den Jahren zuvor. Sein chronisches Rückenleiden war offenbar schlimmer geworden, er schien permanent auf den Boden zu starren. Er war inzwischen bestimmt schon Ende achtzig, dennoch ließ er es kaum ruhiger angehen. Streng genommen führte er, falls man ihm glauben wollte, sogar noch ein erfülltes, wunderbares Sexualleben. Falls das stimmte, durfte er es eher auf sein lockeres Mundwerk und die Leichtigkeit zurückführen, mit der er die Leute zum Lachen brachte, weniger auf seine körperlichen Eigenschaften. Er war kaum einssechzig groß und wog fünfzig Kilogramm mit nassen Klamotten. Ihn zierte eine Hakennase, bei der jeder Adler gejubelt hätte, eine Schädeldecke voller Muttermale, die einer Karte der Hebriden ähnelte, und einen grauen Kinnbart, der aussah, als sei jedes Haar einzeln angeklebt worden. So erinnerte er mich an einen Gnom aus altnordischen Legenden oder einen verwahrlosten irischen Kobold. Der Gedanke ließ mich laut auflachen, was im Raum nachhallte und die in Schwingung versetzten Instrumente über mir zu einem kurzen Konzert bewog.

»Was findest du so lustig?«, rief Jimmy in meine Richtung.

»Das hier.« Ich machte eine Kreisbewegung mit den Armen. »Dieser Garten der Lüste, er könnte glatt in einem Märchen vorkommen.«

»Grimm oder Andersen?«, fragte er.

»Grimm«, antwortete ich. »Ohne Zweifel, Grimm.«

Jetzt lachte er. »Rumpelstilzchen?«

»Genau. Wo ist all das gesponnene Gold?«

»Wüsstest du gerne, was?« Er lachte immer weiter. Ich kannte niemanden, der das so ausgiebig tat.

Auf dem Weg zu seinem Büro fiel mir auf, dass er einige neue Stücke ausstellte. Eine kostspielig aussehende Schlafzimmereinrichtung mit breitem Single-Bett, Dreitür-Kleiderschrank und zwei wuchtigen Kommoden versperrten den Durchgang.

Jimmy bemerkte meine Verwunderung. »Hab ich von einem Mitglied des Stadtparlaments. Der Kerl war abgebrannt und brauchte Bargeld. Die ganze Geschichte hing mit seiner Frau, einer Prostituierten und einer Tageszeitung zusammen. Hat ein paar Tausender dafür gekriegt.« Das rang ihm jenes schrille, fast mädchenhafte Kichern ab, das ich mittlerweile sehr gut an ihm kannte.

»Kenne ich den Typen?«, fragte ich.

Er verneinte. »Aber du wirst noch von ihm hören …«

»Solltest du noch mehr Sachen anschleppen, musst du dir was Größeres suchen.«

Er winkte ab. »Ich hab jemanden an der Angel, der alle Waschmaschinen abholt. Ein Künstler, der aus den Dingern eine riesige Hausfrau nachbilden wird. Er spekuliert auf den Turner-Preis.«

»Die kauft dann bestimmt der Stadtrat und stellt sie auf einen Hügel«, meinte ich. »Ich sehe es schon vor mir: Die Putzkraft des Nordens oder irgendein ähnlicher Quark.«

Der alte Mann gackerte wieder. »Ich habe eine...



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