Meister | Der Jungfrauenmacher | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 416 Seiten

Reihe: Henning & Jansen

Meister Der Jungfrauenmacher

Thriller
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15841-5
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Thriller

E-Book, Deutsch, Band 1, 416 Seiten

Reihe: Henning & Jansen

ISBN: 978-3-641-15841-5
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Eine Sturmflut spült die Leiche einer Frau an den Strand, die wie eine Kreatur des Wassers wirkt: Die Meerestiere haben ihren Körper in Besitz genommen, und in ihrem Hals befinden sich Wunden, die wie Kiemen aussehen. Als eine zweite Frau tot in der Nordsee treibt, ahnt der junge Polizeichef Knut Jansen: Er hat es mit einem Serienkiller zu tun. Mithilfe der ehemaligen Profilerin Helen Henning gelingt es ihm, die Spur des Mörders aufzunehmen. Doch als den beiden bewusst wird, mit welchem Gegner sie es zu tun haben, sind sie längst im Begriff, vom Jungfrauenmacher in die Tiefe gezogen zu werden ...

Derek Meister wurde 1973 in Hannover geboren. Er studierte Film- und Fernsehdramaturgie an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg und schreibt erfolgreich Serien und Spielfilme fürs Fernsehen - und spannende Romane, mit denen er sich eine große Fangemeinde erobert hat. Derek Meister lebt mit seiner Familie in der Nähe des Steinhuder Meers.
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1

Knut Jansen hielt sich mit einer Hand an einem Strauch fest und versuchte, nichts von seinem Kaffee zu verschütten, während er sich den ersten Meter die Böschung zum Strand hinabtastete. Hinter ihm im Landrover bellte Butch. Der sechs Jahre alte Labrador sah es gar nicht gern, wenn er im Auto auf sein Herrchen warten musste. Knut gab ihm ein Zeichen, endlich still zu sein. Dann trat er mit seinen neuen Westernstiefeln ein paar Disteln und vom Sturm angespültes Strandgut beiseite, bevor er den aufgeweichten Hang hinabschlitterte.

Der Trampelpfad zwischen den Büschen war der direkte Weg vom Parkplatz an den Strand. Viele Touristen – aber vor allem die einheimischen Jugendlichen – bemühten sich nie, den gepflasterten Serpentinenweg zu nehmen.

Der Radweg aus Betonplatten am Fuß der Böschung war kaum zu erkennen, so viel Sand und Unrat hatten die Wellen angespült. Auch der Strand, der sich hier, unterhalb der Promenade Valandsiels, in Form einer Sichel gen Norden zog, lag verwüstet da. Treibholz, Tang und jede Menge Plastikverpackungen glitzerten in der Morgensonne.

Am Kaffee nippend, sah Knut sich um, schirmte die Augen vor der noch tief stehenden Sonne ab und spürte, wie er von der Meeresbrise eine Gänsehaut bekam.

Vor den funkelnden Wellen konnte er auf halber Strecke zur Wasserlinie ein paar Schatten ausmachen. Zwei Männer standen bei einem Rollstuhlfahrer. Die Silhouette des Bürgermeisters von Valandsiel, Doktor Rainer Warendorp, war dank seines wasserballgroßen Bauchs leicht zu identifizieren. Und der Mann im Rollstuhl war Kiosk-Krömer. An der Leine hielt er einen winselnden Dackel fest, der vergeblich versuchte, sich loszureißen. Den anderen Schatten konnte Knut noch nicht einordnen, aber alle drei unterhielten sich, wobei sie offensichtlich vermieden, auf etwas zu starren, das neben ihnen im Sand lag.

Knut lüpfte seine abgegriffene Basecap, die er lieber als seine Polizeimütze trug, und wischte sich die Stirn ab. Er war froh, in Anbetracht der kommenden Hitze die Uniform auf seinem Gitarrenständer hängen gelassen zu haben und stattdessen in eines seiner kurzärmeligen Holzfällerhemden geschlüpft zu sein.

Seit er aus dem Haus geeilt war, ratterte Birthe beharrlich die Sturmschäden, die »Darius« angerichtet hatte, im Polizeifunk herunter. Er drehte das Funkgerät an seinem Gürtel leise und nahm noch einen Schluck Kaffee.

Bernd Magnussen, ein stämmiger Beamter, eilte herbei und schreckte ein paar Möwen auf, die auf dem Radweg im angespülten Müll nach Essbarem suchten. Mit seinen 51 Jahren war er der Dienstälteste im Revier, aber auch der Einzige mit einem Waschbrettbauch. Innerlich schmunzelnd registrierte Knut, dass Magnussen wie immer eine Hemdgröße zu klein trug. So kamen seine Muskelpakete erst richtig zur Geltung.

»Da bist du ja endlich. So was hab ich noch nich’ gesehen, Knut. Echt, und du weißt, wie lang ich dabei bin. Wirklich. Das is’ …«

»Wer hat die Leiche gefunden?«

»Kiosk-Krömer.« Magnussen strich sich über die Glatze und den Stiernacken, bevor er in den Notizen auf seinem Smartphone nachlas. »Also, Kiosk-Krömer hat sie gefunden, das heißt, sein Dackel. Die beiden sind hier morgens immer am Strand, bevor er den Kiosk aufschließt.«

»Wann?«

»Vor ’ner halben Stunde ungefähr. Als er sie fand, hat der Krömer auf die Uhr geschaut.« Magnussen kratzte eines seiner Tribal-Tattoos und sah noch einmal auf sein Smartphone. »Sechs Uhr drei. Sagt er.«

»Gut.« Knut rückte das Funkgerät an seinem breiten Gürtel zurecht. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag übrigens.«

»Danke«, brummte Magnussen.

»Du hast ja noch gar nicht abgesperrt.«

»Das Band war alle.«

»Aha.« Knut drückte sich an seinem Kollegen vorbei, dessen Gestalt beinahe die ganze Breite des Radwegs einnahm. »Funk Birthe an. Sie soll neues Flatterband bestellen. Ich hab noch ’ne halbe Rolle im Wagen.« Kurzerhand warf er Magnussen den Autoschlüssel seines Landrovers zu.

Der machte jedoch keine Anstalten, sich zu bewegen. Nicht mal, als Knut ihn forsch musterte.

»Hol die Rolle«, befahl Knut. »Und melde dich bei Birthe. Okay?«

Brummelnd setzte sich der ältere Beamte in Bewegung. Knut seufzte. Die Ablehnung, die Magnussen ihn tagtäglich spüren ließ, war unverkennbar, aber Knut scheute sich davor, seinen Kollegen zur Rede zu stellen. Einen Moment sah er Magnussen zu, wie er ohne Hektik die Serpentine hinauf zum Parkplatz ging, dann wandte er sich wieder dem Strand zu.

Der Bürgermeister war mit Richter Holthausen angerückt, der neben Krömers Rollstuhl mit einer Zeltstange im Sand herumpiekste. Er trug sein Jogger-Outfit, und seine Pulsuhr piepte in regelmäßigen Abständen. Im Gegensatz zum vitalen Richter wirkte der 70-jährige Kioskbesitzer in seinem Rolli noch eingefallener als sonst. Die rote Sonne warf Schatten auf seine ausgemergelten Wangen und ließ sie so grob wie aus Holz geschnitzt erscheinen. Unablässig riss er an der Hundeleine.

»Dr. Holthausen … Rainer«, begrüßte Knut die beiden Männer knapp und gab Krömer die Hand.

Nach ein paar beruhigenden Worten erfuhr Knut, dass Richter Holthausen Krömer auf den Strand gerollt hatte, um dessen entlaufenen Hund zu holen. Dann hatten die beiden die Leiche entdeckt und mit einer Zeltstange versucht, Dackel und Krabben von ihr fernzuhalten.

»Das habt ihr gut gemacht«, sagte Knut. »Rührt alle jetzt aber bitte nichts mehr an. Wer hat sie zugedeckt?«

»Magnussen«, antwortete Bürgermeister Warendorp.

Knut nickte und musste sich zwingen, länger zur Leiche zu blicken. Gott sei Dank zeichneten sich unter dem Schwarz der aufgeschnittenen und mit Sand fixierten Müllbeutel kaum Konturen ab. Zu wenige jedenfalls, um böse Bilder hervorzurufen.

Auf dem Müllbeutel schimmerte wie Abertausend winzige Diamanten die Gischt, die der Wind über den Strand hinübertrug. Es sah friedlich aus, beinahe schön, wie Knut überrascht feststellte.

An seinem Hemdkragen nestelnd, wandte sich der Bürgermeister an Knut. »Das ist wirklich furchtbar. Schau dir das besser nicht an, Junge.«

Knut lächelte säuerlich. Was bildete sich Warendorp eigentlich ein? Junge, das war vielleicht vor zehn Jahren mal aktuell gewesen. Knut musste einfach eine patzige Antwort geben: »Den ›Jungen‹ kannst du dir sparen, Rainer. Tretet mal zur Seite. Ihr alle. Ihr geht jetzt mal dahinten hin.« Knut wies zum Fahrradweg, wo Magnussen das Flatterband zwischen die Laternen band.

»Knut, komm schon. Glaubst du, wir ertragen das nicht? Wir haben sie uns schon angesehen.«

»Ja, und alle Spuren zertrampelt.«

»Unsinn!« Warendorp wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wahrscheinlich hat sie der Sturm angespült. Die ist seit Tagen tot, vielleicht sogar Wochen.«

»Ja, die Leiche sieht in der Tat ziemlich zugerichtet aus«, mischte sich Richter Holthausen ein.

Krömer tätschelte seinen Dackel. »Fritze hat sich losgerissen. Ist einfach über den Strand … Das so was hier passiert.«

»Moment mal. Hier ist das nicht passiert«, stellte Warendorp sofort klar. »Hier nicht. Die wurde angespült.«

»Das rauszufinden ist Sache der Polizei. Also.« Niemand rührte sich. »Alle räumen jetzt den Bereich. Los jetzt!«

Nur murrend fügten sich die drei. Bevor Knut sich der zugedeckten Leiche näherte, wartete er, bis die Männer Krömer durch den Sand geschoben hatten und alle drei hinter der Absperrung waren.

Er hatte befürchtet, Leichengeruch wahrnehmen zu müssen, einen Gestank, der ihn erbrechen ließ, doch er roch lediglich die Nordsee.

Was mach’ ich jetzt?, fragte er sich. Das ist meine erste richtige Leiche.

Er ging in die Hocke und zögerte, den Müllbeutel anzuheben. Erst einmal streifte er sich die dunklen Lederhandschuhe über, die er am Gürtel trug.

»Wir haben’s auch überlebt«, rief Warendorp von der Absperrung her. Knut ersparte sich eine Antwort, lüpfte stattdessen seine Basecap und wedelte sich Luft zu.

»Hier.« Magnussen, der das Flatterband bis zur Leiche ausrollte, reichte ihm die Zeltstange. »Mach’s lieber damit.«

»Danke. Na, dann wollen wir mal.« Endlich fasste Knut sich ein Herz.

Der Müllsack rutschte weg und entblößte den Kopf der Leiche, den sie mit dem Arm bedeckte, als wolle sie sich vor der Sonne schützen. Knut sah nur drei Finger. Sie waren zu dunklen Stöckchen verschrumpelt. Die restlichen waren … abgebrochen oder abgefault.

Zwei Dutzend Krebse suchten das ab, was wohl einst ihre Haut gewesen war. Jetzt umgab ihren Körper ein vom Meerwasser glitschiges, an vielen Stellen weiß meliertes Leder. Die spinnenartigen Tiere ließen sich nicht stören und krabbelten ihr Becken hinab. Ihr rechtes Bein fehlte gänzlich, das linke war eine Handbreit oberhalb des Fußes abgerissen.

Sie trug ein Kleid, zumindest hielt Knut es dafür. Der dünne Stoff war zerfetzt und zusammengerafft, aber er meinte, einen abgewetzten Träger auf ihrer schmalen Schulter erkennen zu können. Mit einem Mal rutschte ihr der Arm von der Stirn und landete auf dem Müllsack.

Ein Totenschädel starrte ihn an.

Knut wich zurück. Ihre Augen waren geschlossen, aber die Lider völlig eingedrückt. Die Wangen ohne Fleisch, die Nase weggefressen. Lange weiße Haare umrahmten den Schädel. Ihr Mund war bloß noch ein von zwei dunklen Wülsten umschlossenes Loch.

War da etwa noch Lippenstift auf ihren Lippen?

Was, zum Henker …? Fassungslos sah Knut mit an, wie ein Bein aus...



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