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E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Meister / Frey Im Kielwasser des Piraten
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-4937-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-7448-4937-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Friedrich Meister wurde 1848 in Baruth in Brandenburg geboren und starb 1918 in Berlin. Er war ursprünglich ein Seefahrer der alten Schule. Zu seiner Zeit wurde der überseeische Handelsverkehr zum größten Teil noch durch Segelschiffe besorgt. Auf solchen Segelschiffen fuhr Friedrich Meister zehn Jahre lang durch alle Meere. Dabei lernte er fremde Länder und Völker kennen. Er bereiste China, Siam, Japan und den Südsee-Archipel bis zur Küste von Neu-Guinea und nördlich davon, die Philippinen. Er war in Westindien, Nord- und Südamerika, England, Italien und Griechenland. Er sah die »Sultansstadt am Goldenen Horn«, das heutige Istanbul, und die Westküsten des Schwarzen Meeres. In Japan erkrankte er an einem Augenleiden, das ihn schließlich dazu zwang, den Seemannsberuf aufzugeben. An Land wusste er zunächst nicht, wovon er leben sollte. Er versuchte dies und das und gelangte schließlich zur Schriftstellerei. Aus dem Vorwort von "Burenblut"
Autoren/Hrsg.
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Erstes Kapitel.
Der Bengel hat etwas an sich, was mir nicht gefällt«, sagte Paul Sievers. »Er drückt sich umher, wie eine lauernde Katze, und wenn man dazu sein dunkles Fell ansieht ...«
»Was kann denn dieser Mohr dafür, dass er so weiß nicht ist, wie ihr?«, unterbrach Erich Lassen den Sprecher. »Aber du hast so unrecht nicht; mir gefällt der unangenehme Kerl auch schon lange nicht. Es ist nur ein Glück, dass er bald fortgeht.«
»Ein wahres Glück!«, bestätigte Franz Hein. »Er reist zurück nach Südamerika, so hat er wenigstens Heinrich Lubau erzählt. Jetzt aber still, Kinder, da kommt der Schwarze in höchsteigener Person.«
Diese Unterhaltung fand vor einer längeren Reihe von Jahren im Garten von Doktor Niebuhrs Privatschule und Pensionat zu Bergedorf bei Hamburg statt. Der Gegenstand derselben, der soeben aus dem Haus kam und jetzt über den weiten, sauberen Hof, dem Garten zuschritt, war ein hoch aufgeschossener Jüngling von achtzehn Jahren, gelbbraun von Angesicht und mit einer krausen Fülle pechschwarzer, glänzender Haare auf dem Schädel. Er war ein halber Südamerikaner, der Spross eines farbigen Vaters und einer weißen oder beinahe weißen Mutter, und vor etwa einem Jahr der Niebuhrschen Anstalt durch den Kapitän eines aus Brasilien kommenden Schiffes übergeben worden, um sich hier etwas von europäischer Gesittung und Wissenschaft anzueignen. Sein Vater sollte ein wohlhabender Schiffseigentümer in irgendeiner tropischen Seestadt sein; näheres war nicht bekannt.
Der Name dieses unseres dunkelhäutigen Schulgefährten war Rufino Garillas, wenigstens stand er so in der Liste; der Abkürzung wegen aber hieß er unter uns Schülern allgemein »der Mohr« oder »der Schwarze«, sobald wir wussten, dass er nicht in Hörweite war.
In der ersten Zeit hatten wir ihn mit Neugierde betrachtet und beobachtet, gar bald aber erweckte er in uns Misstrauen und sogar auch eine gewisse Furcht. Er hatte ein unheimliches, schleichendes Wesen an sich, die Blicke seiner stechend schwarzen Augen waren nie offen und frei, und sein Gang war so leise, dass er uns zuweilen, besonders an den dunklen Herbst- und Winterabenden, durch sein unerwartetes Erscheinen allen Ernstes erschreckt hatte. Er sprach das Deutsche nur sehr mangelhaft, seine eigene Muttersprache aber, die wir zuweilen zu hören bekamen, wenn er in zorniger Erregung war, klang, wie wir uns einbildeten, geradezu kannibalisch. In Brasilien redete man, unseres Wissens, spanisch und portugiesisch, Rufinos Kauderwelsch aber war weder das eine noch das andere, so viel glaubten wir, wohl beurteilen zu können.
Doktor Niebuhr hatte ihm eine Kammer für sich allein angewiesen – wir anderen wohnten meist zu zweien und dreien zusammen – und diese Kammer war ein wahres Museum. An den Wänden hingen allerlei ausländische Waffen, wie Keulen, Pfeile und Bogen, Dolche und Lanzen, und daneben verschiedene Modelle von Schiffen so seltsamer Gestalt, wie wir noch keines im Hamburger Hafen gesehen hatten. Wenn Rufino uns diese Fahrzeuge und ihre Eigenschaften erklären konnte, dann funkelten seine Augen vor Vergnügen und Genugtuung. In dem Jungen steckte ein Seefahrer, das war uns sehr bald klar. Auch konnte er allerhand wilde Tänze aufführen, darunter einen Kriegstanz – »mit Messerbegleitung«, wie Franz Hein sich ausdrückte – weil Rufino dabei mit zwei Dolchen auf ganz gefährliche Weise in der Luft herumfuchtelte; sein Hauptstück aber war der Fandango, wenn er den tanzte, dann entblößte er sich zuvor jedes Mal bis zu den Hüften und sprang nun vor uns herum, wie der leibhaftige König der »Menschenfresser-Inseln«.
Rufino näherte sich der kleinen Gruppe, die auf dem Grasplatz des Gartens lagerte. Seine Augen wanderten von Gesicht zu Gesicht.
»Ihr geredet von mir? Warum?«, fragte er, seine weißen Zähne zeigend.
Wir sahen einander verwundert an. Woher wusste der unheimliche Mensch, dass wir von ihm gesprochen hatten?
»Wie kommst du zu der Frage, Rufino?«, entgegnete Paul Sievers. »Bildest du dir ein, wir hätten nichts anderes in den Kopf zu nehmen, als dich?«
»Ihr geredet von mir. Ich sehen deine Augen, ich sehen Franz Augen, ich sehen Erich Augen, ich sehen Heinrich Lubau Augen. Ich sehen, ich wissen. Ha! Ja!«
»Nun gut, dann weißt du es«, sagte Erich Lassen. »Wir haben also von dir gesprochen. Hat Eure Majestät etwas dagegen?«
»Majestät! Ha, ja! Mein Vater groß, wie Majestät!«, entgegnete Rufino stolz. »Wer mich beleidigen?«
»Noch hat dich keiner beleidigt«, sagte Paul Sievers. »Wir sprachen einfach davon, dass du nun bald unsere Pension hier verlassen und nach Südamerika zurückkehren würdest, zu deinen Kannibalen oder Piraten, was weiß ich. Du hast dies ja meinem ehemaligen Stubenkameraden hier selber erzählt.«
Rufino richtete jetzt seine funkelnden Augen mit einem giftigen Ausdruck auf mich, denn Pauls Stubenkamerad war ich, Heinrich Lubau, damals ein Knabe von siebzehn Jahren, zwar nicht der Jüngste aber der Kleinste der ganzen Schule.
»Warum du lügen?«, schrie er mich an.
»Ich habe nicht gelogen!«, rief ich zurück. »Du hast mir gesagt, dass du nicht mehr lange hierbleiben würdest. Warum leugnest du es jetzt? Das ist kein Betragen unter zivilisierten Europäern!«
»Europäer«, wiederholte er höhnisch, »Europäer! Europäer lügen alle. Du Narr, dummer!«
»Lass dein Schimpfen, Rufino«, sagte Erich Lassen, aus dem Gras aufstehend, welchem Beispiel wir alle folgten. »So gut ist Heinrich dir nicht, dass er etwas erfinden sollte, was dir unseren Beifall sicherte, wie dein Abgang tun würde. Also drücke dich!«
»Wenn mir gefällt«, antwortete der Schwarze. »O, du Heinrich, du kleine Heinz, ich dich fassen! Du feige Bub!«
Diese Drohung machte mich zuerst ganz sprachlos, bis Paul Sievers mich in die Rippen stieß.
»Heinz, geh und schlag ihn hinter die Ohren«, sagte er. »Das darfst du nicht auf dir sitzen lassen. Geh und mach es aus mit ihm; wir werden dafür sorgen, dass alles nach Recht und Billigkeit zugeht.«
Paul hatte recht; das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich war damals noch ein weichherziger Knabe, aber im Punkt der Ehre empfand ich bereits wie ein Mann.
Rufino erwartete mein Herankommen wie ein Panther, der sich zum Sprunge niederduckt. Ich stürzte auf ihn zu und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige, empfing aber in demselben Moment einen Schlag ins Auge, der mir das glänzendste Feuerwerk vorführte, das ich jemals gesehen. Jetzt trat ich zurück und erwartete mit in Gesichtshöhe erhobenen Fäusten den Ansturm des Feindes; derselbe ließ nicht auf sich warten. Vorgebeugt, mit funkelnden Blicken und gefletschten Zähnen, das braune Gesicht wutverzerrt, kam er heran; seine Hände krallten nach meinem Halse. Da schnellte ich den linken Arm vor und traf ihn zwischen die Augen, und unmittelbar darauf fuhr ich ihm mit der rechten Faust unters Ohr. Er taumelte und setzte sich dann schwer ins Gras nieder.
»Der hat für diesmal genug«, bemerkte Franz Hein. »Frag ihn doch einmal, Erich, ob er noch mehr Verlangen nach deinen Hieben hat.«
Erich Lassen trat an den zusammengekauert Dasitzenden heran und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Wie ist dir, Rufino?«, fragte er.
Der saß unbeweglich wie ein Steinbild, die Hände vor das Gesicht geschlagen.
»Na, er lebt ja noch, wie es scheint«, sagte Paul Sievers; dann wendete er sich zu mir. »Wie hast du das nur fertig gebracht, Heinrich?«, fragte er. »Wir waren darauf gefasst, dich seinen Händen entreißen zu müssen, und nun stehst du als Sieger da! Heinrich, wir sind stolz auf dich!«
»Zufall, Paul«, entgegnete ich; »weiß selbst nicht, wie es gekommen ist. Das war übrigens mein erstes Duell. Mein Auge sieht bös aus, wie?«
»Vorläufig geht es noch, die hübschen Farbenschattierungen kommen später. Geh auf die Bude; lass dir etwas rohes Fleisch von der Haushälterin geben, das legst du dann auf. Mit dem Doktor werde ich reden und ihm sagen, dass du an dem Streit unschuldig bist.«
Inzwischen waren noch mehr Kameraden herbeigekommen und hatten sich neugierig um uns versammelt. Alle bezeugten eine unverhohlene Freude an der Niederlage des »Schwarzen«, der von Anfang an nichts getan hatte, sich das Wohlwollen und die Freundschaft seiner Schulgenossen zu erwerben.
Als derselbe sich von so vielen Augen beobachtet und gemustert sah, stand er auf, um sich zurückzuziehen. Dabei fielen seine Blicke wieder auf mich.
»Du warte!«, zischte er ingrimmig. »Ich vergelten! Du büßen!«
»Spare deinen Unsinn, Schwarzer«, sagte Erich Lassen. »Der Streit ist nach Recht und Gerechtigkeit...




