E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Melki-Wegner Magnetic Valley - Der Clan der Schmuggler
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-423-42655-8
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-423-42655-8
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Skye Melki-Wegner hat Kunst und Jura in Melbourne studiert und nebenbei als Englischlehrerin und Popcorn-Verkäuferin in einem Kino gearbeitet. Wenn sie nicht schreibt, trinkt sie am liebsten Unmengen Kaffee und verschlingt ein Fantasybuch nach dem anderen. Von ihrer Trilogie um Danika und ihre Gefährten sind bisher zwei Bände auf Deutsch erschienen (>Magnetic Valley 1 - Die Flucht der Fünf< und >Magnetic Valley 2 - Der Clan der Schmuggler<).
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Das Messer
In der sechsten Nacht finden uns die Jäger.
Ich habe mich freiwillig zur Wache gemeldet und sitze darum in der Kälte am Rand unseres Lagers. Meine Gefährten schlummern gemütlich in den warmen Schlafsäcken im hinteren Teil einer Höhle. »Höhle« ist vielleicht etwas übertrieben. Es ist mehr eine Nische in einer Felswand, hoch oben in einer engen Schlucht, die »das Messer« genannt wird.
Wir sind an einem schartigen Felssims knapp unter dem oberen Rand des Messers entlanggekrochen. Der Grund der Schlucht liegt weit unter uns, in schwindelerregender, dunkler Tiefe. Das Messer ist unser Weg in das sagenumwobene Magnetic Valley – und letztlich unsere einzige Hoffnung, aus Taladia zu entkommen.
In Taladia wirft der König Alchemie-Bomben auf unsere Städte, unterdrückt Auflehnung mit Magie und Feuer. In Taladia werden Jugendliche zur Armee eingezogen und sterben in Kriegen, durch die der König sein Reich vergrößert. Und in Taladia habe ich auf der Straße gehungert, mich vor den Wächtern versteckt und zusehen müssen, wie meine Familie verbrannt ist.
Das Messer ist mehr als nur eine Schlucht. Es ist unser Weg in die Freiheit.
Aber die Jäger des Königs sind uns auf den Fersen. Wir haben ihre Luftwaffenbasis in die Luft gesprengt und dafür haben sie uns ganz oben auf ihre Todesliste gesetzt.
Ich schlinge die Arme um meine Knie, stoße eine Atemwolke aus und starre in die Dunkelheit. Der Wind kommt heute Nacht nicht zur Ruhe und es riecht nach Regen. Wenn man auf der Straße aufwächst, lernt man, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, sich einen Unterschlupf zu suchen. Es ist nicht derselbe Geruch, den ich aus Rourton kenne – der vertraute Gestank von Müll in feuchter Luft –, aber ich spüre trotzdem die Gefahr.
Ein Unwetter zieht auf.
Wenn wir Glück haben, hält es die Jäger auf, die uns verfolgen – oder sie überlegen es sich zweimal, bevor sie uns nachklettern. Aber wenn eine Jägerin wie Sharr Morrigan in der Nähe ist, sind wir in ernster Gefahr. Das Messer ist selbst bei schönem Wetter tückisch. Ein paarmal wäre ich beinahe in die Tiefe gestürzt. Und falls wir heute Nacht noch um unser Leben rennen müssen, im Dunkeln, im Regen …
Ich schlucke und schiebe den Gedanken beiseite. Kein Grund zur Panik. Vielleicht sind die Jäger ja noch gar nicht in der Schlucht, vielleicht haben wir sie abgehängt. Vielleicht können wir in unserer Höhle, geschützt von den Felsen und unseren Schlafsäcken, abwarten, bis das Unwetter vorüber ist. Und natürlich habe ich eine Illusion erzeugt, die unser Lager in ein Trugbild aus unberührtem Felsgestein hüllt.
Das dürfte genügen. Es muss.
Ich spähe zu meinen Gefährten. Von meinem Platz aus kann ich Lukas sehen, der zusammengekauert am Eingang der Höhle liegt. Eigentlich sollte er weiter hinten schlafen, bei den warmen Körpern der anderen. Aber sein Kopf ragt ins Freie heraus, sein Gesicht ein schmales Oval im Mondlicht.
In den ersten Nächten hier in der Schlucht dachte ich, Lukas würde deshalb etwas abseits schlafen, weil er nach Vögeln Ausschau hält. Seine magische Neigung ist nämlich Vogel – das bedeutet, dass er sich in die Gedanken von Vögeln einklinken kann, und manchmal kann er die Welt sogar mit den Augen eines vorüberfliegenden Falken betrachten. Aber dann ist mir klar geworden, dass Lukas immer nur dann halb im Freien schläft, wenn ich Wache schiebe.
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Es ist jetzt eine Woche her, dass wir uns in dem Gefängnisturm geküsst haben. Eine Woche, dass wir zusammen auf unsere Hinrichtung gewartet haben. Doch ich weiß noch immer nicht, was mir Lukas bedeutet, und noch weniger, was ich ihm bedeute. Es ist schwer, sich über solche Gefühle klar zu werden, wenn man mit drei anderen Teenagern auf der Flucht ist. Gemeinsam zu kampieren mag für uns das Sicherste sein, aber ungestört mit jemandem reden kann man dabei nicht.
Eine Windböe fegt über die Felskante und kitzelt Lukas. Er grunzt leise, verlagert sein Gewicht, schlägt aber nicht die Augen auf. Ich muss lächeln. Lukas sieht so friedlich aus, wenn er schläft. Keine Falten in den Augenwinkeln, kein bitterer Zug um den Mund. Im Schlaf ist er nicht der Sohn des Königs, nicht der Prinz, nicht auf der Flucht vor den Jägern seines Vaters. Er ist dann nur Lukas Morrigan. Nicht mehr und nicht weniger.
Eine zweite Böe zerzaust sein Haar. Am liebsten würde ich hinkriechen und es wieder glatt streichen, aber ich muss mich auf meine Wache konzentrieren. Ich hole tief Luft, schüttele den Kopf und richte den Blick wieder nach vorn in die Dunkelheit.
Dann höre ich es.
Vielleicht ist es nur der Wind oder der Schrei eines Vogels in der Ferne.
Aber da ist es wieder. Lauter und deutlicher diesmal. »Da lang!«
Mein Körper verkrampft sich. Ich spähe hierhin, dorthin, versuche etwas zu entdecken. Nichts. Der Mond versteckt sich hinter einem Wolkenknäuel, sodass ich nur ein paar Meter weit sehen kann. Dahinter ist wogende Dunkelheit.
»Beeilt euch! Da rüber!«
Ich spähe noch angestrengter, kann aber nichts erkennen. Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Ob sie unsere Spur entdeckt haben? Wir haben diesen Felssims gewählt, damit wir keine Fußabdrücke hinterlassen, aber die Jäger genießen als Fährtensucher einen legendären Ruf. Das sind keine Stadtwächter oder junge Wehrpflichtige aus König Morrigans Armee. Jäger sind Profis mit jahrelanger Erfahrung in der Wildnis. Das Knacken eines Zweiges würde genügen und sie hätten uns.
Aber alles, was ich wahrnehme, ist ein geisterhaftes Echo irgendwo in der Dunkelheit. Ich kann nicht rausfinden, ob der Sprecher einen Kilometer oder nur zwanzig Meter entfernt ist.
Es sei denn …
Seit Kurzem weiß ich, dass meine magische Neigung Nacht ist. Deshalb müsste ich eigentlich durch die Dunkelheit schweben können, so wie sich Lukas die Augen eines Vogels borgen oder Maisy unser Lagerfeuer kontrollieren kann. Ich könnte mit der Nacht verschmelzen, mich dadurch unsichtbar machen und die Umgebung nach Jägern absuchen. Aber meine magischen Kräfte sind noch unfertig, ich beherrsche sie noch nicht. Die Magie rinnt mir wie Sand durch die Finger, und wenn ich nicht aufpasse, kann mir dasselbe mit meinem Bewusstsein passieren. Beim letzten Mal, als ich meinen Körper mit der Nacht verschmelzen wollte, hätte ich mich fast für immer verloren. Ich bin nicht verzweifelt genug, um dieses Risiko erneut einzugehen. Jedenfalls noch nicht.
So leise wie möglich krieche ich in die Höhle zurück – und blicke in ein funkelndes Augenpaar.
»Jäger?«, flüstert Teddy.
»Ja, ich glaube.«
Er nickt. »Die Foxarys sind etwas nervös. Ich schätze mal, sie haben jemanden gewittert.«
Deswegen ist Teddy wach. Unsere Foxarys schlafen in der Nähe: überdimensionale, streng riechende Fellhaufen. Sie sind eine Kreuzung aus verschiedenen Tierarten, mithilfe verbotener, alchemistischer Experimente gezüchtet und für ihre Bösartigkeit bekannt. Aber Teddy hat eine Tier-Neigung und kann sich mit Tieren auf eine Weise verständigen, die wir anderen nie verstehen werden. Nur seinetwegen gehorchen uns die Biester und lassen uns auf ihrem Rücken durch die Wildnis reiten. Wenn unsere Foxarys unruhig werden, ist Teddy der Erste, der es merkt.
»Wir sollten von hier verschwinden«, sagt er.
Ich zögere. Bald wird das Unwetter über die Schlucht hereinbrechen und eine Kletterpartie über schlüpfrige Felsen kann leicht ein böses Ende nehmen. Aber was können wir sonst tun – hier warten und auf das Beste hoffen?
Ich blicke zu dem Kreis aus Magneten, der unseren Lagerplatz umgibt. Meine Illusion wird durch sie verstärkt und umhüllt uns mit einem Schleier aus Felsen und Schatten. Sie kann uns vor Blicken schützen, aber nicht vor Eindringlingen. Falls die Jäger den schmalen Sims absuchen, stolpern sie mitten in unser Lager.
»Ja, in Ordnung«, sage ich. »Mach die Foxarys fertig.«
Während Teddy forthuscht, lege ich Clementine die Hand auf den Mund und wecke sie. Wahrscheinlich träumt sie gerade von Ballkleidern oder Törtchen und ich will verhindern, dass sie vor Schreck aufschreit, wenn ich sie in die weit weniger angenehme Wirklichkeit zurückhole.
Clementine blinzelt mich an. Ihre blonden Locken glänzen im Mondlicht, als sie sich ruckartig aufsetzt. »Jäger?«, formt sie mit den Lippen, als ich die Hand wegnehme.
Ich nicke. »Wir verschwinden.«
»Ich wecke Maisy«, sagt sie und dreht sich zu ihrer Zwillingsschwester um.
Ihre Selbstbeherrschung beeindruckt mich. Obwohl wir schon seit Wochen auf der Flucht sind, rechne ich immer noch damit, dass die Schwestern irgendwann in einer brenzligen Situation die Nerven verlieren. Clementine und Maisy sind Töchter aus wohlhabendem Haus, reiche Erbinnen, denen Nachmittagstees und Flitterkram den Alltag versüßten. Seitdem wir unterwegs sind, haben sie tausendmal ihren Mut bewiesen und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass sie für das Leben in der Wildnis nicht geeignet sind.
Ich sammele die Magneten ein. Dadurch hebe ich den Kreis auf und zerstöre die Illusion. Wir sind jetzt wieder sichtbar. Sichtbar und ungeschützt. Aber hier können wir sowieso nicht bleiben.
Ich besteige einen Foxary und presse die Oberschenkel fest gegen seinen runden, pelzigen Leib. Er heißt Garrum. Ich habe das starke Gefühl, dass er mich nicht mag – oder er wackelt grundsätzlich bei jedem Reiter mit dem Hinterteil, um ihn abzuschütteln. Aber es ist müßig, jetzt darüber nachzudenken. Teddy schwingt sich auf Borrash, der letzte Foxary, der schon seit Rourton...




