Mellem | Einstein im Bade | Buch | 978-3-0369-5087-7 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 272 Seiten, gebunden, Format (B × H): 123 mm x 188 mm, Gewicht: 310 g

Mellem

Einstein im Bade


2. Auflage 2026
ISBN: 978-3-0369-5087-7
Verlag: Kein + Aber

Buch, Deutsch, 272 Seiten, gebunden, Format (B × H): 123 mm x 188 mm, Gewicht: 310 g

ISBN: 978-3-0369-5087-7
Verlag: Kein + Aber


In Bad Nauheim führt Direktor Kleeberger sein Hotel Rastender Kranich seit Jahrzehnten als Refugium vor den Turbulenzen der Zeit. Die Ruhe droht gestört zu werden, als im Jahr 1920 im beschaulichen Kurort die Versammlung Deutscher Naturforscher mit über zweitausend Teilnehmenden ansteht. Die neue Relativitätstheorie hat die wissenschaftliche Gemeinde gespalten, und die beiden ärgsten Kontrahenten Albert Einstein und Philipp Lenard sind ausgerechnet im Rastenden Kranich einquartiert.

Kleeberger wittert eine Chance: Wäre es nicht die beste Werbung für sein veraltetes Hotel, wenn er den Streit dort schlichten würde? Doch hinter fachlichen Differenzen lauern ungeahnte Abgründe, und der Tee, der im Rastenden Kranich einst Bismarck in den Schlaf wiegte, wird kaum ausreichen, um die Gemüter zu besänftigen. Zwischen Schlichtungsversuchen und dem Bemühen, es allen Gästen recht zu machen, entgleitet Kleeberger nach und nach die Kontrolle über sein Hotel.

Mit Humor und erzählerischer Leichtigkeit lässt Daniel Mellem in einem ruheversprechenden Hotel Stammgäste und bedeutende Wissenschaftler aufeinanderprallen. Schnappen Sie sich ein Handtuch, und versuchen Sie, gemeinsam mit Einstein im Badehaus 3 zu entspannen!

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Die Ruhe ist gestört worden. Während ich auf meiner Bank am großen Teich im Kurpark sitze und kühler Herbstwind das Laub behutsam über die Wege treibt, komme ich nicht umhin, mir diese Verfehlung einzugestehen. Die Ruhe in unserem Hotel ist durch mich gestört worden, und diese Erkenntnis schmeckt bitter. Was mir bleibt, ist Zeugnis abzulegen und mich einer Revue der abgelaufenen Tage zu stellen – so will ich nach den Ursachen meiner Verfehlung fahnden und herausfinden, an welcher Stelle meines Weges ich die falsche Abzweigung nahm. Ich will mir nichts vormachen: Nur selten vermögen derlei Berichte all das ins rechte Licht zu rücken, was bis dahin im Dunkeln lag. Und doch darf ich mich der Hoffnung nicht verweigern, dass – gehe ich den Dingen auf richtig auf den Grund – sich womöglich verhindern lässt, dass die Ruhe noch einmal so unverzeihlich gestört wird, wie es eben durch mich geschah.

SONNTAG, 19. SEPTEMBER 1920, AM NACHMITTAG

Als Tag, an dem meine Sorge um die Ruhe ihren Anfang nahm, darf der 19. September des Jahres 1920 gelten, denn an diesem Tag ereilte den Rastenden Kranich ein äußerst seltenes Ereignis. Ein Ereignis, wie es sich seit den ältesten Tagen unseres Hotels nicht mehr zugetragen hatte, weiter zurückliegend als die Krönung Kaiser Wilhelms I. anno 1871, und dieses äußerst seltene Ereignis war namentlich eine Beschwerde .

Am späten Nachmittag, es war ein Sonntag, hatte ein Herr Philipp Lenard unser Hotel betreten, ein Professor der Physik aus Heidelberg und, wie ich schon im Vorwege in Erfahrung zu bringen wusste, Leiter des größten physikalischen Instituts im Deutschen Reich sowie Träger des renommierten Nobelpreises. Eine äußerst verdienstvolle Person beehrte uns da also mit ihrem Aufenthalt, die ich, der ich am Nachmittag von einem Besuch bei einem befreundeten Winzer zurückkehrte, als Direktor des Rastenden Kranichs persönlich in Empfang zu nehmen entschied.

Unser Portier, Herr Wegenthaler, hatte gerade die Anmeldung des Professors entgegengenommen, da trat ich zu den beiden hinzu und begrüßte unseren Neuankömmling.

»Mein lieber Herr Professor Lenard, ein herzliches Willkommen in unserer bescheidenen Unterkunft! Mein Name ist Kleeberger, ich bin der Direktor des Rastenden Kranichs. Ich hoffe, Ihre Anreise ist angenehm verlaufen?«

»Nein.«

Die Laune von Professor Lenard schien in enge Grenzen gefasst, und so entschloss ich mich, ihn nicht unnötig in der Erinnerung an die offenkundig recht unbequeme Herfahrt gefangen zu halten. »Wie schön, Sie dennoch unseren Gast nennen zu dürfen.«

»Danke«, gab Professor Lenard zurück, nicht den Anschein erweckend, als wäre die persönliche Begrüßung durch den Hoteldirektor von irgendeiner Bedeutung für ihn. Seine Verschlossenheit mochte auch in der Müdigkeit nach der langen Anreise begründet liegen, denn seine Augen waren klein und sein Haar professoral zerzaust. Doch gerade dass Professor Lenard eine persönliche Begrüßung durch den Direktor offenbar gar nicht erwartete, machte sie umso notwendiger. Schließlich halte ich die Regel, man müsse einem Gast jeden Wunsch von den Augen ablesen, für verfehlt. Meines Erachtens darf es gar nicht erst dazu kommen, dass ein Gast einen Wunsch verspürt, den der Gastgeber nicht längst erfüllt hat. Es gilt, mögliche Wünsche nicht abzulesen , sondern sie vorauszusehen  – nur so vermögen die Sehnsüchte des Alltags in einem Hotel wie dem unsrigen endlich einmal zur Ruhe zu kommen, sodass sich an ihrer Stelle Zufriedenheit einfindet.

Ich unterrichtete Professor Lenard über die Umgebung des Rastenden Kranichs, wies hinaus auf die Ludwigstraße, an die in direkter Nachbarschaft die berühmten Badehäuser von Bad Nauheim grenzen, und zeigte dem Professor sodann die Räumlichkeiten unseres Hotels, führte ihn durch den rückwärtig zum Vestibül liegenden Speisesaal und anschließend in den Wintergarten, der im Licht der Spätsommersonne erstrahlte. Bei dieser Gelegenheit schritten wir auch hinaus in den Innenhof, den wohl malerischsten Ort unseres Hotels mit dem mittelalterlich anmutenden, von Efeu umrankten Gemäuer und der breiten Terrasse, auf der einige unserer Gäste gerade in wohltuend leise Gespräche vertieft waren. Andere ruhten derweil auf Stühlen unter der alten Kastanie, die ihnen mit ihrem weiten Blätterdach Schatten spendete.

Professor Lenards Bemerkungen fielen einsilbig aus, mal ließ er ein »Schön« hören, mal ein »Angenehm«, gelegentlich ein »Danke«. Er bedurfte ganz offensichtlich der Ruhe, und so ließ ich es bei der Führung bewenden und begleitete den Professor mitsamt dem Pagen, der den Koffer trug, in den ersten Stock zu seinem Zimmer – eine ebenfalls besondere Behandlung, damit der Professor nicht das Gefühl bekam, ich zöge mich, womöglich durch seine Einsilbigkeit gekränkt, frühzeitig aus unserer Unterhaltung zurück.

Dem Besuch Professor Lenards lag ein besonderer Anlass zugrunde, namentlich das größte Ereignis, das unsere kleine Stadt – sie hatte bis dahin schon die Freude, drei Kaiserinnen für ihre Kur zu beherbergen – je erleben durfte, und das war die 86. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte. Nach den langen Jahren des Krieges schickten sich die verehrten Wissenschaftler erstmals wieder an, sich zwecks des persönlichen Austauschs für insgesamt sechs Tage zu treffen, und es ist nicht zu unterschätzen, was jener Entschluss der Gesellschaft für Bad Nauheim mit seinen etwa neuntausend Seelen bedeutete. Viele Naturforscher aus dem Deutschen Reich, Österreich und der Schweiz planten, uns mit ihrem Besuch zu beehren, etwa fünfhundert, wie es Anfang des Jahres geheißen hatte. Eine durchaus stattliche Zahl, die sich im späten Frühling noch auf über tausend zu erwartende Gäste verdoppelt hatte, ehe wenige Wochen vor Auftakt der Versammlung vermeldet wurde, es würden doch eher über zweitausendfünfhundert Wissenschaftler werden, die in Bad Nauheim Quartier beziehen wollten. Zweifellos erwartete unsere Stadt angesichts solcher akademischen Massen also das, was man gemeinhin eine Herkulesaufgabe zu nennen pflegt. Bei all der Ehre, die ein solch gewaltiges Ereignis bedeuten mochte, fürchteten die Kurdirektion und der Verkehrsausschuss nicht ohne Grund eine Überforderung der Kapazitäten unseres Kurorts und wussten sich nicht anders zu helfen als mit eindringlichen Appellen an uns Hoteliers und Pensionäre, in denen der Weltruf unseres Bades an das Gelingen der Versammlung geknüpft wurde. Für den Rastenden Kranich bedeutete es eine Selbstverständlichkeit, seine freien Betten unseren besonderen Gästen für die sechs Tage der Versammlung zur Verfügung zu stellen – unentgeltliche Übernachtungen sollten es sein, wie vom Verkehrsausschuss erbeten wurde, auch wenn das für unser Hotel eine nicht zu vernachlässigende wirtschaftliche Herausforderung bedeutete. Da sich am Ende genügend andere Gasthäuser ebenso berufen fühlten, konnte jene logistische Schwierigkeit gemeistert werden.

Doch ich möchte für den Moment noch nicht zu viel der Worte über die Versammlung verlieren, schiebe ich damit doch nur auf, von dem unangenehmen Vorfall zu berichten, der im Rastenden Kranich gleich am ersten Tag der Versammlung Anlass für die erwähnte Beschwerde war. Bevor ich auf die Einzelheiten eingehe, ist es vermutlich angebracht zu erklären, was ich selbst unter einer Beschwerde verstehe, denn ich nenne nicht alles so, das andere vielleicht auf diese Weise bezeichnen. Kommt es in einem Hotel wie dem unsrigen vor – und ich spreche von dem folgenden Fall nur um des Beispiels willen, ereignet er sich im Rastenden Kranich doch ebenfalls äußerst selten –, kommt es nun also vor, dass ein Gast Meldung macht, sein Frühstückstee sei zu kalt, würde ich bei einem solchen Vorkommnis noch nicht von einer Beschwerde sprechen. Hierbei handelt es sich lediglich um eine Sorge , und zwar dergestalt, dass der Gast befürchtet, an diesem Morgen keinen wohltemperierten Tee genießen zu können. Eine Beschwerde mag ich den Vorfall deshalb nicht nennen, da dem Gast in seiner Sorge schnell Abhilfe geschaffen werden kann, indem ihm mit gebotener Zügigkeit eine Tasse heißeren Tees herbeigebracht wird. So tut der zweifellos unangenehme, aber doch nur recht kurz währende Vorfall dem Vergnügen des Gastes während seines Aufenthalts im Grunde keinen Abbruch. Nicht so bei einer Beschwerde . Dann liegt eine missliche Situation vor, aus der dem Gast nicht ohne Weiteres herausgeholfen werden kann. Sein Leiden, das Anlass für jene Beschwerde war, kann bestenfalls gelindert, nicht aber ganz aus der Welt geschafft werden.

Man hat es aus Sicht des Gastgebers also mit einer äußerst ernsten Angelegenheit zu tun, bei der es gilt, alles zu unternehmen, um die Beschwerde nicht in einen Streit ausufern zu lassen oder gar in eine juristische Auseinandersetzung. Eine Klage ereilt Hotels häufiger, als mancher sich denken mag, und stets besteht die Gefahr, dass sich die Affäre zur schlimmstmöglichen Peinlichkeit auswächst, die einem Hotel widerfahren kann: einem Skandal . Nicht ohne Stolz bekenne ich, dass der Rastende Kranich von einem solchen Vorfall in seiner langen Geschichte bis dahin verschont geblieben ist, und so hatte sich während meiner bald fünfzig Jahre im Dienste unseres Hotels nie etwas ereignet, das man einen Skandal hätte nennen können. Nicht zuletzt aus dieser Tatsache war der ehrgeizige Anspruch erwachsen, der Rastende Kranich möge stets ein Hüter der Ruhe sein.

Um auf den bedauernswerten Vorfall zurückzukommen: Wir schritten also die Treppe hinauf, in Führung ich, hinter mir Professor Lenard, und noch dahinter der Page mit dem Koffer.

»Ich bin äußerst gespannt, was Sie von Ihren Erfahrungen auf der Versammlung berichten werden und ob Ihnen durch den Austausch mit Ihren verehrten Kollegen neue Erkenntnisse vergönnt sind«, sagte ich und vermied dabei in voller Absicht eine direkte Frage an den Professor, die er in seiner Müdigkeit wohl kaum hätte beantworten wollen. So nickte er nur, als wir an das Ende des Flures gelangten, in dem das Zimmer mit der Nummer 107 lag, das für Professor Lenard ausgewählt worden war. Ich schloss die Tür auf und schaute, noch während ich sie öffnete, auf den Professor zurück. »Ich hoffe, das Fenster in unseren ruhigen Innenhof ist Ihnen genehm.«

Professor Lenard aber blickte an mir vorbei durch die Tür, die müden Augen mit einem Male weit aufgerissen. Auch dem Pagen dahinter waren die Züge entglitten, ihm stand gar ungeniert der Mund offen. Ich folgte ihrer bei der Blicke in das Zimmer. Ein weiterer Nobelpreisträger zeigte sich darin, der berühmte Professor Max Planck, der wie erstarrt vor seinem Bett stand, und zwar – mir treibt die Erinnerung daran erneut die Schamesröte ins Gesicht – splitterfasernackt.

Der Auftritt Professor Plancks im Adamskostüm brachte mich augenblicklich in Not. Konfrontiert mit solcher Scham starrte ich ganz wie meine Begleiter fassungslos in das Zimmer, unfähig, mich zu rühren. Erst als weiter hinten im Flur ein Gast die Treppe heraufkam, gelang es mir, die Tür mit der gebotenen Eile, aber doch ohne Knallen zu schließen.

»Ich bitte ergebenst um Entschuldigung, dass Sie Opfer eines solchen Irrtums sind«, wandte ich mich umgehend an Professor Lenard und schickte sogleich den Pagen hinunter zu unserem Portier Wegenthaler, um prüfen zu lassen, warum das Zimmer mit der Nummer 107 schon belegt war. Der Page tat wie geheißen. Unterdessen knöpfte Professor Lenard, wohl aus Verlegenheit oder Ungeduld, seinen Mantel auf und wieder zu. Auch ich wusste nichts zu sagen, erschien es mir doch unverfroren, die Peinlichkeit mit einem Plausch zu überspielen.

Glücklicherweise währte das unangenehme Schweigen nur kurz, denn im nächsten Moment öffnete sich die Tür des Zimmers mit der Nummer 107 erneut, und Professor Planck steckte seinen Kopf heraus. »Ja?«, ließ er verlauten.

»Bitten entschuldigen Sie das Unentschuldbare«, sagte ich. »Offenbar hat es eine Verwechslung bei der Zimmernummer gegeben.«

»Zahlendreher sind mir nicht unbekannt«, erwiderte Professor Planck lächelnd, und auch wenn ich seinen Humor in Anbetracht der Privatheiten, die wir unfreiwillig begutachtet hatten, beinahe ein wenig unangemessen fand, erleichterte er mich damit zugegebenermaßen doch.

Professor Lenard aber verzog keine Miene. Das brachte mich in die missliche Lage, einerseits auf Professor Plancks Bemerkung mit einem höflichen Lachen reagieren zu müssen, andererseits aber auch Professor Lenards anhaltende Pikiertheit nicht leichterhand übergehen zu wollen.

»Zahlendreher solcher Tragweite sind den Herren Professoren sicher noch nicht passiert«, versuchte ich jener Zwickmühle mit einem schiefen Lächeln zu entkommen, das sich für den einen als amüsiert, für den anderen als reumütig deuten ließ.

Erst jetzt schien Professor Planck seines Kollegen Lenard gewahr zu werden. Seine Miene verdunkelte sich, und er öffnete die Tür ganz. Erleichtert stellte ich fest, dass der Professor nun Hose und Hemd trug, wenngleich bei Letzterem ein Knopf offen stand und einen etwas zu freizügigen Blick auf spärliche Brustbehaarung preisgab.

»Sie sind auch hier eingebucht?«, fragte Professor Planck in Richtung seines Kollegen Lenard.

»Frühzeitig«, gab der zurück, freilich ohne seinen Kollegen dabei anzusehen und stattdessen immer noch mit seinem Mantel beschäftigt. Dieses Verhalten, mehr noch aber die ausbleibende gegenseitige Begrüßung bestätigten mir, was ich schon beim ersten Blick Professor Plancks auf Professor Lenard erahnt hatte: Jene so verdienstvollen Kollegen – beide anerkannte Koryphäen ihrer Disziplin –, sie mochten sich nicht.

Professor Lenard richtete seinen Blick endlich auf Professor Planck. »Sie leiten die Sitzung am Donnerstag?«

»Ich habe die Ehre.«

Professor Lenard neigte den Kopf und schaute den Korridor hinunter, als hätte er dort etwas entdeckt, das seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Tatsächlich thronte dort hinten in der Ecke aber nur, wie eh und je, der Stuhl, auf dem der verehrte Fürst Bismarck einst im Rastenden Kranich an einem schönen Nachmittag im August seinen Tee getrunken hatte.

»Natürlich nur, insofern meine Sitzungsleitung für Sie kein Problem darstellt«, fügte Professor Planck hinzu.

»Sie werden sich bestimmt nicht die Blöße geben, die Stimmen der Vernunft zu übergehen«, sagte Professor Lenard.

»Das rationale Argument ist Zweck der Debatte«, gab Professor Planck zurück. »Darauf können wir uns einigen.«

»Ich wollte nur sichergehen«, sagte Professor Lenard. »Zuletzt schien mir, als hätten Sie der Kausalität abgeschworen.«

»Ganz im Gegenteil, ich habe mich von ihr überzeugen lassen.«

»Wohl eher von mathematischem Budenzauber.«

»Manch einer mag es Intelligenz nennen.«

»Oder Dekadenz.«

Dieser Schlagabtausch wurde mir zunehmend unangenehm, trugen zwei unserer Gäste hier doch einen Streit aus, dem ich nur schwerlich zu folgen verstand und den ich darum auch kaum zu schlichten vermochte. Ich war erleichtert, dass in jenem Moment der Page die Treppe heraufeilte und das Gespräch unterbrach – nur um mir aber sogleich den nächsten Schlag zu versetzen. »Die 107 wurde doppelt belegt«, presste er atemlos hervor.

Die Professoren richteten ihre Blicke wieder auf mich, dem die wachsende Zahl der Verfehlungen unseres Hotels die Hitze in die Wangen trieb: Ein Nobelpreisträger war in seinem Intimsten gestört worden, nun stritt er mit einem weiteren Nobelpreisträger, und zu allem Überfluss waren sie auch noch auf dasselbe Zimmer gebucht. Mir blieb keine Zeit, mich mit der zweifelhaften Bilanz unseres Hotels gleich am ersten Tag der so bedeutenden Naturforscherversammlung zu beschäftigen. Die doppelte Belegung verlangte nach einer schnellen Lösung, konnte ich die beiden Professoren doch kaum bitten, sich gemeinsam in Zimmer 107 wohnhaft zu machen.

»Ein äußerst bedauerlicher Fauxpas«, erklärte ich mit der nötigen Zerknirschtheit. »Ich bitte die Herren in aller Form um Verzeihung. Als Entschädigung für die Unannehmlichkeiten dürfen Sie davon ausgehen, heute Abend auf Kosten des Hauses in unserem Speisesaal zu dinieren. Professor Lenard, Sie werde ich zu einem anderen Zimmer geleiten, das hoffentlich genauso Ihr Gefallen finden wird wie dieses hier. Professor Planck, ich hoffe, Sie können den Aufenthalt in Ihrem Zimmer trotz der bedauerlichen Störung weiter genießen. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag!«

»Schönen Tag auch«, erwiderte Professor Planck, vermied dabei aber einen Blick auf seinen Kollegen Lenard, der seinerseits gänzlich stumm blieb.

Daraufhin stieg ich mit Professor Lenard und dem Pagen weiter die Treppe in den zweiten Stock hinauf. Seit jeher ist es so, dass sich der Rastende Kranich im Sinne seiner Gäste den Luxus erlaubt – selbst wenn das Hotel vollständig ausgebucht ist –, zwei Zimmer im zweiten Stock planmäßig leer stehen zu lassen. Zum einen dienen sie dem Zweck, einen Gast in einem plötzlichen Notfall unverzüglich umquartieren zu können – zum Beispiel, wenn sich ein Fensterbruch durch einen Vogel ereignet, eine Absurdität, die unserem Hotel bereits zweimal widerfuhr, einmal unter Mitwirkung eines Habichts, ein anderes Mal durch einen Eichelhäher. Zum anderen kann durch ein solches Zimmer Gästen von gewisser Bedeutung kurzfristig ein Aufenthalt in unserem Hotel ermöglicht werden – wie einst geschehen im Falle des Reichskanzlers Bethmann Hollweg, den ein Achsenbruch seines Wagens zu einer ungeplanten Übernachtung in Bad Nauheim zwang. In einem der beiden Zimmer wollte ich nun Professor Lenard unterbringen. Freilich sind die Räumlichkeiten nachteilig gegenüber dem Zimmer mit der Nummer 107. Nicht bloß sind sie etwas kleiner, vor allem sind sie zur Ludwigstraße ausgerichtet und nicht zum ruhigen Innenhof. Unter gewöhnlichen Umständen stellt das kein Problem dar, an belebten Tagen wie denen der Versammlung bedeutet das aber doch einen Nachteil, vor allem des Abends, wenn unsere Gäste besonderer Ruhe bedürfen.

Professor Lenard bemerkte den Mangel sogleich. Er schritt zum Fenster, blickte hinaus, strich sich den Mantel glatt und seufzte unzufrieden. »Deshalb hatte ich mich frühzeitig für ein Zimmer zum Innenhof gemeldet.«

»Der Fehler liegt ganz auf unserer Seite. Wir werden uns bemühen, Ihnen den Aufenthalt dennoch so erträglich wie möglich zu gestalten.«

»Und doch kann ich das Zimmer nicht akzeptieren.«

Da war sie also, die Beschwerde , auf die ich eingangs meiner Ausführungen zu sprechen kam.

»Selbstverständlich werden wir versuchen, diesen Nachteil für Sie aufzuwiegen«, versuchte ich dem Professor sogleich ein Angebot zu unterbreiten. »Ihre Wünsche von unserer Weinkarte sollen für Sie in den kommenden Tagen keine zusätzlichen Kosten bedeuten.«

»Mir ist neu, dass Lärm und Wein einander aufwiegen.«

Es schien offenkundig, dass es unmöglich sein würde, den Professor mit dem Missstand eines Zimmers zur Ludwigstraße zu versöhnen, und so beging ich einen folgenschweren Fehler. Ich kann nicht sagen, was mich dabei trieb – ob es die Prominenz des Professors war oder der lastende Druck der Beschwerde  –, jedenfalls gab ich dem Professor ein Versprechen, von dem ich keine Vorstellung besaß, wie ich es einhalten sollte. »Keine Sorge«, erklärte ich, »dies wird nur für eine Nacht Ihr Zimmer sein. Schon morgen sollen Sie eines zum Innenhof bekommen.«

Ich konnte nicht ahnen, dass dieses Versprechen nur der Auftakt sein sollte zu der unheimlichen Verwicklung meiner Person in Umstände, welche die Ruhe im Rastenden Kranich auf eine Weise stören sollte, wie es in der Geschichte unseres Hotels nie zuvor geschehen war.


Mellem, Daniel
Daniel Mellem wurde 1987 geboren. Er promovierte in Physik, bevor er sich am Deutschen Literaturinstitut Leipzig seinem ersten Roman widmete. Für »Die Erfindung des Countdowns« (2020) erhielt er den Retzhof-Preis für junge Literatur und den Hamburger Literaturfo¨rderpreis. Der Roman war zudem »NDR Buch des Monats« und nominiert für den Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals. Daniel Mellem lebt in Hamburg.

Daniel Mellem wurde 1987 geboren. Er promovierte in Physik, bevor er sich am Deutschen Literaturinstitut Leipzig seinem ersten Roman widmete. Für »Die Erfindung des Countdowns« (2020) erhielt er den Retzhof-Preis für junge Literatur und den Hamburger Literaturfo¨rderpreis. Der Roman war zudem »NDR Buch des Monats« und nominiert für den Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals. Daniel Mellem lebt in Hamburg.



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