E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Reihe: Phantastische Stories
Melneczuk Schattenland: 32 schwarze Geschichten
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-603-3
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Reihe: Phantastische Stories
ISBN: 978-3-95719-603-3
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Albträume, die kein Ende nehmen. Gespenster, die keinen Frieden finden. Liebe, die den Tod überdauert. Invasoren, die Menschen jagen. Songs, die aus der Hölle kommen und ein Rockstar, der mit ihnen Rache nimmt. Ein Herrenhaus, das heimgesucht wird. Ein Hexenwald, der ein dunkles Geheimnis birgt. Ein Amt, das Träume steuert und jeden Verstoß gegen das staatliche Tempolimit mit harter Hand bestraft. Eine Stadt, die zu Stein erstarrt. Eine Geisterbeschwörung, die aus dem Ruder läuft und statt Erkenntnis nur den Tod bringt. Willkommen im Schattenland! 32 rabenschwarze, preisgekrönte Geschichten zur Geisterstunde. Auf der Schwelle zwischen sanftem Schauer und purem Horror.
Autoren/Hrsg.
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STEINE
Als Paul die Augen öffnete, starrte er auf die Wohnungstür. Verschlossen richtete sie sich vor ihm auf und schien jeden seiner Blicke zu verspotten. Paul stöhnte leise und fühlte sich wie gerädert. Am furchtbarsten schmerzte sein Rücken. Als er sich aufrichtete, stieß Paul gegen eine leere Martini-Flasche, und es hätte ihn an diesem grauen Morgen nicht gewundert, in ihrem Bauch einen Brief von Gott zu finden. Pass auf dich auf, mein Lieber, bei jedem Schritt, den du da draußen machst. Mit hohlem Donner schlug die Flasche gegen den Schirmständer im Flur. Gott hatte davon abgesehen, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Aus welchem Grund auch immer.
Gestern Nacht hatte er viel Alkohol verschüttet, der Parkettboden stank wie eine Kneipe. Im Wohnzimmer lagen weitere Flaschen. Zerbrochen. Alle zerbrochen. Paul brauchte fünf Minuten, bis er alle Scherben aufgesammelt hatte. Er schlich noch einmal ins Wohnzimmer und befreite die Stereoanlage aus dem Bandsalat, der mittlerweile bis auf den Boden reichte und sich als nostalgisches Kunstwerk aus analogen Zeiten mit seinen Glitzerstreifen über den Teppich ergoss. Phil Collins ist erledigt. Ein für alle Mal. Diese Erkenntnis zauberte Paul ein versonnenes Lächeln auf die rauen Lippen. Er schaltete das Radio ein. Nur Rauschen. Paul überprüfte die Frequenzen und programmierte sie neu in das Gerät – ohne Erfolg. Als seine Kopfschmerzen mit einer Fanfare zu Ehren des Grafen Aspirin zurückkehrten, schaltete Paul das verdammte Radio aus und ging in die Küche, wo er zwei Tabletten mit kaltem Bier abwärts spülte. Auf dem Tisch und auf den Schränken türmte sich schmutziges Geschirr. Bei dem Gedanken, das alles im laufenden Jahrzehnt abwaschen zu müssen, fühlte Paul sich noch schlechter als ohnehin schon. Wollte er auch morgen etwas essen, musste er unbedingt einkaufen. Und wieder kroch die vergangene Nacht durch seine Gedanken. Diese Kopfschmerzen!
„Du musst sie vergessen!“
Frank rutscht auf der lädierten Wohnzimmercouch hin und her, angestrengt an seinem Glas Single Malt nippend. Der würzige Duft des Whiskys dringt in Pauls Nase, und bei der Erinnerung daran wird ihm noch einmal schlecht.
„Du denkst mehr an sie als sie an dich.“ Bei diesen Worten bemüht sich Pauls mit Abstand bester Freund um ein väterliches Lächeln, doch so gut es auch gemeint ist, muss es an diesem Abend missglücken wie die Jungfernfahrt der Titanic.
„Ich verstehe sie nicht“, hat Paul darauf erwidert, ahnend, dass ihm die funkelnde Flasche zwischen Salzstangen, Chips und Aschenbechern noch zum Verhängnis wird.
„Sie hat dich abgezogen.“ Das sagt Frank so ruhig wie ein Scharfschütze, der sein Ziel erfasst. Dann wird er laut, als Paul die Augenbrauen nach oben zieht. „Oder etwa nicht? Junge, ich bitte dich! Melanies Neuer ist zehn Jahre älter, fährt einen Porsche, hat drei Kinder, und ihr Brief an dich ist einfach ...“
„Das Letzte“, fällt Paul ihm ins Wort. „Du hast ja Recht, verdammt, du hast ja Recht! Trotzdem lassen sich all die Jahre nicht einfach ausradieren.“
„Hat das jemand von dir verlangt?“ Frank bemüht sich redlich, gekränkt zu klingen. „Du kannst von Glück reden, dass du diese Arschkuh nicht geheiratet hast. Wahrscheinlich wären ihr im nächsten Jahr dann die Sicherungen durchgebrannt.“
Diese Art von Logik versteht Paul nicht. „Sie war eine Nummer zu groß für mich.“
„Sie war eine Nummer zu groß für mich, sie war eine Nummer zu groß für mich“, heult Frank und schlägt auf den Tisch, wohl darauf bedacht, den Whisky nicht zu gefährden. „Spar dir dein Selbstmitleid! Unsinn! Diese Arschkuh – bitte verzeih mir diese Wortwahl – diese Arschkuh wird noch sehen, was sie angerichtet hat. Patricia hat da eine nette Kollegin im Büro, schon lange allein, und ich könnte doch ...“
„Oh nein“, stöhnt Paul. „Verschont mich damit.“
„Auch gut, auch gut.“ Frank klingt jetzt wirklich verletzt und trinkt sein Glas aus. „Wie du willst. Ich muss weiter.“
„Was nutzt mir eine Frau, die aussieht wie Prinzessin Leia und den Charakter von Darth Vader hat?“
Darauf wissen sie beide keine Antwort. Frank geht gegen eins nach Hause.
Das alles war Geschichte.
Jetzt war für Paul die Frage wichtiger, wie er diesen Vormittag überlebte. Kurz vor zehn, die Tabletten wirkten immer noch nicht. Er ließ sich auf die Couch fallen und suchte nach der Fernbedienung. Vom Zeitungsstapel starrte ihm ein alter Spiegel-Titel mit Marcel Reich-Ranicki entgegen. Zwischen den Polstern fand er die Zauberbox und schaltete den Fernseher ein. Schnee im Ersten. Schnee im Zweiten. Paul stellte den Ton ab. Drei, vier, fünf, sechs und sieben boten nur Testbilder. Alle anderen auch. WIR BITTEN DIE STÖRUNG ZU ENTSCHULDIGEN, strahlte es auf Kanal acht. Der Suchlauf flitzte ergebnislos durch den Schneesturm, und das Einzige, was Paul zu sehen bekam, war ein verschneiter Porno in niederländischer Sprache, in dem eine Reitpeitsche eine Rolle spielte. Paul holte tief Luft, kroch hinter den Wohnzimmerschrank und prüfte den Antennenstecker. In seinem Kopf drehte sich alles, als er über der Anschlussbuchse hockte und feststellte, dass alle Stecker richtig saßen. WIR BITTEN DIE STÖRUNG ZU ENTSCHULDIGEN.
Paul kapitulierte und schaltete den Fernseher auf Standby. Er wollte sich gerade zum Telefon kämpfen und Frank anrufen, als es ihn mit Macht ins Badezimmer zwang. Die ganz große Katastrophe blieb allerdings aus. Paul hing mit dem Oberkörper über der Badewanne und wartete. Sodbrennen, das war alles neben Kopfschmerzen und seinem knirschenden Rücken. So muss es sein, wenn man stirbt, fuhr es durch seine Gedanken. So und nicht anders. Er zog sich ins Wohnzimmer zurück und legte sich auf die Couch. In seinem Magen rumorte es wie auf einer Großbaustelle. Der Schotte hatte ihm den Rest gegeben. Verdammter Single Malt. Noch einmal ein Versuch mit der Zauberbox. WIR BITTEN DIE STÖRUNG ZU ENTSCHULDIGEN. Nun schneite es auch in den Niederlanden.
„Ich liebe dich“, flüstert Melanie. Paul legt seinen Kopf auf ihren Bauch. Ihre Hände streicheln seinen Nacken, und er spürt, wie sich die Gänsehaut an ihm hocharbeitet. Er rutscht höher und fühlt ihren Herzschlag. Draußen scheint die Sonne verschwiegen durch die Schlitze der Rollos.
„Wie spät ist es?“ Paul richtet sich verschlafen auf.
Melanie murmelt etwas. Dann dreht sie sich zur Seite. Einen Moment lang kann er ihre kleinen, festen Brüste im Halblicht sehen. „Kurz vor sieben.“
„Kurz vor sieben?“, ruft er entsetzt. „Ich muss um halb im Büro sein! Großer Gott!“ Das letzte Wort zieht Paul in die Länge, und dadurch klingt es auf alberne Weise amerikanisch. Halb angezogen, stürzt er in die Stereoanlage neben dem Schlafzimmerfenster.
„Was machst du da?“, fragt sie.
„Sterben.“
Melanie lacht leise.
Paul fuhr hoch. Schon wieder eingeschlafen. Melanies Gesicht verschwand in einem Strudel unfertiger Gedanken. Immer noch roch es in der Wohnung schottisch. Frank, er musste Frank anrufen! Mittlerweile war es zwei Uhr. Paul stapfte in den Flur und tippte die Nummer. Zehn Ruftöne.
HIER IST DER AUTOMATISCHE ANRUFBEANTWORTER VON FRANK SINATRA. ICH BIN ZURZEIT IN NEW YORK UND NEHME EIN NEUES ALBUM MIT ROBBIE WILLIAMS AUF. SOLLTEN SIE MIR EINE NACHRICHT HINTERLASSEN WOLLEN
Paul legte auf und rieb sich die Stirn. Was für ein Tag! Noch ein Versuch mit dem Fernseher, noch ein Versuch mit dem Radio – ohne Erfolg. Er ging ans Wohnzimmerfenster und brachte es auf Kippstellung. Vor dem Fernseher blitzten weitere Scherben. Auf halbem Weg erstarrte Paul. Drei Jahre hatte er, um das Leben draußen auf der Kaiserstraße in Vohwinkel zu verinnerlichen. Wenn etwas in der Kulisse fehlte, merkte er das sofort. Instinkt. Was heute fehlte, war der Lärm der Straße und das Quietschen der Schwebebahn. Paul ging wieder ans Fenster und warf einen Blick hinaus.
Spärliche Aussicht aus der dritten Etage. Draußen Stille wie niemals zuvor – und das vormittags an einem Dienstag. Das Stahlgerüst der Schwebebahn war fast auf Augenhöhe. Kein Zug zu sehen. Auf der Stütze links saßen zwei Tauben und gurrten in das Schweigen. Weiter unten standen ein paar Autos zwischen den mit Betonringen geschützten Pfeilern, und das war alles. Noch einmal versuchte Paul Franks Nummer.
HIER IST DER AUTOMATISCHE ANRUFBEANTWORTER VON FRANK SINATRA.
Paul schleuderte den Hörer abwärts, eilte ins Bad und nahm eine Dusche. Ihm lief Wasser in den Mund, er trank es gierig. Es schmeckte nach Chlor. Die Kopfschmerzen ließen nach. Endlich. Wenig später verließ er die Wohnung und warf sich im Treppenhaus den Mantel über, denn der Herbst hatte mit Ostwind Einzug gehalten. Den flüchtig geschriebenen Einkaufszettel ließ Paul in den Weiten seiner Manteltaschen verschwinden.
Dünnes Licht im Treppenhaus. Die alte Gruber von nebenan hatte Putzwoche. Meister Propper und sein Neffe Ajax waren hier draußen gern gesehene Gäste. Ein blutroter Kunststoffeimer samt Schrubber stand am...




