E-Book, Deutsch, Band 141, 64 Seiten
Reihe: Familie mit Herz
Menzel Familie mit Herz 141
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-3927-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Engel für Vera
E-Book, Deutsch, Band 141, 64 Seiten
Reihe: Familie mit Herz
ISBN: 978-3-7517-3927-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vera Bachstein verliert unverhofft ihren gut bezahlten Job und wenig später auch ihren langjährigen Freund Tobias. Ihr Leben gerät aus den Fugen.
Jeder Versuch, das Chaos in den Griff zu bekommen, scheitert kläglich - bis sie eines Tages einem verzweifelten Mädchen auf dem Weihnachtsmarkt begegnet. Mit schimmernden Tränen in den Augen schiebt die sechsjährige Carlotta ihre kleine, warme Hand in die ihre. Sie hat ihren Vater in der Menge verloren. Obwohl Vera mit Kindern eigentlich rein gar nichts anfangen kann, nimmt sie sich der Situation an und macht sich mit der Kleinen auf die Suche.
Als Vera endlich dem vielbeschäftigten Vater Johannes gegenübersteht, bleibt ihr die Luft weg. Nein, unmöglich! So attraktiv kann doch kein Papa sein! Und doch wirkt dieser schöne Mann unbeschreiblich ... verloren. Süß verloren, irgendwie, denkt sich Vera.
Sein Angebot kommt völlig unerwartet. Der Witwer bittet sie, eine ihm absolut Fremde, die Nanny ihrer Tochter zu werden! Das kann doch nicht sein Ernst sein - oder etwa doch?
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ein Engel für Vera
Wie ein kleines Mädchen ihr Herz raubte
Von Marlene Menzel
Vera Bachstein verliert unverhofft ihren gut bezahlten Job und wenig später auch ihren langjährigen Freund Tobias. Ihr Leben gerät aus den Fugen.
Jeder Versuch, das Chaos in den Griff zu bekommen, scheitert kläglich – bis sie eines Tages einem verzweifelten Mädchen auf dem Weihnachtsmarkt begegnet. Mit schimmernden Tränen in den Augen schiebt die sechsjährige Carlotta ihre kleine, warme Hand in die ihre. Sie hat ihren Vater in der Menge verloren. Obwohl Vera mit Kindern eigentlich rein gar nichts anfangen kann, nimmt sie sich der Situation an und begibt sich mit der Kleinen auf die Suche zwischen Weihnachtsbuden und Glühweinständen.
Als Vera endlich dem vielbeschäftigten Vater Johannes gegenübersteht, bleibt ihr die Luft weg. Nein, unmöglich! So attraktiv kann doch kein Papa sein! Und doch wirkt dieser schöne Mann unbeschreiblich ... verloren. Süß verloren, irgendwie, denkt sich Vera.
Sein Angebot kommt völlig unerwartet. Der Witwer bittet sie, eine ihm absolut Fremde, die Nanny ihrer Tochter zu werden! Das kann doch nicht sein Ernst sein –
oder etwa doch?
»O nein!«, rief Vera Bachstein aus und krallte ihre Finger panisch um ihren Wecker. Sie schüttelte das klappernde Gerät mehrmals, doch auch danach setzten sich die Zeiger nicht mehr in Bewegung. Ihr Wecker war tot. »So ein Mist!«
Vera warf die Decke zurück und hechtete aus dem Bett. Sie musste sich am Türrahmen festhalten, um nicht hinzufallen. Vor ihren Augen drehte sich auf einmal alles. Ihre Beine drohten einzuknicken.
Sie torkelte zum Waschbecken im angrenzenden Badezimmer und warf sich kaltes Wasser ins Gesicht. Danach fühlte sie sich wieder lebendiger.
Vera betrachtete ihr müdes, schmales Gesicht in dem schmutzigen Spiegel vor ihrer Nase. Hastig putzte sie sich die Zähne, stylte ihre aschblonden Haare mit viel Gel, damit niemand bemerkte, dass sie noch nicht gewaschen waren, und legte etwas Make-up auf, um ihre Augenringe zu kaschieren.
Durch die alten Vorhänge blitzte bereits die Sonne des neuen Tages herein. Der schmelzende Dezemberschnee hinterließ feuchte Schlieren auf den Fensterscheiben.
Vera war viel zu spät dran. Als sie gerade dabei war, ihre auf dem Boden verstreute Kleidung zu greifen, bewegte sich ihr Bett. Geschockt machte sie einen Satz zurück, ehe die Erinnerung sie aufatmen ließ.
»Tobi?«, fragte sie mit krächzender Stimme und räusperte sich.
»Hmm?«, antwortete der Mann in ihren Laken mit einem müden Brummen. Endlich setzte er sich auf und streckte sich ausgiebig. »Was ist denn los? Du rennst hier ja rum wie von der Tarantel gestochen.«
Tobias gähnte und öffnete endlich seine Augen. Vera hätte sich gerne wieder zu ihrem Nachbarn gelegt und den Tag einfach im Bett verbracht.
»Wie viel haben wir gestern getrunken?«, wollte sie nun wissen und rieb sich ihre angespannte Stirn.
Tobias zuckte mit den Schultern.
»Es ging uns gut, du hattest Lust darauf, warum also nicht? Du bereust es doch sonst nicht, mit mir durch die Bars zu ziehen und anschließend im Bett zu landen.«
»Aber doch nicht mitten in der Woche!«, rief Vera entsetzt. »Ich komme zu spät zur Arbeit! Es kann nicht jeder von zu Hause aus Computerzubehör verkaufen wie du.«
»Ach«, erwiderte der durchtrainierte Brünette mit den blauen Augen und machte eine wegwerfende Handbewegung.
Er schälte sich aus der Bettdecke und stand schließlich splitterfasernackt vor Vera. Sie unterdrückte den Drang, seine ausgeprägte Bauchmuskulatur zu berühren.
Erst gestern Nacht war Vera mit ihren Fingerspitzen mehrmals daran entlanggefahren. Sie bekam nicht genug von Tobias, der in der Wohnung neben ihr lebte. Ob es daran lag, dass die beiden niemals eine feste Beziehung aus ihrer Liaison gemacht hatten, konnte Vera nicht sagen. Ihr gefiel das lockere Abkommen zwischen ihnen, da sie ohnehin nicht der Typ Frau für eine feste Bindung war. Nicht, seitdem sie ihre Mutter mit ihrem Stiefvater erlebt hatte. Beziehungen bedeuteten für Vera Abhängigkeit und Zwang.
»Alles okay?«, fragte Tobias und fasste sie behutsam an den schmalen Schultern.
Vera schreckte hoch. Sie hatte sich erneut in unschönen Erinnerungen verfangen. Sie setzte ein Lächeln auf, griff nach ihrem Smartphone und checkte mit flinken Fingern ihre Nachrichten und verpassten Anrufe.
Natürlich hatte ihr Vorgesetzter mehrmals vergeblich versucht, sie zu erreichen. Seit fünfzehn Minuten musste sie bereits hinter dem Schalter stehen und Kunden bedienen.
»Entschuldige, aber ich muss los. Zieh einfach die Tür hinter dir ins Schloss«, meinte Vera im Hinausgehen, ehe sie die Treppe des Wohnhauses hinunterhetzte.
Sie wartete seine Antwort nicht ab. Tobias kannte dieses Verhalten von seiner chaotischen Nachbarin bereits.
Vera überlegte sich auf dem Weg zum Auto eine passende Ausrede für ihren Chef. Dass sie die Nacht mit einem Mann verbracht hatte, würde sicher kein geeignetes Argument sein. Sie brauchte diesen Job. Er stellte die einzige Konstante in ihrem Leben dar.
Mehrmals rutschte sie auf dem glitschigen Boden vor dem Haus aus. Ihr alter, zerschlissener Mantel wärmte sie nur bedingt. Durch jede Ritze davon schoss eiskalter Wind und peitschte Nadelstiche auf ihre Haut.
Per Freisprechanlage rief sie Wolfgang Stetter vom Bankhaus Stetter an, der bereits nach dem ersten Klingeln abhob.
»Vera, wo zum Teufel steckst du? Ich musste Peer bitten, seine Schicht zu wechseln, damit er dich ersetzt!«, polterte er ohne Begrüßung.
»Es tut mir so leid, aber ich war in diesen Unfall verwickelt ...«
»Was für ein Unfall? Ist das wieder eine deiner seltsamen Ausreden? Vera, das ist bereits der dritte Fall von Unpünktlichkeit. Du weißt, dass du bereits an einem dünnen Ast hängst.«
»Ja, es tut mir auch wahnsinnig leid, aber ich konnte nichts dafür. Da war dieser LKW, der ...«
»Das kannst du mir hier gerne im Büro noch einmal erzählen. Komm so schnell wie möglich her. Ich muss sowieso mit dir sprechen.«
»Bis ...« Wolfgang legte auf. »... gleich«, beendete Vera ihren Satz.
Sie schluckte und krallte ihre Hände um das Lenkrad.
An seinem Tonfall hatte sie herausgehört, dass mehr in der Luft lag als eine Standpauke wegen Zuspätkommens ...
???
Vera schlüpfte so unauffällig wie möglich durch die gläserne Tür. Alle Schalter waren besetzt und mit Kunden ausgelastet.
Sie ärgerte sich, sich nicht einfach krankgemeldet zu haben. Das wäre wahrscheinlich auf mehr Verständnis gestoßen als die angebliche Vollsperrung auf der Autobahn.
Sie achtete darauf, dass der glatte Marmorboden unter ihren nassen Schuhsohlen nicht zu laut quietschte, während sie sich zu den Umkleidekabinen schlich, in denen ihr Kostüm von gestern hing. Sie hatte vergessen, es mit nach Hause zu nehmen.
Der Rest ihrer feinen Röcke und Hosenanzüge lag noch immer als schmutziges Bündel auf der Waschmaschine. Da kam ihr vergessenes Kostüm vom vorigen Tag gerade recht, um nicht in Jeans und Bluse am Schalter zu stehen. Wolfgang sah es nicht gerne, wenn man sich nicht an den Dresscode der Bank hielt. Kleider machten eben Leute, so auch im Bankhaus Stetter.
Der gestrige Tag hatte Vera den Rest gegeben. Zunächst hatte sie mehrere unfreundliche, vorlaute Kunden bedienen müssen, während ein erzwungenes Lächeln in ihrem Gesicht gestanden hatte, und im Anschluss hatte man ihnen allen eine Lohnkürzung angedroht, wenn die Geschäfte weiterhin in den Keller wanderten.
Vera hatte nicht verstanden, wieso ausgerechnet die Angestellten an den Schaltern für die miesen Geschäftszahlen verantwortlich sein sollten. Und es hatte sie auch nicht minder unter Druck gesetzt, denn sie brauchte ihren gut bezahlten Job, um sich über Wasser halten und sorglos ihre Miete bezahlen zu können. Gerade erst hat sie ihre Berufsausbildung zur Bankkauffrau abgeschlossen und war übernommen worden. Sie wollte das alles nicht gleich wieder verlieren. Viel zu lange hatte sie auf einen festen Arbeitsplatz hingearbeitet.
Nach ihrem Schulabbruch und dem viel zu frühen Auszug aus ihrem Elternhaus war sie von Aushilfsjob zu Aushilfsjob gewechselt, hatte in unterschiedlichen Wohngemeinschaften oder Garagen gewohnt, teilweise sogar Flaschen gesammelt, um über die Runden zu kommen. Vera wusste, wie es war, ganz unten zu sein und keine Hilfe von außen annehmen zu wollen.
Als sie dann die Chance bekommen hatte, ihren Abschluss nachzuholen und anschließend das Fachabitur abzulegen, war es mit ihrem Leben endlich wieder bergauf gegangen.
»Vera!«, riss eine Stimme sie brutal in die Gegenwart zurück.
Sie fuhr zusammen und drehte sich ganz langsam um.
Wolfgang hatte nicht abgewartet, bis sie ihr Oberteil ganz zugeknöpft hatte, und war in die Umkleide gestürzt.
»Ich glaube, das hier ist die Frauenumkleide«, meinte Vera altklug und schloss sich die letzten Knöpfe ihrer Bluse.
Mit ihren Worten wollte sie Zeit...




