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Merz / Bundi | Der Mann mit der Tür oder Vom Nutzen des Unnützen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 560 Seiten

Merz / Bundi Der Mann mit der Tür oder Vom Nutzen des Unnützen

Feuilletons
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7099-3722-8
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Feuilletons

E-Book, Deutsch, 560 Seiten

ISBN: 978-3-7099-3722-8
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der vierte Band der Werkausgabe von Klaus Merz versammelt eine repräsentative Auswahl seiner Feuilletons - Aufsätze, Kolumnen, Reden und Aperçus -, die seit den frühen 1970er Jahren für Zeitungen und Zeitschriften entstanden sind. Sieht man von den 'Achtzehn Begegnungen' im Band Das Turnier der Bleistiftritter (2003) ab, liegen diese Texte erstmals in Buchform vor. Eine Vielzahl der Reden erscheint hier überhaupt zum ersten Mal in Buchform. Die vier Abteilungen bieten daher einen tiefen Einblick in das erweiterte Schaffen von Klaus Merz. Selbst da, wo der Schriftsteller scheinbar journalistische Gefäße bedient, bleibt er seiner literarischen Diktion treu. Gleichwohl zeigt sich Merz in den Feuilletons auch als ein Autor, der sich auf das aktuelle Zeitgeschehen einlässt und den Menschen und Ereignissen um sich herum nicht nur poetisch, sondern stets auch politisch und mit Witz begegnet.

Klaus Merz, geboren 1945 in Aarau, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Unterkulm/Schweiz. Er debütierte Mitte der 1960er Jahre mit Gedichten. Seither sind über dreißig Veröffentlichungen hinzugekommen: Gedichtbände, Kurzprosa und Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke, Novellen und kurze Romane, Bildbetrachtungen und essayistische Arbeiten. Merz wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Preis der Stadt Karlsruhe (1997), dem Gottfried-Keller-Preis (2004) für das gesamte Werk sowie zuletzt mit dem Basler Lyrikpreis (2012) und dem Friedrich-Hölderlin-Preis (2012). Seine Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Ein Augenschein


Besuch bei Margrit Schriber

Die Zeder im fremden Garten, „ihr Hundebaum“, unter dem sie vor über zwanzig Jahren „den Hund ihres Lebens“ begraben hat, berührt sie am meisten, als ich mit der Schriftstellerin nach dieser langen Zeit zum erstenmal wieder vor dem wohltuend klaren Kubus ihres damaligen Wohnhauses stehe. Nieselregen setzt ein, wie es sich für solche Besuche in der Vergangenheit gehört. – Die jetzigen Besitzer haben die Eingangspartie mit farbigen Plättli verziert.

Ein wenig bang sei es ihr schon gewesen, sagt Margrit Schriber, als ich ihr diesen Besuch am buchstäblichen Schauplatz ihres ersten Romans, ihres „vorigen Lebens“, wie sie selber sagt, vorgeschlagen habe. Wir fahren im Schritttempo in die Stichstraße hinein bis zum Kehrplatz, Nebelfetzen über dem Born, Krane am Horizont noch immer, ich erkenne die Szenerie aus dem Buch. Der Zirkus Viva gibt in der Nähe eine Kindervorstellung.

Vor dem Haus steigen wir aus. Nah und gebieterisch baut sich der Jura vor uns auf, der im Roman keine vergleichbare Rolle spielt, Margrit Schribers Ausblick und „Registratur“ war und ist immer und vor allem auf den „vereinzelten“ Menschen gerichtet. Und auf seine Leben im Kopf. Wir steigen wieder ein.

Eine Frau Mitte dreißig schaut aus dem Fenster und hält fest, was sie sieht, wenn sie hinausschaut. Und in sich hinein. Am Festgehaltenen hält sie sich fest, es gibt ihr einen Halt:

„Ich wohne am Schauplatz.“

„Der Nabel der Welt befindet sich hier.“

Aber es wird in Margrit Schribers Roman nicht, wie in Erinnerung an die Zeiten der neuen Innerlichkeit leicht zu befürchten wäre, Bauchnabel-, sondern sozusagen Weltnabelschau vor der eigenen Haustür gehalten.

Irritiert durch den Blick, die Anwesenheit eines Fremden im Quartier wird der Frau am Fenster der eigene Blick auf die gewohnte Umgebung und auf sich selber unverhofft fremd. Und dadurch nur umso schärfer.

Beobachtend, schreibend, fantasierend wird die einschießende Wirklichkeit von nun an unablässig realisiert, also wahrgenommen, will sagen: recht eigentlich erst hergestellt, behauptet – wahrgemacht.

So entsteht aus Buchstaben und Sätzen ein immer dichteres Netz, das die „freischwebende“, allein lebende Protagonistin, hinter Glas, zwischen der permanenten Abstoßung und Umarmung der Welt und eines getrennt von ihr lebenden Geliebten sozusagen selbsttragend trägt – und rahmt. Dieser Rahmen allein erlaubt ihr (auch quer durchs Gesamtwerk) immer wieder, die ihr eigene Optik zu bewahren und sich gerade durch sie gleichzeitig zu verwahren gegen die Übergriffe einer molochigen Welt.

Der Guckkasten als Versuch, das Leben einigermaßen überschaubar zu halten, ja, zuweilen vielleicht sogar „den Sinn zu erblicken“, wenn auch zugunsten, nein, mit Hilfe einer wohlkalkulierten Künstlichkeit und unermüdlichen Wortlust.

Vorangegangen sind im Leben der Autorin und ihrer Figur eine Scheidung und der Ausstieg aus dem angestammten kaufmännischen Beruf, gekoppelt mit dem Entschluss, sich mit Haut und Haaren auf das Schreiben und auf Literatur einzulassen, die Margrit Schriber erst mit 28 Jahren für sich entdeckt hat: „Deutschland erzählt“, habe die Anthologie geheißen, die ihr heimleuchtete. Acht Jahre lang habe sie dann acht Stunden am Tag nur über Büchern gesessen – und sich so selber das Schreiben beigebracht.

1976 wurde ihr erster Roman „Aussicht gerahmt“ als ein Ereignis der Saison gefeiert. Und ein begeisterter Peter Handke, dessen „Linkshändige Frau“ im selben Jahr erschien, bot der Autorin kurzerhand die Hauptrolle in der gleichnamigen Verfilmung seiner Erzählung an. Margrit Schriber ließ es, erfreut und etwas verwirrt, bei der Anekdote bleiben.

„Die Härte, womit hier eine schriftstellerische Position bezogen und durchgestanden wird, schließt Biederkeit aus“, stand in der Frankfurter Rundschau. Und: „Da wächst eine Autorin heran, die bald zu den wichtigsten der neuen Schweizer Literatur gehören wird.“

Das war vor einundzwanzig Jahren. Inzwischen liegen neun weitere Romane und Erzählbände vor. – Aber im Lauf der Zeit, will es Margrit Schriber manchmal scheinen, habe sich auch im Literaturbetrieb wieder eine Art von „Tresorschatten“ (Romantitel von 1987) auf sie gelegt. Sie zuckt mit den Schultern. Weiterschreiben. – „Schneefessel“ heißt der Arbeitstitel ihrer neusten Arbeit, ihres neusten Fensters in die Welt. An dem allmählich der Schnee heraufwachse.

„Ich existiere in den Augenblicken, die ich gesehen, bedacht und begriffen habe. Die Vorstellung von der dahinrasenden Zeit, die scheinbar keinen Menschen benötigt, erschreckt. Umso verzweifelter ist man versucht, seinem lächerlich kurzen Auftritt in der Sternensuppe etwas wie eine Bedeutung zu geben. Die einen nutzen ihre Zeit und ihre Fähigkeiten, um ein Bauwerk zu errichten. Die andern nutzen sie, um ein Werk einzureißen, das andere errichtet haben. Aber jeder tut es in der Hoffnung, dass der Mensch nicht ganz seinem Schicksal ausgeliefert sei, sondern aus eigenem Willen etwas Weniges verändern könne.

Diese Vision ist es, die den Menschen erst zum Menschen macht. Mehr aus ihm macht als ein Säumchen weiße Gischt, die der Ozean im Lauf seines Rollens zusammenschäumt und unter der nächsten Welle erschlägt“, stellt Margrit Schriber dem „Schwyzer Heft“ voran, das ihr 1990 gewidmet worden ist.

Wahrscheinlich, so stelle ich mir vor, kehren auch in Margrit Schribers neustem Roman die Kaminfeger wieder, die Jahreszeiten, die Schwierigkeiten der Liebe, die Lebensangst und die Angst vor dem Tod. Versetzt sich die Autorin, findig und erfinderisch, von neuem hinein in das Leben anderer Leute, wenigstens streckenweise. Sie macht es für Augenblicke, als wäre noch einmal alles möglich, zu einem Kinderspiel und verschwindet wieder daraus, bevor es ganz und gar zum Krempel verkommt, der kaum zu verhindern ist. Was niemand besser weiß als sie selbst.

Dennoch: Heimisch werden, aber wie? – Margrit Schribers Schreiben ist ein unermüdlicher und eigensinniger, ein eindrücklich autodidaktischer Versuch, sich die Welt wenigstens mittels Sprache anzuverwandeln. Und eben davon handelt (schon) ihr erster Roman, sein Titel bleibt Programm:

Aussicht gerahmt.

Ich kann nicht schwören


200 Jahre Helvetik

Die Frage nach der Schweiz gestern, heute und morgen erreichte mich anfangs September in London. Eben hatte die Regierung gewechselt, waren Hongkong an China zurückgegeben und Prinzessin Diana beerdigt worden. Vor Kensington Palace verbrannten sich die aufräumenden Pfadfinderinnen und Pfadfinder im Herzen der gärenden Blumenhaufen die Finger. Andere Länder, andere Sitten. Und Sorgen. Von der Schweiz war hier nichts zu hören und zu lesen.

Aber es gibt sie, das weiß ich, auch wenn zuweilen das Gegenteil behauptet wird. Und es gibt sie natürlich auch hier; vor unserem National Tourist Office am Leicester Square dreht ein Alpaufzug unter weithin vernehmbarem Glockengeläut an den Köpfen der staunenden Touristen vorbei. (Das uneingestandene Ziel jedes Städtefluges, auch aus der Schweiz.) Das war gestern so, das ist heute so, und das wird wohl auch morgen noch so sein.

Und in der National Gallery steht auch eine Kuh mit Leuten rundherum. Poussin hat das Bild vor gut dreihundert Jahren gemalt, es stellt die alte, die immer neue Geschichte dar vom Tanz ums Goldene Kalb.

Nach der nationalen oder beinahe globalen – die Schweiz wohl für einmal miteingeschlossen – Erschütterung durch den Pariser Autounfall lese ich hier einen Leitartikel zum Thema New Monarchy, die nach dem Vorbilde Dianas jetzt anstehe, während mir der Wind die unverständlichen Worte des Vorbeters aus der nahegelegenen neuen Moschee des East Ends zum offenen Fenster hereinträgt. Die Gebete konkurrieren auch mit der fröhlichen Rummelplatzmelodie aus dem rosaroten Lieferwagen des fahrenden Eiscrème-Verkäufers im Quartier.

In der Straße, wo ich für ein Weilchen zu Gast bin, soll vor neunzig Jahren auch ein junger Mann aus Gori, Georgien, als politischer Flüchtling Unterschlupf gefunden haben, lese ich im East End Life, dem Anzeiger für den östlichen Stadtteil. Der kleine junge Mann, der später wie Humphrey Bogart, wenn er mit Ingrid Bergman vor der Kamera stand, auf dem politischen Parkett immer dicke Plattformschuhe getragen haben soll, nannte sich später Stalin, „The Steel One“, schreibt der East Ender.

Wir haben in der Schweiz keine verunglückten Prinzessinnen und Königinnen, die Schwingerkönige und Königin Astrid am Vierwaldstättersee einmal ausgenommen. Wir haben keinen Eisverkäufer dieses Formats und keinen schrecklichen Diktator, und ich bin froh, dass ich weder als politischer noch „gewöhnlicher“ Flüchtling oder Immigrant hier sein kann. Politische Flüchtlinge gab es allerdings schon 1798 auch bei uns, Heinrich Zschokke war einer, kam aus Preußen, tat uns gut, weil er vorwärtsdachte, und steht heute in Bronze im Aarauer Kasinopark. So wenig, so viel zu gestern und heute.

Aber morgen? Nichts schwieriger und meistens nichts peinlicher als die...


Klaus Merz, geboren 1945 in Aarau, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Unterkulm/Schweiz. Er debütierte Mitte der 1960er Jahre mit Gedichten. Seither sind über dreißig Veröffentlichungen hinzugekommen: Gedichtbände, Kurzprosa und Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke, Novellen und kurze Romane, Bildbetrachtungen und essayistische Arbeiten. Merz wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Preis der Stadt Karlsruhe (1997), dem Gottfried-Keller-Preis (2004) für das gesamte Werk sowie zuletzt mit dem Basler Lyrikpreis (2012) und dem Friedrich-Hölderlin-Preis (2012). Seine Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.



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