E-Book, Deutsch, Band 52, 64 Seiten
Reihe: Silvia-Gold
Merz Silvia-Gold 52
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-6211-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eines Sommers Zärtlichkeit
E-Book, Deutsch, Band 52, 64 Seiten
Reihe: Silvia-Gold
ISBN: 978-3-7325-6211-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ihre erste Begegnung steht unter keinem guten Stern. Katinka ist in die unendliche Weite des schwedischen Nordens gereist, um den berühmten Drehbuchautor Paul Lessing zur Mitarbeit an einem Projekt zu überreden. Obwohl sie die tragischen Gründe kennt, die ihn die Einsamkeit wählen ließen, will sie dies nicht akzeptieren.
Fast belustigt nimmt Paul ihren gezügelten Wutausbruch hin - der in dem Moment in sich zusammenfällt, als sie dem Blick seiner samtbraunen Augen begegnet. Eine ganze Skala von Gefühlen offenbart sich ihr, lässt sie alles, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hat, vergessen. Katinka kennt nur noch ein Ziel: diesen Mann für sich zu gewinnen, die Mauer einzureißen, die sein Herz vor Liebe schützt, und das Glück in sein Leben zurückzubringen.
Hat Katinka sich zu viel vorgenommen?
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Das Telefon klingelte unaufhörlich. Katinka Schuck hatte sich völlig in die Lektüre eines Manuskripts vertieft und schien das Klingeln nicht wahrzunehmen. Ihr goldblonder, kurz geschnittener Schopf war über die Seiten gebeugt und ruckte erst hoch, als in der Verbindungstür zum Nachbarbüro Susanne Denkhaus erschien und rief: »He, Kati, Telefon! Bist du taub? Wer soll bei der ewigen Klingelei denn arbeiten können?«
Die Angesprochene lächelte kurz, hob die Schultern und nahm den Hörer ab.
»Schuck. – Wer? – Nein, da sind Sie falsch verbunden. – Macht ja nix, tschüss.« Sie legte auf, erhob sich und ging nun ihrerseits ins Nebenzimmer. »Falsch verbunden. Ich hätte es mir also sparen können, ranzugehen«, stellte sie lakonisch fest und trat ans Fenster, das einen Blick auf Hamburgs Schmuddelwetter bot. Es war Ende Februar, und der Winter schien überhaupt keine Lust zu haben, sich zu verabschieden. Schwere Schneewolken hingen tief über der Stadt, und der Hafen wirkte trüb und grau.
»Dann würde ich an deiner Stelle jetzt da weitermachen, wo du aufgehört hast«, riet Susanne ihr und begann, etwas abzutippen.
»Geht nicht, jetzt bin ich aus dem Konzept«, erwiderte Katinka, setzte sich auf einen freien Stuhl und drehte Däumchen.
Die Kollegin unterbrach ihre Arbeit, strich sich eine Strähne ihres lackschwarzen Pagenkopfs hinters Ohr und fragte: »Hast du was Tolles entdeckt? Ein neues Schreibtalent oder so?«
»Leider nicht. Ich lese die neuen Folgen von Krümel Korrektur. Der Autor hat einfach keine neuen Ideen mehr. Alles olle Kamellen. Keine Ahnung, weshalb der immer noch beschäftigt wird.«
Susanne lächelte vielsagend. »Er kennt den Produzenten, und seine Tochter wird demnächst dessen Sohn heiraten.«
»Na, dann prost Mahlzeit! Wenn sich daraus kein neues Autorenteam entwickelt …«, unkte sie.
Susanne lächelte. »Wie war eigentlich dein Wochenende? Hast du schon mit Lutz die Hochzeitstorte ausgesucht?«
Katinka schmunzelte. »So weit sind wir noch nicht, aber viel fehlt nicht mehr.« Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, und ihre himmelblauen Augen schimmerten vor Glückseligkeit.
»Du bist direkt unnormal verliebt«, konstatierte die Kollegin ihr. »Wenn ich da an früher denke … Jede Woche ein neuer Flirt. Aber nie etwas Dauerhaftes.«
»Lutz ist eben der Richtige, der einem nur einmal im Leben begegnet«, erwiderte Katinka ernsthaft.
Susannes Reaktion war flapsig: »Ich glaube, du hast zu viele Drehbücher gelesen.«
»Du wirst es schon noch erleben, Unwissende! Warte nur ab, wenn es dich erwischt. Dann bin ich die lachende Dritte.« Katinka erhob sich.
»Das werden wir erst noch sehen«, murmelte Susanne und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.
Als Katinka an ihrem Schreibtisch saß, schaffte sie es nicht gleich wieder, sich zu konzentrieren. Ihre Gedanken schweiften ab, zurück zum gestrigen Tag. Lutz und sie hatten ausgeschlafen, waren dann durch die nebelverhangene Stadt geschlendert und hatten den Abend in ihrer gemütlichen Wohnung verbracht. Wenn sie daran dachte, wurde ihr ganz warm ums Herz.
Lutz war seit zwei Jahren der Mann, um den sich alles in ihrem Leben drehte. Katinka wunderte sich manchmal, wie selbstverständlich dieser Zustand für sie geworden war.
Das war einmal ganz anders gewesen. Früher hatte sie größten Wert auf ihre Freiheit gelegt. Sie hatte sich nicht binden wollen und das Wort Liebe aus ihrem privaten Sprachgebrauch gestrichen.
Katinka war ein Scheidungskind. Mit zehn Jahren hatte sie die hässliche Seite einer Partnerschaft in allen Einzelheiten miterleben müssen, und das hatte sie geprägt. Bis ihr Lutz begegnet war, hatte sie ihr Herz keinem Mann geschenkt, aber mit ihm war alles anders.
Lutz Behrwald war ein sensibler, tiefgründiger Mensch. Er hatte ihr nach und nach die Angst vor zu viel Nähe genommen, an seiner Schulter konnte sie sich anlehnen, wenn sie müde oder traurig war, er war immer für sie da.
Für Katinka war das auch heute, nach zwei Jahren, wie ein großes Wunder. Lutz hatte ihr unsicheres, ängstliches Herz zur Ruhe gebracht, die Liebe zu ihm machte sie glücklich, und sie wusste, dass sie immer mit ihm zusammen sein wollte. Vor einigen Monaten hatten sie sich verlobt, und nun lag es an ihr, den Hochzeitstermin festzulegen. Lutz ließ ihr Zeit, drängte sie nicht.
Die junge Redakteurin hatte sich eben wieder in das Drehbuch vertieft, als das erneute Läuten des Telefons sie aus ihrer Lektüre riss. Eine kleine Unmutsfalte bildete sich zwischen ihren Brauen, als sie abhob und sich meldete. Diese verschwand aber sofort wieder, denn am anderen Ende der Leitung hörte sie die Stimme von Lutz.
»Hast du zu Mittag ein bisschen Zeit für mich, Liebling?«, wollte er wissen.
»Kommt darauf an, was du vorhast«, erwiderte sie.
»Ich wollte dich zum Essen einladen.«
Sie überlegte einen Moment. »Heißt das vielleicht, unsere Verabredung heute Abend fällt flach?«
»Leider. Ich muss zum Fußballspiel. Weber, der die Reportage machen sollte, ist krank. Grippe.«
Katinka seufzte. »Und ich hatte mich schon so auf einen romantischen Abend zu zweit gefreut.«
»Wir machen uns eine romantische Mittagspause«, flachste er.
»Ja, sicher. In einem Restaurant mit zwanzig anderen Leuten.«
Er lauschte einen Moment ihrer Stimme nach und fragte dann: »Bist du böse?«
Nun musste sie lächeln. »Unsinn! Dann bis heute Mittag.«
Er schien beruhigt.
»Ich liebe dich«, sagte er sanft, ehe er auflegte.
Die Stunden bis zur Mittagspause verflogen für den jungen Sportredakteur mit dem dichten braunen Haar und den klaren, grauen Augen wie im Flug. Als kurz vor Mittag noch eine Mitarbeiterin mit einem neuen Bericht hereinkam, ergriff Lutz kurzerhand die Flucht. Er wollte Katinka nicht warten lassen.
Er stieg in den Lift und stoppte diesen im zweiten Stock des Sendegebäudes. Katinka wartete, wie verabredet, auf dem Gang. Sie lächelte ihm zu und betrat den Lift.
Lutz zog sie in seine Arme und küsste sie zart. Danach ließ er sie noch nicht los, sondern schaute ihr tief in die Augen, als er feststellte: »Du bist wunderhübsch, mein Schatz. Ich fürchte, ich habe mein Herz verloren.«
»Kein Problem«, schmunzelte sie. »Ich hab es gefunden.«
Arm in Arm schlenderten sie zum Italiener um die Ecke. Das trübe, nasskalte Wetter schien ihnen nichts anhaben zu können. Als sie dann an einem kleinen Ecktisch saßen und sich köstliche Pasta schmecken ließen, wollte Lutz wissen: »Wie läuft die Arbeit? Was hast du heute gemacht?«
Sie hob die Schultern. »Neue Folgen für die Kinderserie Korrektur gelesen.«
»Das klingt nicht direkt begeistert. Ist das Skript schlecht?«
»Nein, nicht direkt.« Sie dachte eine Weile nach und meinte dann gedehnt: »Es ist nur immer wieder das Übliche. Manchmal habe ich das Gefühl, diese Geschichten zum hundertsten Mal zu lesen. Weißt du, neue Ideen scheinen seltener zu sein als Diamanten.«
Er schmunzelte. »Du bist vielleicht zu anspruchsvoll.«
»Mag sein. Aber man muss ja auch an die wirtschaftliche Seite denken. Wenn man den Leuten immer wieder das Gleiche vorsetzt, werden sie die Konsequenzen ziehen und abschalten. Und das tut den Quoten eben nicht gut.«
Er nickte. »Auch wieder wahr. Aber was willst du tun?«
»Ich werde mal mit Bernd reden. Er hat schon ein paarmal anklingen lassen, dass er neue Formate sucht. Wenn er mir freie Hand lässt, werde ich vielleicht fündig. Frischer Wind ist nie verkehrt. Auch wenn sich die Experimentierfreude in Grenzen hält.«
Lutz musste lachen. »Das hast du schön gesagt. In meiner Sparte ist es leichter, seine Brötchen zu verdienen. Beim Fußball oder Eishockey langweilen sich die Sportfreaks nie.«
Sie zog die Stirn in Falten. »Aber auch nur die Freaks.«
Sie plauderten noch eine Weile über dies und das, die freie Stunde verflog wie Rauch. Als sie schließlich vor Katinkas Büro Abschied nahmen, sagte Lutz: »Am liebsten würde ich dich mit auf den Sportplatz schleppen. Aber ich fürchte, du wirst streiken.«
Sie lächelte verschmitzt und gab ihm einen Kuss.
»Das fürchte ich auch. Bis dann.«
***
»Kati, Redaktionskonferenz!« Susanne stand in der Tür und deutete auf ihre Armbanduhr.
»Upps! Fast verschwitzt«, murmelte die Angesprochene, raffte einen dicken Stapel Papiere zusammen und erhob sich.
»Ich frage mich manchmal, wo du mit deinen Gedanken bist«, merkte die Freundin kritisch an, als sie im Lift standen, der sie ins oberste Stockwerk brachte.
»Jedenfalls nicht da, wo du mich vermutest«, konterte Katinka. »Weder bei der Hochzeitstorte noch beim Brautschmuck. Ich hab eine Idee für eine Serie.«
Susanne verzog das Gesicht. »Du gehst doch hoffentlich nicht unter die Schreiber.«
»Ich habe erkannt, dass mir dazu das Talent fehlt«, gab Katinka zurück und setzte leise hinzu: »Ich wünschte, diese Erkenntnis würde auch bestimmte andere Leute ereilen. Aber wie dem auch sei, gestern Abend in der Badewanne ist mir ein toller Einfall gekommen, und den werde ich Bernd gleich unter die Nase reiben.«
Bernd Fechter war der Chefredakteur der Unterhaltungssparte im Funkhaus. Ihm ging es ganz ähnlich wie Katinka, er vermisste wirklich neue, zündende Ideen. Und das betonte er in jeder Konferenz, auch an...




