E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Meschik Im Epizentrum des Lebens
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-949774-52-2
Verlag: Edition Faust
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Literarisches Notizbuch
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-949774-52-2
Verlag: Edition Faust
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Beobachtungen in einer stillgestellten Welt
Frühjahr 2020. Plötzlich verstummt die Welt. Lockdowns, leere Straßen, eine Realität, die sich anfühlt wie ein Fiebertraum. Lukas Meschik hält fest, was passiert, wenn das Leben auf Stand-by geschaltet wird – mit feiner Ironie, scharfem Blick und einem Sinn für die Details des Alltags im Ausnahmezustand.
»Hätten wir uns jemals träumen lassen, dass es zum subversiven Akt werden könnte, sich zu umarmen?«
Zwischen Doughnut-Tagen und Maulkorbpflicht für Mensch und Hund, zwischen Nachrichtenflut und gedanklicher Abschweifung entsteht eine poetisch-ironische Reise durch die Pandemiezeit, dokumentiert in Form eines Notiz- und Tagebuchs. Zwischen Humor, Melancholie und philosophischer Betrachtung fängt Meschik die Essenz dieser Zeit ein und zeigt, wie der Mensch in Ausnahmesituationen immer wieder nach Sinn und Gemeinschaft sucht.
Lukas Meschik
Autoren/Hrsg.
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3 Donnerstag, 19.03.2020
Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder bin ich verrückt geworden oder die Welt. (Offen bleibt, was mir lieber ist.)
Einmal, ein einziges Mal nur, möchte ich in einem Interview mit einem Experten die Aussage hören, eine Dunkelziffer sei niedrig.
Es heißt, die Tiere erobern sich jetzt die Städte zurück. Im klaren Wasser Venedigs dümpeln gelassen die Fische. (Es gab angeblich Delphin-Sichtungen.) Italienische Dörfer werden von Hunden und Katzen durchstreift. Ob aber die gemeine Wiener Schmutztaube das alles rechtzeitig mitbekommt und unbefangen in neue Zonen vordringt? (Später dann werden sich die Menschen ihre Städte wieder von den Tieren zurückerobern. So geht es launig hin und her, von einer Pandemie zur nächsten.)
Draußen knurrt ein Hund. Ob er es spürt?
Ich hätte mir am Montag einen Hamster kaufen sollen. (Der schmerzliche Kalauer vom Hamsterkauf.) Als die Geschäfte – und damit die Tierhandlungen – noch offen hatten, wäre Zeit gewesen, mir ein anderes Lebewesen zu besorgen, um es in meinem Unterschlupf einzuquartieren. Wie schön wäre es, jetzt ein Katzenstreichler zu sein, ein warmes Schnurren auf dem Schoß zu haben. Ob man zur Psychohygiene nicht ein paar Tierhandlungen öffnen sollte? Da könnten die Leute sich eindecken mit desinfizierten Kaninchen. Als Kind hatte ich einen Angora-Hamster namens Maxi, mit einsamen Augen und einem struppigen Rexfell, das so gern verfilzte.
Die Medien schaffen eine zweite Wirklichkeit. Denn die vielbeschworene Gefahr habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen – weder einen ominösen Virus noch die Überlastung eines Gesundheitssystems noch die Menschen aus Fleisch und Blut hinter den abstrakten Tabellen mit Arbeitslosenzahlen. Doch all das gibt es. Nie können es mir die Medien recht machen. Behandeln Sie das Thema, denke ich: Fällt euch denn gar nichts anderes mehr ein! Sparen sie das Thema aus, denke ich: Vergesst ihr da gerade nicht etwas? Transportieren sie eine Erregtheit, denke ich: Das ist jetzt aber kontraproduktiv. Leiert die Kommentarstimme gewichtige Verlautbarungen allzu fad herunter, denke ich: Da fehlt mir jetzt aber eine gewisse Dringlichkeit! Die Medienmacher sind derzeit meine liebsten Prügelknaben. (Selbstermahnung: Dich aber nicht zu sehr ausklinken – bleib so gut informiert, dass du in die Lage versetzt bist, auch andere über den Stand der Dinge aufzuklären.)
Das Sirenengeheul meint es plötzlich ernst.
Ist es nicht bedauerlich – oder mindestens bedenklich –, dass ich von Anfang an über das Rüstzeug verfügte, mich in der Krise zurechtzufinden? Dass ich im ersten Moment ihres Herannahens umschaltete in den Krisenmodus und Bewältigungsstrategien erprobte, die mir weiterhalfen, den Ereignissen für mich eine Art von Sinn abzutrotzen. (Was bleibt einem denn auch anderes übrig, als heiter seine Niederlagen zu verwalten?)
Aufblühen an der Aufgabe – wie ein Pötzelsberger im Ibiza-Modus.
Die künstlerische oder kreative Sofortmaßnahme muss lauten, zu verdichten. (Und Verdichtung bedeutet nicht zwangsläufig Verkürzung.) Es braucht die klare, beruhigte, gemäßigte Form, die tageweise befüllt werden kann. Noch ist alles reine Geschwindigkeit, eine wachsende Masse, die Fahrt aufnimmt und einen überrollt – es ist möglich, sich mit aller Kraft dagegenzustemmen und dagegenzuhalten, und den Schneeball zu bremsen. Es gibt den langen Atem und die aus sich selbst schöpfende Kraft. Es gibt die Unbedingtheit, mit spielerischem Ernst gegen das noch nicht wahr gewordene Wirkliche anzuschreiben. So wird aus Geschwindigkeit ein Rhythmus – und wo Musik ist, da ist auch Tanz. Gut leben – schön stolpern.
Die Sinne sind frisch gespitzt wie ein sehr harter Bleistift – in alle Richtungen präzise bereit.
Wir fragen einander, ob wir schlecht schlafen, obwohl wir die Aufgewühltheit der anderen ganz genau kennen – es ist unsere eigene.
Zu Lebzeiten – das ist ja jetzt!
Erstaunlich, wie bereitwillig sich alle haben einchineseln lassen.
Die Hundezone entwickelt sich zur Oase der Geselligkeit. Überhaupt sind seltsam oft die Gassi-Geher miteinander unterwegs. Verständlich, denn da herrscht eine unausgesprochene Verwandtschaft. Man kauderwelscht ein bisschen übers Wetter, politisiert, beratschlagt das Problem der eingeschränkten Bewegungsfreiheit und des mangelnden Auslaufs, man vergleicht die Menge eingelagerten Dosenfutters und analysiert kenntnisreich den jeweiligen Stuhlgang – so jedenfalls stelle ich es mir vor. Es wird schon in Ordnung sein, dass die Hundehalter sich zusammenrotten, schließlich leben sie auf eine Art zusammen – innerhalb ihrer reichlich alltagsgebeutelten Gruppe.
Im Supermarkt herrscht gespenstische Stille. Man hält Abstand, kommt einander nicht zu nah. Wir bleiben höflich, lassen den Vortritt, zeigen unser Abbiegen als Fußgänger mit einer Neigung des Kopfes oder einer ruhigen Geste an. Eine Frau marschiert beherzt umher, eine Harke unter die Achsel geklemmt – die von der Frau wegsteht als unscheinbare Abstandswahrerin. (Frühlingsfroh sich an die Gartenarbeit machen!)
Die Stille dröhnt. Wo ist sie denn, die einlullende Plätschermusik, die einem sonst so auf die Nerven geht? – jetzt, wo man sie braucht zur Sorgenmilderung. Kluge Filialleiter legen ihr Seelenbalsam-Mixtape ein. Die Menschengeräusche stehen für sich. Ich pfeife vor mich hin wie das Kind beim furchtsamen Abstieg in den Kohlenkeller. Im Ton liegt ein Zweifel. Glaubst du dir das Pfeifen selbst?
Beim Kassaband ist kein Trennstab mehr nötig, zwischen den Kunden – und somit zwischen ihren Produkt-Clustern – ist mindestens ein Meter frei. Die Supermarktkassiere werden ab heute durch eine Plexiglasscheibe vor hustfreudigen Kontakten geschützt. Interessant, wie über Nacht plötzlich Dinge möglich werden. Man stelle sich vor, es hätte vonseiten der Arbeitnehmer (des Betriebsrats, der Gewerkschaft) die Forderung nach einer konkreten Maßnahme zur Verbesserung der Arbeitsabläufe gegeben: Durch wie viele lähmende Instanzen hätte das hindurchdiskutiert werden müssen, wie viele wohlformulierte (und wohlargumentierte) Absagen hätte es da gehagelt, wie viele trüblaunige Gremien hätte das beschäftigt, bis das Ansinnen schließlich still und heimlich im Nichts versandet wäre?
Mein Vordermann erkundigt sich nach der Sinnhaftigkeit der Sicherheitsmaßnahme. Bringt nix, sagt die Supermarktfrau, völlig sinnlos, weil beim Bezahlen steht dann sowieso jeder vor mir. Der Mann nickt. (Vielleicht erhöht es ja das vielbeschworene Sicherheitsgefühl.) Ich bin an der Reihe, zahle bar und habe großen Respekt vor ihren ernstschwarzen Latexhandschuhen. Nächstes Mal bitte lieber mit Karte, sagt sie. Ich sage: Ja, ich weiß eh.
Der Eurovision Songcontest wurde abgesagt – zwischendurch also auch gute Nachrichten, an denen man sich aufrichten kann.
Humor greift zu kurz. Irgendwann kommt der Moment, wo einem das Lachen vergeht. Und wer dann nichts hat, ist verloren. Da wäre es besser, auf einen gelassenen Ernst zurückgreifen zu können – wohlgemerkt, ohne zu verzagen.
Ich beneide die Politiker für ihre anhaltende Geselligkeit. Wie schön wäre es, ebenfalls hin und wieder im Sitzungssaal mit einem Krisenstab zu hocken und menschliche Nähe zu atmen. Oder ein Journalist im nach wie vor stattlich belegten Pressebereich im Verlautbarungsraum zu sein. Krawattenträger unter sich.
Ein neuer Austropopper im Messenger: Ich glaub dauernd, es ist morgen. (Meine überwachungsstaatliche Archivierung der Chatprotokolle.)
Am Telefon mit meinem Bruder. Die letzten Tage habe er damit verbracht, fernzusehen, nicht nur den heimischen, sondern verschiedene ausländische Kanäle. Etwas, das wir einander dringend ausreden sollten. Er sehe das alles ganz nüchtern, mit wenig Emotion, und so kenne ich ihn auch. Wir haben uns nun schon länger nicht mehr getroffen, jedenfalls drei bis vier Wochen, denn vor den seltsamen Zeiten herrschte die dichte Zeit, als wir alle noch jonglieren mussten mit unaufschiebbaren Terminen.
Ob es in Ordnung wäre, gemeinsam getrennt zu spazieren, also, mit dem gebotenen Sicherheitsabstand, in Rufweite? Wir sind uns einig: lieber nicht. Was sind wir nur für elende Beschränkungsstreber. Und an uns Verrückten soll alles gesunden? (Vielleicht parallel auf gegenüberliegenden Straßenseiten spazieren und sich aus der Ferne anschreien. Vielleicht sich zufällig im Supermarkt begegnen, sich also eine Zeit ausmachen, bei der man die nötigsten Besorgungen macht. Verstohlen Blicke wechseln wie zwei heimliche Verliebte, zischelnd den Niedergang Gileads organisieren wie Offred in The Handmaid’s Tale – überhaupt die bedrückende Sterilität der Serie, zu der einem schlagartig Beispiele in der Wirklichkeit einfallen. Alles huscht als Schattenmensch von Haus zu stillem Haus, dazwischen baumeln mahnend die Erhängten.)
Was man darf und was nicht: Darf man mit dem Fahrrad an den Stadtrand fahren? (Darf man das Fahrrad in der U-Bahn mitnehmen?) Darf man sich zum Zweitwohnsitz in ein anderes Bundesland begeben? Darf man den Onkel seiner Frau besuchen, die sich beide sehr oft sehen? Darf mir die Nichte meines Nachbarn den Mistkübel ausleeren? Darf ich zur Arbeit gehen, wenn ich nicht muss? Darf ich dem Lieferanten helfen, den Handkarren über die Schwelle zu hieven?...




