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E-Book

E-Book, Deutsch, 417 Seiten

Meter Die Befreiung des Denkens

Auswege aus Unwissenheit und Aberglaube
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8288-6880-9
Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Auswege aus Unwissenheit und Aberglaube

E-Book, Deutsch, 417 Seiten

ISBN: 978-3-8288-6880-9
Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Die aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft werfen ein neues Licht auf uralte Menschheitsfragen: Was ist Realität? Was ist Wissen? Was ist Leben? Was ist Bewusstsein? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Martin Meter stellt sich diesen Fragen - und gibt konkrete Antworten. Er greift die Ideen bedeutender Intellektueller auf, wie z.?B. Richard Feynman, Douglas Hofstadter, Richard Dawkins, Robert Pirsig und Steven Pinker. Ohne viel Fachchinesisch werden die Erkenntnisse dieser Denker zu einer aufgeklärten, wissenschaftlich fundierten Weltsicht weiterentwickelt. Eine messerscharfe Argumentation gegen Unwissen, Halbwahrheiten und mittelalterlichen Aberglauben - sachlich und leidenschaftlich zugleich.

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Teil I – Die konstruierte Realität

Als ich ein Kind war, glaubte ich noch, dass die Welt, wie ich sie erlebe, auch die Welt ist, wie sie wirklich ist: Ein Baum war ein Baum; ich hörte seine Blätter rascheln und konnte seine raue Rinde fühlen, ich konnte ihn sehen und hören und anfassen. Warum sollte das, was ich wahrnahm, etwas anderes sein als der Baum an sich?

Meine Einstellung änderte sich allerdings, als ich etwa zehn Jahre alt war und zum ersten Mal mit optischen Täuschungen konfrontiert wurde. Ich war fasziniert und schockiert zugleich: Wie konnte das bloß sein? Wie konnte das, was ich sah, so falsch sein? Mein naives Weltbild war erschüttert. Dank der optischen Täuschungen erkannte ich schließlich, dass ich meinen Wahrnehmungen nicht blind vertrauen konnte. Durch sie lernte ich: Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen.

Diese weise Erkenntnis gilt aber nicht nur im Bereich der optischen Wahrnehmung. Jeder, der sich schon einmal getäuscht hat und dann von der Realität eines Besseren belehrt wurde, kommt wohl oder übel zu dieser Schlussfolgerung: Die Welt, wie sie mir vorkommt, und die Welt, wie sie wirklich ist, sind voneinander verschieden. Die Realität, wie sie mir in meinem Bewusstsein erscheint, ist nicht die Realität, wie sie außerhalb meines Kopfs tatsächlich existiert. Diese Unterscheidung ist sehr wichtig: Sie beginnt bereits bei meinem eigenen Körper.

Gestatten: Ihr Körpermodell

Jeder gesunde Mensch hat in jedem wachen Moment seines Lebens eine ziemlich genaue Vorstellung davon, in welcher räumlichen Lage und in welchem Zustand sich sein Körper befindet. Normalerweise kann ich mich jederzeit vergewissern, wo mein linker und mein rechter Arm sich gerade befinden. Viele Dinge über meinen Körper weiß ich intuitiv, ohne sie jedes Mal neu überprüfen zu müssen: Mir ist jederzeit klar, dass ich genau zwei Arme, zwei Beine, einen Rumpf und einen Kopf habe. Auch wenn ich zum Beispiel ein Kitzeln an einem dieser Körperteile spüre, ist mir das intuitiv klar; ich brauche nicht erst bewusst nachzudenken, um das Kitzeln zu empfinden. Im Gegenteil: Das Gefühl kommt von ganz alleine, ohne mein bewusstes Zutun, und auch gegen meinen Willen.

Diese unbewusst erzeugte Vorstellung meines eigenen Körpers verdanke ich meinem sogenannten „Körpermodell“2. Es stellt eine Art virtuelle Realität dar, die ständig von meinem Gehirn erzeugt wird, und zwar anhand von Nervensignalen, die von meinem materiellen Körper stammen. Im Normalfall stimmt mein virtuelles Körpermodell gut mit meinem materiellen Körper überein, denn es wird anhand von Sensordaten der Nervenzellen dieses materiellen Körpers ständig auf den neuesten Stand gebracht. Die Übereinstimmung ist sogar so gut, dass ich es meistens gar nicht als Modell ansehe. Aber es gibt Fälle, in denen das virtuelle Körpermodell vom Zustand des materiellen Körpers abweicht. Erst durch diese Fälle wird klar, dass das von mir als „mein Körper“ erlebte Körpermodell nicht identisch mit meinem materiellen Körper ist.

Ein anschauliches Beispiel dafür bietet der Kaiserschnitt: Damit die Patientin bei dem Schnitt keine Schmerzen erleiden muss, wird ein Betäubungsmittel gespritzt. Es kommt aber nicht etwa an die Stelle, wo der eigentliche Schnitt vorgenommen wird, sondern es wird als „Rückenmarksnarkose“ in die Wirbelsäule gespritzt. Auf diese Weise wird die Nervenverbindung zwischen Unterleib und Gehirn lahmgelegt. Wenn der Schnitt anschließend im Unterleib vorgenommen wird, werden die Schmerzsensoren im Unterleib zwar immer noch Schmerzsignale aussenden, aber sie kommen nicht mehr im Gehirn an, weil die Verbindung unterbrochen ist.

Das vom Gehirn konstruierte Körpermodell kann daher nicht auf den neuesten Stand – „Schmerzen im Unterleib“ – gebracht werden, und deshalb empfindet die Patientin auch keinen Schmerz. Würde die Patientin ihren materiellen Körper direkt spüren, so wäre die Rückenmarksnarkose wirkungslos und sie würde die Schmerzen des Kaiserschnitts trotzdem fühlen. Doch glücklicherweise ist das, was die Patientin unmittelbar wahrnimmt, nicht ihr Körper als solcher, sondern nur ihr Körpermodell: eine Art Software, die im Gehirn läuft und die daher auch nur dann Schmerzen erzeugen kann, wenn entsprechende Nervensignale im Gehirn ankommen und die Erzeugung der Schmerzen im Gehirn auslösen.

Die Betäubungsspritze in die Wirbelsäule hat den materiellen Bauch der Patientin von ihrem Körpermodell-Bauch entkoppelt. Die Tatsache, dass sie aufgrund dieser Entkopplung keine Schmerzen beim Kaiserschnitt empfindet, ist ein klarer Beweis dafür, dass das, was sie wirklich spürt, gar nicht ihr materieller Bauch ist, sondern nur der virtuelle Bauch ihres virtuellen Körpermodells.

Ein anderes Beispiel, diesmal ohne Narkose: Wenn ich mir mit dem Hammer auf den Daumen haue, dann ist das, was mir wirklich wehtut, genau genommen nicht der linke Daumen meines Körpers, sondern der linke Daumen meines Körpermodells. Obwohl es sich so anfühlt, als existierte der Schmerz im echten Daumen des echten Körpers, entsteht der Schmerz in Wahrheit erst in meinem Gehirn und wird innerhalb meines virtuellen Körpermodells dem virtuellen Daumen zugeordnet. Das, was ich unmittelbar als meinen Körper empfinde, ist in Wirklichkeit nur ein vom Gehirn erzeugtes, konstruiertes, virtuelles Modell: das Körpermodell. Die Bezeichnung „Modell“ sollte übrigens nicht allzu wörtlich aufgefasst werden: Das Körpermodell ist kein materielles Ding, das man anfassen könnte, wie zum Beispiel eine Modelleisenbahn. Es ähnelt weniger einer Modelleisenbahn als vielmehr einer 3D-Eisenbahn-Simulation im Computer.

Ein weiterer Beweis für die Tatsache, dass das, was ich direkt wahrnehme, nicht der materielle Körper ist, sondern mein virtuelles Körpermodell, sind die sogenannten „Phantomschmerzen“. Diese Art von Schmerz tritt manchmal bei Menschen auf, die ein Körperteil verloren haben, wie zum Beispiel die rechte Hand. Obwohl die rechte Hand dieser Patienten nicht mehr existiert, empfinden sie heftige Schmerzen in eben dieser Hand. Die betroffenen Patienten sind aber nicht etwa verrückt, sondern sie spüren, wie alle anderen Menschen auch, eben nicht ihre materielle Hand, sondern ihre virtuelle Hand – die Hand ihres virtuellen Körpermodells. Die materielle Hand existiert nicht mehr, aber die virtuelle Hand wird weiterhin vom Gehirn erzeugt und kann daher auch weiterhin als schmerzbehaftet empfunden werden.

Es gibt ein Experiment, das beweist, dass die empfundene und die materielle Hand eines Menschen nicht identisch sind. Glücklicherweise sind dazu keine abgetrennten Hände nötig; der Versuch ist recht harmlos: Die Versuchsperson setzt sich dazu an einen Tisch und legt den rechten Arm darauf. Nun wird eine Trennwand so positioniert, dass die Person ihren Arm nicht mehr sieht. Auf die andere, der Testperson zugewandten Seite der Trennwand wird eine Gummihand gelegt, so dass die Versuchsperson statt der eigenen Hand nur die Gummihand sehen kann. Die Haltung von echter und künstlicher Hand sollte dabei möglichst gleich sein. Die Versuchsperson wird angewiesen, ihre Hand und ihren Arm nicht zu bewegen.

Der Versuchsleiter streicht nun gleichzeitig mit einem Pinsel über die sichtbare Gummihand und mit einem weiteren Pinsel über die versteckte, echte Hand. Die Versuchsperson sieht, wie die Gummihand von einem Pinsel gestreichelt wird, und spürt gleichzeitig, wie die eigene Hand von einem Pinsel gestreichelt wird. Nach etwa einer halben Minute hat die Versuchsperson schließlich den Eindruck, dass die Gummihand ihre eigene Hand sei. Wenn der Versuchsleiter plötzlich einen Hammer zückt und damit zum Schlag auf die Gummihand ausholt, erschrickt die Versuchsperson, weil sie das Gefühl hat, ihre eigene Hand werde bedroht.3

Die Erklärung für diesen Effekt: Aus den erhaltenen Sinnesdaten konstruiert das Gehirn das bestmögliche Körpermodell, und das besagt im Prinzip: „Ich sehe eine Hand, die von einem Pinsel gestreichelt wird. Gleichzeitig spüre ich, wie meine Hand im gleichen Rhythmus von einem Pinsel gestreichelt wird. Also muss die Hand, die ich sehe, meine eigene sein.“ Die Illusion mit der Gummihand kann nur deshalb zustande kommen, weil das, was die Versuchsperson als ihre Hand erlebt, nicht die materielle Hand ist, sondern die virtuelle Hand des virtuellen Körpermodells. Normalerweise fällt dieser Unterschied nicht auf, aber während des Experiments erhält das Gehirn widersprüchliche Sinnesdaten von Gesichts- und Tastsinn, durch die das Körpermodell nicht auf die materielle, sondern auf die Gummihand einrastet.

Auch die Gummihand-Illusion zeigt also, dass ein Mensch nicht direkt den materiellen Körper als den eigenen Körper erlebt, sondern sein virtuelles Körpermodell. Wenn es widersprüchliche Sinnesdaten erhält, kann es dazu gebracht werden, Fehler zu machen; dadurch lässt sich das Körpermodell als Konstruktion des Gehirns entlarven.

Es gibt einen ähnlichen Versuch4, der etwas weiter geht und sich nicht nur auf die Hand, sondern auf den ganzen Körper bezieht. In dieser Körpertausch-Illusion bekommt die Versuchsperson ein Head-Mounted Display aufgesetzt. Dabei handelt es sich um das visuelle Pendant zu einem Kopfhörer, eine Art Brille mit zwei eingebauten LCD-Monitoren – einen für jedes Auge, um ein dreidimensionales Bild übertragen zu können. Die Bilder der beiden eingebauten Monitore stammen aus einer 3D-Kamera, die einer lebensgroßen Schaufensterpuppe...



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