E-Book, Deutsch, 430 Seiten
Meyer Club der Romantiker
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95602-155-8
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
oder Das Rätsel um Laureen Mills
E-Book, Deutsch, 430 Seiten
ISBN: 978-3-95602-155-8
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frank P. Meyer?Jahrgang 1962. Lebt in Primstal und Trier. Er studierte Anglistik, Germanistik und Niederländische Philologie in Trier und Oxford, war danach wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hildesheim und ist heute Leiter der Studienberatung an der Universität Trier. Nach verschiedenen Veröffentlichungen als literarischer Übersetzer folgten ab 2005 zwei Erzählbände ('Raum 101' und 'Es war mir ehrlich gesagt völlig egal'). 2012 erschien sein erster Roman: 'Normal passiert da nichts'. Der zweite Roman, 'Hammelzauber', kam zur Leipziger Buchmesse 2016 heraus. 2012 war Frank P. Meyer Trierer Stadtschreiber. Die während dieser Zeit entstandenen Stadtschreiber-Kolumnen sind 2013 unter dem Titel 'Zwangsgeranisierung' erschienen und wurden 2014 mit dem Saar-Hunsrück-Literaturpreis ausgezeichnet.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Teil I
Michaelmas
Natürlich wird er zur Beerdigung gehen, immerhin war er es gewesen, der sie erschossen hatte. Die Beerdigung ist der eigentliche Grund. Nur wegen des Ehemaligentreffens würde er nicht nach Oxford fahren. Seit 24 Jahren hat er es vermieden, dorthin zurückzukehren. Jetzt will er doch hin, um endlich mit dem Unglück abschließen zu können, das ihm damals widerfuhr. Ihm? Der armen Laureen war es widerfahren. Streng genommen war es ein Unfall gewesen. Ein unglücklicher Zufall. Egal, welchen Begriff er für das Geschehene ausprobiert hat, es bleibt doch immer die Schuld. Seine Schuld. Manchmal schreckt er mitten in der Nacht hoch, wenn auch nicht mehr so oft wie früher. Dann sieht er sich mit der Pistole in der Hand. Der Schuss verhallt. Die anderen starren ihn an. Vor ihm liegt der leblose Körper. Er ist nicht alleine schuld, aber mehr als die anderen, die dabei gewesen sind.
Die anderen. Dr. Corvus hatte Peter Becker am Telefon mitgeteilt, Frau Buckwood habe ihre Teilnahme angekündigt und ausdrücklich nach ihm gefragt. Auch Dr. Davies käme sicher. Und Dr. Branwen Jones war informiert worden. Von Gareth hatte Dr. Corvus nichts gesagt. Warum sollte er auch? Offizieller Anlass des Anrufs war natürlich das Ehemaligentreffen und nicht die Beerdigung, und Gareth war an einem anderen College gewesen. Dr. Corvus hatte nicht versäumt, darauf hinzuweisen, dass die Beerdigung nur einen Tag vor dem großen Ehemaligen-Dinner stattfindet.
Wie wird es sich anfühlen, mit den anderen zusammen an dem Grab zu stehen, in das die sterblichen Überreste von Laureen Mills hinabgelassen werden? Viel an sterblichen Überresten konnte wohl nicht mehr vorhanden sein.
Dr. Corvus arbeitet also immer noch im College. Schon Anfang der Neunziger hatte er alt gewirkt. Seine ergrauenden schwarzen Haare und die krächzende Stimme ließen Dr. Corvus bereits damals gealtert erscheinen. Dazu kam die schnabelartige Nase, die so weit aus dem Gesicht ragte, dass sie an eine Pestnase erinnerte. Als er Dean des Colleges geworden war, musste er tatsächlich noch recht jung gewesen sein. Vielleicht war auch einfach vergessen worden, ihn in Rente zu schicken. Oder er ist längst in Rente und arbeitet unentgeltlich weiter, weil er nicht weiß, wo er sonst mit sich hinsoll.
»Sie waren doch näher bekannt mit Laureen Mills, oder irre ich mich, Herr Professor?«
»Bitte lassen Sie den Professor weg«, hatte er Corvus am Telefon verbessert, »ich bin kein Professor mehr, sondern arbeite jetzt als Lehrer an einer Dorfschule. Schon lange. Sie sagen, Louise Buckwood kommt auf jeden Fall, und Edward Davies auch? Ganz sicher?«
»Wie bitte? Ach so, das Ehemaligentreffen, ja, Frau Buckwood hat, wie gesagt, ausdrücklich nach Ihnen gefragt. Sie heißt jetzt übrigens anders. Hat einen Schotten geheiratet, aber ich müsste nochmal in meinen Unterlagen nachschauen, welchen Mac genau sie auserwählt …«
»Nicht nötig, Dr. Corvus, bitte sagen Sie ihr, falls sie nochmals nachfragt, dass ich komme.«
»Bestimmt wird sie nachfragen. Ich hatte in der Tat den Eindruck, dass Frau Mac… Buckwood durchaus Wert darauf legt, dass ich Sie erreiche, Dr. Becker. Professor Bishop ist übrigens immer noch in Oxford, jetzt allerdings im Exeter College, Gott sei’s geklagt. Ich kann gerne den Kontakt zu ihm herstellen, sobald Sie hier eingetroffen sind.«
»Danke, das mache ich selbst. Aber bitte sagen Sie auch Branwen Jones, falls Sie in Kontakt mit ihr treten sollten, dass ich zur … zum Ehemaligentreffen komme.«
»Natürlich, Dr. Becker. Dazu bin ich als Alumni-Beauftragter ja da. Vor allem, wenn es um ein Treffen in Oxford selbst geht.« Bei Dr. Corvus hört man daran, wie er ›in Oxford selbst‹ sagt, dass er die Welt in zwei große Hemisphären aufteilt: in Oxford und in den Rest, von dem, wenn überhaupt, allenfalls die Oxforder Filiale, Cambridge, als ebenbürtig zu erachten ist.
Seine Nachricht hatte Corvus jedenfalls überbracht, und Peter Becker steht ein Ehemaligentreffen bevor, an dem er normalerweise nicht teilnehmen würde, sowie eine Beerdigung, die mit fast einem Vierteljahrhundert Verspätung stattfindet.
Von dem kleinen walisischen Dorf, in dem er lebt, nach Oxford ist es eine halbe Tagesreise. Da er erst nach der Schule, am späten Nachmittag, losfahren kann und nicht mitten in der Nacht in Oxford ankommen will, hat er beschlossen, nur bis Liverpool zu fahren, dort zu übernachten und am nächsten Morgen nach Oxford weiterzureisen.
Er hat sich für ein Hotel am Albert Dock entschieden. Da er Schwierigkeiten mit dem Einschlafen hat – er ist zu aufgeregt bei dem Gedanken, doch wieder nach Oxford zurückzukehren –, verlässt er sein Hotelzimmer zu einer Zeit, die in seinem jetzigen Leben spät für ihn ist. Er geht zur Mathew Street und dort die verheißungsvolle Wendeltreppe hinunter in den Kellerclub, in dem er zuletzt vor einem Jahr gewesen ist, auf einem Nachmittagskonzert, bei dem John Lennon-Lieder gespielt wurden.
Der Gewölbekeller ist gut gefüllt. Er taucht in die Menschenmenge ein und in die Livemusik, trinkt das erste Bier gleich an der Theke. Dann noch eins. Er hofft, dass es ihm spätestens nach dem dritten Bier gelingt, sich vorzugaukeln, es sei alles in Ordnung und sein Leben sei soweit normal verlaufen. Das war es im Grunde ja auch. Er hat eine Frau, eine Tochter, beide gesund, ein Haus und einen sicheren Job. Allerdings hat er auch eine Ex-Frau und einen inzwischen erwachsenen Sohn in Deutschland, den er seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen hat. Daran versucht er so selten wie möglich zu denken. Daran nicht und nicht an die sprichwörtliche Leiche, die er noch im Keller hat.
Er ergattert einen freien Stuhl an einem Tisch direkt vor der Bühne. Sein Plan ist, spätestens mit dem vierten Pint so viel von seiner Unruhe ertränken zu können, dass er im Hotel doch noch ein paar Stunden Schlaf findet. Es ist Jahre her, seit er vier Bier an einem Abend getrunken hat.
Die Melodie des Songs pfeifend, den die Band gerade gespielt hat, geht er aufs Herrenklo, um Platz für mehr Flüssigkeit zu schaffen. Als er am Pissoir steht, singt er vor sich hin: »I once had a girl, or should I say she once had me. She showed me her room. Isn’t it good? Norwegian Wood hm-hm-hm-hm.«
Er versucht sich zu erinnern, wie der Text weitergeht, da singt eine brummige Stimme von irgendwoher die Strophe weiter: »She asked me to stay and she told me to sit anywhere.« Peter dreht erschrocken den Kopf und lenkt dabei beinah den Strahl aus der Pissoir-Schüssel heraus. Die Stimme kommt offensichtlich aus einer der verschlossenen Klokabinen. »So I looked around and I noticed there wasn’t a chair.«
Soll das ein Scherz sein? Setzen die Betreiber des Clubs jemanden hinter eine Klotür, der angefangene Beatles-Songs zu Ende singt, falls einem Gast der Text ausgeht?
»Hallo, Kumpel. Guter Song. Haben sie den drinnen gerade gespielt?«
»Ja?«, antwortet Peter und hebt dabei so die Stimme, dass es wie eine Frage klingt.
»Kommst du öfter hierher, Kumpel?«, brummt es von hinter der Klotür. »Ich komme jede Woche einmal von Tranmere rüber, von der anderen Mersey-Seite, mit der Fähre.«
Reflexartig fragt Becker den Unbekannten in der Klokabine: »Tranmere? Bist du Tranmere Rovers-Fan?«
»Ja«, tönt es von hinter der Klotür, » ich verpasse kein Heimspiel. Scheiß auf Liverpool. Und Everton. Oh, ist sonst noch jemand da, Kumpel?« Becker schließt den Hosenschlitz und schaut sich um: »Scheint nicht so, wenn nicht in einer der anderen Kabinen noch ein …«
»Scheiß auf die Roten, ich gehe nur zu den Blau-Weißen. Aber man muss vorsichtig sein, sogar hier im Club. Auch die Roten hören Beatles-Musik. Und müssen mal aufs Klo. Das wäre ja noch schöner, dass mir ein Liverpool-Fan im Cavern Club eine aufs Maul haut. Oh, sorry mein Freund, ich hoffe, ich habe dich nicht beleidigt. Bist du etwa … nein, du klingst nicht wie ein Liverpool-Fan. Everton vielleicht? Damit könnte ich leben. Ich würde sofort alles zurücknehmen, was ich eventuell über Everton gesagt … also, wen unterstützt du? Alles kein Problem, solange es nicht Arsenal ist. Oder Manchester United. Nee, ich mache nur Spaß, keine Angst. Du klingst nach Waliser. Bist du Waliser?«
»Ja, nein, ich wohne schon seit … ja, also ich gehe dann mal wieder rein. Will noch ein bisschen Musik hören.«
»Gar kein Ding, Kumpel. Hör mal: Wie heißt du, Kumpel?«
»Peter«, antwortet er, wieder reflexartig, und verflucht sich leise dafür. Was, wenn dieser Idiot sein Geschäft erledigt hat und nachher durch den Club schreit: Peter, Kumpel, wo bist du? Die nächste Runde geht auf mich.
Da öffnet sich die Klotür einen Spalt. Fünf Finger erscheinen, dann ein behaarter Handrücken: »Peter, lass mich dir die Hand schütteln! Willkommen in Liverpool, Kumpel.«
Obwohl der zur Hand gehörende Mann hinter der Tür sich ihm nicht vorgestellt hat, gibt Peter beinah dem Reflex nach, die Hand zu schütteln, zuckt aber im letzten Moment zurück. »Angenehm … ähm, ja«, stottert Peter. Der behaarte Handrücken verschwindet wieder in der Klokabine, die Tür bleibt aber einen Daumenbreit offen, als lauerte die Hand dahinter darauf, doch noch eine Chance zu bekommen, nach Peter zu greifen. Der schaut auf seine eigenen Finger, ist sich nicht sicher, ob die behaarte Hand ihn nicht doch ganz kurz berührt hat. Er hält seine Hand mit ausgestrecktem Arm angeekelt ein Stück von sich und geht zum Waschbecken....




