E-Book, Deutsch, 404 Seiten
Meyer-Dietrich / Stern / Biermann Sturm & Beton
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-2522-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 404 Seiten
ISBN: 978-3-7494-2522-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
"Sturm & Beton" heißt der von Bochumer Studierenden geschriebene Kollektivroman. Dieser entstand im Rahmen des BOSKOP-Kurses "Text and the City", unter den wachsamen Augen der Bochumer Autorin Sarah Meyer-Dietrich. Ein echter RUB-Roman also, dessen Handlungsstränge sogar im Ruhr-Uni Sommerfest zusammenlaufen.
Autoren/Hrsg.
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DER
ÜBERFLIEGER
FELIX STERN
Pam wartete schon seit einiger Zeit auf den Moment, an dem ihr Leben endlich wie ein Film sein würde. Jeden Tag hoffte sie auf irgendetwas Spannendes und Interessantes, das sie aus dem Alltag befreite; die verwaschene Realität mit all ihren Unklarheiten und Ungereimtheiten sollte den klaren Fakten und dem wundersamen Zauber ihrer Lieblingsfilme weichen. Auch für sie selbst, deren Charakter noch ein weißes Blatt Papier war, wünschte sie sich nichts sehnlicher als die klaren Ziele, Interessen und Leidenschaften, die etwa ihre liebste Märchenfigur, Prinzessin Elsa aus der , antrieben. Und obwohl Pam sich diesen Wunschvorstellungen nicht in ihrer ganzen Breite bewusst war, schlug ihr Herz doch schneller, als es eines Nachts plötzlich so weit war. Pam war gerade zwölf Jahre alt geworden, als ein Geist an den Rollläden vor ihrem Zimmerfenster rüttelte.
Erst hatte sie gedacht, dass es nur der Wind wäre, der über die weiten Felder von Bochum-Stiepel gefegt und schließlich auf die Fassade ihres Zuhauses – des dreistöckigen Neubaus, in dem sie mit ihren Eltern wohnte – getroffen war. Als die Rollläden jedoch wieder und wieder aufstöhnten und sich in den scheppernden Krach auch noch so etwas wie unterdrückte Schreie mischten, hatte Pam im Dunkel ihres Kinderzimmers nur noch eine Erklärung: Ein Geist war dort draußen, hatte sich aus dem Schatten der Kiefer vor ihrem Zimmer gelöst und war emporgeschwebt – und nun wartete er im Mondlicht auf Pam, die Hand ausgestreckt, bereit, sie mit sich in die Zwischenwelt zu nehmen.
Pam griff nach ihrer Nickelbrille, schlüpfte aus dem Bett und schlich vorsichtig ans Fenster – mit der rechten Hand betätigte sie den Schalter, der die elektrischen Rollläden nach oben zog, und drückte ihre Nase gleichzeitig fest gegen die Glasscheibe. Ihre Augen waren weit geöffnet, die Lippen zu einem furchtsamen und doch freudig erregten Ausdruck verzogen ... Und fast war sie ein wenig enttäuscht, als sie statt eines Geistes Oskar sah, wie er auf dem Dach ihres Hauses stand und wild mit den Armen fuchtelte. Schließlich entschied sie, dass auch dies der Anfang einer interessanten Geschichte werden könnte, öffnete das Fenster – und schon stand ihr fester Freund zum ersten Mal überhaupt in ihrem Kinderzimmer.
Oskar war zwar kein Geist – trotzdem schien er für Pam, wie immer, nicht ganz von dieser Welt zu sein. Das war auch der Grund, warum sie dem kleinen, dicklichen Jungen aus ihrer Klasse überhaupt erlaubt hatte, sie seine Freundin zu nennen: Er war erwachsener, als ein Elfjähriger es nur sein konnte. Wenn sie auf dem Schulhof zusammensaßen, hörte sie ihm gebannt zu, wie er über seine Lieblingsartikel aus der neuen philosophierte; wenn sie ihn in ihrer Freizeit auf seinen Streifzügen durch Bochum begleitete (viel mehr als das war es nicht, denn sie taten immer das, was Oskar auch ohne Pam getan hätte), gab sie für gewöhnlich nur vor, ihn zu verstehen, und nickte höflich, wann immer er sich zu ihr umdrehte. Obwohl sie nie Händchen gehalten – geschweige denn, sich jemals geküsst – hatten, war Pam froh, jemanden wie Oskar als Freund zu haben. Er war interessant, ja, das war er; und indem sie ihm durchs Leben folgte, musste sie sich keine eigenen Hobbys und Vorlieben suchen, sondern konnte einfach an seinen teilhaben.
Dass Oskar mitten in der Nacht auf das Dach ihrer Eltern geklettert war, seinen heftig zitternden Körper durch das Fenster hindurchquetschte und sich auf ihren grauen Teppichboden fallen ließ, war nun aber doch ziemlich ungewöhnlich, selbst für ihn!
„Was machst du hier?“, fragte Pam deshalb und bemerkte wohlwollend ihr laut klopfendes Herz. Sie hoffte so sehr auf etwas Außergewöhnliches.
„Wusstest du, dass es keinen Weihnachtsmann gibt?“, fragte Oskar sie daraufhin, noch am Boden liegend – und als sie loskicherte und nickte, passierte wirklich etwas nie zuvor Dagewesenes: Ihrem Freund stiegen Tränen in die Augen. Dann begann er zu erzählen ...
Die Wochenenden verbrachte Oskar stets bei seiner Mutter, die mit ihrer neuen Familie zufälligerweise im Haus direkt neben Pams Zuhause wohnte. Während er unter der Woche bei seinem Vater lebte und dort, von einigen Standpauken und viel zu festen Schulterklopfern einmal abgesehen, relativ ungestört seinen vielen Interessen nachgehen konnte, musste er sich hier zwei Tage (und Nächte) in der Woche mit seiner verhassten Mutter, seinem Stiefvater und den Zwillingen, Max und Marlon, auseinandersetzen. Vor allem mit den ein Jahr jüngeren Stiefbrüdern konnte Oskar überhaupt nichts anfangen – und die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Was es den beiden für eine Freude bereitet haben musste, als sie wenige Stunden zuvor erfahren hatten, dass der Oskar tatsächlich noch an den Weihnachtsmann glaubte! Eine kleine Stichelei hier, ein Kicheranfall dort und schon hatten sie es ihm verraten. Wie Oskar es Pam jetzt erzählte, war er daraufhin komplett ausgetickt. Das war natürlich auch der Plan seiner Stiefbrüder gewesen – doch in welchem Ausmaß Oskar ein paar einfache Worte aus der Bahn werfen würden, hatten Max und Marlon vermutlich nicht vorhergesehen.
Nun saß Oskar auf Pams Bett – eine grell leuchtende Taschenlampe in der einen, seinen vollgestopften Tornister in der anderen Hand – und ließ auf seine Erklärung, was er mitten in der Nacht in ihrem Zimmer mache, einen anderen, für Pam noch viel verrückteren Satz folgen: „Ich ziehe weg von hier!“
„Bist du dumm?“, entgegnete sie daraufhin.
„Nein, Pamela, ich bin nicht . Die Umstände zwingen mich dazu.“
„Du willst ausziehen, weil es keinen Weihnachtsmann gibt? Wegen Lüge?“
Oskar, dessen Körper langsam zu zittern aufhörte, rückte näher an Pam heran und nahm ihre Hände in seine – zum allerersten Mal. „Du verstehst es nicht, oder? Wir müssen alles überdenken, einfach alles. Nichts ist mehr, wie es vorher war.“
„Wo willst du überhaupt hinziehen?“ Pam schaute ihrem Freund tief in die Augen und fragte sich zum wiederholten Mal, ob der übergewichtige Sechstklässler mit den Segelohren, der übergroßen VfL-Bochum-Kappe und den kleinen, schwarzen Pupillen vielleicht doch ein Außerirdischer (oder tatsächlich ein uralter Geist) war.
„Irrelevant.“ Ärgerlich schüttelte Oskar den Kopf. „Weißt du ... gestern noch hab ich gedacht, die Welt wäre voller Wunder – nur um heute herauszufinden, dass sie in Wahrheit voller Lügen ist! Einfach alles kann geschwindelt sein, wenn Lügen so gut funktionieren, dass ich elf Jahre lang daran glaube. Ich muss herausfinden, ob alle Wunder Lügen sind – und ob es eine Wahrheit gibt, die hinter all dem steckt ... Und ich hab gehofft, dass du vielleicht mit mir kommen willst auf meine ... Forschungsreise.“
Kurz darauf standen sie draußen, an der frischen Luft. Pam schaute erst auf das Dach ihrer Eltern, dann in den sternenklaren Nachthimmel – und schließlich auf Oskar, der seine Taschenlampe vor sich ausstreckte, als hoffte er, jeden einzelnen Flecken Dunkelheit damit zu verscheuchen. Mit der freien Hand deutete Oskar nach oben und ging gleichzeitig einen Schritt nach vorne.
„Wie gerne würde ich mit den Sternen schweben“, schwärmte er. „Von dort oben könnte ich alles sehen. Die ganze Welt. Die ganze Wahrheit. Und mit all den Sternen um mich herum ... würde es niemals dunkel sein.“
Oskar ging noch einen Schritt nach vorne, während sein Blick weiter im Firmament festhing – und mit einem Mal rutschte Pam ihr Herz in die Hose. „Pass auf!“, schrie sie und sprang nach vorne.
Eigentlich war es da schon zu spät. Mit einem Bein taumelte Oskar schon in der leeren, klaffenden Dunkelheit, die hinter der Regenrinne wartete, griff vergeblich nach Pams ausgestreckter Hand und drohte zu fallen. Pam kreischte, kniff die Augen zu und wartete auf den dumpfen Schlag, mit dem ihr Freund auf der Erde aufkommen würde. Plötzlich jedoch wurde sie nach hinten gerissen, und die beiden fielen laut polternd auf die Dachkacheln hinter ihnen.
„Ach du !“, entfuhr es Oskar – und Pam bemerkte, dass er erneut heftig zu zittern begonnen hatte.
„Hast du auch Angst im Dunkeln?“, fragte sie jetzt, da sie beide bibbernd auf dem Dach lagen.
Oskar entgegnete nichts. Stattdessen richtete er sich schnell auf und kämpfte offensichtlich darum, wieder einen einigermaßen gefassten Eindruck zu machen. Pam wurde klar, dass er ihr niemals freiwillig eine Schwäche eingestehen würde – dahinter und hinter all dem Gerede von Lügen und Auszugsplänen steckte schließlich derselbe Grund, aus dem er alles tat: Oskar wollte um jeden Preis erwachsen sein. Dass er bei etwas so Kindlichem wie dem...




