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E-Book, Deutsch, Band 1, 166 Seiten

Reihe: Reihe Philosophische Ästhetik

Meyer Effizienzhülsen

Wie wir unser Lebensglück gefährden - und wie wir es bewahren
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-7509-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie wir unser Lebensglück gefährden - und wie wir es bewahren

E-Book, Deutsch, Band 1, 166 Seiten

Reihe: Reihe Philosophische Ästhetik

ISBN: 978-3-7519-7509-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Leben wir das Leben, das uns wirklich entspricht? Was macht es mit uns, wenn wir nur noch das Gesollte wollen, anstatt für uns selbst herauszufinden, was uns wirklich wichtig ist im Leben? - Zwischen Vereinzelung und Vermassung führen heute viele Menschen ein Leben, dass den eigenen wirklichen Bedürfnissen nicht entspricht. In gesellschaftlichen Debatten treten zunehmend Radikalität und Hysterie an die Stelle von Faktenwissen und gegenseitigem Verständnis. Marco Meyer stellt in diesem Buch die These auf, dass ein Verlust der Fähigkeit zu ästhetischer Wahrnehmung zugunsten eines reinen Effizienzdenkens für diese Entwicklungen verantwortlich ist. Dazu unternimmt er zunächst eine kurzweilige Reise durch zweieinhalbtausend Jahre Philosophie-Geschichte, was dieses Buch nicht nur zu einem Impulsgeber für persönliches Lebensglück, sondern auch zu einem leichtverständlichen Lehrstück über philosophische Ethik macht.

Marco Meyer, geb. 1974, Philosoph (M.A.), bietet in eigener philosophischer Praxis Kurse und Coaching für Lebensglück und Selbstbewusstsein an. Er verbindet in seinen Workshops Erkenntnisse der philosophischen Ästhetik mit spielerischem Ausdruckstraining unter Einsatz von Schauspieltechniken.
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Antike -
Menschsein und menschliches Glück


Ein Piniensamen, der sich vom Zapfen löst und vom Wind getragen an einem geeigneten Standort niedergeht, wird dort bei günstigen Entwicklungsbedingungen anfangen zu keimen. Je nach Jahreszeit und Umgebungsbeschaffenheit wird möglicherweise eine Samenruhe vorausgehen: der Lebenstrieb lässt den Samen selbst erkennen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Erst wenn zum Beispiel das Frühjahr begonnen hat, mit länger anhaltendem Temperaturminimum, wird er den Keimungs- und Wachstumsprozess mit der Entwicklung zum Spross beginnen. Der Spross wird zur Pinie heranwachsen, die versuchen wird, sich gegen alle widrigen Witterungseinflüsse standhaft zu zeigen. Die mögliche Wachstumsverzögerung durch die Samenruhe, die pflanzlichen Anpassungsstrategien an die Umgebungsbedingungen: dies alles sind elementare Lebensfunktionen, und natürlich keine bewussten Entscheidungen für oder gegen das Wachstum zu einem bestimmten Zeitpunkt. – Auch der Drohn, die männliche Honigbiene, kann sein Handeln nicht in Frage stellen: genetisch programmiert, muss er nach seiner Geschlechtsreife ausschwärmen, um dann beim Hochzeitsflug mit einer Königin zunächst seinen Penis, und dann sein Leben zu verlieren. Genau so, wie das Eichhörnchen Nüsse als Futtervorrat vergraben muss, auch wenn es einen Teil davon nie wiederfinden wird. Es sind elementare Funktionen bzw. Instinkte, die die Pflanzen- und Tierwelt steuern: die Lebensprozesse sind beiden eine unhinterfragbare Selbstverständlichkeit.

Was den Menschen von allen anderen Lebewesen elementar unterscheidet, ist sein : und zwar nicht das Können im Sinne von Fähigkeiten, indem er etwa das Rad erfinden, Atome spalten, Computer programmieren oder musikalische Werke von betörender Schönheit erschaffen kann. Grundlegender ist das menschliche Können, , mit einem Wort: seine Freiheit, zu entscheiden. Die wird somit zur zentralen Größe einer philosophischen Betrachtung der menschlichen Existenz, und es ist, wie wir sehen werden, ein folgenschweres Missverständnis unserer Zeit, dass menschliche Freiheit damit gleichbedeutend sei, einfach die eigenen Interessen in einem größtmöglichen Umfang zu verfolgen. Umwelt und Gesellschaft geben uns Rahmenbedingungen vor, und Beschränkungen, die sich aus diesem Rahmen ergeben, sind eben Freiheitsbeschränkungen, vielmehr sind sie gerade Teil dieser Freiheit, gleichsam . - Wollten wir einen Piniensamen als frei bezeichnen, so bräuchte er dafür nur die Fähigkeit, sich bewusst für oder gegen das Keimen an dem Ort, an den der Wind ihn trug, zu entscheiden, und damit wäre seine Freiheit bereits hinreichend begründet; wir würden für seinen Freiheitsbegriff doch nicht auch noch verlangen, dass er mit Flügeln ausgestattet wäre und die Fähigkeit hätte, aus eigener Kraft an einen anderen Ort zu fliegen.

Wir erkennen damit die strukturell einfache Entscheidung zwischen Dafür und Dagegen, zwischen Ja und Nein, als grundlegende Struktur menschlicher Entscheidungen, auf die sich der gesamte Kosmos menschlicher Freiheit zurückführen lässt. (Interessanterweise hat der Mensch eine Computertechnologie erfunden, die unser Leben bereits bahnbrechend verändert hat, und unaufhaltbar noch weiter verändern wird, und die auf genau diesem binären System aus Ja und Nein, aus Eins und Null, aufbaut.) Unser Freiheitskosmos fußt also auf einem Könnenbewusstsein genauso wie auf einem Nichtkönnenbewusstsein: wir wissen um unsere Entscheidungsfreiheit im Handeln, wissen aber auch um deren Grenzen, die sich aus unserer physischen Konstitution, unseren mentalen Möglichkeiten und dem gesellschaftlichen Zusammenleben ergeben. Erst dass darüber hinaus jede Entscheidung für eine Alternative immer auch eine Entscheidung gegen unzählige andere Möglichkeiten ist, das macht das (philosophische) Nachdenken über menschliches Handeln zu einer so komplexen Angelegenheit, denn indem der Mensch , nicht , obliegt es seiner eigenen Entscheidung, ob er – um beim Beispiel des Baumsamens zu bleiben und im Gegensatz zu diesem – an einem bestimmten Ort gleichsam Wurzeln schlägt oder nicht. Und er wird diese Entscheidung abhängig machen (müssen) von zahlreichen anderen, die er zu treffen hat: mit welcher Art von Menschen möchte man sich umgeben, welchen Stellenwert sollen Karriere und Geld im Leben haben (was sich wiederum unmittelbar auf die Wohnmöglichkeiten auswirkt), möchte man Kinder, und wenn ja, sollen diese in einem konservativen oder progressiven Umfeld aufwachsen, möchte man „nur“ wohnen oder auch repräsentieren, etc. etc.

Damit ist der Rahmen für ein philosophisches Nachdenken darüber, was das Menschsein ausmacht, abgesteckt: es geht um die Frage nach einer Lebensführung, die Aspekte artspezifischer und individueller Dispositionen mit Fragestellungen gesellschaftlichen Zusammenlebens zusammenführt. Dies vor dem Hintergrund eines Können- und Nichtkönnenbewusstseins, das es dem Menschen ermöglicht, freie Entscheidungen zu treffen, oder besser, um es mit Sartre zu sagen: das den Menschen dazu verdammt, frei zu sein, denn es ist ihm eben nicht möglich, Entscheidungen hinsichtlich seiner Lebensführung zu treffen. Selbst ein völlig passives Vor-Sich-Hin-Leben wäre gleichbedeutend mit einer unablässigen Folge von Entscheidungen gegen die aktive Gestaltung des eigenen Lebens.

Im fünften und vierten vorchristlichen Jahrhundert setzt sich im griechischen Einflussbereich ein Denken durch, dass die Frage nach wahrem Wissen, aber auch die Frage nach Sinn und Werten und damit nach der richtigen Lebensführung in den Mittelpunkt stellt. Es ist Sokrates, geboren 469 v. Chr. in Athen, der durch konsequentes kritisches Hinterfragen allgemeingültiger Ansichten die Ablösung der Vorherrschaft sophistischen Denkens durch eine wahrheitssuchende Philosophie einleitet.

Die Sophisten hatten den Menschen in den Mittelpunkt einer Philosophie gerückt, die sich bis dahin eher theoretisch-mystischen Themen gewidmet hatte. Das sophistische Interesse hingegen galt vor allem der menschlichen Tüchtigkeit im Sinne einer erfolgreichen Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. So galt ihnen die Redekunst als wichtigste Fähigkeit des Menschen, denn durch sie sei es möglich, Andere zu überzeugen und sich somit in der politischen oder Gerichtsrede erfolgreich durchzusetzen. Der Rhetoriklehrer Gorgias von Leontinoi verglich die Redekunst mit einem Gift, das sowohl verzaubern als auch töten könne, und Sokrates gerät mit dem Gorgias in eine Diskussion um die Frage, ob die Redekunst tatsächlich ein für den Menschen in so hohem Maße wertvolles Können sei. Dieser „Gorgias“ betitelte Dialog des Sokrates wurde von dessen Schüler Platon niedergeschrieben. Sokrates selbst hat überhaupt keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen, und insofern mag „Gorgias“ gleich sämtlichen platonischen Dialogen, die Gespräche des Sokrates wiedergeben, ebensoviel platonisches wie sokratisches Denken beinhalten. In jedem Fall führt uns der „Gorgias“ zu wichtigen Erkenntnissen über die Ansichten bezüglich des Menschseins in der antiken Philosophie. Denn die Diskussion zwischen Sokrates und dem Rhetoriker Gorgias sowie dessen Schülern Polos und Kallikles, dreht sich nur vordergründig um die Frage nach dem Stellenwert der Redekunst. Dahinter steht vielmehr die Frage nach der richtigen Lebensführung: welche Entscheidungen sollten wir treffen vor dem Hintergrund persönlicher und gattungsspezifischer Möglichkeiten und Beschränkungen, kurz: es geht um die rationale Beurteilung von möglichen Zielen und Verhaltensweisen, in letzter Konsequenz: um die höchsten Ziele, die wir in unserem Leben verfolgen, oder, um es mit Platon zu sagen: um die Frage nach dem „Worumwillen“ allen menschlichen Handelns.

Die Begründungen der antiken Rhetoriker für den hohen Stellenwert der Redekunst verliefen entlang einer Argumentationslinie, die Parallelen zur heutigen gesellschaftspolitischen Trennungslinie zwischen ökonomischem Liberalismus und eher ordnungspolitisch orientierten Ökonomiemodellen aufweist: die Redekunst diene der Überzeugung Anderer, und wer Andere überzeugt, kann seine Ziele durchsetzen, einen möglichst großen Anteil an zu verteilenden materiellen Werten für sich gewinnen, seinen Machtbereich ausweiten. Dabei sahen sich die Rhetoriker durch die vorherrschende Meinung im Volke bestätigt, dass es im Zweifel besser ist, mehr zu besitzen, als ein übertrieben rechtschaffenes Leben zu führen; wer daher auf die Einhaltung von Gesetzen poche, die für einen gerechten Ausgleich zwischen Starken und Schwachen sorgen sollen, der tue dies vor allem aus eigener Schwäche und also um zu verhindern, von den Stärkeren übervorteilt zu werden.

Wir erkennen in dieser Argumentationslinie ganz direkt eine Einstellung wieder, die sich heute in der neoliberalen Erzählung von den „Leistungsträgern“ durchsetzt: wer deutlich mehr leiste, der müsse auch...



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