E-Book, Deutsch, Band 1, 220 Seiten
Reihe: Westfalen Krimi
Meyer Fastenzeit
3. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86358-704-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 1, 220 Seiten
Reihe: Westfalen Krimi
ISBN: 978-3-86358-704-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Barbara Meyer, Jahrgang 1948, in Paderborn aufgewachsen, studierte dort Mediävistik und Allgemeine Literaturwissenschaften. Sie lebt seit fünfundzwanzig Jahren unterhalb des Paderborner Doms und ist Autorin für Regional- und Familiengeschichte.
Autoren/Hrsg.
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Dienstag, 15.Februar
Michael glaubte wohl, mit seinem Angebot, sie zur Polizei zu begleiten, genug guten Willen bewiesen zu haben, und überließ es am nächsten Morgen ihr, Frühstück zu machen. Unausgeschlafen – er hatte die halbe Nacht in ihrer Küche am Laptop verbracht statt in ihrem Bett– erschien er, als sie den Kaffee einschenkte und das Radio laut drehte. Ein schepperndes Hip-Hop-Lied, das sie gleich leiser stellte, nachdem es seinen Zweck erfüllt hatte.
Therese hatte ebenfalls schlecht geschlafen. Immer wieder war der unglückselige Pömpel durch ihre Träume gegeistert. Sie konnte kaum glauben, dass sie wenige Stunden vor dem Mord ahnungslos daran vorbeigehastet war.
»Hast du auch von der Keule geträumt?«, erkundigte sie sich bei ihrem Freund.
»Nein, aber davon, aus dem Fenster zu fallen. Kein schönes Gefühl, sage ich dir! Das hat bestimmt dieser Kameraschwenk die Arbeitsamtsfassade herunter ausgelöst. Immer wieder hab ich die Fensterreihen gesehen, drei hintereinander. Zum Glück bin ich jedes Mal aufgewacht, bevor ich unten ankam.«
»Ja, das haben sie bestimmt fünfmal gezeigt. Die machen sich gar nicht klar, was sie anrichten mit ihren Bildern!«
Es war halb acht, und Radio Hochstift brachte Nachrichten. Natürlich stand der Mord an Vetter an erster Stelle. Die Reporterin hatte Nachbarn interviewt, die sich mitleidsvoll über die Familie äußerten.
»Leicht hat er’s ja nicht gehabt«, erzählte eine Frau. »Ich will nichts gesagt haben, aber fragen Sie mal andere, was das mit dem Sohn ist. Ich weiß da nix drüber. Er ist bloß nich da, nech?«
»Andere«, die sich äußern wollten, waren aber wohl nicht aufgetrieben worden.
Dann wurde berichtet, dass die Polizei nach dem Sohn suche, um ihm die traurige Nachricht vom Tod seines Vaters zu überbringen. Die Mutter wisse nicht, wo er sich aufhalte. Es handele sich um einen erwachsenen jungen Mann, der in Paderborn eine weiterführende Schule besuche. Wahrscheinlich befinde er sich auf einem spontanen Ausflug mit Freunden. Angesichts des Medienechos sei damit zu rechnen, dass er sich bald bei seiner Mutter melde.
Nein, ein Verdacht gegen den Sohn liege nicht vor, wurde Schlüter zitiert. Man habe die mutmaßlichen Täter dingfest gemacht, die in Brackwede einsäßen. Nun habe der Richter das Wort.
Dann wurde eine Aufstellung der politischen Aktivitäten des Verhafteten verlesen. Therese war überrascht, dass Thomas so früh angefangen hatte mit seinem Engagement.
»Da muss jemand über Nacht sämtliche Tageszeitungen der letzten zwanzig Jahre durchgeblättert haben.«
»Oder die Polizei hat eifrig gesammelt und die Liste veröffentlicht!«
»Glaubst du?«
»Warum nicht? Dein Thomas ist jetzt ein Schwerverbrecher, da kommt alles ans Tageslicht. Hoffentlich hat er nicht irgendwann silberne Löffel geklaut!«
Wieder kamen O-Töne von den Montagsdemos im letzten Herbst. Die hatte Radio Hochstift damals selbst eingeholt und durchaus zustimmend berichtet. Jetzt hatte man nur die heißen Stellen zusammengeschnitten, sodass sich Thomas anhörte wie ein angriffslustiger Revoluzzer, der die Arbeitslosen zum Umsturz aufwiegelte.
Aber war jemand von der Regierung umgebracht worden? Thomas hatte oft genug erklärt, dass nicht die Arbeitsamtsangestellten schuld an der Misere seien. Solche Aussagen wurden natürlich nicht gebracht.
»Lass uns gehen«, sagte sie, als die Nachrichten zu Ende waren. »Wird Zeit, dass Thomas da rauskommt.«
Die Hoffnung konnte sie begraben. Sie waren auf einen ungnädigen Schlüter gestoßen, der Thereses Berechnungen gar nicht hören wollte.
»Ehrenwert von Ihnen«, nuschelte er, »dass Sie Ihre Genossen raushauen wollen. Aber fest steht, dass sie zur fraglichen Zeit am Tatort waren, und über die Gründe brauchen wir uns wohl nicht zu streiten. Was Sie da vorbringen, sind doch Haarspaltereien. Wahrscheinlich lesen Sie zu viele Krimis. Wer soll es denn sonst gewesen sein? Das internationale Großkapital? Ich bitte Sie, einen kleinen Behördenangestellten! Oder etwa die arme Frau, die gerade ihren Ernährer verloren hat? Sie brauchen mir nichts zu erzählen, Frau Urban. Wir haben die Täter, und die Kiste ist zu.«
Schönes Bild. Therese schluckte. Hilfesuchend sah sie Michael an. Der zuckte mit den Schultern.
Sie versuchte es noch einmal. »Und was ist, wenn sie es nicht waren? Dann läuft der wahre Mörder frei herum. Kein angenehmer Gedanke!«
»Glauben Sie mir, die öffentliche Sicherheit ist wieder hergestellt. Sie brauchen keine Angst zu haben. Aber lesen Sie in der nächsten Zeit mal einen schönen Liebesroman, das beruhigt die Nerven, sagt meine Frau.«
»Sparen Sie sich die Anzüglichkeiten!« Jetzt fühlte Michael sich gefordert. »Was Frau Urban liest, hat mit ihrer Beobachtungsgabe nichts zu tun. Ich denke auch, man muss in mehrere Richtungen ermitteln. Wenn Sie jetzt nur auf Herrn Dalhoff setzen, bringen Sie sich um die Möglichkeit, den wahren Mörder zu finden. Haben Sie daran gedacht, dass laut Statistik die meisten Täter im privaten Umfeld zu finden sind? Ich kenne den Sohn nicht, aber vielleicht weist sein Verschwinden auf etwas hin, das Sie einmal genauer untersuchen sollten. Auch soll es schon Ehefrauen mit Liebhabern gegeben haben, besonders, wenn es sich um sogenannte grüne Witwen handelte, was Frau Vetter ja wohl war. Und was ist mit den lieben Kollegen? Waren die dem Verstorbenen alle grün?«
Wenn Michael in Fahrt kam, war er nicht zu stoppen. Schlüter hatte mehrfach versucht, ihn zu unterbrechen, war aber nicht zum Zug gekommen. Was nicht hieß, dass er seinen Ausführungen zustimmte.
»Sie brauchen mir nicht zu erzählen, wie ich meinen Job zu tun habe!«, stieß er wütend hervor, als Michael endlich Luft holen musste. »Ihnen ist ja wohl klar, dass Sie mit Ihren unhaltbaren Verdächtigungen die Polizeiarbeit behindern? Ich habe wahrlich anderes zu tun, als mit Ihnen herumzuspekulieren.« Er rollte zum Computertisch, griff nach der Maus und vertrieb mit heftigen Bewegungen den Bildschirmschoner in Form eines kreisenden Sheriffsterns.
War ja zu erwarten, dass er einschnappt, dachte Therese ärgerlich. Der übliche Hahnenkampf. Bei ihr hatte er noch den Väterlichen herausgekehrt, aber Michael bekam die kalte Dusche. Jetzt konnte sie es vergessen, von ihren Beobachtungen im Amt zu erzählen. Schlüter hatte seine Ohren auf Durchzug gestellt.
»Vielleicht finden Sie noch weitere Anhaltspunkte…«
Schlüter drehte sich nicht um. »Verlassen Sie sich nicht drauf.«
Draußen nahm Michael sie in den Arm. »Nun heul nicht gleich! Es wird sich schon alles aufklären.«
»Ich heule gar nicht.« Sie zerdrückte den Kloß im Hals. Mehr als Hilflosigkeit trieb ihr der Zorn die Tränen in die Augen. Sollte sie Michael vorwerfen, dass sein Beistand wenig hilfreich war? Er konnte nichts dafür. Schließlich hatte sie ihn auffordernd angesehen. Er hatte den richtigen Zeitpunkt verpasst, okay, und war auch wenig diplomatisch vorgegangen. Aber er war ihr zur Seite gesprungen, ganz der strahlende Ritter auf dem weißen Pferd, den sich die Frauen wünschten.
Wer weiß, wann sie Schlüter jetzt wieder zu fassen bekam.
»Thomas war es jedenfalls nicht, da bin ich ganz sicher!«
Sie waren zum Marktkauf hinübergegangen und standen mit ihrem Milchkaffee an einem Fenstertisch. Der riesige Supermarkt hatte die früher so beschauliche Riemekestraße immens belebt. Die Bewohner des Viertels mit den niedrigsten Mietpreisen der Stadt schleppten große braune Tüten hinaus, und vom Parkdeck herab rollte ein Pkw nach dem anderen.
Auch um sie herum war es voll, und Therese senkte die Stimme. »Der wäre zu einem Mord gar nicht fähig! Schimpfen, ja, das kann er. Wenn er sauer ist, wird er manchmal ganz schön laut. Aber das ist doch nicht der ganze Thomas!«
»Dann wird er jetzt ganz schön in der JVA rumtoben«, mutmaßte Michael. »Die werden wenig Freude an ihm haben. Aber das heißt auch, dass er sich selbst wehren kann. Mach dir keine Sorgen.«
Therese nickte geistesabwesend. Ihr war noch etwas eingefallen. »Wir sollten vielleicht seinen Rechtsanwalt auftreiben! Der wird bestimmt hören wollen, was es für Entlastungsgründe gibt. Aber ich muss erst rauskriegen, wer das ist. Hoffentlich weiß das im Zentrum jemand.«
»Gute Idee, könnte von mir sein.«
Michael duckte sich unter ihrer Faust weg und räumte die Tassen zusammen. »Ich muss weg, mein Chef wartet.«
»Der kann froh sein, dass du ihm heute Nacht sein Programm repariert hast!«, widersprach Therese. »Warum hast du es ihm nicht per E-Mail geschickt und dazugeschrieben, dass du ausschlafen musst?«
»Hab ich ja. Aber übertreiben kann ich’s auch nicht. Muss mich schließlich unabkömmlich machen, damit er nicht auf die Idee kommt, er könnte ohne mich.«
Therese hörte nicht hin. Sie überlegte fieberhaft, ob sie Thomas noch auf andere Art helfen konnte.
»Soll ich vielleicht auf dem Rückweg mal in der Arbeitsagentur vorbeigehen? Ist ja nicht weit von hier.«
»Und was willst du da? Tatortbesichtigung?«
»Quatsch. Nur mal sehn, ob ich den Sachbearbeiter auftreiben kann, den Vetter zusammengestaucht hat. Ich kann ja so tun, als ob ich noch ’ne Frage hätte. Hab ich sogar. Genau. Das frage ich jetzt diesen jungen Mann.«
»Und du meinst, dann verrät er dir ganz nebenbei, wie er es angestellt hat, seinen Kollegen aus dem Fenster zu werfen?«
»Natürlich nicht. Aber ich kann mir ein Bild von ihm machen, ein Gefühl kriegen, ob er dazu fähig wäre. Dann kann ich immer noch versuchen, Schlüter davon zu überzeugen, sich...




