Meyer | Ich unter anderem | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Meyer Ich unter anderem


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7152-7501-7
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-7152-7501-7
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
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Aus Fritz Meyers Roman, der im Zürich der frühen vierziger Jahre und in einer Stadt am Meer spielt, spricht ein Suchender. Ein Skiunfall mit kompliziertem Beinbruch fesselt den Erzähler, elternlos und Lehrling bei Spörri & Co, ein paar Monate ans Krankenhausbett. Bald empfindet er die regungslose Rückenlage als Zustand des Glücks. Der Blick nach oben, ins Offene, begünstigt das Denken, und er begibt sich in das Labyrinth des eigenen Selbst. Da warten die rückbezüglichen Tätigkeitswörter, die ihn schon immer verwirrten, Erinnerungen an Kindernächte in der Höhle des Elternhauses, die Entdeckung der Welt. Und die der Liebe. Wenn sie erwacht, braucht sie einen Gegenstand, sonst ist sie für nichts. Allein, Katharinas Anrufe sind ausgeblieben. Die junge Frau aus besseren Kreisen, die wie er Kurse an der Volkshochschule belegt und engagiert über Eros diskutiert, sieht er erst am Tag seiner Entlassung wieder - ein denkwürdiger Tag, an dem nichts mehr ist, wie es vorher war.Ich unter anderem zieht mit langen, atmenden Sätzen, die an Camus erinnern, in den Bann. Die Modernität in Ton und Erzählung des erstmals 1957 erschienen Romans versetzt in Erstaunen, und man stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass eine solch hochinteressante literarische Stimme vollends in Vergessenheit geraten ist?

Fritz Meyer, 1914 in Zu?rich geboren, hielt sich schon wa?hrend seiner Ausbildung zum Sekundarlehrer an der Universita?t Zu?rich jeweils la?nger in London (1934) und Paris (1935, 1937) auf. 1937 trat er eine Stelle in Bassersdorf bei Zu?rich an. Wa?hrend der Kriegsjahre ha?ufige Einberufung zum Milita?rdienst. Im April 1946 gab er die Lehrta?tigkeit auf und ging, gemeinsam mit Isebies Chessex, die er 1949 heiratete, nach Paris. Hier konnte er sich dem eigenen Schreiben widmen und seine 1945 begonnene Rezensionsta?tigkeit fu?r die NZZ u.a. fortsetzen. 1954 erschien seine erste Vero?ffentlichung, Trois re?cits, auf Franzo?sisch bei den Editions de Minuit. 1957 folgte der Roman Ich unter anderem, 1958 der Erza?hlband Die Ero?ffnung des Denkmals, 1959 Cyrill suchen. Nach Aufenthalt in Ascona starb Fritz Meyer 1964 in einer Zu?rcher Klinik.
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I


Am Anfang des Jahres habe ich bei der Abfahrt von Haggenegg, kaum war ich am Kreuz vorbei, den linken Unterschenkel gebrochen. Auf dem Röntgenbild, wenn ich es gegen das Licht hielt, sah ich deutlich die beiden Knochen, das Schienbein und das dünnere Wadenbein, die sich der spiralförmigen Bruchfläche entlang um etwa zwei Zentimeter verschoben, wahrscheinlich durch Muskelzug, sodass an einen Gipsverband vorerst nicht gedacht werden durfte, sollte das Bein nicht kürzer bleiben, sondern der Fersenknochen mit einem rostfreien Draht durchbohrt werden musste, an den vermittels einer sinnreichen Vorrichtung, die dem erfindenden Chirurgen zu Ehren mit dessen Namen benannt ist, »Kürschner« oder »Kistner«, ich erinnere mich nicht, Gewicht angehängt werden kann, das den Zug der Muskeln ausgleicht und das Bein so lange streckt, bis die Knochenenden richtig zueinander stehen. So lag ich einige Wochen meist unbeweglich auf dem Rücken, das Bein von einem Gestell in der Höhe getragen, über die hinweg ich nicht sah, weil das Federbett weiß und steil vor meinem Gesicht sich aufrichtet.

Jener Tag war ein Sonntag gewesen, neblig und kalt, schon als ich frühmorgens aus der Stadt wegfuhr seltsam zögernd oder gar schleppend, als wolle er nicht werden, lange noch dunkel, und man saß bei der trüben Beleuchtung elektrischer Birnen schläfrig im warmen Abteil. Strich draußen ein Licht vorbei, beim Passieren eines Bahnhofs etwa, dann leuchteten am Fenster die Eisblumen auf, und man hatte alle Zeit, während der darauffolgenden Fahrt sich ihre Formen ins Bewusstsein zu rufen, um bei nächster Gelegenheit mit denen des Fensters sie zu vergleichen; stimmen die Bilder nicht überein, so ist der Grund hierfür auch darin zu suchen, dass, bis draußen das nächste Licht erscheint, die Blumen in der Winterluft sich wohl verändert haben.

Die Reise dauerte nahezu zwei Stunden; es wurde Tag unterdessen; der Kondukteur drehte die Lampen aus, einige spannten Seehundfelle unter ihre Skis oder klebten solche auf die Gleitfläche, solange man noch an der Wärme war und das Wachs sich verreiben ließ; die Scheiben blieben undurchsichtig, und nur wenn man dagegen hauchte oder die Fingerbeeren eine Zeit lang daranhielt, konnte man durch solche Taulöcher feststellen, dass draußen noch immer ein dichter Nebel stand.

Von einer bösen Vorahnung will ich nicht reden, obschon, wie ich später mit verdrehten Schenkeln im Schnee lag, ich mich darob nicht weiter verwunderte und diesen Unfall als durchaus programmmäßig empfand, umso mehr, als ich keinerlei Schmerzen verspürte und hingestreckt war wie zu einer freiwilligen Rast. Ganz ahnungslos, nur etwas verdrießlich über das unfreundliche Sonntagswetter stieg ich in der langen Kolonne, deren Spitze zu erreichen ich mich vergeblich bemühte, gegen den Berg, und auch jetzt schien mir, es wolle nicht werden, woran vor allem der Nebel Schuld trug, der jede Aussicht verschloss; man meinte, an Ort zu gehen. Eingeengt zwischen Vorder- und Hintermänner, konnte ich meinen gewohnten Schritt nicht finden und stolperte mehr, als dass ich voranglitt; so verließ mich ein gewisses Unbehagen während des ganzen Aufstieges nie, und wie nun der Wind mit zunehmender Höhe heftiger wurde, dass man zuweilen gar anhalten musste und sich abwenden, um den Atem zu finden, wodurch die Kolonne noch ärger ins Stocken geriet, der Hintere auflief, man gegen den Vorderen stieß, da wäre ich doch lieber zu Hause geblieben und am Nachmittag mit Katharina ins Kino gegangen, wo ich im Dunkel sie hätte umarmen können und abends dann heimbegleiten; an einen Unfall aber dachte ich nicht, nicht einmal bei dem Sturz, den ich, kaum war der Gipfel verlassen, über einen nur dünn verschneiten Baumstamm tat, wo ich doch sonst sturzfrei zu fahren gewohnt bin, da ich von Kindsbeinen an auf Skiern stand.

Auch andere stürzten; ich sah sie, während ich lag, aus dem Nebel auftauchen, ihre gespannten Gesichter, als blickten sie scharf nach gefährlichen Punkten, an mir vorbei in die Tiefe fahren und im Nebel wieder verschwinden; ich hörte Skis über Eisflächen kratzen und Rufe Hep! Hep!, von denen ich nicht wusste, woher sie kamen; zudem wurde die Sicht durch den beginnenden Schneefall noch schlechter. Ich beeilte mich, der Weg war mir wohlbekannt, er führte nun mäßig steil bis zum Kreuz, teils durch Pulverschnee, teils über verblasene Stellen, wo man die Kanten einschlagen musste, dann ging es in lichtem Wald talwärts, an Heuschobern vorbei, zwischen Zäunen hindurch; ich fuhr schnell und überholte die Zögernden, denen die Route unbekannt war, und fühlte, wie sie im Rücken sich in meiner Spur in den Nebel einwarfen. Und dann fiel ich vornüber, als ich für einen Augenblick zweifelte, ob rechts oder links (gradaus schien etwas Dunkles im Wege, es war ein Stall), und lag darauf mit verdrehten Skiern im Schnee, wusste auch sogleich, dass ich den linken Schenkel gebrochen hatte. Ich löste die Bindung, nahm den schweren Schuh in die Hände und legte ihn richtig; dann hatte ich nur noch zu warten, bis einer hinter mir aus dem Nebel kam. Es dauerte nicht lange; er fiel, ohne sich zu verletzen, wollte mir aufhelfen, aber das ließ sich nicht machen, und ich bat ihn, den Bewohner des nächsten Hauses zu benachrichtigen, den ich gut kannte, da ich jedes Jahr, nicht nur im Winter, ein paar Tage bei ihm verbrachte. Andere kamen vorbei, erkundigten sich und tauchten langsam und vorsichtig in den Nebel hinab; ich erkaltete mehr und mehr, auf dem Rücken liegend und mit dem zunehmenden Schneefall im ungeschützten Gesicht. Ich erinnere mich nicht, an Katharina gedacht zu haben, aber ich weiß noch, dass mich nach einem Körper verlangte, dass meiner vielmehr nach einem anderen unruhig wurde, nach einem tierischen, warmen, der ihn geborgen hätte.

Es dauerte nur zwanzig Minuten, wie ich später erfuhr, bis Helge mich holte, auf einen Schlitten lud und mich zum Haus hinab zog; nun schmerzte das Bein sehr, und als er mich auf den Armen die enge Treppe hinauftrug, da konnte ich es nicht mehr verbeißen und schrie. Helge legte mich auf ein Feldbett, das er im kleinen Zimmer neben der Stube für sich aufschlug, wenn über das Wochenende Gäste da waren, gab mir Zigaretten und löste den Schuh, während ich den Rauch so tief in mich einzog, dass mich ein leichter Schwindel befiel; später kam er mit einer hölzernen Schiene aus der Werkstatt zurück und band mit Schnüren das Bein daran fest. Essen mochte ich nicht, nur rauchen, und so lag ich eine unbestimmte Zeit zwischen Wachen und Schlaf; Helge fuhr ins Tal und telefonierte um einen Krankenwagen. Mittlerweile war aber ein Sturm losgebrochen, und man könne mich heute nicht mehr transportieren, sagte er, die Straßen seien verweht; er hätte mit den Bauern verabredet, dass für den nächsten Tag ein Pferdefuhrwerk bereitstehe und ein paar Männer mit Schaufeln; in Einsiedeln werde man mich in die Bahn verladen, und in Wädenswil stehe das Krankenauto bereit. So geschah es; am Montag um die Mittagszeit trug man mich in den Operationssaal unter den mitleidigen Blicken weiß gekleideter Schwestern; man entfernte die Schiene, fuhr mich ins Röntgenkabinett, und aufgrund des Bildes wurde dann der Draht durch den Fersen gebohrt und Gewicht angehängt.

Über Helge, der damals in den Vierzigern stand und schon seit Jahren dort in den Bergen hauste, ist viel gemunkelt worden. Niemand wusste genau, warum er aus Norwegen flüchten musste. Er lebte ganz allein in einem der Bauernhäuser, wie sie an jenen Hängen verstreut sind, trieb etwas Handel, hauptsächlich mit Petrol, das er fassweise kaufte und das von den Nachbarkindern in Bierflaschen bei ihm abgeholt wurde, sammelte Beeren und Pilze und führte eine Privatpension, die starken Zulauf fand, besonders im Winter, denn das Umgelände ist für den Skilauf günstig. Vorab junge Leute kamen dahin, um die Nacht auf den Sonntag in den kleinen Schlafzimmern zu verbringen, in die Helge mit ein paar Brettern das obere Stockwerk abteilte; am Morgen gab es eigen gebackene Brötchen und Konfitüre aus Bergbrombeeren; es war billiger als im Hotel und ungestörter. Katharina ist nie mit mir zu Helge gekommen; einmal war ich mit Gertrud hier über Nacht und bekam das Doppelbett, doch wir wussten beide nicht wie und vermieden am Sonntag, uns in die Augen zu schauen. Sonst schlief ich bei Helge, wenn ich da hinaufkam, um in den Felsen zu klettern oder Ski zu laufen; er hat nie etwas Böses an mir getan.

Das war in meinem achtzehnten Jahr, als meine Eltern schon gestorben und ich bei Spörri & Co. eben die Lehre antrat, abends auf der Volkshochschule Vorlesungen besuchte und dabei mit Katharina Bekanntschaft schloss. Ihr Vater war Bibliothekar, und sie gehörte den besseren Kreisen an, während ich aus armen Verhältnissen stammte, jedoch voll guten Willens, mich zu ihrer Höhe heranzubilden, nach der ich aufschaute. Was die Beziehung der Geschlechter betrifft, so hatte ich einiges von Helge vernommen, doch zeigte Katharina sich dermaßen abwehrend, wenn ich etwa auf dem Heimweg von der Volkshochschule im Schatten der Kastanien sie an mich zu drücken versuchte, dass ich bald davon abließ und nur weiter aufschaute zu ihr, sie begleitete bis ans Tor, im Kino einen Arm um ihre Schultern legte und in den Nächten, da ich mit Helge im Bett lag, mir vorzustellen versuchte, wie es sein müsste mit Katharina, jedoch mir nicht einmal ein Bild machen konnte davon, so wenig erfahren war ich. Nur was man im Strandbad, in Reklamen, reproduzierten Kunstwerken oder jenen meines früh verstorbenen Onkels an Weiblichem sah, war mir bekannt, und wenn ich auch aus belauschten Gesprächen bei Spörri & Co. oder früher, in der Schule, einiges gehört, dessen ich noch niemals ansichtig...


Meyer, Fritz
Fritz Meyer, 1914 in Zu¨rich geboren, hielt sich schon wa¨hrend seiner Ausbildung zum Sekundarlehrer an der Universita¨t Zu¨rich jeweils la¨nger in London (1934) und Paris (1935, 1937) auf. 1937 trat er eine Stelle in Bassersdorf bei Zu¨rich an. Wa¨hrend der Kriegsjahre ha¨ufige Einberufung zum Milita¨rdienst. Im April 1946 gab er die Lehrta¨tigkeit auf und ging, gemeinsam mit Isebies Chessex, die er 1949 heiratete, nach Paris. Hier konnte er sich dem eigenen Schreiben widmen und seine 1945 begonnene Rezensionsta¨tigkeit fu¨r die NZZ u.a. fortsetzen. 1954 erschien seine erste Vero¨ffentlichung, Trois re´cits, auf Franzo¨sisch bei den Editions de Minuit. 1957 folgte der Roman Ich unter anderem, 1958 der Erza¨hlband Die Ero¨ffnung des Denkmals, 1959 Cyrill suchen. Nach Aufenthalt in Ascona starb Fritz Meyer 1964 in einer Zu¨rcher Klinik.



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