E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Meyer Im Schatten des Doms
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86358-703-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-86358-703-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Barbara Meyer, Jahrgang 1948, in Paderborn aufgewachsen, studierte dort Mediävistik und Allgemeine Literaturwissenschaften. Sie lebt seit fünfundzwanzig Jahren unterhalb des Paderborner Doms und ist Autorin für Regional- und Familiengeschichte.
Autoren/Hrsg.
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AM TAG DES HEILIGEN NIKOLAUS
6.Dezember
Nikolaus von Myra (4.Jahrhundert) ist der Schutzheilige der Kinder, aber auch der Apotheker, Bäcker, Kaufleute, Notare, Metzger, Seeleute, Bierbrauer, Fischer, Pilger und Reisenden. Er wird angerufen für die Befreiung aus der Gefangenschaft, gegen Diebstahl, falsches Urteil und für die Wiedererlangung gestohlener Sachen.
Diether! Diether! Diether!«
Die kleine Nichte hatte Johannas Hand losgelassen und stolperte ihm über den uneben gepflasterten Dielenboden entgegen. Sie sprach noch kaum ein deutliches Wort außer seinem Namen, den sie deshalb begeistert und beharrlich wiederholte.
Der junge Dr.Meschede, Anwalt ohne Erfolg und Ratsherr ohne Einfluss, verzog das Gesicht. Geschrei hatte er genug gehört, der Kopf schwirrte ihm davon. Bedeutungsvolles Geschrei, das ja, mit großen Folgen und manchem Risiko. Jeder hatte zu Wort kommen wollen. Wichtigtuerisches Getöse, das kein Ende nahm.
Er hängte den nassen Umhang über die Herdumrandung, um die letzte Wärme einzufangen. Seine fürsorgliche Schwester nahm ihm den weißen Spitzenkragen ab, den er nur zur Ratssitzung trug, und verwahrte ihn sorgsam. Auch das enge Wams legte er ab und zog den warmen Hausrock über Unterzeug und Kniehosen. Jetzt freute er sich auf einen ruhigen Abend im Kreis der Familie, was Katrinchen wenig kümmerte.
»Wenn sie weiter so kreischt, vertreibt sie jeden Diether, der ihr jemals über den Weg läuft«, knurrte er mit finsterer Miene.
»Das ist ihr egal, sie will nur dich«, sagte Johanna lachend und ging ihm voraus. Sie kannte den kleinen Bruder gut genug, um seinen Unmut nicht ernst zu nehmen.
Mit dem immer noch »Diether« rufenden Katrinchen auf dem Arm betrat er die Wohnstube seiner Eltern, wo ihm fünf Köpfe erwartungsvoll zugewandt waren.
»Hast du gesprochen?«, erkundigte sich die Mutter, kaum dass er sich einen Platz am Kamin gesucht hatte.
»Danke der Nachfrage, liebe Mutter, es geht mir gut«, entgegnete er flachsend. In ihr unzufriedenes Gesicht hinein fuhr er ungerührt fort: »Draußen pfeift der Wind, und es schneit immer noch. Inzwischen ist kaum noch durchzukommen, und ich bin froh, dass ich nicht in einer Schneewehe versunken bin.«
Altklug mischte sich Gese ein. »Was das nur wieder werden soll! Es schneit seit Tagen und ist doch eigentlich viel zu kalt dafür.«
Auf die kleine Magd war Verlass. Als Schäferstochter fühlte sie sich gefordert mitzureden, sobald jemand über das Wetter sprach. Wie der mürrische, aber herzensgute Knecht Henrich gehörte sie zur Familie und konnte sich manche Freiheiten herausnehmen, obwohl sie im katholischen Paderborn christliche Demut lernen sollte.
Die Mutter soll ruhig warten, sagte er sich. Die Neuigkeiten aus dem Rathaus würde er ohnehin erst bekannt geben, wenn er mit Vater und Schwager allein war. Sie interessierte sich vor allem dafür, wie ihr Sohn geglänzt hatte; die Beschlüsse mit ihren Folgen und Kosten waren ihr einerlei.
Gese betete allerlei Wetterzeichen her, die einen harten Winter vorausgesagt hatten. Sie ignorierte die giftigen Blicke der Hausfrau und genoss die unverhoffte Aufmerksamkeit des jungen Herrn. »Und außerdem spukt immer noch das Böse in der Feldmark herum. Das Wetter ist verhext, und das liegt nur an den Jesuiten«, behauptete sie, ernsthaft mit dem Kopf nickend.
Für Gese zog der ungesühnte Tod des Wanderdoktors, dessen Mörder die Jesuiten im letzten Sommer entkommen lassen hatten, alles seitherige Unheil und auch das schlechte Wetter nach sich. Trotz ihrer Herkunft aus dem kalvinistischen Büren ist sie ganz schön abergläubisch, dachte Diether. Bis zu den Schäfern auf dem Feld schien sich die neue Lehre nicht herumgesprochen zu haben. Ihr ohnehin rosiges Gesicht unter den hellen Flechten glühte vor Eifer.
Belustigt gab er zurück: »Wie du von jedem Wind auf die Jesuiten kommst, ist geradezu unheimlich. Bei aller Düsternis um sie herum hat man von schwarzer Magie nun doch noch nichts gehört.«
»Hört jetzt auf! Über die Brüder Jesu macht man keine Späße«, warf die Mutter tadelnd ein.
Auch sie verpasste ihr Stichwort nie.
Hilflos wandte sie sich an ihren Mann. »Willst du etwa nicht hören, wie der Magistrat entschieden hat?«
»Das kann warten«, brummte der Vater vom Tisch her, wo er mit Johannas Ehemann Sieghart über den Abrechnungen saß. Gutmütig zwinkerte er dem Sohn zu und bedeutete seiner Frau: »Lass den Jungen erst mal nach Hause kommen. Hat er überhaupt schon zu Abend gegessen?«
Maulend stand Gese auf.
»Lass gut sein, Vater.« Diether hielt sie zurück. »Wir haben üppig getafelt. Schließlich gab es einen Beschluss zu feiern, der einigen viel Geld bringen wird. Der arme Brabeck musste, obwohl er kaum noch laufen kann, viele Krüge schleppen. Wie er es schafft, sich bei dem Gerenne selbst dermaßen zu betrinken, ist mir ein Rätsel.«
Müde vom reichlich genossenen Wein lehnte er den Kopf gegen die gekachelte Ofenwand. In der behaglichen Wärme entspannte er sich, doch seine Gedanken wanderten zu den Vorkommnissen des Abends zurück. Es war gelaufen wie erwartet. Der vom Bischof geforderte, dennoch lang diskutierte Beschluss war gefasst worden. Anderes war nicht erledigt worden. Heinrich Westphal, als Amtmann des Bischofs mit der Aufsicht über die städtischen Angelegenheiten betraut, hatte wie so oft gefehlt, und so konnte wieder nicht über die längst fällige Abschaffung der bürgerlichen Stadtwachen abgestimmt werden. Das ärgerte Schwager Sieghart, der regelmäßig auf der Mauer Wachdienst zu leisten hatte.
In Paderborn gingen die Uhren langsamer als anderswo, das hatte Diether inzwischen gelernt. In den Städten, die er auf seinen Studienreisen besucht hatte, wehte ein schnellerer Wind. Schon an der Sprache hatte er es gemerkt: Je weiter er nach Süden kam, umso geschwinder waren die Leute mit dem Wort, und ihm war es erschienen, als ob viele auch schneller dächten. Ganz anders seine Ratsgenossen, die in ihrem gemächlichen Bauernplatt Ewigkeiten brauchten, um einen Satz herauszubringen. Nur im Streit waren sie flink, da flogen die Worte so rasch hin und her, dass Diether sich wünschte, der Eifer käme auch einmal dem Stadtwesen zugute.
Anderswo bewachten seit Langem bezahlte, gut ausgebildete Kriegsknechte die Stadtmauern. In Paderborn machten das immer noch die Bürger selbst, obwohl kaum jemand gelernt hatte, mit Spieß und Schwert zu kämpfen oder gar mit Kanonen zu schießen. Auch Diether nicht. Sein Fach war die Verteidigung des Rechts, dazu brauchte man eine spitze Zunge, und die hatte er von der Mutter geerbt. Sie hielt sich viel darauf zugute, in der Stadt aufgewachsen zu sein und sich – anders als die maulfaulen Bauern, wie sie gern sagte– einer Städterin gemäß auszudrücken. Sogar zu schreiben und zu lesen hatte sie gelernt, was nicht einmal unter den wohlhabenden und hochnäsigen Paderbornerinnen weit verbreitet war.
Bisher allerdings hatte ihm sein Wortwitz wenig geholfen, da die älteren Magistratsherren den Grünschnabel kaum ernst nahmen. Vorgeschlagen vom Bruder der Mutter, dem bischöflichen Rentmeister Antonius Barcholt, war der junge Advokat am letzten Silvesterabend auf Anhieb in den Rat gewählt worden, was ihn selbst nicht wenig überrascht hatte. Doch hörte ihm kaum jemand zu, wenn er – selten genug– zur Sache sprach, und noch nie hatte der Stadtsekretär seine Ausführungen im Ratsbuch festgehalten.
»Hat Dorbecher es aufgeschrieben?«, erkundigte sich die Mutter jedes Mal, wenn er über seine Reden berichtete, und war enttäuscht, wenn der Sohn wieder nicht in die Annalen der Stadt eingegangen war.
Für heute hatte sie es wohl aufgegeben, etwas aus ihm herauszubekommen. Gefolgt von Johanna und der Magd, verließ sie mit Katrinchen auf dem Arm die Stube, um noch ein wenig für die Familie zu beten, wie sie es nannte.
Klang da etwa ein Vorwurf mit?
***
Missmutig stand Margret Meschede am Fenster ihrer Schlafkammer. Draußen trieb immer noch der Schnee vorbei und türmte in den Hofecken schroffe Hänge auf. In welligen Hügeln lag er auf der Hoffläche, aus Richtung des Stalls durchzogen von einem schwarzen Jaucherinnsal. Wie so oft folgte sie ihm mit den Augen, bis es unter der Mauer verschwand, wo ein Durchlass es dem Graben entlang des Wegs vor ihrem Haus zuführte.
Wenn nur alle Ärgernisse so leicht verschwänden! Ihre vorlaute Magd beispielsweise. Bei jeder Gelegenheit musste sie ihre ketzerischen Ansichten zum Besten geben, und ihr wohlerzogener Sohn lachte noch darüber. Hatten sie ihn dafür studieren lassen?
Natürlich waren nicht die Patres schuld am schlechten Wetter, dachte sie empört. Wenn Gott die Stadt strafen wollte, dann für ihren Abfall vom rechten Glauben, und eben den wollten die heiligen Brüder in der Stadt wieder verbreiten. Was ihnen schwer genug gemacht wurde: Jeden frühen Sonntag sah sie mit eigenen Augen die Kutschen der irrgläubigen Familien zum Gottesdienst ins protestantische Lippstadt fahren. Sie hatte Pater Bodo, ihrem stattlichen Beichtvater und väterlichen Freund, schon oft davon erzählt, was schließlich ihre Christenpflicht war.
Sie ließ den Vorhang fallen und trat ins Zimmer zurück. Mit ungeduldigen Fingern zerrte sie die Haube vom Kopf, hängte sie dann aber sorgfältig auf den Haken. Erlöst ließ sie das schwere dunkle, von nur wenigen grauen Fäden durchzogene Haar fallen. Dann band sie die wattierten Hüftpolster unter dem Rock los und legte sie in die Truhe, damit Johann sie nicht zu Gesicht bekam.
Ächzend ließ sie...




