E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Meyer Wo Ist Die Zeit Geblieben?
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-98551-373-4
Verlag: NIBE Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Autobiografie - Man spricht so schnell von Ewigkeit Und dann war's nur ein Flügelschlag im Wind Was gestern Zukunft war Ist morgen Schnee vom letzten Jahr Wenn die erste Einsamkeit beginnt
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-98551-373-4
Verlag: NIBE Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Willi Meyer heißt der Junge aus dem Duisburg-Hamborner Arbeiter Milieu mit diesem erstaunlich abwechslungsreichen Lebensweg, auf den er den interessierten Leser hier gerne mitnimmt.Man erfährt so einiges. Dinge, die selbst manch guter Freund nicht kennt. Seine relativ harte Kindheit, die aufkeimende Liebe zur Musik mit eigenen gehaltvollen Texten in Deutsch und englisch. Seine Wirkung bei den Schönsten der Schönen. Doch die größte Liebe ist und bleibt seine Gitarre neben zehn bis zwanzig anderen Dingen, die das Leben interessant machen!Der Leser wird eingeladen, ihn zu begleiten. Von der Kindheit, über den langen Weg von seinen ersten eigenen Songs in einer Schülerband bis hin zur Teilnahme am Knokke-Musik Grand Prix.Er sang einen seiner Songs begleitet vom belgischen Rundfunkorchester und einen solo zur Gitarre. Auf Veranstaltungen aller Schattierungen, in Tonstudios, in Aufnahme- und Proberäumen, auf Großveranstaltungen und nicht zuletzt in diversen Rundfunk- und Fernsehsendungen spielte er seine Musik.Ungezählte Mitstreiter haben mit ihm musiziert, aus aller Herren Länder und aus Duisburg, denn die Heimat hat er nie verleugnet und durch seine über 35-jährige Leitung des Duisburg-Hamborner Kulturzentrums ' kulturiges ' bereichert.Man könnte hier noch viel schreiben, über seine Beziehungen zu bekannten Prominenten, seine Freundschaften, seine Gegner und Kritiker, seine Erfolge und Misserfolge, über körperliches und seelisches, heimliches und unheimliches doch das alles gehört ins Buch und ist wirklich echt lesenswert.
Ab 1953 musste man mit ihm rechnen. Sei es später als gefragter Amateurfußballer, bei der Komposition einer Symphonie für 18 Nadeldrucker im Büro der damaligen ATH-Verwaltung oder eben an seiner Gitarre als Singer-Songwriter.Individuell und originell sind und waren seine Ideen, die meist alt eingefahrene Gleise der Gewohnheit verlassen, um die Weichen neu zu stellen. Egal, ob in der Musik, oder im 'normalen' Leben.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Kindheit »Gotta know« Es ist ganz still und dunkel. Zum allerersten Mal kann ich sie sehen, – die Milky Way – die Milchstraße. Ein seltsames Gefühl. Die Berge von Randa erscheinen vom Dach wie kleine Hügel, die sie ja auch sind, und nie konnte ich vom Kloster aus, meine Finca sehen, obwohl man von hier aus das Kloster deutlich erkennen konnte. Heute war ein schöner Tag und die Abendluft total klar. Ich war noch lange im Studio, wie immer, und dann bin ich auf das Dach gegangen. Der Sternenhimmel war wie ein Magnet. Wenn man so nach oben schaut, glaubt man irgendeine Wölbung zu erkennen. Ich schloss meine Augen und öffnete sie wieder ganz schnell. Es war so, als ob sich die Sterne bewegen würden, und dann ganz plötzlich erkannte ich die Milchstraße, ich war mittendrin. Ich schloss meine Augen und hörte Schreie, plötzlich war ich wieder dort – in dem kleinen Zimmer … der kleine, ängstliche Junge und meine Gedanken zogen mich fort in meine Kindheit. Es war dunkel und eigentlich ganz leise. Und trotzdem dröhnte es in meinem Kopf. Ich hatte mir beide Ohren mit den Händen fest zugehalten. Zum einen wollte ich nicht hören, was draußen geschah, und zum anderen liebte ich diesen spannenden, seltsamen Sound, der sich ergab, wenn man ganz fest die Hände gegen die Ohren drückte. Ich hatte das entdeckt und niemandem verraten. Genauso wie das Geheimnis mit den Farbenspielen, die sich ergeben, wenn man ganz fest die Augen zusammendrückt. Auch meinen besten Freunden hatte ich dieses Geheimnis nicht preisgegeben. Seltsamerweise wussten es dann später doch alle. Ich lag also in meinem Bett und so sehr ich auch auf die Ohren drückte, ich hörte das Geschrei aus dem Wohnzimmer. Ich hatte Angst und wollte eigentlich weinen, aber es gelang mir nicht. Das letzte Mal hatte ich geweint, als ich bei Nebel zum Kindergarten allein gehen wollte, und plötzlich, als ich mich umdrehte, war unser Haus samt der ganzen schäbigen Siedlung weg, einfach verschwunden. Ich hätte mich ja freuen können, aber egal wie schlecht es einem dort geht, wo man sein zu Hause vermutet, niemand will es wirklich verlieren. Ich rannte schreiend und weinend in die Richtung zurück, aus der ich gekommen war. Und plötzlich war alles wieder da – das Haus, die Siedlung – grausam und doch schön. Später schrieb ich mal in einem Song: Ganz schön kaputt – und doch ein Teil von mir – ganz schön kaputt – und trotzdem bleib ich hier. Vielleicht habe ich schon damals so gedacht. In dem Moment, in dem ich meine Geschichte beginnen will, wollte ich weinen und konnte es nicht. Wollte weg und traute mich nicht. Ich war ohnmächtig, eben ohne Macht. Ein grausames Gefühl. Ich hörte, wie meine Mutter weinte, mein Vater schrie und Geschirr auf den Boden knallte. Ich löste mich von meiner Soundwelt und den Farben in meinem Gehirn, indem ich die Hände von den Ohren nahm und die Augen ganz weit öffnete. »Du blöde Hure, ich habe schon seit drei Tagen nichts mehr gegessen!« Ich wusste nicht genau, was Hure bedeutete, aber ich wusste, dass es meiner Mutter sehr weh tat. Und ich wusste auch, dass wenn Vater dieses Wort in den Mund nahm, es kurz vor dem GAU war. Meine Mutter 1955 Mutter war dann so verletzt, dass sie sich nicht mehr zusammenreißen konnte. Eines hatte Vater wirklich nie gemacht, er hatte sie nie so richtig geschlagen, aber seine verbalen Angriffe, obwohl er nicht gerade ein Meister der Wortkunst war, die saßen. Und wenn es dann mal sein musste, gab es auch den einen oder anderen Tritt und mal ’ne Ohrfeige oder der Besenstiel, mit dem meine Mutter auf ihn einschlagen wollte, wurde ihr entwunden und zerbrach auf ihrem Rücken oder auf den Unterarmen, die sie schützend vor ihr Gesicht hielt. Meine Mutter war eine gute Beschützerin. Sie hatte es all die Jahre ausgehalten. Mit diesem Mann, – unserem Vater, – den ich über alles hasste, dem ich, solange ich denken konnte, den Tod gewünscht hatte. Nur einmal, ich war in so einer Kur für Kinder mit Untergewicht, gesponsert vom Bergbau und der Kirche, hatte ich Heimweh. Die grausamen Schwestern zwangen mich, Käse zu essen, den ich damals verabscheute. Ich saß noch bis weit nach Sonnenuntergang allein im Speisesaal. Ich versuchte wirklich, den Käse zu essen, aber jeder Bissen kam mir hoch, ich würgte und das empfanden die Nonnen als persönlichen Angriff: »Der tut doch nur so. Bleibt er eben die ganze Nacht sitzen!« Ich litt fürchterlich und sah auch keine Lösung. Die anderen hatten mitbekommen, dass ich den Käse nicht mochte und deshalb sitzen bleiben musste – es waren wohl Stunden, aber ich blieb hart. Dann kam eine Putzfrau, glaube ich und nahm den Käse, warf ihn in ihren Abfalleimer und sagte: »Verschwinde!« Die kannte dieses Prozedere und die Nonnen wohl in- und auswendig. Ich rannte in den Schlafsaal und heulte, – dann schrieb ich einen Brief, – ich sehnte mich nach Hause, – hier war die Hölle, – ich musste Käse essen. Ja, die Hölle wird manchmal auf seltsame Weise definiert. Auf jeden Fall machte ich alle Liebeserklärungen der Welt an meine Eltern, nur damit sie mich holen sollten oder so – auch an meinen Vater. Es klappte aber nicht. Ich hatte danach keinen leichten Stand bei den Nonnen, denn die Briefe wurden natürlich gelesen und gottesfürchtig, wie sie nun mal waren, sprachen sie mich darauf an. Sie hätten die Briefe nur gelesen, um mich vor unüberlegten Handlungen und Aussagen zu bewahren. Na ja, auf jeden Fall haben meine Eltern den Brief bekommen. Besonders mein Vater war beeindruckt und hielt mir bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit vor, dass ich mal an den Brief denken sollte. »Ja, ja, da hast du nach mir geschrien und jetzt bist du wieder bockig!« Ich weiß nicht, warum, ich konnte schon damals nicht mit ihm reden. Zurück zu den Nonnen. Erst als das Abschlussspiel der Kur eine Theatervorführung vor der Tür stand »Die sieben Schildbürger« oder so – die den Hasen erlegten, – erst als ich darin quasi die Hauptrolle übernahm, weil ich ja so schön singen konnte, wurde ich akzeptiert. Der Aufenthalt dauerte aber nur noch eine Woche und die blieb dann »käselos« für mich. Ich wollte auch nicht mehr nach Hause, – dort wollte ich noch nie sein und nun war ich wieder zurück. Vater drehte heute extrem auf. Das war immer dann so, wenn er bei seiner Familie, einer stadtbekannten wilden Horde, alles echte Meyers war, und sie den kleinen Willi, so nannten sie ihn, aufgehetzt hatten. Ich glaube nicht, dass sie meine Mutter nicht mochten. Aber sie war ihnen unheimlich. Sie machte immer alles sauber, kochte jeden Tag, ganz egal was, trank nicht, rauchte nicht, vögelte nicht herum und verdiente mit ihrer Näherei sogar mehr als mein Vater, der, oh Wunder, zumindest regelmäßig arbeitete. Auf diese Tatsache wies er auch immer wieder hin, denn er war ja anders als die anderen seiner Familie. Diese Anderen hatten ihm wohl diesmal wieder so richtig klargemacht, dass ein Mann ein Mann sein muss. Was immer das heißt. Komischerweise dachten auch die Frauen so. Mal ein blaues Auge – egal – die Hauptsache, man hatte einen Mann und zu dem musste man stehen. Der Alkohol spielte hier keine große Rolle. Niemand war davon abhängig, – natürlich nicht. Die Mutter meines Vaters, also meine Oma, hatte da ihre eigenen Theorien. Sie nannte es Medizin und trank morgens auch keinen Alkohol, sondern »Underberg«. Eine kleine Flasche in einer echten Flaschenform fast schon wie eine Wein- oder Schnapsflasche. Ich glaube, dass es dieses hochprozentige Kräuterzeug heute noch gibt. Das braune Papier, der Kopf der Papierpackung wurde mit einer professionellen Handbewegung abgedreht und lag dann auf der Kolpingstraße – in den Wohnungen dort fast in jeder Ecke. Irgendwie sahen sie aus wie später die Weinflaschen, die man als kleines Hallo-Geschenk auf Partys und so mitnahm – nur eben viel kleiner. Darunter wurde dann der rote Drehverschluss sichtbar. Alkohol als Medizin getarnt! Und der half ihnen über den Morgen – aber nicht meinem Vater. Schnaps war für ihn tödlich oder aber für die anderen – es gab von Jahr zu Jahr auffallend weniger Meyer – auffallend! Es wurde immer lauter. Ich stieg aus dem Bett und öffnete vorsichtig die Tür. Diese Tür, die Vater schon so oft eingetreten hatte, wenn wir uns im »Kinderzimmer« eingeschlossen hatten. Das Kinderzimmer war der kleinste Raum in der sechzig m² Wohnung. Erst viel später gingen die jungen Eltern dazu über, den Kindern das viel größere Schlafzimmer zu überlassen und selbst im sogenannten Kinderzimmer einzuziehen. Unser Kinderzimmer war genau zwei mal vier Meter groß. Es hatte sich im Laufe der Zeit zu einer Festung entwickelt. Zwar sehr schwach, aber eben doch zu »unserer Festung«. Schon als meine älteren Brüder noch im Haus waren, aber noch stärker, als der Nachkömmling Willi allein zu Hause war. Es war schrecklich, aber Vater respektierte diesen Raum, wenn er durchdrehte. Aus demonstrativen Gründen trat er zwar immer wieder mal die Tür ein, erkannte diesen Raum aber als Hoheitsgebiet an. Der Türrahmen, – die Tür ging nach innen auf, – sah dementsprechend aus. Immer wieder wurde er notdürftig repariert. So schlecht, dass die Tür nicht mehr zu verschließen war. Es war sogar schon schwierig, sie überhaupt zu schließen. Und trotzdem – einmal zu den Schlüssel umgedreht, schon war man für eine Zeit in Sicherheit. Es war eine Angst, die mich damals oft lähmte. Sie begann mit wachen Stunden, immer auf Geräusche lauschend, die den besoffenen Vater...




