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Meyrink / Frenschkowski | Des deutschen Spießers Wunderhorn | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 448 Seiten

Reihe: Die kommentierte Meyrink-Ausgabe

Meyrink / Frenschkowski Des deutschen Spießers Wunderhorn

Novellen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8438-0469-1
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Novellen

E-Book, Deutsch, Band 2, 448 Seiten

Reihe: Die kommentierte Meyrink-Ausgabe

ISBN: 978-3-8438-0469-1
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Was muss man nicht alles tun, wenn man nun schon einmal unter Orang-Utans leben muss?' Meyrink, Des deutschen Spießers Wunderhorn Mit beißender Ironie widmet sich Gustav Meyrink in der Novellensammlung 'Des deutschen Spießers Wunderhorn' den Auswüchsen der Gesellschaft seiner Zeit. Seine Kritik an unterschiedlichsten sozialen Schichten macht deutlich, dass sich seine Genialität nicht nur im Genre des Phantastischen und des Übersinnlichen bewegt. Zwar trifft der Leser auch im 'Wunderhorn' auf beide Elemente, die Meyrink späterhin am meisten ausmachen, doch soll er hier weniger den Schatten und den Nebel fremder Realitäten fürchten und erleben, sondern vielmehr die Absurditäten des Menschseins. Wie bereits im 'Golem', dem ersten Band unserer kommentierten Meyrink-Ausgabe, ist auch in 'Des deutschen Spießers Wunderhorn' häufig die Stadt Prag Schauplatz des oft absurden, hin und wieder unheimlich-übersinnlich anmutenden Geschehens seiner aus Parodien, Satiren und Kurzgeschichten bestehenden Novellensammlung. Meyrink zeigt sich hier deutlich lebensnah und doch gleichzeitig über der Lebenswelt schwebend, deren dunkle Ecken und Nischen aufdeckend und verlachend, während die eine Hand doch mahnend den Zeigefinger hebt. Denn der Spießer jeglicher sozialer Schichten betrügt sich selbst, indem er mehr den Schein als das Sein lebt, was auf Dauer nicht gut gehen kann.

Gustav Meyrink (eigentlich Gustav Meyer) kam am 19. Januar 1868 als unehelicher Sohn eines württembergischen Staatsministers in Wien zur Welt. Nach der Aufgabe seiner geschäftsführenden Tätigkeit in einem Prager Bank- und Wechselgeschäft lebte er ab 1905 als freier Schriftsteller in München. Meyrink gilt vor allem für seine Romane 'Der Golem', 'Das grüne Gesicht' und 'Der weiße Dominikaner' als absoluter Klassiker der phantastischen Literatur. Er starb 1932 in Starnberg. Prof. Dr. Marco Frenschkowski, geb. 1960, ist Professor für Evangelische Theologie an der Universität Leipzig (Neues Testament). Als Religionswissenschaftler hat er zahlreiche Bücher und Studien zu antiker und moderner Religion publiziert. Außerdem ist er Herausgeber von kommentierten Ausgaben klassischer phantastischer und imaginativer Literatur. Im marixverlag sind von ihm u. a. erschienen: 'Heilige Schriften', 'Die Hexen', 'Mysterien des Urchristentums'; dazu zahlreiche Herausgeberschaften, u. a. zu: 'Die magischen Werke' von Agrippa von Nettesheim, James Webbs 'Die Flucht vor der Vernunft' und 'Das Zeitalter des Irrationalen'.
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Weitere Infos & Material


DAS AUTOMOBIL
DAS DICKE WASSER
DER OPAL
DAS GEHEIMNIS DES SCHLOSSES HATHAWAY
DAS WILDSCHWEIN VERONIKA
IZZI PIZZI
DIE ERSTÜRMUNG VON SERAJEWO
BAL MACABRE
HONY SOIT QUI MAL Y PENSE
BLAMOL
DER SATURNRING
DAS GEHIRN
DER BUDDHA IST MEINE ZUFLUCHT
DIE WEISHEIT DES BRAHMANEN
DAS WACHSFIGURENKABINETT
SCHÖPSOGLOBIN
BOLOGNESER TRÄNEN
DER MANN AUF DER FLASCHE
WOZU DIENT EIGENTLICH WEISSER HUNDEDRECK?
TSCHITRAKARNA, DAS VORNEHME KAMEL
DIE URNE VON ST. GINGOLPH
DR. LEDERER
DAS PRÄPARAT
DAS BUCH HIOPP
COAGULUM
"DAS GANZE SEIN IST FLAMMEND LEID"
DER TOD DES SELCHERS SCHMEL
HILLIGENLEI
"KRANK"
DAS VERDUNSTETE GEHIRN
TUT SICH - MACHT SICH - PRINZESS
DAS FIEBER
DER HEISSE SOLDAT
DIE PFLANZEN DES DR. CINDERELLA
MONTREUX
PRAG
DER ALBINO
DAS - ALLERDINGS
CHIMÄRE
DIE GESCHICHTE VOM LÖWEN ALOIS
OHRENSAUSEN
DER VIOLETTE TOD
PETROLEUM, PETROLEUM
DIE KÖNIGIN UNTER DEN BREGEN
DER WAHRHEITSTROPFEN
BOCKSÄURE
DIE SCHWARZE KUGEL
DER SCHRECKEN
DER FLUCH DER KRÖTE - FLUCH DER KRÖTE
DER UNTERGANG
JÖRN UHL
EINE SUGGESTION
G. M.

HINTER DER WIRKLICHKEIT: SATIRE UND MYSTIK BEI GUSTAV MEYRINK: NACHWORT VON MARCO FRENSCHKOWSKI


DAS AUTOMOBIL


»Sie erinnern sich meiner wohl gar nicht mehr, Herr Professor?! Zimt ist mein Name, Tarquinius Zimt; vor wenigen Jahren noch war ich Ihr Schüler in Physik und Mathematik –«

Der Gelehrte drehte die Visitenkarte unschlüssig hin und her und heuchelte verlegen eine Miene des Wiedererkennens.

»– und da ich gerade durch Greifswald komme, wollte ich die Gelegenheit, Ihnen einen Besuch abstatten zu können, nicht versäumen –«

(Einige Minuten verstrichen in peinlichem Stillschweigen.) »– – ehüm – – – nicht versäumen …«

Mißbilligend musterte der Professor den Lederanzug des jungen Mannes. »Sie sind wohl Walfischfänger?« fragte er mit leisem Spott und tippte seinem Besuch auf den Ärmel. »Nein, Automobilist; ich selbst habe die bekannte Automobilmarke ›Zimt‹ – – –«

»Also Schauspieler!« unterbrach ungeduldig der Gelehrte; »aber weshalb haben Sie da früher Physik und Mathematik studiert? Wohl umgesattelt, junger Freund, umgesattelt!? Nun sehen Sie!«

»Aber keineswegs, Herr Professor, keineswegs. Im Gegenteil. Sozusagen im Gegenteil! Ich bin Konstrukteur von Automobilen, – – von Motoren, – von Benzinmotoren, – Ingenieur – –!«

»Ah, Sie stellen die Phantasiebilder für die Kinematographen zusammen, ich verstehe. Aber das kann man doch nicht Ingenieur nennen!«

»Nein, nein, ich baue selber Automobile. Oder Kraftfahrzeuge, wenn Ihnen dieses Wort lieber ist. Wir verkaufen jährlich bereits – – –«

»Ich darf beide Namen, mein lieber Herr Zimt, Automobil und Kraftfahrzeug, nicht gelten lassen, denn weder kann so eine Maschine sich vom Fleck fortbewegen – diese Bedeutung soll doch wohl im Worte Automobil liegen –, noch ist aus demselben Grunde der Ausdruck Fahrzeug zulässig«, sagte der Gelehrte.

»Wie meinen Sie das: ›kann sich nicht vom Fleck fortbewegen‹? Vielleicht nur noch zehn Jahre, und wir werden überhaupt kein anderes Landfuhrwerk mehr bentzen. Fabrik um Fabrik wächst aus dem Boden, und wenn es auch vielleicht in Greifswald noch kein Automobil gibt, so – – –«

»Sie sind ein Phantast, junger Mann, und verlieren den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen! Frönen Sie wohl gar dem Spiritismus? In der Tat wohl das bedauerlichste Zeichen unserer Zeit, immer wieder das Gespenst des Perpetuum mobile unerfreulicherweise sein häßliches Haupt erheben sehen zu müssen. Rein als ob die Lehrsätze der Physik gar nicht existierten. Traurig, fürwahr sehr traurig! Und auch Sie, obschon noch vor wenigen Jahren mein Schüler, konnten den klaren, besonnenen Weg unserer Wissenschaft verleugnen, um den schwülen Fieberphantasien roher, gedankenloser Empirie nachzujagen! Nun ja, mag wohl das heutige Treiben der Großstadt erschlaffend auf die Denkkraft unserer Jugend wirken, aber bis zum krassen Aberglauben, bis zur Wahnidee, man könnte mittels Benzinmotoren einen Wagen von der Stelle bewegen, ist denn doch ein gewaltiger Schritt. So sollte man wenigstens glauben!« Und erregt putzte der Gelehrte seine Brillengläser.

Tarquinius Zimt war fassungslos.

»Aber um Gottes willen! Herr Professor! Sie werden doch nicht die Existenz der Motorwagen leugnen wollen. Heute, wo bereits viele Tausende im Verkehr sind! Wo jeder Monat eine Neuerung brachte. Ich selber bin doch mit meinem Automobil, einem fünfzigpferdekräftigen ›Zimt‹, den ich selber konstruiert und gebaut habe, von Florenz hierher gefahren! – Wenn Sie einen Blick aus dem Fenster werfen wollen, können Sie es vor dem Haustor stehen sehen. Um Gottes willen! Ich sage nur: um Gottes willen!«

»Junger Freund, omnia mea mecum porto, wie der Lateiner so trefflich sagt. Ich sehe keinen zureichenden Grund, aus dem Fenster zu blicken; und weshalb auch – trage ich doch den alles umfassenden mathematischen Verstand stets in mir. – Dem schwankenden Boden der Sinneswahrnehmung sich anvertrauen? Sagt mir nicht mehr – mehr, als die Sinne je vermögen – die schlichte Formel, die jedes unmündige Schulkind begreift, – gewiß sind Sie ihrer noch aus der Studienzeit froh eingedenk! – die Formel:

und so weiter! Nun sehen Sie!«

»Das hilft nun aber alles nichts«, antwortete gereizt der Ingenieur, »denn ich selber bin mit meinem Automobil von Florenz bis Greifswald – bis vor Ihr Haus gefahren!«

»– und wenn selbst die zitierte Formel nicht wäre«, fuhr der Gelehrte unbeirrt fort, »deren Ergebnis hinsichtlich des sogenannten zylindrischen Zapfens gewiß das noch günstigst zulässige ist, indem die mit der Verminderung des Umschlingungsbogens der Lagerschale verknüpfte Steigerung der Flächenpressung nicht auf eine Erhöhung von hinwirkt und, insoweit sie überhaupt zulässig erscheint,

den Aufwand zur Überwindung der Reibung bei

verringert, gäbe es noch eine Reihe wirksamer Einwürfe, deren jeder einzelne die reine Möglichkeit denkbaren Gelingens – –«

»Aber um Gottes willen, Herr Professor – –«

»Pardon! – – – die reine Möglichkeit denkbaren Gelingens in überaus in die Augen springender Weise entkräften müßte. Wie könnte es, um laienhaft zu sprechen, beispielsweise in den Bereich mechanischer Möglichkeiten verlegt werden, der durch die schnell aufeinanderfolgenden Benzingasgemischexplosionen in den Zylindern a, b, c, d stets anwachsenden beträchtlichen Erhitzung und hierdurch resultierenden Ausdehnung und wiederum hieraus sich ergebenden Anpressung an die Zylinderwände bis zur Unbeweglichkeit des metallischen Kolbenmaterials anders als durch immerwährende großmengige Zufuhr behufs ausreichender Kühlung stets neu zu beschaffenden Wasserquantitäten, was wiederum angesichts des verkehrten Verhältnisses des Gewichtes zum Krafteffekte des Motors das Resultat des Versuches im negativen Sinne klar zutage treten läßt, vorzubeugen? – Fassen wir ferner – – –«

»Ich bin von Florenz bis Greifswald gefahren –«, warf verbissen der andere ein.

»– – fassen wir ferner unter Zugrundelegung der Formel:

ins Auge, daß durch Erzitterungen und sonstige der Ruhe des Ganges nachteilige Schwingungen infolge ihrer eigenartigen zur Wachrufung von Massenkräften unliebsame Veranlassung gebende Bewegungen von Maschinenteilen, in diesen, seien sie auch elastisch, fortgesetzt Formveränderungen vor sich gehen müssen, so ergibt sich – – –«

»Ich bin aber dennoch von Florenz bis Greifswald gefahren!«

»– – – Formveränderungen vor sich gehen müssen, so ergibt sich – – –«

»Ich – bin – aber – von – Florenz bis Greifswald «

Der Gelehrte warf einen verweisenden Blick über seine Brille auf den Sprecher. »Es könnte mich nichts hindern – gestützt auf zwingende mathematische Formeln – meinem Zweifel an Ihren Aussagen mit direkten Worten Ausdruck zu verleihen, doch ziehe ich es vor, nach Art der alten Griechen lieber alles Verletzende zu vermeiden, und will bloß, wie schon Parmenides, hervorheben, daß es dem Weisen nicht zukommt, seinen eigenen Sinnen, geschweige denn denen eines Fremden irgendwelche Beweiskraft einzuräumen.«

Tarquinius Zimt dachte einen Augenblick nach, dann griff er in die Tasche und reichte dem Professor schweigend einige Photographien.

Dieser betrachtete sie nur flüchtig und sagte:

»Nun, und Sie glauben, junger Freund, durch derlei Lichtbilder von scheinbar in Fahrt befindlichen Automobilen die Gesetze der Mechanik in Mißkredit bringen zu können!? – Ich erinnere nur der Ähnlichkeit der Fälle wegen an die Abbildungen animistischer Phänomene durch Crookes, Lombroso, Ochorowicz, Mendelejeff! Wie genau versteht man heutzutage solche Photographien durch allerlei Kunstgriffe hinsichtlich des wahren Tatbestandes täuschend zu gestalten. Im übrigen, wußte nicht schon Heraklit, daß nach den Gesetzen der Logik ein abgeschossener Pfeil auf jedem mathematischen Punkte seiner Flugbahn sich in vollkommener Ruhe befindet? Nun, sehen Sie! Und mehr als – im übertragenen Sinne – können auch im besten Falle Ihre Lichtbilder nicht beweisen.«

In den Augen des Ingenieurs glomm eine tückische Freude. »Gewiß werden Sie mir als Ihrem ehemaligen, Sie so sehr bewundernden Schüler, hochgeehrter Herr Professor, die Bitte aber nicht abschlagen«, sagte er mit heuchlerischer Miene, »mein vor Ihrem Hause stehendes Automobil...


Gustav Meyrink
(eigentlich Gustav Meyer) kam am 19. Januar 1868 als unehelicher Sohn eines württembergischen Staatsministers in Wien zur Welt. Nach der Aufgabe seiner geschäftsführenden Tätigkeit in einem Prager Bank- und Wechselgeschäft lebte er ab 1905 als freier Schriftsteller in München. Meyrink gilt vor allem für seine Romane "Der Golem", "Das grüne Gesicht" und "Der weiße Dominikaner" als absoluter Klassiker der phantastischen Literatur. Er starb 1932 in Starnberg.

Prof. Dr. Marco Frenschkowski, geb. 1960, ist Professor für Evangelische Theologie an der Universität Leipzig (Neues Testament). Als Religionswissenschaftler hat er zahlreiche Bücher und Studien zu antiker und moderner Religion publiziert. Außerdem ist er Herausgeber von kommentierten Ausgaben klassischer phantastischer und imaginativer Literatur. Im marixverlag sind von ihm u. a. erschienen: "Heilige Schriften", "Die Hexen", "Mysterien des Urchristentums"; dazu zahlreiche Herausgeberschaften, u. a. zu: "Die magischen Werke" von Agrippa von Nettesheim, James Webbs "Die Flucht vor der Vernunft" und "Das Zeitalter des Irrationalen".



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