Middlebrook Du wolltest deine Sterne
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-942374-59-0
Verlag: edition fünf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sylvia Plath und Ted Hughes
E-Book, Deutsch, Band 16, 464 Seiten
Reihe: edition fünf
ISBN: 978-3-942374-59-0
Verlag: edition fünf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Diane Middlebrook (1939-2007), Professorin für Feminist Studies an der Stanford University und Lyrikerin, war eine international bekannte Biografin. Ihre Bücher über Anne Sexton, deutsch 1993, über den Jazzmusiker Billy Tipton, der eigentlich eine Frau war, und über die Ehe von Sylvia Plath und Ted Hughes errangen international Erfolg. Ihr letztes Werk, die unvollendete Ovid-Biografie, erschien 2012 auf Deutsch.
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EINLEITUNG
Der Ehemann von Sylvia Plath
Ted Hughes lernte Sylvia Plath im Februar 1956 bei einer wilden Party kennen und heiratete sie vier Monate später. Er war Engländer und fünfundzwanzig; sie war dreiundzwanzig und Amerikanerin. Sechs Jahre lang arbeiteten sie Seite an Seite an ihrer beider Künstlerkarriere. Dann begann Hughes eine Affäre mit einer anderen Frau und setzte damit die Ehe aufs Spiel. Er zog aus, und genau vier Monate später nahm sich Plath das Leben und hinterließ ihre beiden kleinen Kinder.
Eine der wohl produktivsten literarischen Ehen des zwanzigsten Jahrhunderts hatte nur etwa 2 300 Tage gehalten. Doch bis sich im Oktober 1962 ihre Lebenswege trennten, begleiteten und förderten sie einander in ihrer literarischen Kreativität. Beide wussten genau, woran der andere jeweils arbeitete und mit welcher Erfindungsgabe er oder sie die künstlerischen Probleme löste, mit denen sich beide gleichermaßen auskannten. Dass zwei Künstler so eng zusammenarbeiten, ist durchaus ungewöhnlich, insbesondere wenn sie verheiratet sind, und so zog die Ehe nach der Veröffentlichung von Hughes’ preisgekröntem erstem Buch, , die Aufmerksamkeit von Journalisten auf sich. Im Januar 1961 sendete die BBC ein Rundfunkinterview mit Hughes und Plath unter der Überschrift , in dem sich die beiden Künstler im größten Einvernehmen darstellen. Der Journalist, Owen Leeming, warf die Frage auf, ob sie ein Paar seien, bei dem sich Gegensätze anzögen. Wie in einem Woody-Allen-Film sagte Hughes, sie seien »sehr verschieden«, während Plath im selben Moment sagte, sie seien »ziemlich ähnlich«.
Als Hughes dann »verschieden« erklärte, gestand er, dass er und Plath ähnlich veranlagt seien und im selben Rhythmus arbeiteten – genaugenommen gehe ihre Ähnlichkeit so weit, dass er oft das Gefühl habe, sie schöpften beide geradezu telepathisch aus einem Geist. Aber er und Plath, so meinte er, nutzten diese Gemeinsamkeit für recht unterschiedliche Zwecke, Phantasie und Gestaltungskraft führten jeweils ein ganz »geheimes Leben«.
Plath erklärte »ziemlich ähnlich« dahingehend, dass sie und Hughes zwar einen sehr unterschiedlichen Hintergrund hätten, ihr aber ständig unerwartet Ähnlichkeiten auffielen. So habe ihr beispielsweise die Tierliebe von Hughes das Thema Bienenzucht nahegebracht, mit dem sich ihr Vater wissenschaftlich beschäftigt hatte. Ihre eigene Vergangenheit könne in ihre Dichtung einfließen, weil Hughes daran so interessiert sei: Im Schreiben also wurden die Ähnlichkeiten für beide fruchtbar, selbst wenn – und dies war ihr wichtig – die Texte dann überhaupt nicht ähnlich waren. Ob sie beide denselben künstlerischen Ansatz verträten? Plath verneinte lachend. »Ich denke, ich bin etwas praktischer veranlagt.«
Ein solcher Tanz durch das Minenfeld ihrer Unterschiede war typisch für ihre Beziehung in guten Zeiten. Er konnte gelingen, weil beide gegenseitig mit ganzem Herzen in das Schreiben des anderen investierten, selbst wenn das Ergebnis noch offen war. Ende der fünfziger Jahre unterstützte Hughes Plath dabei, sich Geschichten für Frauenzeitschriften auszudenken, obwohl er der Ansicht war, dass Prosaschreiben für sie ein Irrweg war. Damals sah er völlig richtig, dass nur konventionelle Plots, deren Helden geboren, verheiratet oder getötet werden, ihre ganz eigenen »Dämonen« freisetzen würden. Daher ermutigte er Plath, alles zu tun, womit sie die Chance hatte, an diese Energiequellen heranzukommen. Plath ihrerseits zeigte sich loyal gegenüber seinen schwer zu vermarktenden Stücken, in denen Hughes die esoterischen Vorstellungen verarbeitete, denen er seit Anfang der sechziger Jahre anhing – sie war an seinen künstlerischen Verfahrensweisen ebenso interessiert wie an den Ergebnissen. Paradoxerweise befähigte ihre intime Künstlerbeziehung beide jeweils besser zu dem »geheimen Leben«, das dann in ihrer Kunst zum Ausdruck kam.
Das Zerbrechen ihrer Ehe bedeutete auch das Ende dieser literarischen Werkstatt. Doch die Dichtung hatte Hughes und Plath einander nahegebracht, und die Dichtung sollte sie bis zum Tod von Ted Hughes 1998 verbinden. Als Nachlassverwalter ihrer unveröffentlichten Manuskripte ernannte sich Hughes zum Herausgeber und machte Plath berühmt. Als er 1965 mit Plaths letzten Gedichten herausbrachte, sagte er stolz: »Dieses Buch ist wie Sylvia – aber es wird bleiben.« Die Zeit war reif, dass man ihm in aller Welt zustimmte: Sylvia Plath war eine bedeutende Dichterin. Selten werden Dichter zu kulturellen Ikonen, aber Plaths Selbstmord fiel in die Nachkriegszeit, in der das Schreiben von Frauen Impulse für die Frauenbewegung setzte. Mit der posthumen Veröffentlichung von Gedichten, Prosatexten, Briefen und Tagebüchern gehörte Plath nun zu den lauter werdenden Stimmen des Widerstands gegen die herkömmlichen Rollen, die man Frauen im gesellschaftlichen Leben zugeschrieben hatte. Je berühmter Sylvia Plath wurde, umso mehr wollte man wissen, welchen Einfluss ihre Ehe mit Ted Hughes auf ihre katastrophale Entscheidung für den Selbstmord hatte – insbesondere nachdem bekannt wurde, dass Assia Wevill, die Frau, derentwegen Hughes sie verlassen hatte, sich ebenfalls das Leben genommen und auch die Tochter, die sie von Hughes hatte, getötet hatte.
Hughes verbrachte den Rest seines Lebens damit, gegen die öffentliche Diskussion dieser schmerzlichen Episoden in seinem Privatleben anzugehen. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1998 publizierte er zwei Gedichtbände, in denen es um die Frage geht, was es bedeutete, der Ehemann von Sylvia Plath zu sein. In wird Sylvia Plath angesprochen, als würden sie beide auf ihre gemeinsamen Jahre zurückblicken und darüber nachsinnen, wie sie 1956 zusammengefunden hatten und sechs Jahre lang verbunden waren; zudem bot er eine Erklärung für die psychologischen Konflikte, die zu ihrem Selbstmord führten.
wurde ein riesiger Verkaufserfolg, aber von , dem zweiten Buch, erfuhren nur die wenigsten. Es erschien 1998 in einer kleinen Auflage und wurde in den Medien nicht besprochen. Für hatte Hughes elf Gedichte aus den Manuskripten von zurückbehalten, wie ein Kellermeister die edelsten Trauben für einen Spitzenwein aufbewahrt. In dem Titelgedicht »The Offers« /»Die Entbietungen« erscheint Ted Hughes der Geist von Sylvia Plath. Bei drei Begegnungen prüft sie ihn; bei der letzten warnt sie: »Lass mich diesmal nicht im Stich.«
Diese bewegende Formulierung erhellt in der Rückschau alles, was Hughes nach dem Tod von Plath veröffentlichte. Sein großes Thema zirkulierte um die Frage, wie Ehen scheitern oder wie Männer in der Ehe versagen. Bisweilen, beispielsweise in , ist er selbst in der Versagerrolle. In seinen Übersetzungen von Werken der Weltliteratur, die er gegen Ende seines Lebens anfertigte – Racines (Texte aus Ovids ), der von Euripides – wird deutlich, wie mitfühlend er schwierige Beziehungen sah. All diese Texte waren für die Bühne geschrieben. Und die Zuschauer spürten, dass hier noch eine zweite leidenschaftliche Geschichte, seine eigene, erkundet wurde, jeweils verschoben in die Dynamik eines ehrwürdigen Klassikertextes.
Auch wenn nur hundertzehn Exemplare von gedruckt wurden, erreichte Hughes mit dem wichtigsten Text, »The Offers«, eine breite Öffentlichkeit, indem er ihn am 18. Oktober 1998 in der Londoner veröffentlichte. Zehn Tage später verstarb er. Ob zufällig oder absichtlich, der oben zitierte Satz der fiktiven Sylvia Plath wurde zum Dokument der letzten Worte von Ted Hughes. vermittelt einen Eindruck davon, wie er sich in der Beziehung mit Sylvia Plath sah; in dem Gedicht »The Offers« sollen wir die beiden als unzertrennlich sehen, selbst im Tod. »Lass mich diesmal nicht im Stich« ist die Stimme der Dichtung selbst, verkörpert von Plath; die literarische Gestalt in seinem Text ist ihr Ehemann – und somit sein Beitrag zur Geschichte der Poesie.
Hughes nahm diese autobiografische Gestalt ihres Ehemanns an, als er fast fünfzig Jahre alt war. Nachdem ihm jahrelang daran gelegen gewesen war, nicht autobiografisch zu schreiben, ging ihm auf, dass die Stimme der Poesie, um seine Zeitgenossenschaft zu erweisen, aus einem persönlich erlebten historischen Kontext kommen und die literarische Auseinandersetzung mit den psychischen Konflikten führen musste, die in der eigenen Historie bedeutsam waren. Hughes vertrat auch den Standpunkt, dass kein literarisches Werk für sich steht, dass vielmehr das Werk eines großen Autors über die Jahre an Gehalt gewinnt. Er meinte, die dichterische DNA käme in einzelnen, präzisen Bildern zum Ausdruck oder in einem »Knoten fixer Ideen«, die sich schon früh bei einem...




