E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Mikosch Der kleine Buddha und das Wunder der Zeit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-451-82011-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-451-82011-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Claus Mikosch wurde Mitte der siebziger Jahre in Mönchengladbach geboren. Nach dem Abitur ist er mit großer Leidenschaft durch die Welt gereist, bevor er über Indien und England in Andalusien gelandet ist. Heute pendelt er als Autor und Filmemacher zwischen Deutschland und Spanien. Mit seinen Büchern über den sympathischen kleinen Buddha ist ihm ein außergewöhnlicher Erfolg gelungen. Inzwischen sind fünf Bücher in der beliebten Reihe erschienen, das letzte im September 2021: 'Der kleine Buddha auf der Reise nach Hause'. Mehr Infos: www.clausmikosch.com
Autoren/Hrsg.
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Der humpelnde Förster
Es war ein herrlicher Morgen! Die goldbraunen Felder waren mit Herbsttau bedeckt und die aufgehende Sonne füllte den Himmel mit warmen Farben. Leichten Schrittes spazierte der kleine Buddha auf einem schmalen Pfad vom Grundstück des Gärtners zur ersten Kreuzung. Einige Vögel flogen an ihm vorbei und begrüßten den neuen Tag mit fröhlichem Gesang; in der Ferne zogen wunderschöne, rosa schimmernde Wolken entlang. Eine sanfte Brise strich über sein Gesicht und wehte ihm vom nahegelegenen Wald den Duft von fallenden Blättern und sprießenden Pilzen in die Nase. Das ganze Land befand sich im Wandel – nicht so explosiv wie im Frühling, aber genau so unaufhaltsam.
Er fragte sich, ob es so etwas wie einen perfekten Zeitpunkt zum Aufbrechen gibt. Einen perfekten Moment, der den Reisenden mühelos in die Welt hinausträgt. Wenn ja, dann erlebte der kleine Buddha an diesem Morgen genau so einen Moment. Mit tiefen Atemzügen ließ er die frische Luft durch seinen Körper wandern und freute sich, wieder unterwegs zu sein.
Wie bei allen seinen Reisen hatte er auch dieses Mal kein klares Ziel vor Augen. ‚Bestimmt kann ich überall etwas über die Zeit lernen‘, dachte er. Das einzige, was er tun musste, war, zu vertrauen. Hineinzuspringen ins Unbekannte und sich vom Leben führen zu lassen.
Als er wenig später die Kreuzung erreichte, blieb er stehen und begutachtete seine Möglichkeiten. Nach rechts ging es zum Meer, nach links zu seinem Bodhi-Baum und geradeaus direkt in den großen Wald hinein. Alle drei Wege kannte er bereits. Er schaute mehrmals hin und her und überlegte. Dann sah er plötzlich eine weitere Möglichkeit: ein kleiner Pfad, der nach einigen Metern vom mittleren Pfad abzweigte. Da der kleine Buddha ein leidenschaftlicher Liebhaber von neuen Wegen war, musste er nicht länger nachdenken: Er ging geradeaus weiter und bog kurz darauf nach halbrechts ab.
Ungefähr eine Stunde später hatte er den Waldrand erreicht. Der Pfad führte allerdings nicht in den Wald hinein, sondern an der Südflanke entlang in Richtung Osten. Dem kleinen Buddha war das nur recht und so spazierte er den ganzen restlichen Tag weiter, die undurchdringbar scheinenden Laub- und Nadelbäume zu seiner Linken und die offenen Felder zu seiner Rechten.
Am späten Nachmittag, als sich die Sonne bereits dem Horizont näherte, kam er an einer alten Scheune vorbei. Sie war zu einer Seite offen und fast bis zur Decke mit Strohballen gefüllt. Glücklicherweise gab es jedoch eine freie Ecke, die der kleine Buddha als Schlafplatz nutzen konnte. Er setzte sich draußen vor der Scheune auf seine Decke, aß etwas von seinem Proviant und schaute dabei dem Sonnenuntergang zu. Dann ging er nach drinnen, breitete sich auf einem flachen Strohballen aus und schlief kurz darauf erschöpft, aber glücklich ein.
Sein Traum begann ebenfalls glücklich. Er war zurück im Obstgarten und pflückte die schönsten Äpfel vom Baum. Jeder einzelne war ein richtiges Prachtexemplar. Dann sah er auf einmal einen, der sogar noch prächtiger war als alle anderen. Der König aller Äpfel! Der kleine Buddha beobachtete sich im Traum, wie er hoch oben auf der Leiter Schwung holte. Er rief sich zu, es nicht zu tun, doch es war zu spät: Er segelte an Apfel und Ast vorbei und raste laut schreiend im freien Fall dem Boden entgegen. Bang! Er zuckte zusammen, fuhr hoch und riss die Augen auf. Mit Schweißperlen auf der Stirn schaute er nach draußen – es war noch mitten in der Nacht. Er nahm einen Schluck Wasser aus seiner Flasche, starrte einen Moment ins schwarze Nichts und legte sich dann wieder hin. Schon komisch, dachte er. Manchmal ist es ein einziger, winziger Augenblick, der entscheidet, in welche Richtung das Leben verläuft.
Am nächsten Morgen war es noch nicht richtig hell, da hatte sich der kleine Buddha schon wieder auf den Weg gemacht. Er war früh aufgewacht und hatte dabei eine unangenehme, innere Unruhe verspürt. Als müsste er sich aus irgendeinem Grund beeilen, damit er nicht zu spät kommt. Wahrscheinlich war es wegen des Traums, dachte er zuerst. Doch das Gefühl hielt an und war immer noch da, als er nach einigen Kilometern eine Pause einlegen wollte.
Er blieb an einem kleinen Bach stehen und füllte seine Flasche auf. Sein Blick fiel auf die einladende Wiese direkt neben ihm und dazu hörte er das friedliche Plätschern des Wassers – eigentlich war es ein idealer Ort, um sich etwas auszuruhen und vielleicht auch eine Weile in Stille zu sitzen und zu meditieren. Aber der kleine Buddha wurde diese Unruhe, die er seit dem Morgengrauen mit sich herumtrug, einfach nicht los. Vielleicht waren es auch seine Gedanken an die rasant vergehende Zeit, die die innere Hast befeuert hatten. Was auch immer der Grund war, er musste weiter.
Der Pfad führte nach wie vor am Waldrand entlang. Ein leichter Wind wehte und hoch über ihm zogen die Wolken durch die klare Herbstluft. Eine Weile marschierte er ungeduldig einem unbekannten Ziel entgegen, ohne dass etwas Besonderes passierte. Dann tauchte auf einmal ein wackelnder Punkt am Horizont auf, dort, wo der Weg den Himmel berührte. Mit jedem Schritt kam der kleine Buddha etwas näher und schließlich erkannte er, dass es sich bei dem wackelnden Punkt um einen älteren, humpelnden Mann handelte. Er bewegte sich in dieselbe Richtung wie der kleine Buddha, kam aber nur langsam voran.
Es dauerte nicht lange, da hatte er ihn eingeholt.
„Hallo!“, sagte der kleine Buddha und passte sein Tempo dem des alten Mannes an, um neben ihm hergehen zu können.
„Guten Tag junger Freund!“, antwortete der Mann mit tiefer Stimme.
Der kleine Buddha lächelte. Es war ein viel versprechender Anfang, dass er von einem Fremden als Freund begrüßt wurde.
„Wo gehst du hin?“, erkundigte sich der Mann.
„Ich weiß nicht. Ich gehe einfach geradeaus. Und du?“
„Ich bin auf dem Weg nach Hause. Drei Tage war ich im Wald und jetzt freue ich mich auf meine Familie.“
„Was hast du denn drei Tage im Wald gemacht?“, wollte der kleine Buddha sogleich wissen, neugierig wie er war.
„Ich bin Förster und habe gearbeitet.“
Der kleine Buddha zögerte einen Moment. Er hatte schon einige Male von diesem Beruf gehört, wusste allerdings nichts Genaueres.
„Was muss ein Förster denn alles machen?“
Nun war es der Mann, der lächelte. Es passierte nicht oft, dass ihn jemand über seine Arbeit befragte. Während sie zusammen an den weiten Feldern vorbeispazierten, erzählte er ihm also stolz von seinen verschiedenen Aufgaben.
„In erster Linie kümmere ich mich um die Bewohner des Waldes, die Bäume. Wenn ein Baum krank ist, pflege ich ihn; wenn er anderen Bäumen zu viel Licht wegnimmt, beschneide ich ihn; und wenn ein alter Baum stirbt, pflanze ich einen neuen. Der Wald könnte diese Arbeiten natürlich auch ohne mich vollbringen, aber trotzdem freut er sich, wenn ich ihm ein bisschen helfe. Als Dank gibt er mir das Holz, das er selbst nicht braucht. Dieses verkaufe ich dann an Leute, die daraus Brennholz gewinnen, Möbel oder Instrumente herstellen oder Häuser bauen.“
Der kleine Buddha wusste aus eigener Erfahrung, dass es zwei Tage dauert, um den ganzen Wald zu durchqueren. Das war also eine Menge Holz, die da herumstand.
„Dann musst du aber ganz schön reich sein, bei so vielen Bäumen.“
Der Förster lachte.
„Mir geht es gut, aber reich bin ich nicht. Ich teile mir die Arbeit ja mit vielen anderen Förstern. Jeder von uns ist für einen Abschnitt des Waldes verantwortlich. Neben der Holzernte gibt es schließlich noch viele andere Dinge zu tun, alleine würde ich das gar nicht schaffen. Ich muss die Wege instand halten, ich muss dafür sorgen, dass die Jäger nicht zu viele und nicht zu wenige Tiere erlegen, und ich muss auch aufpassen, dass die Holzfäller nicht die falschen Bäume fällen.“
„Und woher weißt du, welcher Baum richtig und welcher falsch ist?“
„Da gibt es verschiedene Kriterien. Ein junger Baum sollte zum Beispiel immer in Ruhe gelassen werden, es sei denn, er ist schwer krank. Ein alter Baum sollte nur gefällt werden, wenn er nachwachsenden Bäumen keinen Platz gibt. Oder wenn er so alt ist, dass der Sterbeprozess bereits eingesetzt hat. Manchmal ist es daher gar nicht so einfach, den richtigen Baum zu finden. Und je nachdem, wofür das Holz benutzt wird, müssen es auch ganz bestimmte Bäume sein. Die letzten Tage habe ich zum Beispiel nach zwei Eichen gesucht, die ein Zimmermann bei mir bestellt hat. Sie sollten gesund, alt und ruhig gewachsen sein, da dieses Holz am Besten für den Hausbau geeignet ist. Die erste habe ich direkt am Anfang gefunden, die zweite aber erst heute Morgen.“
„Hast du sie schon abgesägt?“
„Nein, die Stämme sind so dick, dafür braucht es mindestens zwei, wenn nicht sogar drei starke Holzfäller. Nur die kleineren Bäume können von einer Person alleine gefällt werden.“
Nachdenklich blickte der kleine Buddha zum Waldrand. Er versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, wenn er mit einer Säge in der Hand durch einen Stamm schneiden würde.
„Bist du nicht traurig, wenn du einen Baum tötest?“
Der Förster stutzte. Eine solche Frage hatte er nicht erwartet. Berechtigt war sie jedoch allemal.
„Ja, ich bin traurig, aber auch glücklich. Es ist ein merkwürdiges Gefühl: Auf der einen Seite freue ich mich, weil jeder gefällte Baum hilft, meine Familie zu ernähren; auf der anderen Seite ist es in der Tat schmerzhaft, das Leben eines Baumes zu beenden. Im Laufe der Jahre...




