E-Book, Deutsch, 132 Seiten
Mikosch Fridays for Frida
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-6308-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine alte Frau, eine kaputte Welt und ein neuer Funken Hoffnung
E-Book, Deutsch, 132 Seiten
ISBN: 978-3-7526-6308-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Claus Mikosch wurde Mitte der siebziger Jahre in Mönchengladbach geboren und pendelt heute als Autor und Filmemacher zwischen Deutschland und Spanien. Mit seinen Geschichten über den kleinen Buddha ist ihm ein außergewöhnlicher Erfolg gelungen. Mehr Infos @ www.clausmikosch.com
Autoren/Hrsg.
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2. Wegsehen
Am nächsten Morgen hatte sich der Wind gelegt und es regnete nicht mehr. Hier und da schaffte es die Sonne sogar, kleine Lücken in der Wolkendecke zu finden. Frida beschloss, auf dem Balkon zu frühstücken. Sehr groß war er nicht, aber für einen klappbaren Tisch und zwei Holzstühle gab es genug Platz. Eigentlich hätte auch ein einzelner Stuhl gereicht, denn Besuch bekam sie ohnehin nur sehr selten. Doch Frida mochte die Gesellschaft des leeren Stuhls. Manchmal stellte sie sich vor, dass ihr Ehemann neben ihr säße und mit ihr in den Himmel schaute. Er war schon lange verstorben, aber sie hätte gerne mit ihm etwas Zeit auf dem kleinen Balkon verbracht.
Nach dem Frühstück blieb sie noch eine Weile sitzen, schlürfte an der zweiten Tasse Tee und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Mit einem Lächeln im Gesicht dachte sie an schöne Momente, die sie mit ihrem Mann erlebt hatte. Die aufregende Reise nach Nepal, wie lange war das schon her? Zwanzig Jahre, etwas mehr vielleicht. Die vielen verträumten Winterabende am Kaminfeuer, als sie sich gegenseitig Geschichten erzählt hatten. Oder als sie gemeinsam einen Apfelbaum in einem wilden Garten gepflanzt und sich ewige Liebe geschworen hatten – es war schon so lange her und doch kam es ihr vor wie gestern. Sie vermisste ihn.
In der Ferne läuteten Kirchenglocken. Es war zehn Uhr. Frida erhob sich, räumte den Tisch ab und verschwand im Badezimmer, um sich fertig zu machen. Sie hatte sich vorgenommen, endlich mal wieder ihre ehemalige Kollegin zu besuchen. Sie hatten an derselben Schule unterrichtet und waren nach ihrer Pensionierung in Kontakt geblieben. Doch während Frida auch noch im hohen Alter selbstständig leben konnte, hatte ihre ehemalige Kollegin weniger Glück gehabt.
Eine Viertelstunde später zog sie die Wohnungstür hinter sich zu und fuhr mit dem Aufzug bis ins Erdgeschoss. Sie musste sich ein wenig beeilen, schaffte es aber noch gerade rechtzeitig zur Bushaltestelle. Die Linie 19 kam wie immer zwei Minuten zu spät und blieb direkt vor ihr stehen. Frida stieg ein, löste ein Ticket und setzte sich auf den freien Platz hinter der Fahrerkabine. Acht Haltestellen hatte sie nun Zeit, aus dem Fenster zu gucken, die vorbeiziehende Stadt zu beobachten und sich auf das, was vor ihr lag, einzustellen.
Anfangs war sie fast jede Woche bei ihr gewesen, doch nach und nach waren ihre Besuche weniger geworden. Manchmal erwischte sie sich sogar dabei, wie sie den Wunsch verspürte, am liebsten gar nicht mehr hinzugehen, aber dann bekam sie sofort ein schlechtes Gewissen und machte sich doch wieder auf den Weg zu ihr. Sie tat es auch gerne, aber es war oft frustrierend, weil ihre ehemalige Kollegin längst in einer anderen Welt lebte.
Der Bus hielt mit einem leisen Quietschen und Frida stieg aus. Nach einem kurzen Fußweg erreichte sie schließlich ihr Ziel: das Altenheim. Sie betrat das zweigeschossige Gebäude durch eine gläserne Schiebetür, ging am Pförtner vorbei und blieb kurz in der Eingangshalle stehen. Einige Heimbewohner fuhren in Rollstühlen umher, manche standen in kleinen Gruppen zusammen und plauderten, und an zwei Tischen wurden Karten gespielt. Wären nicht die in weiß gekleideten Pflegerinnen und Pfleger gewesen, hätte es auch ein normaler Altentreff in irgendeinem netten Lokal sein können. Einige der Bewohner waren noch jünger als Frida, sie fiel also nicht weiter auf in dieser unscheinbaren Umgebung. Doch leider hätte sie dort nach ihrer ehemaligen Kollegin vergeblich gesucht. Mit dem Aufzug fuhr sie in die erste Etage. Ein weiterer Pförtner, dann eine geschlossene Tür. Frida klingelte und kurz darauf wurde ihr von einer Krankenpflegerin geöffnet.
„Guten Morgen“, sagte sie.
„Guten Morgen, Frida“, grüßte die junge Frau freundlich zurück.
„Und, wie geht es ihr?“
„Ach, sie hat schon bessere Tage gehabt. Du weißt schon, die Wechsel der Jahreszeiten machen ihr immer zu schaffen.“
Sie gingen nebeneinander den Gang entlang. Obwohl sie schon so oft hier gewesen war, hatte sich Frida noch immer nicht an die bedrückende Atmosphäre der ersten Etage gewöhnt. Alles wirkte düster, seltsame Laute waren zu hören und überall lag ein abstoßender Verwesungsgeruch in der Luft. Die sporadisch aufgestellten Duftlampen konnten daran auch nichts ändern. Vor einigen Zimmern saßen leblos wirkende Gestalten, als hätte jemand Figuren aus einem Gruselkabinett dort platziert. Einem alten, abgemagerten Mann tropften Frühstücksflocken aus dem Mund, während seine dicke Nachbarin angeregt mit einem Kaktus sprach. Verglichen damit erschien ein Friedhof im wahrsten Sinne wie ein himmlischer Ort.
„Hast du von den Bränden im Amazonas gehört?“, fragte die Krankenpflegerin.
„Ja“, erwiderte Frida. „Sie werden einfach nicht weniger, die schlechten Nachrichten.“
„Nein, leider nicht.“
„Manchmal macht mir das ganz schön Angst, was mit der Welt passiert.“
„Das verstehe ich. Mir macht es auch Angst.“
Sie schauten sich einen Moment schweigend an. Dann verabschiedeten sie sich und Frida klopfte an die offenstehende Tür von Zimmer 27. Ohne eine Antwort abzuwarten, trat sie ein. Es würde sowieso niemand antworten.
Fridas ehemalige Kollegin lebte bereits mehrere Jahre auf der Pflegestation des Heims. Sie litt unter schwerem Parkinson, konnte weder laufen noch richtig sitzen. Frida wusste schon nicht mehr, wann sie sie das letzte Mal an einem anderen Ort als im Bett gesehen hatte. Sie lächelte ihr zu, bekam jedoch nur einen verwirrten Blick zurück.
Ihre ehemalige Kollegin nuschelte einige unverständliche Worte, dann richtete sie ihre Augen starr zur Decke. Frida setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett und begann, aus ihrem Leben zu berichten – wohl wissend, dass ihre ehemalige Kollegin auch nicht viel mehr mitbekommen würde als der Kaktus von dem Monolog der dicken Frau. Sie erzählte ihr von den letzten warmen Sommerabenden, von dem Sturm des Vortages und von dem schönen Film, den sie kürzlich gesehen hatte.
Während sie mit sanfter Stimme sprach, klopfte es plötzlich an der Tür und ein Arzt trat ein. Er begrüßte die beiden und begann, Herz und Lungen seiner Patientin abzuhören. Frida kannte den Arzt noch nicht. Sie hatte nur gehört, dass er Spanier war. Fast das gesamte Personal des Heims kam aus anderen Ländern. Die Krankenpflegerin, mit der sie kurz zuvor gesprochen hatte, stammte aus Äthiopien; andere Pfleger kamen aus Ungarn, Griechenland und Syrien. Und die nette Köchin, die von Anfang an da gewesen war, war in Indien geboren. Frida konnte nicht begreifen, warum so viele Leute am liebsten noch heute die Grenzen geschlossen und alle Ausländer aus dem Land gejagt hätten. Es war doch wunderschön, Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt hier versammelt zu haben. Ihr war völlig egal, wie jemand aussah und wo er herkam. Was zählte, waren die Taten. Hier im Heim kümmerten sich alle um ihre kranke Kollegin – wieso sollten solche Menschen aus dem Land gewiesen werden?
Der Arzt nahm den Krankenbericht vom Fuße des Bettes und überflog ihn. Frida ließ ihre Augen durchs Zimmer wandern und blieb schließlich am Fernseher hängen. Der Ton war ausgeschaltet, doch die Bilder flackerten über den Schirm. Es waren die gleichen Bilder wie überall anders auch: Flüchtlingsboote, Überschwemmungen und Waldbrände.
„Schlimm, nicht wahr?“, sagte sie zu dem Arzt und deutete in Richtung Bildschirm.
Der Arzt drehte sich kurz um, dann schüttelte er den Kopf und schaute wieder auf den Krankenbericht.
„Ich versuche die Nachrichten zu vermeiden“, sagte er in gleichgültigem Ton. „Ich sehe jeden Tag schon genügend Leid bei der Arbeit, da brauche ich nicht noch andere Dinge, die mich deprimieren.“
Frida warf einen Blick auf die Patientin, die immer noch regungslos zur Decke starrte.
„Ja, ich kann Sie gut verstehen“, sagte sie. „Aber Sie bekommen doch bestimmt trotzdem mit, was in der Welt geschieht. Macht Ihnen das keine Angst?“
Der Arzt zuckte mit den Schultern.
„Warum sollte ich Angst haben, wenn ich sowieso nichts dran ändern kann?“
„Meinen Sie denn wirklich, dass Sie nichts tun können?“
Schließlich war er ein Arzt, dachte sie, und nicht nur eine alte Frau.
Er schüttelte erneut den Kopf und legte die Kladde mit dem Bericht zurück an ihren Platz. Dann setzte er sich auf die Bettkante und sah Frida an.
„Die einzigen, die etwas ändern können, sind die da oben: die Politiker, die Reichen, vielleicht auch Gott. Aber ich? Nein, ich kann die Welt nicht retten. Und deswegen ist es doch besser, das ganze Drama zu ignorieren. Oder wollen Sie unbedingt unglücklich sein?“
Er zwinkerte ihr zu und erhob sich.
„Ihr geht es den Umständen entsprechend gut. Machen Sie sich keine Sorgen.“
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und Frida blieb alleine mit dem stummen Fernseher und ihrer halbtoten Kollegin...




