Mikosch | Miss God | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Mikosch Miss God

Ein Gespräch über das Leben
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3456-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Gespräch über das Leben

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-7534-3456-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Miss God lädt ein, Glaubenssätze zu hinterfragen. Gleichzeitig inspiriert sie dazu, überhaupt an etwas zu glauben. Ein Buch über zwei Frauen, die eine jung, die andere unvorstellbar alt. Sie verbringen einen Nachmittag am Strand, blicken aufs Meer und finden neue Wege, alte Weisheiten zu interpretieren.

Claus Mikosch wurde Mitte der siebziger Jahre in Mönchengladbach geboren und pendelt heute als Autor und Filmemacher zwischen Deutschland und Spanien. Mit seinen Geschichten über den kleinen Buddha ist ihm ein außergewöhnlicher Erfolg gelungen. Mehr Infos @ www.clausmikosch.com
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Prolog


Olivia saß vor ihrem leeren Teller und starrte durchs Fenster. Ihr verträumter Blick folgte einer weißen Wolke, die friedlich am Himmel entlang zog. Wo sie wohl hinfliegen würde, fragte sie sich. Und ob sie sie wohl ein Stück mitnehmen könnte? Das wäre bestimmt wunderbar, für eine Weile die Welt von oben betrachten zu können. Weit weg vom Lärm und den Sorgen des Alltags und doch nah genug dran, um ausgiebig das Leben beobachten zu können. Sie glaubte, den Wind und das Rauschen des nahen Meeres zu hören, die Wellen zu sehen, die im Antlitz der Sonne tanzten und langsam an den Strand rollten. Einige Möwen tauchten vor ihren Augen auf und sie sah zu, wie die Vögel sachte durch die Luft schwebten. Für einen Moment schien alles so einfach, so perfekt und so herrlich harmonisch.

Dann plötzlich ein Kreischen. Olivia wurde aus ihrem Tagtraum gerissen. Ihre Mutter schrie, wild mit einer Gabel fuchtelnd, ihren Vater an, der mit verschränkten Armen die Beschimpfungen über sich ergehen ließ. Die Streitereien ihrer Eltern waren mittlerweile ein regelmäßiger Bestandteil des Mittagessens geworden. Für gewöhnlich ging es um fehlendes Geld oder um fehlende Zeit, oder um beides. Manchmal kamen sie sich auch wegen der Nachrichten in die Haare oder wegen des Haushalts oder sogar wegen des Wetters. Irgendwas war immer. Mal warf ihre Mutter mit wütenden Wortfetzen um sich, andere Male hielt ihr Vater anklagende, nicht enden wollende Monologe. Immer wieder gab es beleidigtes Schweigen auf beiden Seiten, lautes Schluchzen und dicke Tränen und nur selten ein gutes Ende. Olivia verstand nicht, warum sich die beiden nicht vertragen konnten. Und sie hatte auch keine Ahnung, warum sie immer dazwischen landete und sich den ganzen Mist anhören musste.

„Darf ich mit Helmut rausgehen?“, fragte sie genervt ihre Mutter, die inzwischen immerhin die Gabel wieder hingelegt hatte.

„Frag deinen Vater“, gab diese pampig zurück.

Olivia drehte sich zur anderen Seite des Tisches.

„Papa, darf ich mit Helmut raus?“

„Mach das, Schatz“, entgegnete dieser, während er sich ein weiteres Glas Wein einschenkte, um seinen Frust zu ertränken.

Olivia stand auf, brachte ihren Teller in die Küche und verließ zusammen mit Helmut, ihrem treuen Jack Russell Terrier, die kleine Ferienwohnung. Als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, atmete sie einmal tief durch. Es war nicht leicht, die Tochter von unglücklichen Eltern zu sein.

Zehn Minuten später hatte sie den Strand erreicht und spazierte am Ufer entlang. Helmut jagte immer wieder hechelnd an ihr vorbei und spielte mit den ankommenden Wellen. Olivia trug eine blaue Kapuzenjacke, einen kurzen olivgrünen Rock und dunkelrote Leggins. Ihr braunes, zu zwei Zöpfen geflochtenes Haar wehte im Wind und unter ihren nackten Füßen spürte sie den weichen Sand. Es war ein Sonntag im September. Olivia war elf Jahre alt.

Mit ihrer Familie lebte sie in einer großen Stadt, knapp zwei Autostunden entfernt. Drei bis viermal im Jahr kamen sie an die Küste und verbrachten ein Wochenende in der netten kleinen Ortschaft, die aus fünfundachtzig Häusern und einem roten Leuchtturm bestand. Laut Olivias Vater ging es darum, den Stress für ein paar Tage daheim zu lassen, doch den Stress nahmen ihre Eltern leider immer mit. Frieden musste sich Olivia selbst suchen.

Manchmal fragte sie sich, ob es wirklich ihre Eltern waren, denn so sehr sie auch suchte, Gemeinsamkeiten fand sie nur wenige. Vielleicht war sie ja bei der Geburt verwechselt worden? Nun war sie es, die den Fehler des Krankenhauspersonals ausbaden musste. Dank ihrem Hund hatte sie aber zum Glück immer eine Ausrede, die Streitereien hinter sich zu lassen. Und konnte es einen besseren Ort als das Meer geben, um Frieden zu finden? Über die Jahre war es zu einem unersetzlichen Freund fernab von Zuhause geworden.

Die Sommersaison war schon einige Wochen vorbei und der Strand war fast menschenleer. Nur ein paar andere Hundebesitzer waren unterwegs und ab und zu kam sie an einem einsamen Angler vorbei. Olivia setzte einen Schritt vor den anderen und genoss die Ruhe der Natur, die sie umgab. Sie sammelte einige Muscheln und schaute mit Freude Helmut zu, wie er weiterhin am Ufer hin und her sauste. Dann schoss er plötzlich den Strand hoch und verschwand hinter einer kleinen Sanddüne. Sie wartete, doch auch nach einigen Minuten war er noch nicht zurückgekommen. Mehrere Male rief sie seinen Namen und pfiff laut mit ihren Fingern. Ihr Onkel hatte ihr das beigebracht. Vor einem Jahr, wenige Monate bevor er gestorben war.

„Helmut!“, versuchte sie es erneut, doch von dem kleinen Terrier fehlte jede Spur.

Olivia blieb nichts anderes übrig, als ihn zu suchen. Sie stapfte also den kleinen Hügel hinauf und oben angekommen sah sie zu ihrer Überraschung eine kleine Holzhütte, direkt hinter der Düne. Obwohl sie über die Jahre schon hunderte von Kilometern an genau diesem Strand entlang gegangen war, hatte sie die Hütte bisher noch nie bemerkt.

„Helmut!“, rief sie ein weiteres Mal und dann erspähte sie endlich seinen wedelnden Schwanz. Er saß vergnügt vor einer Holzbank auf der Veranda der Hütte und ließ sich von einer alten Frau streicheln. Olivia pfiff energisch, doch Helmut ignorierte sie.

‚Komisch‘, dachte sie, ‚sonst kommt er doch immer sofort, wenn ich in der Nähe bin.‘

Sie wollte noch einmal rufen, verstummte aber, als eine starke Böe über die Düne wehte. Der Wind erfasste ein Blatt Papier, das neben der alten Frau lag, und trug es davon. Instinktiv rannte Olivia hinter dem fliegenden Blatt her und bekam es schließlich beim dritten Versuch und nach fast vierzig Metern zu fassen. Mit langsamen Schritten ging sie zur Hütte zurück und dabei fiel ihr Blick auf das Papier, das sie in der Hand hielt. Oben auf der Seite stand etwas in altmodischer Schrift. Olivia musste kurz stehen bleiben, um es zu entziffern. . Der Rest des Blattes war leer.

Sie betrat die Veranda, grüßte die Frau und reichte ihr das Blatt.

„Danke, das ist lieb von dir, dass du es eingefangen hast.“

Olivia lächelte höflich, dann wandte sie sich mit ernster Stimme an ihren Hund.

„Helmut, was soll das? Wieso kommst du nicht, wenn ich dich rufe?“

Der kleine Terrier guckte sie mit großen Augen an, bewegte sich aber nicht vom Fleck. Erst jetzt hörte die Frau auf, ihn zu streicheln. Sie legte das Blatt wieder neben sich auf die Bank und stellte eine Tasse drauf, damit es nicht mehr wegfliegen konnte.

„Das ist aber ein ungewöhnlicher Name für einen Hund.“

Olivia zuckte mit den Schultern.

„Mein Opa hieß so.“

„Ich verstehe.“

Die alte Frau schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln. Sie hatte ein langärmeliges hellblaues Kleid mit einem Blumenmuster an und ihre weißen Locken reichten bis knapp unter die Ohren. Olivia schätze sie auf mindestens siebzig Jahre.

„Wohnst du hier?“, wollte sie wissen.

„Ja.“

„Schon lange?“

„Seit einigen Monaten.“

„Und wer wohnt sonst noch hier?“

„Niemand. Es ist ja nur eine kleine Hütte. Außerdem bin ich auch gerne allein.“

Olivia war sich nicht sicher, was sie von der Frau halten sollte. Sie wirkte nett und freundlich, aber irgendetwas an ihr war merkwürdig. Wahrscheinlich war es das Beste, zu gehen.

„Los Helmut, wir müssen weiter.“

Doch Helmut machte keinerlei Anstalten, aufzubrechen.

„Setz dich doch ruhig einen Moment“, sagte die Frau und zeigte einladend auf einen Schaukelstuhl, der neben der Bank stand. „Wenn du möchtest, mache ich dir einen Kakao. Als Dankeschön dafür, dass du mir geholfen hast.“

Olivia blickte zu Helmut, der aufgeregt mit dem Schwanz auf den Holzboden klopfte. Sie überlegte kurz. Ein Kakao wäre jetzt gar nicht schlecht. Und aus irgendeinem Grund war sie neugierig, mehr über die alte Frau zu erfahren.

„Na gut.“

Sie setzte sich auf den Stuhl und die Frau verschwand im Inneren der Hütte, um den Kakao zuzubereiten. Olivia dachte an ihre Mutter, die ihr immer wieder eintrichterte, bloß keine Einladungen von Fremden anzunehmen. Aber es war ja nur eine alte Frau, was sollte sie ihr schon tun?

Ihr Blick fiel auf das Blatt, das unter der Tasse leicht im Wind flatterte. Erneut las sie die mysteriöse Überschrift. In der Schule hatte sie noch vor Kurzem im Religionsunterricht die zehn Gebote auswendig gelernt. Bereits zum zweiten Mal, denn mit neun Jahren hatte sie für ihre Kommunion das Gleiche machen müssen. Reine Zeitverschwendung war das gewesen. So eine komische Sprache wurde da benutzt und was noch viel schlimmer war: Die meisten Menschen hielten sich sowieso nicht an die Gebote. Überall Scheidungen, Kriege und Lügen, und trotz Sabbatgebot musste sie auch sonntags Hausaufgaben machen. Ein Witz, diese Gebote! Die Kommunion hatte sie nur über sich ergehen lassen, um ihrer Großmutter eine Freude zu machen. Und wegen des schicken Fahrrads,...



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