Milan | Eine hinreißende Schwindlerin | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

Milan Eine hinreißende Schwindlerin


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-236-0
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

ISBN: 978-3-95576-236-0
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Schummriges Licht, der leichte Duft von Sandelholz in der Luft, eine Kristallkugel auf dem Tisch ... Gareth Carhart, Marquess of Blakely, kann nicht glauben, dass sein Cousin auf diesen Schwindel hereingefallen ist. Um den gutgläubigen Ned aus den Fängen von Madame Esmerelda zu befreien, stattet er der Wahrsagerin einen Besuch ab und schlägt ihr einen Handel vor: Sie soll ihm auf einem Ball die Frau zeigen, die er heiraten wird. Im Gegenzug lässt er sie weiter ihren Geschäften nachgehen. Madame Esmerelda willigt ein. Doch die Dame, die Gareth zu der angegebenen Uhrzeit erblickt, kann unmöglich die Richtige sein ...



'Ich liebe es, historische Romane zu schreiben', sagt Erfolgsautorin Courtney Milan. 'Ganz besonders faszinieren mich die Regency und viktorianische Epoche. In diesen Jahren hat sich unglaublich viel verändert. Und genau darin gleicht diese Zeit unserer heutigen. Die Traditionen verlieren an Gültigkeit. Und viele Menschen müssen neue Wege gehen.' Courtney Milans akribisch recherchierte Geschichten begeisterten auf Anhieb die Kritiker. Bereits ihr zweites Buch wurde von Publishers Weekly zum besten Roman des Jahres 2010 gewählt. Courtneys ständig wachsende Leserschaft zeigte sich ebenso begeistert von den intensiven Konflikten und den mitreißenden Heldenpaaren. 'Liebe hat für mich vor allem mit Verlangen zu tun. Dem Verlangen nach einem Partner. Nach einem Menschen, mit dem man sich gemeinsam ein neues Zuhause erschaffen kann.' Zum Glück hat Courtney diesen Menschen bereits gefunden. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter lebt sie im Nordwesten der USA. Courtney Milan ist Preisträgerin der AAR Best Romance Short Story, 2009 und Finalist Publishers Weekly Best Book of 2010.

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2. KAPITEL


Gareth Carhart, Marquess of Blakely, hatte genau eine Stunde für dieses Unternehmen veranschlagt. Fünfzehn Minuten, um zu dieser Wahrsagerin zu fahren, fünfzehn Minuten für den Heimweg. Eine halbe Stunde, so hatte er vermutet, würde reichen, um ihr haarsträubendes Lügengebäude zum Einsturz zu bringen.

“Ich kann nicht mitgehen.” Madame Esmeraldas Stimme klang leise und unsicher.

“Warum denn nicht?” Ned drehte sich zu ihr um und sah aufrichtig verwirrt aus. Gareths junger Cousin hatte die Hände auf die Knie gelegt und hielt den Körper voll und ganz der Frau zugewandt. Und genau das war Gareths Problem.

Als Gareth vor Jahren England verlassen hatte, war Ned noch ein Kind gewesen, das sich bei jeder Gelegenheit an ihn geklammert hatte. Jetzt war er fast einundzwanzig – und immer noch über alle Maßen verwundbar. Deswegen glaubte er jedes einzelne Wort, das diese Frau von sich gab.

Da Neds Vater nicht mehr lebte, war Gareth fast so etwas wie eine Vaterfigur für ihn geworden. Er war für Ned verantwortlich – und verantwortungsbewusste Aristokraten ließen ihre jungen Cousins nicht einfach in die Fänge von Wahrsagerinnen geraten.

“Ich bin sicher, Madame Esmeralda hat einen triftigen Grund, warum sie nicht mitkommen kann.” Gareth sah sie mit hochgezogenen Brauen an und warf seinen Köder aus. “Ich vermute, sie hat zu dem Zeitpunkt eine andere Verabredung.” Sollte sie doch zustimmen. In dem Fall würde er sie fragen, welcher Art diese Verabredung war. Darüber würde sie trotz ihrer viel gepriesenen Fähigkeiten keine Auskunft geben können, und dann war es ihm ein Leichtes, diese alberne Scharade zu beenden, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

Aber sie schluckte den Köder nicht. Ihre Nasenflügel bebten vor Empörung und sie presste die Lippen aufeinander. “Sie versuchen, mich zu überlisten, Mylord.”

Gareth gelang es kaum, seine Überraschung zu kaschieren, dennoch hob er in einer arroganten Geste das Kinn. “Ich versichere Ihnen”, erwiderte er kühl, “dass das nicht meine Absicht ist.”

Sie verdrehte die Augen. “Sie wollen mich wissenschaftlich auf die Probe stellen? Dann tun Sie das, aber ohne mir dabei solche Fallen zu stellen. Und lügen Sie mich niemals an, denn das war eindeutig Ihre Absicht.”

Er verspürte ein Prickeln im Nacken, lehnte sich wieder zurück und empfand die einsetzende Stille als äußerst unangenehm. Madame Esmeralda stand leicht nach vorn gebeugt da. Es war schon sehr lange her, dass jemand so mit ihm gesprochen hatte. Er hatte sie in der Tat angelogen. Er hatte vorgehabt, sie zu überlisten, damit sie sich selbst verriet. Er hatte nur nicht erwartet, dass sie das bemerken würde. “Sie versuchen, vom Thema abzulenken”, warf er ihr vor. “Warum können Sie nicht zum Ball gehen?”

“Weil ich nicht eingeladen bin”, fuhr sie ihn an. Dann blickte sie zu Boden. “Außerdem habe ich nichts zum Anziehen.”

Ned lachte amüsiert auf.

Was kein Wunder war. Was für eine typisch weibliche Antwort! Er sah sie wieder an. In diesem Moment – vielleicht lag es am Licht oder an der Art, wie sie die Lider gesenkt hielt – durchzuckte Gareth ein Stich. Madame Esmeralda war zwar keine Dame, aber ganz eindeutig eine Frau, eine hübsche noch dazu. Sie verbarg ihre Weiblichkeit unter diesen unschmeichelhaften Schichten von Stoff und Schminke. Auch das eine Lüge, bestehend aus Tuch und Puder anstatt aus Worten. Flüchtig fragte er sich, wie lang ihr Haar wohl sein würde, wenn es nicht mit einem Tuch hochgebunden war. Sie hob das Kinn und hielt seinem Blick stand.

Gareth glaubte nicht an die Wahrsagerei. Er war Wissenschaftler; er hatte viele Jahre auf einer naturwissenschaftlichen Expedition in Brasilien verbracht. Er war erst nach England zurückgekehrt, als sein Großvater gestorben war und er den Titel und die damit verbundene Verantwortung hatte übernehmen müssen. Zu dieser Verantwortung gehörte es auch, seinen Cousin Madame Esmeraldas Einfluss zu entziehen. Allerdings würde er es zu einer höchst eigenen Angelegenheit machen, dem Aberglauben, den diese Frau repräsentierte, einen Schlag zu versetzen. Ihm wurde jedoch klar, dass das weitaus länger dauern würde als nur eine Stunde. Das hätte ihn eigentlich ärgern müssen, aber es war ihm bislang noch nicht gelungen, Madame Esmeralda einzuschüchtern.

In dem Jahr, seit er wieder nach England zurückgekehrt war, hatte er es noch nie mit einer echten Herausforderung zu tun bekommen – jetzt ja. Es musste außerordentlich befriedigend sein, sie als Betrügerin bloßzustellen. Er freute sich regelrecht darauf, sich mit ihr zu messen und ihr die Wahrheit zu entlocken.

Gareth schnippte mit den Fingern. “Die Einladung”, sagte er, “kann ich Ihnen beschaffen. Etwas zum Anziehen auch. Im Namen der Wissenschaft bin ich bereit, einiges auf mich zu nehmen.”

“O nein, das ist völlig unmöglich.” Sie sah zur Seite. “Das geht nicht.”

Unterschiedlichste Details drangen plötzlich in sein Bewusstsein vor. Der formvollendete Knicks bei der Begrüßung. Ihre gewählte Ausdrucksweise. Ihre Weigerung, von einem Mann ein Geschenk in Form von Kleidung anzunehmen. Alle diese Tatsachen ließen nur einen überwältigenden Schluss zu – Madame Esmeralda war als höhere Tochter erzogen worden. Was um alles in der Welt konnte sie dann dazu bewogen haben, Wahrsagerin zu werden?

“Natürlich geht das”, beharrte er. “Madame Esmeralda, wenn das ein wissenschaftlicher Test werden soll, dürfen Sie mich ebenfalls nicht belügen, denke ich.”

Irgendein Gefühl blitzte in ihren Augen auf. Sie schüttelte den Kopf, nicht als Geste der Verneinung, sondern eher so, als wollte sie Ordnung in ihre Gedanken bringen. Und als sie ihm dann wieder in die Augen sah, war ihre Miene vollkommen gelassen. Gareth wurde klar, dass sie sich etwas ausgedacht hatte. Ihr war etwas eingefallen, wie sie sich aus der Zwickmühle befreien konnte, in die er sie gebracht hatte.

Er hätte enttäuscht sein müssen. Stattdessen konnte er es kaum erwarten, ihre Pläne zu durchkreuzen.

Es dauerte nicht lange, bis Gareth sein Entgegenkommen bereute. Ihm war nicht klar gewesen, was für eine Tortur es werden würde, angemessene Kleidung für Madame Esmeralda zu finden. Aber Ned hatte es für nötig befunden, die Frau persönlich zur Schneiderin zu begleiten. Und wenn dieser auch nur einen Augenblick allein mit der Betrügerin war, würde sie ihm irgendwelche Flausen in den Kopf setzen. Wieder einmal.

Genau aus diesem Grund befand Gareth sich am nächsten Nachmittag in seiner geschlossenen Kutsche, begleitet von seinem geschwätzigen Cousin, einer Betrügerin und sich immer stärker anbahnenden Kopfschmerzen.

“Also”, plauderte Ned munter, “wir gehen nächsten Donnerstag zum Ball und lernen dort Blakelys zukünftige Frau kennen. Mir gefällt die Vorstellung mit anzusehen, wie er sich verliebt. Ich freue mich geradezu darauf.”

Madame Esmeralda zupfte an dem Tuch um ihren Kopf – diesmal war es ein rotes – und warf Gareth einen vorsichtigen Blick zu. “Identifizieren.”

“Identifizieren?”, wiederholte Ned. “Wie meinen Sie das?”

“Wir werden die betreffende Frau identifizieren. Ich habe nie gesagt, Ihr Cousin würde sie an diesem Tag kennenlernen. Tatsächlich ist der Zeitpunkt dafür noch gar nicht gekommen.”

Gareth zuckte zusammen. “Noch nicht gekommen? Wie lange soll das denn dauern?”

Ihr Gesicht blieb ernst, aber in ihren Augen lag ein Lächeln. “Ach, das kann ich eigentlich nicht sagen. Der Zeitpunkt richtet sich nicht nach tatsächlich verstrichener Zeit, sondern nach Aufgaben. Drei Aufgaben, genauer gesagt.”

“Aufgaben?”, echote Ned ungläubig.

“Aufgaben?”, wiederholte Gareth scharf. “Von Aufgaben haben Sie nichts gesagt!”

“Ach nein? Nun, was habe ich doch gleich noch einmal gesagt?” Sie sah unschuldsvoll hinauf zum Dach der Kutsche.

Gareth zog sein Notizbuch hervor und suchte nach der entsprechenden Seite. “Um genau zehn Uhr neununddreißig werden Sie die Frau sehen, die Sie heiraten werden, aber nur wenn Sie sich ihr so nähern, wie ich es …” Er verstummte und sah auf.

Der unschuldsvolle Ausdruck war aus ihren Augen gewichen. Sie hatte genau gewusst, was sie gesagt hatte. Sie hatte ihn ohne Zweifel überlistet, damit er wie ein Narr dastand.

“Aber nur, wenn ich mich ihr so nähere, wie Sie es mir sagen”, vollendete er den Satz finster.

“Ach ja, so wie ich es Ihnen sage.” Sie lächelte. “Und ich sage Ihnen, dass ich Ihnen dazu drei Aufgaben stellen werde.”

Er hatte sich selbst für so schlau gehalten wegen seiner Idee, sie dazu zu bringen, eine leicht zu widerlegende Behauptung abzugeben. Und er hatte geglaubt, das Einzige, was er tun musste, war, niemanden zu heiraten. Schließlich war ihm das schon sein ganzes bisheriges Leben gelungen. Er war zu zuversichtlich, zu sicher gewesen, sie in eine Ecke gedrängt zu haben.

Offenbar hatte er sie unterschätzt. Er hatte sich so sehr darauf konzentriert, sie zu entlarven, dass er nicht gemerkt hatte, wie sie sich selbst ein Hintertürchen offen gehalten hatte.

Zwar konnte er sich jetzt einfach zurückziehen, doch wenn er das tat, überließ er Ned wieder ungehindert ihrem Einfluss.

“Mir haben Sie nie Aufgaben gestellt”, beschwerte Ned sich beleidigt.

“Natürlich nicht”, tröstete Madame Esmeralda ihn. “Aber stellen Sie sich doch einmal vor, was für ein gewaltiges Unterfangen es für Ihren Cousin werden wird, eine Frau davon zu überzeugen, dass sie ihn gernhat. Wenn ich ihm keine...



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