E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Milch Lehrbuch der Selbstpsychologie
2. erweiterte und überarbeitete Auflage 2022
ISBN: 978-3-17-038706-5
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-17-038706-5
Verlag: Kohlhammer
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Prof. Dr. med. Wolfgang Milch ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker (DPV, IPA), und in eigener psychoanalytischer und psychotherapeutischer Praxis bei Gießen tätig.
Autoren/Hrsg.
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1 Heinz Kohut
1.1 Das Leben von Heinz Kohut
Heinz Kohut, der Begründer der Psychoanalytischen Selbstpsychologie, verstand den Lebenslauf eines Menschen als eine Kurve, auf der sich die Selbstwerdung in einem ganzheitlichen Lebenszyklus entfaltet (Kohut 1978a). Kohut wollte damit zu verstehen geben, dass der Lebenslauf nicht lediglich auf Kindheitskonflikte zurückgeführt werden kann, wie Freud annahm, sondern Ausdruck für ein sich entwickelndes und wechselhaftes Selbsterleben ist.
Die Lebenskurve von Heinz Kohut begann in Wien am 3. März 1913 und endete in Chicago am 8. Oktober 1981. In Kohuts Geburtsjahr verfasste Freud seine Arbeit über »Die Einführung des Narzissmus« (erschienen 1914) und Hitler verließ Österreich. Für den jungen Kohut bot Wien das emotionale und intellektuelle Klima, auf dem seine spätere kreative und wissenschaftliche Arbeit aufbaute. Das Wien vor dem 1.Weltkrieg war eine Stadt mit einer gewachsenen Kultur, ein Zentrum der Musik und der Literatur. Gleichzeitig beunruhigten den Vielvölkerstaat die Vorboten einer schweren Krise. Und gerade in Österreich nahmen die antisemitischen Kräfte zu.
Kohut stammte aus einer nicht besonders religiösen jüdischen Familie. Sein Vater war Teilhaber an einer Papier-Großhandlung und hatte eine musikalische Ausbildung als Pianist. Seine Mutter war ebenso musikalisch, so dass die Beschäftigung mit Musik ein wichtiger Teil in Kohuts Leben wurde. Seine erste psychoanalytische Arbeit befasste sich mit dem Genuss, Musik zu hören, die er gemeinsam mit seinem Jugendfreund und Musikwissenschaftler Sigmund Levarie verfasste (Kohut und Levarie 1950). Kohuts Familie gehörte der oberen Mittelklasse an. Im ersten Weltkrieg wurde der Vater zum Militärdienst eingezogen, so dass Heinz als Einzelkind in den nächsten fünf Jahren mit der Mutter die Härten des Krieges teilen musste. Gerade diese Periode scheint Kohuts Charakter geformt zu haben, und verlieh ihm die kreative Kraft, Wesentliches zum psychoanalytischen Gedankengut beizutragen. Kohut wurde von Privatlehrern unterrichtet, was es ihm manchmal in späteren Jahren schwer machte, in großen Gruppen aufzutreten.
Nach dem Kriege waren die Eltern sehr durch den Aufbau des Geschäftes in Anspruch genommen. Obwohl Kohut seiner Mutter nahe stand, lassen einige seiner Bemerkungen darauf schließen, dass sie eine distanzierte Frau war, die in ihrem sozialen Leben aufging und ihren Sohn in der Obhut von Angestellten und Hauslehrern ließ. Es ist anzunehmen, dass seine Eltern soziale Anstrengungen unternahmen, um sich im oberen Bürgertum und deren Kultur zu assimilieren. Diese soziale und emotionale Umwelt lässt natürlich Spekulationen über traumatische Erfahrungen und basale psychologische Mängel zu. Zu diesen möglichen Traumata kam in der späteren Adoleszenz und Studienzeit hinzu, dass er plötzlich aus dem Kreis nicht-jüdischer Freunde hinausgeworfen wurde als Folge der zunehmenden Nazifizierung. Diese Schwierigkeiten führten in seinen Studienjahren zu einer ersten kurzen Analyse bei Walter Marseilles und später bei August Aichhorn.
Häufig wurde Heinz Kohut in die Schweiz und nach Frankreich geschickt, um dort Ferienschulen zu besuchen. Das verstärkte seine Isolation, die er hinsichtlich seiner Eltern empfand. Selbst wenn die Familie zusammen war, schien die Distanz zwischen den Eltern und dem Sohn groß zu sein. Viel später, zwei Tage nach seinem 67. Geburtstag und in großen Schwierigkeiten wegen der feindseligen Haltung des Chicagoer Institutes, weil er orthodoxe psychoanalytische Vorstellungen herausgefordert hatte, äußerte er sich über die Leere bei seinen Geburtstagsfesten als Kind. An anderer Stelle schilderte er die hochherrschaftliche Atmosphäre im Elternhaus, die aber nicht das Gefühl einer essenziellen tiefen Einsamkeit wettmachen konnte. (Cocks 1994, S. 7). Eine Folge war die hohe Idealisierung seiner Tutoren und Lehrer, zu denen er auch nach der Emigration Kontakt behielt.
Nach der Reifeprüfung 1932 studierte er Medizin an der Universität in Wien. In dieser Zeit begann, wie bei vielen Wiener Intellektuellen, sein Interesse für die Psychoanalyse. Sein medizinisches Abschlussexamen legte er im November 1938 ab (nachdem bereits im März 1938 die Annektierung Österreichs erfolgt war). Der Tod des Vaters an Leukämie 1937 war für Heinz Kohut niederschmetternd.
In der »Reichsprogromnacht« musste sich Kohut mit seiner Mutter verstecken. Bisher hatte er die zunehmenden antisemitischen Ausschreitungen nicht ernst genommen, jetzt aber war es für ihn wie ein Erdbeben. Am Bahnsteig verfolgte er mit anderen die Abreise Freuds nach England. Über familiäre Verbindungen konnte er dann im Februar 1939 selbst nach England auswandern und arbeitete dort zunächst in einer Notfallambulanz. Ende Februar 1940 ging seine Reise per Schiff nach Amerika weiter. Er ließ sich in Chicago nieder, arbeitete in verschiedenen Krankenhäusern und absolvierte zunächst eine neurologische, dann eine psychiatrische Facharztausbildung. Von 1947 bis 1950 war er Assistenz-Professor für Psychiatrie an der Universität von Chicago. Seine wegen der Emigration abgebrochene Lehranalyse bei Aichhorn setzte er bei Ruth Eissler fort. In den 50er Jahren wurde er relativ rasch einer der wichtigen Lehrer am Chicagoer Psychoanalytischen Institut und unterhielt Beziehungen zu anderen ehemaligen Wiener Psychoanalytikern wie Anna Freud, Kurt Eissler, Heinz Hartmann und Marianne Kris. Er wurde Mitherausgeber des Journal of the American Psychoanalytic Association (1965). Das Wichtigste in diesen Jahren war allerdings, dass Kohut zunehmend kritischer über die traditionelle psychoanalytische Theorie und Praxis nachdachte. Wie in dieser Zeit für jüngere Analytiker typisch, hatte er sich der psychoanalytischen Ich-Psychologie angeschlossen, die die Ich-Autonomie betonte, ebenso wie die Mittlerrolle des Ich zwischen inneren Trieben und Anforderungen der äußeren Umgebung. Skeptisch stimmte ihn die freudianische Mischung von Biologie und Psychologie. Diese Bedenken fanden allmählich ihren Ausdruck in der Psychologie des Selbst mit ihrem Verständnis der Psychoanalyse als einer Psychologie, deren Ziel es ist, die menschliche Erfahrung mittels Einfühlung zu studieren. Anlässlich der25-Jahr-Feier des Chicagoer Instituts im November 1957 betonte Kohut erstmals, wie wesentlich Empathie für das auf Erleben basierende psychoanalytische Wissen ist. Kohut vertrat die Auffassung, dass das innere Leben von Menschen nur durch Introspektion in unsere Innenwelt und durch Empathie gegenüber anderen beobachtet werden kann. Diese Ideen zur Empathie fasste er in einem Aufsatz von 1959 zusammen, der als die Basis seiner tiefsinnigen und konsequenten Kritik der psychoanalytischen Theorie und Praxis betrachtet werden kann (Kohut 1959/1977).
In den nächsten fünf Jahren beteiligte er sich zunehmend an nationalen und internationalen psychoanalytischen Gremien. 1963 und 1964 war er Vorsitzender der Chicagoer Psychoanalytischen Gesellschaft und von 1964 bis 1965 Präsident der Amerikanischen Psychoanalytischen Vereinigung. Er setzte sich besonders für einen gebührenden Platz der Kinderanalyse und die Aufnahme der nicht-ärztlichen Analytiker in die Amerikanische Psychoanalytische Vereinigung ein. Die in den folgenden Jahren verfassten Beiträge über Narzissmus, narzisstische Wut und narzisstische Persönlichkeitsstörungen (1966?–?1972) riefen aber zunehmend die Widerstände seiner psychoanalytischen Kollegen wach.
Auf der Höhe seines Erfolges erkrankte Kohut 1971 an lymphatischer Leukämie. Infolge der Krankheit intensivierte er seine Schreibtätigkeiten, zog sich sozial allerdings zunehmend zurück. Mit seinen Ideen war er zum Außenseiter in der Psychoanalyse geworden. Obwohl viele Kollegen seine besondere Bedeutung für die Entwicklung des Narzissmus-Konzeptes akzeptierten, hielten sie diese für eher randständig innerhalb des psychoanalytischen Theoriegebäudes. Während viele ehemalige Freunde und Kollegen sich von ihm distanzierten, entwickelte sich auf der anderen Seite ein fester Kreis von Analytikern um ihn, wie Ernest Wolf, Arnold Goldberg, Michael Basch, Marian und Paul Tolpin und Anna und Paul Ornstein, zu dem ursprünglich auch John Gedo gehörte. 1978 fand die erste Jahrestagung der Selbstpsychologie in Chicago statt. Kurz nach der vierten Tagung in Berkeley, Kalifornien, bei der er über seine wesentlichste Erkenntnis, die Bedeutung der Empathie für die Psychoanalyse, referierte, starb Kohut an den Folgen der Leukämie. Ein von ihm vorbereitetes Manuskript zum 50. Jahrestag des Psychoanalytischen Instituts in Chicago über Introspektion, Empathie und den Semi-Zirkel psychischer Gesundheit wurde von seinem Sohn Thomas Kohut gelesen. Die...




