E-Book, Deutsch, Band 2, 544 Seiten
Reihe: Die Guenevere-Saga
Miles Die Königin des Sommerlandes
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-683-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die große Saga (Die Guenevere-Saga 2)
E-Book, Deutsch, Band 2, 544 Seiten
Reihe: Die Guenevere-Saga
ISBN: 978-3-98690-683-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rosalind Miles wurde in Warwickshire geboren und studierte in Oxford, Birmingham und Leicester. Sie ist eine preisgekrönte Schriftstellerin, Journalistin, Kritikerin und Rundfunksprecherin, deren Werke in der ganzen Welt erschienen sind. Unter anderem gewann sie den Network Award für herausragende Leistungen im Schreiben für Frauen. Ihre historischen Romane wurden international gefeiert, insbesondere »Elisabeth, Königin von England«, in der sie das Leben und die Zeit der Tudor-Königin nachzeichnet. Ihr juristisches und soziales Engagement hat sie vom Buckingham Palace bis ins Weiße Haus geführt. Die Website der Autorin: rosalind.net Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die Romanbiographie »Elisabeth, Königin von England«, ihre historischen Romane der Guinevere-Saga »Die Herrin von Camelot« und »Die Königin des Sommerlandes« und ihre dramatischen Australienromane »Unter der roten Sonne Australiens« sowie die beiden Bände der großen Eden-Saga »Im Schatten des Akazienbaums« und »Das Leuchten der Silbereichen«.
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Kapitel 1
Hoch droben auf der Bergkuppe schlummerte Camelot in lichter Dunkelheit. Im Glockenturm dösten die Eulen, und die runden Türme mit ihren Spitzdächern, bunten Flaggen und goldenen Zinnen leuchteten durch den Abend. Der Posten schlug ein Bein über das andere und freute sich auf einen ruhigen Wachdienst. In diesen linden Sommerwochen erhellte ein silbriges Zwielicht die Nacht, selbst in den ersten Stunden nach Mitternacht, in denen Elfen und Kobolde unterwegs waren.
Er lachte leise in sich hinein. Ja, die Elfen. Im Juni war ein Wachtposten nie ohne Gesellschaft. Aber ein kluger Mann tat gut daran, die Blicke abzuwenden, wenn er die Nähe der Elfen spürte. Und heute waren sie mit Sicherheit unterwegs, schließlich ließ die Königin ein Fest vorbereiten.
Geräuschfetzen drangen an sein Ohr, die Töne eines gregorianischen Gesangs. Er ließ seine Augen zum Burghof wandern, wo sich ein langgestrecktes Gebäude in den Schutz der Mauer drückte. Hinter den hohen Mittelstrebenfenstern leuchtete ein einsames Licht in die Dunkelheit. Es war die Flamme über dem Altar, das Symbol ewiger Hoffnung und Zuversicht.
Zuversicht? Die würden die armen Teufel da unten auch brauchen. Der Wachtposten erschauerte. Oh, bei allen Göttern – da unten sein zu müssen, und das die ganze Nacht lang ...
Aber für die Männer in der Kapelle war ihre nächtliche Tätigkeit keine Tortur, sondern eine hohe Ehre. Er kratzte sich nachdenklich den Kopf. Wie es wohl war, von der Königin zum Ritter geschlagen zu werden?
Die Königin ... Vor seinem inneren Auge tauchte eine grazile Gestalt in Weiß und Gold auf, ein strahlendes Lächeln. Wonnevolle Gedanken überkamen ihn wie eine Wolke beflügelter Federwesen. Vor ihr niederzuknien, sich ihren Ritter nennen zu dürfen, ihre Hand zu berühren und zu schwören, für sie zu sterben – das, dieser Kuß des Schicksals, würde jeden Mann selig erbeben lassen. Und die jungen Männer in der Kapelle hatten jahrelang dafür gekämpft, es höher geschätzt als die Liebe der Frauen, sogar als das Leben. Daher scherte es sie wenig, was sie nun durchzustehen hatten. Manche würden es ertragen, andere nicht. So einfach war das.
Und danach würden sie ein rauschendes Fest feiern. Er grinste in sich hinein. Ihr Götter da oben, was hatte die Königin nicht alles von nah und fern heranschaffen lassen! Wagenladungen von Bier und Wein, karrenweise frisches Fleisch. Im Umkreis von Meilen war kein Gehöft verschont geblieben. Die Köche fluchten und rauften sich die Haare, denn seit Wochen flogen die Befehle der Königin von ihrem Turm herab wie Pfeile. »Von allem nur das Beste! Könige und Königinnen werden als Gäste erwartet, unser Volk aus nah und fern. Und vor allem müssen wir unsere neugeschlagenen Ritter ehren.«
Die neuen Ritter.
Nun, für diese Ehre mußten sie teuer bezahlen.
Seufzend senkte der Wachtposten den Blick, um für die Märtyrer da unten zu beten.
In der Kapelle war es klamm und kühl. Der junge Ritter schwankte auf den Knien und hob benommen den Blick. Hoch an der Wand hing die Runde Tafel über den Böcken, die sie stützten, wenn die Ritter sich um sie versammelten. Das große Rund schien von selbst zu leuchten und zu schimmern wie das Antlitz des Mondes. Fest richtete der Ritter seinen Blick darauf, versuchte jeden Gedanken an Schmerzen und Pein zu verdrängen. »Maria Mutter Gottes, segne meine Vigilien, o Himmelskönigin«, betete er demütig. »Laß mich nicht schwach werden. Laß mich meine neue Würde und Deinen heiligen Namen nicht entweihen.«
Im Hintergrund der Kirche betrachtete ihn der Novizenmeister leicht hämisch und betete die Worte nach. Er verschränkte die Arme, lehnte sich an die feuchte Wand und musterte die Reihen der Knienden vor dem Altar. Ihre Gesichter sahen grau und verfallen aus wie die von Greisen. Sie waren alle gleich, diese werdenden Ritter, und brannten darauf, die besten im ganzen Land zu sein. Aber nach der ersten Stunde des Kniens auf dem kalten Stein flehten selbst die Standhaftesten um ihr Überleben.
Sie könnten sich natürlich niederlegen. Jeder einzelne der zwanzig jungen Männer würde einen Teil der Stunden lang ausgestreckt vor dem Altar verbringen, die Arme ausgebreitet, um mit seinem Körper ein Kreuz zu bilden. Nach einer Stunde oder zwei, wenn sich die Steine, auf denen sie knieten, anfühlten wie glühende Messer, würden die unsicheren Kantonisten nach vorn aufs Gesicht fallen und die ganze Nacht so verharren. Andere wiederum würden darum kämpfen, aufrecht zu bleiben, bis die Glocke den Anbruch des Morgens verkündete.
Der Novizenmeister lächelte kalt. Schon jetzt konnte er sagen, wer umfallen würde und wer nicht. Daher wußte er auch, wer ein guter Ritter werden würde und wer nicht.
Die meisten nicht. Aufmerksam schweifte sein Blick über die dicht geschlossenen Reihen. Er war zu alt und zu erfahren, um über die Schwächen und vertanen Hoffnungen junger Männer zu seufzen. Aber jedes Jahr um diese Zeit erinnerte er sich daran, wie feurig sich die neuen Ritter in ihre Aufgaben stürzten und wie wenigen es bestimmt war, sie zu bestehen. Einige würden bald an einer Lanzen- oder Schwertspitze zugrunde gehen; oft schon während ihrer ersten Abwesenheit vom Hof, wenn sie danach trachteten, ihren Namen mit wagemutigen Taten in aller Welt bekanntzumachen. Anderen wäre ein weit grausameres Ende beschieden: der langsame Tod ihrer Hoffnungen, während sie sich Jahr um Jahr an ihren einstigen Träumen maßen und feststellen mußten, daß sie von deren Erfüllung weiter entfernt waren als zu Beginn.
Diese wären es, die bei der ersten Prüfung ihrer Stärke nach vorn auf ihre Gesichter fielen. Er konnte ihn schon jetzt an ihnen riechen, den Gestank von Angst und Versagen, des Entsetzens vor ein bißchen Schmerz. Scharf sog der Novizenmeister die Luft ein und drückte sich von der Wand ab. Viele fühlten sich zur Ritterschaft berufen, aber nur wenige würden sich als wahre Ritter erweisen.
Zum Beispiel die Prinzen von den Orkney-Inseln ...
Mit einer Spur Unbehagen blickte der Novizenmeister zu den drei machtvollen Gestalten hinüber, die ganz vorn in der Kapelle Schulter an Schulter unerschütterlich auf den Knien verharrten. Keiner von ihnen würde schwach werden, darauf würde er wetten, sie kannten keine Angst vor Schmerzen. Und als Neffen von König Arthur wären sie gewiß auch ergeben und treu. Loyal, kühn und stark. Was hatten die Söhne von König Lot nur an sich, das ihn wünschen ließ, sie unterstünden nicht seiner Obhut, wären nicht dazu bestimmt, Ritter der Tafelrunde zu sein, wenn die Nacht vorüber war?
Er zog die Stirn in grüblerische Falten. Sir Gawain war der erste und treueste Gefolgsmann des Königs. Grobschlächtig und streitlustig. Ja, aber auch aufrecht und ohne Falsch. Warum sollten seine drei jüngeren Brüder versagen? Jeder von ihnen war so hünenhaft wie Gawain und gleichermaßen kampferprobt. Dennoch konnte man nicht davon ausgehen, daß sie sich so hervorragend bewährten wie Gawain. Vor allem der dunkle Agravain.
Agravain ...
Den Novizenmeister bedrängten Zweifel, die er nicht benennen konnte. Doch in jedem Jahr gab es wiederum einen, der ihn hoffnungsvoll stimmte. Seine Augen wandten sich dem schmächtigen Jungen zu. Mador nannte er sich, Mador von den Auen. Jung-Mador würde nicht scheitern.
Anerkennend musterte der alte Mann die schmale Gestalt, die schreckensstarr, aber durchdrungen von Verlangen vor dem Altar kniete. Er war ein guter Junge, dieser Mador, und kein Fehlgriff. Auch sein Bruder Patrise berechtigte zu Hoffnungen, wie er da neben Mador kniete und grimmig entschlossen schien, lieber das Bewußtsein zu verlieren, als sich fallen zu lassen. Beide waren sie gute Jungen. Aber Mador hatte dieses Feuer in sich, das war sein Vorteil.
Mit der Zeit würde er ein Ritter ohne Fehl und Tadel werden.
Der Novizenmeister seufzte. Wenn ...
Wenn der Junge die Nacht ehrenvoll überstand ...
Wenn Liebe ihm nicht den Verstand raubte und ihn Turniere und Klingenkreuzen vergessen ließ ...
Wenn er einen würdigen Ritter fand, dem er sich anschließen konnte, einen wie Lancelot, keinen rohen Krieger wie Sir Gawain, keinen Zyniker wie Sir Kay.
Lancelot ...
Erneut seufzte der Novizenmeister auf. Wußte auch nur irgendjemand auf Erden, wo Lancelot weilte und wann er zurückkehren würde?
Halt dich wacker, Patrise! Laß dich nicht fallen. Halte durch!
Der junge Ritter Mador versuchte, seinem Bruder unhörbar Kraft zuzusprechen, und neigte sich zur Seite, um ihn zu stützen. Patrise riß sich zusammen und warf seinem Bruder einen dankbaren Blick zu. Ich halte durch, Mador. Ganz bestimmt.
Mador schloß die Augen und blickte durch die dünne Haut seiner Lider. Vor einer Weile hatte er herausgefunden, daß er auf diese Weise besser sehen konnte. Es war sogar die beste, die einzige Art zu sehen.
Und da war sie, blendete seine Augen, erfüllte seine Seele mit Verlangen und Kraft. Sie verkörperte alles, was ein Ritter anbeten und zu verehren hoffen konnte. Und jetzt erschien sie ihm in der düsteren Kapelle, schwebte strahlend unter die Runde Tafel der Göttin, an der morgen ihre auserwählten Ritter Platz nehmen würden.
Die Ritter der Königin.
Trunken vor Ekstase geriet er ins Schwanken. Guenevere, sang seine Seele, Guenevere, die Königin. Jeder der Männer hier würde sein Leben für sie hingeben, wenn er im Strahlen ihres Lächelns sterben dürfte. Aber wie konnte er von der Gunst der Königin träumen, wo er doch noch nichts getan hatte, um sich ihre Aufmerksamkeit zu verdienen? Wie sollte er sich ihrer würdig erweisen? Mador stöhnte innerlich auf. Wie könnte er jemals ihren Ritter ersetzen, der davongezogen war?
Ein qualvoller...




