E-Book, Deutsch, 1079 Seiten
Miles Elisabeth, Königin von England
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-681-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 1079 Seiten
ISBN: 978-3-98690-681-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rosalind Miles wurde in Warwickshire geboren und studierte in Oxford, Birmingham und Leicester. Sie ist eine preisgekrönte Schriftstellerin, Journalistin, Kritikerin und Rundfunksprecherin, deren Werke in der ganzen Welt erschienen sind. Unter anderem gewann sie den Network Award für herausragende Leistungen im Schreiben für Frauen. Ihre historischen Romane wurden international gefeiert, insbesondere »Elisabeth, Königin von England«, in der sie das Leben und die Zeit der Tudor-Königin nachzeichnet. Ihr juristisches und soziales Engagement hat sie vom Buckingham Palace bis ins Weiße Haus geführt. Die Website der Autorin: rosalind.net Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die Romanbiographie »Elisabeth, Königin von England«, ihre historischen Romane der Guinevere-Saga »Die Herrin von Camelot« und »Die Königin des Sommerlandes« und ihre dramatischen Australienromane »Unter der roten Sonne Australiens« sowie die beiden Bände der großen Eden-Saga »Im Schatten des Akazienbaums« und »Das Leuchten der Silbereichen«.
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Prolog
Im Palast zu Whitehall
24. Februar 1601
Mitternacht
Er wird einen guten Tod abgeben, heißt es. Um so besser für ihn, denn ein gutes Leben hat er nie zustande gebracht. Die Natur hat ihn zu einem König unter den Menschen gemacht, und ich habe ihm dazu das Vermögen eines Königs geboten. Aber Cecil, stets der weiseste unter meinen Ratgebern, nannte ihn »das Wildpferd«, und es stimmt: Man konnte nicht auf ihn setzen, und man konnte ihn nicht brechen.
Sie wußten, daß ich ihn liebte. Aber niemand wußte, wie sehr oder warum. Wenn er beim Kartenspiel tausend Pfund wegwarf, indem er mir alle seine Herzen in den Schoß warf, oder wenn er im Turnier meine Schleife am Ärmel trug, dann sahen sie Englands Liebling, wie die Balladen ihn priesen, und dachten, er sei mein. Aber ich wußte – so gut wie niemand sonst –, daß er dazu geboren war, sich selbst vor allen anderen zu lieben: daß er vermählt war mit seinem eigenen Willen und seiner brünftigen Gier nach Herrschaft, bis er in seiner Wut gelobte, er diene nicht länger einem Bastard und einem Weib ... Axt und Block, das ist kein schlechter Tod. Es gibt manch schlimmeren. Noch nach all den Jahren kann ich den Tod eines Verräters nicht mit Rinderbraten, Spanferkel und gebackenem Schwan feiern, wie mein Vater es tat; der Geruch von blakenden Talgkerzen und die Schreie sterbender Menschen lassen mich würgen. Mein Vollblut trifft morgen auf die Barmherzigkeit des Henkers, nicht die Höflichkeit des Metzgerbeils, trotz dieser üblen Beleidigung. Ich ein niedrig geborenes Weib? Nichts als eine Enthauptung hat mich zum Bastard gemacht, als mein Vater – Gott lasse seine Seele verfaulen! – sich der »französischen Hure«, meiner Mutter, entledigte, vor gut sechzig Jahren auf diesem selben Block.
Mein Vater ... Das Volk nannte ihn den »Guten König Heinrich« und »Great Harry« und betete seinen großen, fettgesichtigen Pascha an wie die Sonne in all ihrer Pracht. Was wußten die Leute von jenen Tagen, als er ...?
Mein Vater ...
War es mein Vater, an den er mich erinnerte, als er in jenem Winter vor so langer Zeit im Gefolge des Earl von Leicester an den Hof kam? Achtzehn war er damals und der munterste Bursche seiner Größe in ganz England – und auch der jüngste und ärmste unter all denen, die an meinem Hof zu Ruhm und Reichtum zu gelangen hofften, obwohl er der Erbe des alten und vornehmen Hauses Essex war. Leicester selbst war es, der ihn zu mir brachte, mein Robin, dessen Treue in meinen Diensten so weit ging, daß er sich selbst durch einen neueren und frischeren Kavalier ersetzte.
Und mein Blick war nicht der einzige, den der junge Essex mit den Schlingen jener vollen, wallenden Locken fing, deren Farbe halbwegs zwischen Braun und Gold lag, jener funkelnden schwarzen Augen, in denen Hoffnung und Mutwillen leuchtete, jenes strahlenden Lächelns, das noch an finstersten Tagen den Sonnenschein ins Zimmer trug. Gleichwohl war er noch jung für seine Jahre, voller Unbehagen über die Torheiten der höfischen Mode; seine feine französische Strumpfhose war zu hoch geschnitten für diese lockeren, langen Reiterbeine, und die gestärkte, gerüschte Halskrause stand zu steif um seinen zarten Hals. Auch Robins Protektion war ihm bald lästig; es gefiel ihm wenig, daß er nicht mehr war als »Mylord Leicesters Junge«. Auch schäkern und spötteln konnte er damals nicht, wie ein Gentleman es tun muß; seine helle Haut war allzu gern bereit, das brühheiße Gepräge des Errötens anzunehmen, wenn jemand sich nach dem Zustand seines Herzens erkundigte. Wie errötete er, errötete wie ein Mädchen, als meine Lady Warwick sich eines Abends bei einem Teller hübsch angerichteten Fleisches erkundigte, ob er denn überhaupt schon Fleisch gefunden habe, das er gern versuchen wolle, oder nicht? Für mich allerdings war die Röte seines Gesichts schöner als die Blässe des vornehmsten Heiligen, und mit seiner jungfräulichen Schamhaftigkeit verlor er nichts von meiner Wertschätzung.
All dies sah mein Robin und war es zufrieden – denn sein Plan war es nur gewesen, den Jungen zu erproben, zu sehen, wie gut er für den Hof geeignet war. Und nun, nachdem er mich von dem Gericht nur eben hatte kosten lassen, verstand er es wie ein Meisterkoch, den köstlichen Geschmacksgenuß hinauszuzögern. Noch im selben Jahr, als der Winter das Land mit eiserner Faust gepackt hielt und die Flüsse hart wie Straßen waren, so daß man auf ihnen fahren konnte, und als Robin nach den Niederlanden reiste, die unter der Pranke des Löwen ächzten, da war sein Gefolge um einen reicher, und den einen vor allem hätte ich gern zurückgehalten. »Sorgt Euch nicht, Madam«, waren Robins letzte, boshafte Worte, »ich nehme nur den Knaben fort – aber zurück bringe ich Euch den Mann.«
Nie ward ein wahreres Wort gesprochen. Der Mann, der an die zweieinhalb Jahre später in jenem Mai des Jahres siebenundachtzig mit Robins Gefolge in den Audienzsaal trat, war in der Tat ein Mai-Lord, und in seiner Pracht konnte ihm kein anderer Lord – nein, auch nicht Robin – das Wasser reichen. Ein Rest von seiner Knabenhaftigkeit wehte noch in diesem schnellen, hellen Blick und dem bereitwilligen Lächeln, wie es sein Leben lang geblieben ist. Aber der mädchenhafte Augenaufschlag war zum Adlerspähen geworden, und die wallenden Locken waren kurz wie Majoransprossen geschnitten und lagen rötlichbraun am Kopfe an. Nun kündete der Edelstein an seinem Ohr, daß seine Jungfernfahrt wohl hinter ihm lag und er zum ausgewachsenen Kaperkapitän geworden war, der die hohe See des ewigen Liebeshandels zwischen Frauen und Männern bereiste. Ach, pulchritudo virilis, die Mannesschönheit, von der die Weisen sangen! Ich war verloren – verloren – und gerettet.
Was es war, wovor er mich da rettete, das wußte nur ich: das nächtliche Grauen der Komplotte, die in den achtziger Jahren so dicht und schnell hereinbrachen, die Probleme mit Schottland und die rasende Torheit unserer königlichen Cousine Maria, die noch nach zwanzig Jahren geborgten Lebens den Tod mit heftigerer Leidenschaft umwarb als irgendeinen ihrer Liebhaber – all das neben den tausend und abertausend Leiden und Prüfungen, die eine Krone unweigerlich erben muß.
All das nahm er mir ab. erleichterte mir die Bürde, die ich so lange allein auf meinen Schultern getragen hatte, bis selbst meine Feinde in Spanien gezwungen waren, mir ein neues Leben, eine neue Liebe zu gewähren. Und wieder, genau wie mit Robin in jenem Sommer, fünfundzwanzig Jahre zuvor, war ich mit der Lerche auf, um durch die Felder zu reiten, um zu sehen, wie der Tau noch auf dem Grase funkelte und wie der Ehrenpreis in der Sonne die blauen Augen öffnete. Noch einmal hatte ich einen Mann gefunden, dessen Tatkraft mit der meinen Schritt halten konnte, der ganz wie ich niemals ermüdete, und sei der Galopp noch so lang und noch so scharf, der mir gewachsen war, Meile um Meile auf unseren Ritten durch die Wälder von früh bis spät und Stufe für Stufe durch nächtliches Schwelgen, bis die Sonne uns wieder hinausrief in Wald und Feld ... den ganzen Tag lang, jeden Tag, den Sommer hindurch.
Doch war er nicht bloß ein Zentaur, halb Mann, halb Pferd, sondern ein Ritter im Sattel und ein Kavalier im Hause. Er war ein beachtlicher Kartenspieler, aber es lag in der Freiheit seiner Natur, daß ihm am Gewinnen nichts gelegen war, wenn er das Spiel mit einem Lachen und einem Augenzwinkern aus der Hand werfen konnte. Er liebte die Würfel, aber sein liebster Wurf war der Einserpasch, jenes einzelne Auge, das alle anderen als schlechtes Omen und als Unglückswurf betrachten. Ein Mann schuf sich sein Geschick selbst, so glaubte er, durch die Art, wie er lebte – und das tat er am Ende auch.
Am Anfang aber liebte er mich – ich wurde einmal angebetet. Er durchwachte die Nacht bei mir, wenn ich spürte, wie der Fluch meiner Mutter mit silbernem Geisterfinger nach mir griff, die weiße Nacht, da der Schlaf nicht kommen will, und er saß an meiner Seite, schweigend in vollkommener Gefolgschaft, bewogen nur durch den schlichten Wunsch, meine Not zu lindern. Dann las er hübsche Geschichtchen vor, um mich abzulenken, oder sang leise Lieder von so süßer Melancholie, daß die bleiernen Stunden mir zu Minuten wurden und die Dunkelheit zum Tag sich wandelte. Nacht für Nacht kam er in sein eigenes Schlafgemach erst, wenn die Vögel schon sangen, doch nach kürzester Toilette, derweil er sich von seinem Kammerdiener gerade nur dazu überreden ließ, das Hemd zu wechseln oder ein frisches Wams und eine neue Hose überzustreifen, war er schon wieder an meiner Seite und erklärte, er gehöre »ganz und gar Eurer Majestät – nach Eurer Majestät Willen und Vergnügen«.
So groß war seine Liebe damals, daß er sie mit keinem anderen Manne teilen wollte und nicht erlaubte, daß mein Blick nur einmal auf einen anderen fiel. Als der junge Blount für mich im Turnier ritt und ich ihn mit einem goldenen Schachspiel belohnte, reich emailliert in Rot und Weiß, da nimmt mein kleiner Lord Anstoß an der »Herausforderung des Ritters« und fordert ihn seinerseits zu einem Duell zu meinen Ehren. Ich war empört ob dieser Anmaßung und betrübt über die Wunden, die er empfing und auch schlug: Doch in meinem Herzen frohlockte ich, frohlockte in einem Glück, das ich nie gekannt. Damals – wie es damals war, das weiß die Welt. Und jetzt?
Jetzt friere ich und brenne, wie es mein unheilvolles Schicksal war von Anfang an, ob er bei mir ist oder in weiter Ferne. Jetzt geht er hin, wie wir es alle tun müssen...




